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Italien Schluss mit den Fake News

Dante lesen, Mathe büffeln, Fake News erkennen: Italienische Jugendliche sollen bereits in der Schule lernen, wie man Falschnachrichten und Verschwörungstheorien im Internet erkennt.

Fake News Warnschild vor einer Computertastatur
Der Kampf gegen Fake News beginnt in Italien schon im Schulunterricht. Foto: Imago

Diesen Sommer ist Laura Boldrini der Kragen geplatzt. „Adesso basta“, jetzt reicht’s, schrieb die Präsidentin des italienischen Abgeordnetenhauses Mitte August auf ihrer Facebook-Seite. Sie werde künftig alle anzeigen, die sie im Internet mit sexistischen Tiraden und Obszönitäten bombardieren und Falschmeldungen – Fake News – über sie verbreiten. 

Seit sie vor viereinhalb Jahren das dritthöchste Amt im Staat übernahm, ist die 56-Jährige, die sich couragiert für Frauen- und Migrantenrechte einsetzt, die im Netz wohl meistgeschmähte und angefeindete Persönlichkeit Italiens. Sie wurde als Hure tituliert und mit primitiven Beleidigungen überhäuft – bis hin zu Morddrohungen und Aufrufen, man solle sie vergewaltigen. Die Mär, Boldrinis Schwester sei 35 Jahre alt und kassiere 10.000 Euro Rente monatlich kursiert im Netz ebenso wie die, wonach ihre Schwester 350 Flüchtlingseinrichtungen betreibt. In Wahrheit ist die Schwester der Parlamentspräsidentin vor Jahren an einer schweren Krankheit gestorben. 

Fake News bedrohen die Demokratie

Laura Boldrini ist Mitinitiatorin eines Projekts des Bildungsministeriums in Rom, mit dem Italien jetzt international unter den Vorreitern ist. „Basta Bufale“ heißt es: „Schluss mit Falschmeldungen“. 4,2 Millionen italienische Kinder und Jugendliche zwischen elf und 19 Jahren werden ab sofort in der Schule nicht nur Dante lesen und Mathe büffeln, sondern lernen, wie sie Fake News und Verschwörungstheorien in der digitalen Welt erkennen und was sie dagegen tun können. 8000 Schulen sind beteiligt. 

Fake News und gezielte Desinformation bedrohten die Demokratie, sagte Boldrini vergangene Woche bei der Vorstellung des Projekts, das vom staatlichen Fernsehsender Rai, von Zeitungsverlagen sowie von Facebook und Google unterstützt wird. „Internetnutzer werden manipuliert, aus Profitgier, um politische Gegner zu zerstören oder schlicht um Chaos zu erzeugen. Aber wir können nicht zulassen, dass unsere Jugendlichen Marionetten werden“, betonte Boldrini.

Zu den zehn Geboten des Religionsunterrichts kommt für Italiens Schüler nun der digitale Dekalog hinzu. „Du sollst nur Nachrichten weiter verbreiten, die du überprüft hast“, lautet gleich das erste Gebot. „Nutze dafür die Instrumente des Internets“, besagt das zweite. Die Jugendlichen sollen lernen, wie man herausfindet, wer hinter einer Nachricht, einem Foto oder einem Video steckt und ob es sich um eine vertrauenswürdige Quelle handelt. Sie sollen für die typischen Stilformen von Fake News sensibilisiert werden – reißerische Titel etwa, viele Ausrufezeichen.

Neue, digitale Alphabetisierung

Sie sollen verstehen, welche Interessen dahinterstecken. Sie sollen sich bewusst machen, dass jedes „Gefällt mir“, jeder Post und jeder Klick missbraucht und von Websitebetreibern zum Geldverdienen genutzt werden können. Und sie sollen ermuntert werden, auf eigenen Websites oder Blogs Falschmeldungen zu entlarven. Rai-Journalisten haben geholfen, die Arbeitsmaterialien zu erstellen.

Bildungsministerin Valeria Fedeli spricht von einer neuen, digitalen Alphabetisierung. Die ist offenbar dringend nötig. Eine aktuelle Studie des Censis-Instituts hat gezeigt, dass fast die Hälfte der unter 30-Jährigen Italiener die Debatte über Fake News für einen Fehlalarm hält. Das Thema sei von der alten Elite bewusst aufgebracht worden – etwa von den Journalisten, die ihre Macht durch das Netz bedroht sähen. 

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