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Italien Steckt die Mafia hinter dem Feuerinferno?

Italien brennt derzeit so schlimm wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr. Vor allem in der Mitte und im Süden wüten die Flammen. Die Mafia soll dahinter stecken.

Rauchsäulen am Vesuv
Kein Vulkanausbruch: Rauchschwaden über dem Vesuv. Foto: dpa

Brandstifter sind kriminelle Idioten!“ Gian Luca Galletti, Italiens Umweltminister, brüllte es fast ins Mikrophon des Radioreporters, der ihn interviewte, er war kurz vor einem Wutausbruch. Solche Leute müssten für mindestens zwanzig Jahre hinter Gitter, forderte er. Italien brennt derzeit, so schlimm wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr. Vor allem in der Mitte und im Süden wüten die Flammen, zerstören Hektar für Hektar Wälder, Hecken und Felder, die durch die seit Monaten anhaltende Hitze und Trockenheit ausgedörrt sind. Zwei Todesopfer gab es bisher. Ein 69 Jahre alter Mann starb im kalabrischen San Pietro in Guarano, als er sein Grundstück gegen die Flammen verteidigte.

Feuer absichtlich gelegt

Das Schlimme ist: Mindestens die Hälfte aller Feuer werden absichtlich gelegt. Das ist jedenfalls die Erfahrung des Forstschutzkommandos der Carabinieri. Darunter sind Pyromanen, Leute, die gern Löschflugzeuge beobachten wollen, Zerstörungswütige, Bauern, die etwas gegen Naturschutzgebiete haben. Und natürlich die organisierte Kriminalität, sprich Mafia, Camorra und Co. Die übrigen Brände werden durch Fahrlässigkeit und Leichtsinn entfacht, etwa wenn Grundstückseigentümer Müll oder Gestrüpp beseitigen und der Wind die Flammen ausbreitet.

In diesem Sommer gab es in Italien so viele Hilfsanfragen nach Löschflugzeugen wie seit zehn Jahren nicht mehr. Seit Juni sind innerhalb eines Monats mehr als 26 000 Hektar Waldfläche verbrannt, so viele wie im gesamten Vorjahr, eine Fläche von 36 000 Fußballfeldern. Besonders trifft es Sizilien, Apulien, Kalabrien und Kampanien.

Mit am dramatischsten ist die Lage am Vesuv. Tagsüber liegen riesige weißgraue Rauchwolken über dem Vulkankegel, nachts leuchten rote Flammenwände an seinen Hängen. Aus der Ferne sieht es aus, als sei Europas berühmtester Vulkan ausgebrochen. Die Wälder des Vesuv-Nationalparks sind in weiten Teilen zerstört. Immer wieder gibt es neue Brandherde, inzwischen ist auch das Militär im Einsatz. Der Rauch zieht quer über Italien, fast bis zur Adriaküste, wie auf Satellitenbildern zu sehen ist.

Auch andernorts müssen Anwohner und Touristen vor den Flammen fliehen. Am Donnerstag wurden drei Campingplätze nahe Matera in der Basilikata geräumt. Auf Sizilien nahe San Vito lo Capo hatten zuvor 700 Urlauber aus einer vom Feuer umzingelten Ferienanlage gerettet werden müssen. In Enna twitterten Anwohner: „Man sieht den Himmel nicht mehr“.

Saviano äußert sich zur Mafia

Der neapolitanische Mafia-Experte und Beststeller-Autor Roberto Saviano („Gomorrha“) erklärte in einem Facebook-Video, was hinter den Bränden stecken könnte. Im Vesuv-Nationalpark etwa gebe es illegale, von der Camorra betriebene Müllhalden, mit Autoreifen, Plastik, Asbestmüll, Textilien. „Je mehr du abbrennst, umso mehr Platz für Verwahrlosung schaffst du“, beschrieb Saviano den Mechanismus. Anwohner klagen schon länger über den toxischen Abfall. Jetzt, wo er brenne, vergifte er auch die Luft, sagte der Pfarrer einer Vesuv-Gemeinde einer Zeitung.

Saviano zufolge ist Feuerlegen zudem eine Erpressungstaktik der Mafia. Auf Land, das durch Brandstiftung gerodet wurde, darf 15 Jahre lang nicht gebaut werden. „Das Feuer ist ein grundlegendes Kapitel der organisierten Kriminalität in Italien“, sagt der Mafia-Experte. „Die Zeiten sind vorbei, in denen wir von Pyromanen und Geistesgestörten reden konnten.“ Aber Italien begreife das einfach nicht. Im „Ökomafia“-Bericht der Umweltschutzorganisation Legambiente taucht noch ein weiterer Aspekt auf: Demnach wurden Feuerwehrleute mit Zeitverträgen ertappt, die zündeln, um sich ihre Jobs zu sichern. Etwa 600 Brandstifter werden jährlich angezeigt, sie riskieren zehn bis 15 Jahre Haft. Zur Verurteilung kommt es aber selten. Derzeit säßen in ganz Italien 17 Personen im Gefängnis, weil sie Wälder angezündet haben, schreibt die Zeitung „La Stampa“.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Italien

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