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Israel Gemeinsam für Lifta

Ein Israeli lebt in dem Dorf, aus dem ein Palästinenser vor rund 70 Jahren vertrieben wurde. In einer ungewöhnlichen Allianz versuchen beide den historischen Ort nahe Jerusalem zu retten. Er soll Luxuswohnungen weichen.

Lifta
Als hätte ein Riese Würfel über den Berghang verstreut, lugen dutzendfach rechteckige Bauten zwischen Frühlingsgrün hervor. Foto: afp

Man kann nicht sagen, dass sie Freunde geworden sind. Dafür ist das Verhältnis dieser zwei Männer zu ambivalent, zu sehr geprägt von unterschwelligen Spannungen. Sie lieben den gleichen Ort. Und das ist in ihrem Fall ein bisschen so, als ob ihr Herz für dieselbe Frau schlagen würde. Lifta, ein verlassenes arabisches Dorf, malerisch gelegen an einem Steilhang nahe der westlichen Zufahrt nach Jerusalem.

Beide sind in Lifta geboren. Dort hat Yoni Yochanan, 56, ein Israeli mit orientalischen Wurzeln, sein ganzes bisheriges Leben verbracht, eine eigene Familie gegründet und vier Kinder aufgezogen. Seine Eltern, Juden aus dem Kurdengebiet im Norden des Iraks, waren 1950 nach Israel emigriert. Ihren ganzen Besitz hatten sie zurücklassen müssen. Sonst hätte die Regierung in Bagdad sie nicht gehen lassen. In Lifta bezogen sie eines der leerstehenden Häuser und bauten sich aus eigener Hand eine neue Existenz auf. Yochanan behauptet voller Stolz, diesen Winkel aus langsam verfallenden Steinbauten besser als jeder andere zu kennen. „Lifta“, sagt er, „ist in meinem Blut“. Ein echter „Liftawi“, ein Einheimischer, sei er in seinen Augen trotzdem nicht, meint Yacoub Odeh, 77, ein Palästinenser.

Odeh ist aus Lifta, dem Dorf seiner Väter und Vorfahren, im Alter von acht Jahren vertrieben worden. Er weiß noch, wie seine Mutter ihn und die Geschwister auf der Flucht in einem Lastwagen unter einem Teppich versteckt hat. Wegen seiner strategischen Lage war die Ortschaft schon kurz vor Ausbruch des israelischen Unabhängigkeitskrieges im Mai 1948 heftig umkämpft. Für Odeh markierte der dramatische Weggang das Ende einer glücklichen Kindheit, verbracht mit Tauchübungen im uralten Wasserpool und Herumklettern in terrassierten Gärten. „Aber meine Erinnerungen an das, was wir verloren haben“, sagt er und tippt an seine markante Stirn, „sind hier eingraviert.“

Vor wenigen Jahren sind sich Yochanan und Odeh zum ersten Mal begegnet. Leicht fiel das beiden nicht. Ein Jerusalemer Gericht hatte 2012 gerade ein großangelegtes Bauvorhaben der staatlichen Landbehörden vorläufig gestoppt. Ihr Plan sah vor, anstelle von Lifta 250 Luxuswohnungen für reiche Israelis hochziehen. Ohne Gutachten der Antikenbehörde könne es dafür keine Bewilligung geben, beschieden die Richter. Es war ein Etappensieg für die Bürgerinitiative „Rettet Lifta“. Sie kämpft dafür, das einzige von über 500 zwischen 1947 und 1949 zerstörten arabischen Dörfern zu erhalten, das bis heute weitgehend unberührt geblieben ist. Bei ihrer Pressekonferenz vor Ort lernten sich auch die beiden so gegensätzlichen Männer kennen. So entwickelte sich unter dem Motto „Rettet Lifta“ eine höchst ungewöhnliche Allianz. Israelische Architekten, linke Friedensbewegte und Naturschützer rechnen sich dazu, aber eben auch Yoni Yochanan, der bullige Baustoffhändler, und Yacoub Odeh, ein kantiger Anwalt im Ruhestand, der die palästinensische Gruppe „Söhne von Lifta“ vertritt.

