Lade Inhalte...

Islamisches Modelabel Marketing für Mohammed

Der junge Muslim Melih Kesmen hat mit dem Modelabel Styleislam einen Nerv getroffen: Er druckt Botschaften wie „muslim by nature“ auf T-Shirts und Tassen und ist damit weltweit erfolgreich.

04.01.2011 16:42
Angela Breitkopf
"Macht Tee statt Krieg" lautet ein Slogan des muslimischen Modelabels Styleislam. Foto: Koray Sen + Styleislam

Die offizielle Geschichte des Modelabels Styleislam begann mit einem selbstentworfenen T-Shirt. Dieses T-Shirt mit dem Aufdruck „I love my prophet“ trug der junge Melih Kesmen aus Witten bei einem Studienaufenthalt in London im Jahr 2005 und stieß dort auf ein begeistertes Echo quer durch alle Glaubensrichtungen – unter seinen Freunden und Kommilitonen ebenso wie bei jungen Londonern, die ihn auf der Straße ansprachen und fragten, wo es so ein T-Shirt zu kaufen gäbe.

Doch eigentlich begann alles viel früher: Mit dem „Ohnmachtszustand“, in den der türkischstämmige Kesmen sich nach den Anschlägen vom 11. September versetzt fühlte, als er auch daheim in Witten „nur noch als Muslim und nicht mehr als Mitbürger wahrgenommen“ wurde. Mit der Angst, die er und seine Frau Yeliz während ihrer Zeit in London hatten, als sie Zeugen des islamistischen Bomben-Terrors gegen die dortige U-Bahn wurden. Mit dem Ärger über den Streit um die dänischen Mohammed-Karikaturen. Und zuletzt dann mit seiner Pilgerfahrt nach Mekka Anfang 2006, die ihn tief berührte und ihm klar machte, dass er beides sein will: „abendländisch geprägter Mensch“ und bewusster Muslim.

All das inspirierte den studierten Kommunikationsdesigner Kesmen zu seinen ersten Motiven. Er druckte Sprüche wie „muslim by nature“ und „make çay not war“ (çay = Tee) in graffitiartigen Designs auf T-Shirts, Tassen, Kappen und Babylätzchen und bot diese ab 2008 per Onlineshop an – die Geburtsstunde von Styleislam. Seitdem hat sich viel getan: Melih Kesmen, der Ex-Graffitisprayer mit Kapuzenshirt und Kinnbärtchen ist heute 34 Jahre alt und Vater eines zweijährigen Sohnes. Styleislam wurde parallel dazu eine der bekanntesten Marken für junge Muslime, die ernsthafte Glaubenspraxis mit coolem Lifestyle verbinden wollen. Genaue Zahlen nennt Kesmen nicht, aber der Umsatz an Styleislam-Produkten habe sich in den vergangenen zweieinhalb Jahren verzehnfacht. Derzeit arbeiten sechs Leute für das Label, darunter zwei Auszubildende.

Die Reaktionen auf Styleislam beschreibt Kesmen als „zu 98 Prozent positiv“. Kritik gebe es nur selten. Manchmal bemängelten strenggläubige Muslime die Kapuzenpullover und engen T-Shirts im Streetwear-Look: „So hätte sich der Prophet nie gekleidet.“ Oder bayerische Christen haben keinen Sinn für Kesmens Wortspiel in dem Slogan „Jesus is a muslim“ (muslim = der Gottergebene). Handfeste Drohungen, ob nun von islamistischer Seite oder aus dem islamophoben Lager, habe es aber bisher nicht gegeben.

Styleislam will weder missionieren noch provozieren, sondern vor allem aufklären. In seinem Onlineshop liefert Kesmen daher auch zu jedem Slogan die passende Erläuterung, erklärt Begriffe wie den Fastenmonat Ramadan, den Tag des jüngsten Gerichts al-Akhira. „Wir wollen, dass die Leute nicht nur durch die Bild-Zeitung etwas über den Islam erfahren, sondern dass sie über unsere Sachen persönlich ins Gespräch kommen.“

Kunden: „bewusste“ Muslime mit Abitur

Das Label soll jungen Menschen mit muslimischer Herkunft zu einem selbstbewussten und dabei entspannten Umgang mit ihrer Religion verhelfen. Die Hauptkunden von Styleislam-Botschaften wie „drop love not bombs“ sind laut Kesmen weniger bildungsferne Jugendliche aus sozialen Brennpunkten, sondern „bewusste“ Muslime mit Abitur. „Wir haben viele Studenten unter unseren Kunden“ sagt Kesmen. Die meisten unter ihnen seien durchaus gläubig, für andere spiele ein gewisser „Styleaspekt“ aber sicher auch eine Rolle.

Als Designer steht Kesmen bei dem sensiblen Thema Religion oft vor einer Herausforderung: „Ich wollte zum Beispiel schon seit Jahren irgendwie den Begriff „Dschihad“ verwenden. Ein Riesenproblem! Denn darauf reagiert ja fast jeder allergisch.“ Die Lösung: Kesmen übersetzt den Begriff ins Englische und lässt drucken: „war is not holy“.

Die konsequente Verwendung englischer Slogans, seinerzeit eher zufällig entstanden, erweist sich jetzt als Erfolgsfaktor: Die Botschaften von Styleislam werden überall verstanden, die Produkte weltweit vertrieben und internationale Medien von Al-Jazeera bis New York Times berichten über das deutsche Label.

Und das erobert gerade die muslimische Welt. In Istanbul verkaufen bereits zwei Shops Styleislam-Produkte. Und seit kurzem gibt es die Mode von Styleislam auch in der zweitwichtigsten Heiligen Stadt des Islam: Medina in Saudi-Arabien, wo sich das Grab des Propheten Mohammed befindet. Die Idee hierzu hatte Mohammad Khojah, der Torwart der saudi-arabischen Fußballnationalmannschaft. Khojah ist Fan des Labels, seitdem er einen Fernsehbericht über Styleislam gesehen hat. Ende November eröffneten Kesmen und er den ersten Style-islam-Laden in Medina und stellten fest, dass sie auch in der arabischen Welt einen Nerv treffen. „Es gab schon Leute, die unser Plakat zur Vorankündigung des Shops kritisierten und Sachen sagten wie ’Da ist ein Mensch abgebildet, nehmt das runter'.“ Aber das seien Einzelfälle, sagt Kesmen. Medina werde von so vielen Glaubensbrüder unterschiedlichster Couleur besucht, da sei auch Platz für Styleislam.

Den sieht Kesmen im Ruhrgebiet. Noch in diesem Sommer will er hier den ersten Styleislam-Laden eröffnen.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen