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Italien Bröckelnde Kulturdenkmäler

Der Einsturz des Gladiatoren-Hauses in Pompeji gilt vielen Italienern als Sinnbild für den Zustand des Landes. Von dem Kulturdenkmal ist nur noch ein Haufen Schutt übrig.

Trümmerhaufen: Das „Haus der Gladiatoren“ im alten Pompeji. Foto: dpa

Italiens Staatspräsident Giorgio Napolitano ist kein Mann der lauten Worte. Doch was sich jüngst in Pompeji zugetragen hat, ließ ihn sehr deutlich werden. Als „eine Schande für die Nation“ bezeichnete er den Einsturz des „Hauses der Gladiatoren“. Am vergangenen Wochenende war die antike Trainingsstätte in der Nähe des Amphitheaters in sich zusammengesunken. Zurück blieb nichts als ein Haufen Schutt.

Vor 2000 Jahren hatten sich hier, in der „Waffenschule der Jugend von Pompeji“, vermutlich die Gladiatoren aufgewärmt, ehe sie zum Kampf antraten. 1915 gruben Archäologen die rund 60 Quadratmeter große Halle aus, und sie fanden kostbare Fresken an den Wänden, konserviert unter den meterhohen Ascheschichten, mit denen der Vesuv die römische Stadt im Jahr 79 begraben hatte. Erst im 18. Jahrhundert wurde Pompeji wiederentdeckt. Heute gehört das riesige Gelände, ein einzigartiges Zeugnis für die Lebensweise einer römischen Stadt, zum Weltkulturerbe der Unesco und wird jährlich von 2,5 Millionen Menschen besucht.

Noch ist nicht eindeutig geklärt, was zu dem Einsturz führte. Schon seit Jahren ist bekannt, dass der Beton, mit dem das Dach der Halle nach dem Zweiten Weltkrieg erneuert wurde, zu schwer war. Sintflutartige Regenfälle, in Süditalien zu dieser Jahreszeit nicht ungewöhnlich, taten ein Übriges, waren längst in Mauern und Fundament eingedrungen.

Erneut ist jetzt eine heftige Debatte über den Umgang Italiens mit seinem unermesslichen Schatz an Kulturdenkmälern entbrannt: Der Einsturz des Hauses der Gladiatoren gilt vielen als ein Sinnbild für den Zustand des Landes, und die Verwahrlosung von Pompeji beschäftigt Italien mit schöner Regelmäßigkeit. „Ich erwarte von den Verantwortlichen Aufklärung“, verlangte auch Präsident Napolitano, doch die üben sich in der bewährten Kunst, sich gegenseitig die Verantwortung zuzuschieben.

Silvio Berlusconis Kulturminister Sandro Bondi lehnte gestern vor dem Parlament den von der Opposition geforderten Rücktritt ab. Der sei nur angebracht, wenn er für die Zustände in Pompeji verantwortlich gemacht werden könne. „Das wäre moralisch und politisch nicht richtig“, sagte der Minister, „ich habe viel getan für Pompeji.“ Die Probleme dort bestünden seit Jahrzehnten, und Ursache dafür seien auch nicht fehlende Ressourcen, sondern ihr falscher Einsatz, so der Minister weiter. Er will nun eine Expertenkommission einsetzen. Der Opposition reichten seine Erklärungen nicht, sie wird einen Misstrauensantrag gegen den Minister stellen.

Fehlendes Bewusstsein für das kulturelle Erbe

Noch kurz nach dem Einsturz hatte sich das anders angehört. Da hatte Bondi auch seinen Kabinettskollegen, Finanzminister Giulio Tremonti, verantwortlich gemacht. Tatsächlich hat der, um Italiens Schuldenberg zu reduzieren, vor allem im Bildungs- und Kulturbereich drastisch einsparen lassen. Heute beläuft sich der Kulturhaushalt auf nur noch 0,2 Prozent des Gesamtetats.

1,2 Milliarden Euro, rechnet der renommierte Kunsthistoriker Salvatore Settis vor, seien in den vergangenen Jahren in der Denkmalpflege gestrichen worden, und das nicht nur aus finanzpolitischen Gründen. Der Regierung Berlusconi, davon ist Settis überzeugt, fehle es vollkommen an Bewusstsein für das kulturelle Erbe Italiens. Dass nach den brutalen Budgetkürzungen überhaupt noch etwas stehe in Pompeji oder Rom, grenze an ein Wunder.

Zwar verhängte Berlusconi nach seiner Wiederwahl vor zwei Jahren alarmistisch den Notstand über Pompeji und setzte einen Sonderkommissar ein – an der prekären Lage der Ausgrabungsstätte aber hat sich nichts geändert. Seit Monaten ist sie führungslos, in den Sommermonaten waren nur sechs der insgesamt rund 1500 Villen für Besucher geöffnet, die Hälfte des Geländes ist ohnehin nicht zugänglich. Denkmalpfleger warnen allerdings auch vor den verheerenden Nebenwirkungen des modernen Massentourismus und plädieren für einen kontrollierten Zugang. In Berlusconis Partei Volk der Freiheit aber denkt man laut über andere Auswege aus der Misere nach: Sie will Italiens Kulturdenkmäler über private Investoren vermarkten.

Der Verfall geht derweil in dramatischem Tempo weiter. Erst kürzlich brach eine riesige Gesteinsplatte aus dem Kolosseum in Rom, stürzte in der Nähe ein Gewölbe im Domus Aurea, dem Palast des Kaisers Nero ein. Weitere Gebäude können jederzeit folgen, warnen Archäologen, mindestens 40 gelten landesweit als akut gefährdet. „Ohne erhaltende Maßnahmen und Fonds kann ganz Italien jederzeit einstürzen“, sagt Alessandra Mottola Molfino, Präsidentin der Nichtregierungsorganisation Italia Nostra (Unser Italien). Wirklich sicher seien nur der Petersdom und der Mailänder Dom, weil dort der kleinste Riss sofort ausgebessert werde.

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