„Ich habe Yoni gesagt, sie haben dich dort eingepflanzt, wo sie uns rausgerissen haben und jetzt wollen sie dich ausrupfen“, erzählt Odeh. Mit Al Nakba, wie die Palästinenser ihre Katastrophe von Flucht und Vertreibung nennen, habe er nichts am Hut, hat der Israeli entgegnet. „Aber wenn du die historischen Häuser bewahren willst, bin ich auf deiner Seite“, sagt er.

Wer einmal durch Lifta streift, kann sich dem Reiz dieses uralten, aus vorchristlicher Zeit stammenden Dorfes schwerlich entziehen. Als ob ein Riese Würfel über den Berghang verstreut hätte, lugen dutzendfach rechteckige Bauten zwischen Frühlingsgrün und vereinzelten knorrigen Bäumen hervor. Manche sind nur noch Ruinen, von Gestrüpp überrankt. Aber sie vermitteln eine gute Vorstellung, wie die Bewohner hier einst lebten. Der von einer Wasserquelle gespeiste Pool ist noch erhalten. Auch aus dem Fels gehauene Ölpressen und steinerne Backöfen, Taboun genannt, haben dem Zahn der Zeit widerstanden.

„Lifta ist der einzige Platz im weiten Umkreis, wo man intakte Überbleibsel der arabischen Dorfkultur sehen kann, wie sie viele Jahre lang das Land geprägt hat“, bescheinigt Avi Mashiah von der Antikenbehörde. Er ist der Chef des Teams, das die gerichtlich verlangte und inzwischen vorliegende Untersuchung verlangt hat. Auf einer Konferenz, veranstaltet von der Bürgerkoalition „Rettet Lifta“, hat Mashiah jetzt die Ergebnisse präsentiert. Auch wenn er nicht das letzte Wort in der Sache besitze, hoffe er, dass das Gutachten zu „einer Konservierung für künftige Generationen“ führe. Das umstrittene Bauvorhaben jedenfalls, bezog Mashiah persönlich Stellung, stehe damit nicht im Einklang.

Deutlicher noch wurde Amir Balaban von der Gesellschaft für Naturschutz. Angesichts der biologischen Vielfalt rund um die Wasserquelle seien die vorliegenden Baupläne „katastrophal“. Sein Fazit: „Es ist ein Verlust für Jerusalem, wenn dieses Gebiet für ein paar Villen vergeudet wird.“

Trotz solcher Expertisen, trotz jeder Menge Fürsprecher wie 350 renommierte Architekten aus aller Welt, die sich hinter die Kampagne „Rettet Lifta“ gestellt haben – den Investoren ist damit noch kein Einhalt geboten. Nun, da die Gutachten vorliegen, könnten sie nach geltendem Baurecht womöglich schon mal die Infrastruktur legen und Zufahrtstraßen planieren, warnt der Anwalt der Bürgerinitiative, Sami Reshed. Ein Antrag an die UNESCO, Lifta als erhaltenswürdiges Weltkulturerbe anzuerkennen, müsste wiederum die israelische Regierung stellen. Allerdings dürfte die nationalrechte Koalition in Jerusalem wenig Interesse haben, ein arabisches Dorf, das an Al-Nakba erinnert, zu konservieren.

Nicht von ungefähr hatte sich Israel nach dem Unabhängigkeitskrieg beeilt, die Reste der arabischen Dörfer zu beseitigen, um auf ihrem Gebiet neue Kibbuzim und andere jüdische Ansiedlungen hochzuziehen. Nur Lifta, einstmals gerühmt als eines der schönsten Dörfer Palästinas, steht noch als Zeuge dieses Kapitels. „Das ist der eigentliche Grund, warum sie es jetzt zerstören wollen“, vermutet Daphna Golan, Professorin der Hebräischen Universität und Koordinatorin der Bürgerinitiative. Dabei wäre Liftas Erhalt auch „ein Projekt der Versöhnung“.

Vorerst droht Lifta der natürliche Verfall. Die verwitterten Mauern sind brüchig, viele Dächer eingestürzt. Israel hat vor Jahrzehnten Löcher hineinsprengen lassen. Man wollte so jemenitische Juden, die sich nach 1948 hier eine Bleibe gesucht hatten, zum Umzug bewegen. Bloß einige kurdische Einwanderer wie Yoni Yochanan sind geblieben. „Unsere Mentalität ist anders“, erklärt er, „wir kommen aus den Bergen.“ Sie hielten durch, bis die Regierung nachgab und ihre Häuser, die ganz oben am Hang, unterhalb der Straße liegen, an das Jerusalemer Strom- und Wassernetz anschloss.

