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Irena Eris Eine ehrliche Haut

Warum für die polnische Unternehmerin Irena Eris Kosmetik nicht nur Blendwerk ist. Von Knut Krohn

23.03.2009 00:03
KNUT KROHN
Bescheidenheit ist ihr Trumpf: Irena Eris, hier 2008 in Warschau. Foto: Imgao

Erste Frage: Gibt es Kaffee? Noch bevor in der Runde jemand reagieren kann, springt die Chefin auf, greift sich die Kanne und bedient die kleine Schar am Tisch. Jetzt kann die Besprechung mit ihren Mitarbeitern beginnen.

Es ist eine beiläufige Szene, doch erzählt sie viel über Irena Eris, eine der erfolgreichsten Unternehmerinnen Polens. Ob es sich um kleine Alltagsprobleme oder große, unternehmerische Herausforderungen handelt - Eris packt sie ohne Umschweife an.

Die promovierte Pharmazeutin kommt immer wieder hierher, in die Berge nach Krynica, im äußersten Südosten Polens. Nicht nur, um sich etwas vom Alltag zu erholen, sondern auch um in ihrem exklusiven Wellness-Hotel nach dem Rechten zu sehen. Sie ist die klar denkende Naturwissenschaftlerin geblieben. Irena Eris strahlt etwas natürliches, uneitles aus - obwohl sie als Kosmetikherstellerin ihr Geld seit über 25 Jahren mit der Eitelkeit ihrer Mitmenschen verdient.

Es geht ihr nicht in erster Linie um Schönheit, betont Eris. Sie ist stets wohlfrisiert und adrett gekleidet, aber beileibe keine aufgetakelte Society-Lady. Ihre Firma entwickelt auch Mittel gegen Allergien oder um nach Unfällen verbrannte Hautpartien wieder aufzubauen. Das Blendwerk des Make-ups allein ist Eris' Sache nicht.

Ihre Produkte lässt sie in eigenen Labors entwickeln. Wenn es um die Forschung geht, ist sie ganz in ihrem Element. Stundenlang könnte sie über verschiedene Hauttypen dozieren. Welchen Einfluss etwa Vitamine auf deren Aussehen haben oder auf welche Weise die Inhaltsstoffe am besten in Cremes und Salben konserviert werden können. "Mein Kundinnen wissen, dass ich sehr viel Energie in die Entwicklung investiere, und deshalb vertrauen sie mir", sagt Eris - wie immer freundlich lächelnd.

Sie gilt als bescheidene, akribische Arbeiterin, als ehrliche Haut. Dieses Image trägt wohl maßgeblich zu ihrem Erfolg bei - abgesehen davon, dass die Polin offensichtlich eine gewiefte und zielstrebige Managerin ist: Immerhin erwirtschaftet ihr Konzern rund 50 Millionen Euro Jahresumsatz.

Die vielfach ausgezeichnete Unternehmerin ist vor allem eines: geradlinig. Aber hin und wieder gönnt sie sich den Luxus, etwas, nun ja, Unvernünftiges zu tun: So hat Eris zum 25-jährigen Bestehen ihrer Firma ein Parfüm herausgebracht. "Es hat viel Spaß gemacht, war aber einmalig."

Mitte der 80er Jahre, während der dunklen Zeit des Kriegsrechts in Polen, bekamen die Kundinnen in Eris' Laden die Produkte von den Verkäuferinnen in kleinen, exklusiven Tüten mit Firmenaufdruck überreicht. Was ihr für die Finanzen zuständiger Ehemann Henryk Orfinger dazu gesagt hat, verschweigt sie. "Ökonomisch war das natürlich Unsinn, aber ich fand es einfach schön."

Doch der Aufstieg der Kosmetik-Unternehmerin verlief nicht so reibungslos und unaufhaltsam, wie es scheint. "Ich war damals eine kapitalistische Unternehmerin in einem kommunistischen System", sagt sie, "man hätte mir jederzeit alles wegnehmen können." Sie wischt diesen Gedanken beiseite, er passt nicht in die optimistische Welt der Irena Eris. Sie hat in ihrem Leben viel riskiert - aber immer mit Augenmaß, wie sie versichert.

Aus diesem kalkulierten Wagemut heraus entstand auch ihre Firma. Als Jugendliche habe sie selbst Hautprobleme gehabt. Während des Pharmaziestudiums in ihrer Heimatstadt Warschau und an der Humboldt-Universität Berlin habe sie immer wieder Pasten und Salben zusammengemischt und an sich selbst ausprobiert. "Irgendwann habe ich gedacht, dass man damit auch Geld verdienen kann."

Nach dem Studium setzte sie alles auf eine Karte. "Damals war mein Großvater gestorben, meine Eltern verkauften sein Haus und gaben mir das ganze Erbe." So eröffneten sie und ihr Mann 1983 ein kleines Geschäft und begannen mit der Produktion einer Hautcreme. Das Unternehmen lief so gut wie unter den damaligen Bedingungen eben möglich. Eris erarbeitete sich einen Kundinnenstamm. Ihr Name stand und steht auch heute noch in Polen für hohe, aber bezahlbare Qualität. Dieser Ruf ist der Grundstein für ihren Erfolg nach dem Zusammenbruch des Kommunismus.

Nach 1989 hatte die Polin die Möglichkeit sich zu entfalten, ohne auf politische Gesinnungen Rücksicht nehmen zu müssen. Sie expandierte, erweiterte die Produktion, schuf neue Kosmetiklinien. Rund 400 Mitarbeiter entwickeln und produzieren für Eris. 1995 eröffnete sie schließlich das erste "Dr. Irena Eris Cosmetic Institute", in dem die Kundinnen nicht nur Eris-Produkte kaufen, sondern sich auch von Fachkräften behandeln lassen können.

"Dr. Eris" erobert London

Eine gewinnbringende Idee, wie sich zeigen sollte. Inzwischen besitzt sie in Polen zwei Dutzend solcher Franchising-Geschäfte. Einige ihrer Produkte haben es über die Grenzen des Landes geschafft. In London ist "Dr. Eris" im Drogeriemarkt Boots vertreten. Auch in Tschechien, Ungarn und der Slowakei sind die polnischen Kosmetik-Artikel erhältlich. "Wir suchen immer neue Wege, um zu expandieren", sagt Irena Eris. "Wir sind aber ein kleines Unternehmen und machen deshalb alles in Maßen."

So ist sie inzwischen auch Eigentümerin von zwei Wellness-Hotels, eines in Krynica und eines in Masuren. Dass ihren Gästen in diesen kleinen Tempeln der Erholung die ganze Palette ihrer Pflegekosmetik angeboten wird, versteht sich von selbst. Und Irena Eris wäre nicht zufrieden, hätte sie sich dazu nicht noch "einen kleinen Spaß" einfallen lassen: In den Boutiquen der beiden Hotels verkauft sie eine Kollektion legerer Freizeitkleidung, die sie nach ihren Vorstellungen entwerfen lässt. "Damit wollen wir aber nicht den ganz Großen Konkurrenz machen", sagt sie. "Wir bleiben bescheiden."

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