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„Irma“ Klimawandel? Gibt's doch gar nicht!

Hurrikan „Irma“ sorgt für massive Schäden. Dennoch weigert sich die US-Regierung, über die Ursachen zu sprechen. Auch bei den Republikanern regt sich Kritik.

Florida
Durch die Innenstädte paddeln: Wenn es ganz schlecht läuft, könnte das dank des Klimawandels zum gewohnten Bild werden. Foto: dpa

Hurrikan „Irma“ hatte sein Zerstörungswerk im Süden der USA noch nicht beendet, als Tom Bossert, der Heimatschutzberater von Präsident Donald Trump in Washington vor die Presse trat. Ob die Häufung der desaströsen Wetterereignisse die Regierung veranlasse, ihre Haltung zum Klimawandel zu überdenken, wurde er gefragt. „Wir beschäftigen uns intensiv mit dem Klimawandel – nicht mit seinen Ursachen, sondern mit den Dingen, die wir beobachten“, antwortete Bossert. Im Übrigen seien viele Hurrikans ein jahreszeitliches Phänomen.

Die Replik des Beamten ist vielsagend: Während die katastrophalen Folgen der Wirbelstürme „Harvey“ und „Irma“ ganz Amerika in Atem halten, will die Trump-Regierung jede Diskussion über den von Menschen verstärkten Treibhauseffekt vermeiden. „Wenn wir Zeit und Mühe darauf verwenden, uns zum jetzigen Zeitpunkt damit zu beschäftigen, ist das sehr gefühllos gegenüber den Menschen in Florida“, sagte Scott Pruitt, der Leiter der Umweltbehörde EPA, ein bekennender Klimaleugner. Präsident Trump selbst hat schon vor Jahren behauptet, der Klimawandel sei von den Chinesen erfunden worden, um der amerikanischen Wirtschaft zu schaden.

Bis heute hat er diese Äußerung nicht widerrufen. Sein Haushalt sieht radikale Kürzungen bei der Umweltbehörde EPA vor. Zudem hat Trump das Pariser Klimaschutzabkommen gekündigt. Ob er diese Entscheidung nun überdenkt? „Ich glaube nicht, dass sich seine Meinung in den vergangenen Wochen geändert hat“, wiegelt seine Sprecherin Sarah Sanders ab. An der rechten Basis kommt diese Haltung gut an.

So hatte die konservative Kolumnistin Ann Coulter schon während der Unwetter in Texas getwittert, sie glaube zwar nicht, „dass Hurrikan Harvey Gottes Strafe für die Wahl einer lesbischen Bürgermeisterin in Houston“ (von 2010 bis 2016) sei, aber diese Erklärung sei zumindest „glaubwürdiger als der Klimawandel“. Dieses Mal mokierte sich Coulter über die angebliche Panikmache der Medien: „Hurrikan Eilmeldung aus Miami: Einwohner drohen an Langeweile zu sterben“, twitterte sie.

Doch nun regt sich zumindest zaghafter Widerspruch in Trumps eigener Partei: „Wenn das kein Klimawandel ist, weiß ich nicht, was es ist“, hielt ihm Tomas Regalado, der republikanische Bürgermeister von Miami, entgegen: „Genau jetzt ist die richtige Zeit für den Präsidenten und die EPA, über den Klimawandel zu sprechen.“ Der Senator von Arizona, John McCain, kämpft seit langem für eine Begrenzung des Temperaturanstiegs – durch den Ausbau der Atom- und Solarenergie. „Wir müssen verstehen, dass sich das Klima in den USA verändert und wir handeln können“, mahnt er.

Einer der Vorreiter des neuen Denkens bei den Republikanern ist der Abgeordnete Carlos Curbelo, der den Florida-Südzipfel unterhalb von Miami im Repräsentantenhaus vertritt. Der 37-Jährige hat gemeinsam mit demokratischen Abgeordneten eine Arbeitsgruppe zum Klimawandel gegründet. „Vor zwei oder drei Jahren konnte man im Abgeordnetenhaus nicht mehr als zwei oder drei Republikaner finden, die sich eindeutig in der Öffentlichkeit äußern wollten“, sagte der junge Parlamentarier dem Magazin „Politico“: Das habe sich nun geändert: „Eine große Mehrheit von Republikanern verändert ihre Position so, dass sie die Wissenschaft akzeptiert und sich zumindest für bescheidene Politikansätze offen zeigt.“

Zwar lässt sich eine direkte Kausalität zwischen dem Klimawandel und einzelnen Hurrikans wegen fehlender Langfrist-Statistiken nicht einfach nachweisen. Die überwältigende Zahl von Wissenschaftlern ist aber überzeugt, dass die durch Emissionen forcierte Erwärmung der Luft und des Meeres extreme Wetterlagen begünstigt und die Hurrikans massiv verstärkt. Weil die Temperaturen an der Meeresoberfläche höher sind, kann der Wirbelsturm mehr Energie tanken und mehr Wasser aufnehmen, was wiederum die sintflutartigen Regenfälle verstärkt.

Diese Zusammenhänge sind außerhalb der US-Regierung weitgehend unbestritten. Das sieht selbst der Papst so. Auf dem Rückflug von Kolumbien nach Rom kritisierte das Oberhaupt der katholischen Kirche Anfang der Woche den amerikanischen Präsidenten nicht nur wegen seiner Anti-Migranten-Politik. Indirekt geißelte er auch die Klimapolitik Trumps. Politiker hätten eine Verpflichtung, auf den Rat der Wissenschaft zu hören. Deren Urteil sei „sehr klar, sehr präzise“. Die Leugner des Klimawandels nannte der Papst „dumm“, „stur“ und „blind“.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Irma

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