Auf seiner verglasten Veranda genießt Yochanan einen Logenblick über den tiefen Taleinschnitt hinweg. Demnächst wird er darauf verzichten müssen. Er hat eine hohe Abfindung der Regierung akzeptiert, die den Autobahnzubringer nach West-Jerusalem verbreitern will und dafür sein Grundstück braucht. Im Sommer zieht Yochanan mit seiner Familie weg. Aber dass aus Lifta ein Luxusprojekt werden soll, hält er nach wie vor für eine Schande. Für linke Ideen ist er, der gute Beziehungen zu rechtskonservativen Politikern wie Finanzminister Moshe Kahlon pflegt, sonst nicht zu haben. Aber dieses arabische Dorf ist auch seine Heimat. „Man sollte daraus ein Museum machen, das die Geschichte aller seiner Bewohner erzählt“, sagt er. „Die der Palästinenser genauso wie unsere.“

Diese Geschichte ist so wechselvoll wie konfliktreich. Zu ihr gehören blutige Attentate, begangen von beiden Seiten im Kampf um Lifta, dem Korridor nach Jerusalem, in den Monaten vor der israelischen Staatsgründung. Zwei stechen heraus. Ein palästinensischer Dorfbewohner hatte damals mit einem Sprengsatz auf einen jüdischen Bus zahlreiche Passagiere getötet. Wenig später, im Dezember 1947, beging die Stern-Gang, eine jüdische Miliz, einen Bombenanschlag auf ein arabisches Cafe in Lifta, bei dem sechs Männer ums Leben kamen. „Mein Vater hat dabei mitgemacht“, bemerkt Daphna Golan trocken dazu. „Es war der Auslöser, weshalb die Leute aus Lifta flohen.“ Der Vater von Yacoub Odeh wiederum blieb zurück, „um mit dem Gewehr in der Hand unser Dorf zu verteidigen“.

Erstmals wiedergesehen hat Odeh seine verlorene Heimat nach dem Sechs-Tage-Krieg im Juni 1967, als Israel ganz Jerusalem eroberte und die Grenzen zum bis dahin jordanischen Ostteil der Stadt niederriss. Am Türbogen habe er sein Haus sofort erkannt, erzählt er. Am nächsten Tag ist er gleich wieder hin, diesmal mit seiner Mutter, die beim Anblick dessen, was von Lifta übriggeblieben ist, in Tränen ausbrach. „Sie war untröstlich. Ich bekam richtig Angst um sie, sie hatte doch Asthma“, erinnert sich der 77-Jährige. „Es war der schwerste Tag meines Lebens.“

Überhaupt hat Odeh ein sehr bewegtes Leben hinter sich. Als Heranwachsender hatte er sich wie viele palästinensische Flüchtlinge der nationalen Bewegung angeschlossen, die für das Recht auf Rückkehr kämpfte. Er hat Jahre im Exil verbracht und noch weit mehr im israelischen Gefängnis. Erst 1985 kam er durch einen von der radikalen Volksfront erzwungenen Häftlingstausch frei und engagierte sich fortan als Anwalt für Menschenrechte. Heute wohnt er in Ost-Jerusalem, wenige Kilometer von Lifta, dem Ziel seiner Sehnsucht, entfernt.

Bei der Lifta-Konferenz kürzlich hat er sich zu Wort gemeldet, im Saal war es plötzlich ganz still. „Ich weiß“, hat Odeh dort vor seinen Mitstreitern bekannt, „dass ich selbst nicht nach Lifta zurückkehren werde. Ich würde gerne, aber ich kann nicht.“ Wahrscheinlich könne keiner verstehen, wie er sich fühle, wenn er die Häuser seiner Vorväter sehe. „Für mich sind das nicht nur Steine, sondern das Leben.“ Und deshalb gehe es darum, diese besondere Atmosphäre, die in Lifta noch zu spüren sei, zu erhalten.

Diesmal war Yoni Yochanan mit fast jedem Wort von Odeh einverstanden. „Rettet Lifta“, dieses breite Bündnis linker wie konservativer Aktivisten, hat sie nicht unbedingt zu Freunden gemacht. Aber zu Verbündeten.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Israel

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