Lade Inhalte...

Interview Susan Batson „Du kannst die Sexualität spüren“

Die New Yorker Schauspiellehrerin Susan Batson arbeitet mit Stars wie Nicole Kidman und Juliette Binoche. Ein Gespräch über die hohe Kunst des Schauspielens, die Bedürftigkeit der Figuren und die Fähigkeit, sie wahrhaftig darzustellen.

01.12.2014 14:33
Christina Bylow
Susan Batson
Susan Batson arbeitet mit Stars wie Nicole Kidman und Juliette Binoche. Foto: Lars Reimann

Der Raum schluckt das Tageslicht. Schwarze Bühne, schwarze Stühle, am Rand ein schwarzes Klavier. Ein Studio in einer ehemaligen Schule in Berlin-Mitte, unspektakulär eingerichtet in einem Plattenbau. Gerade haben hier noch junge Schauspieler improvisiert, sich mit Rollen beschäftigt oder auch mit der Frage, ob sie diesen Beruf überhaupt ausüben wollen. Unterstützung suchen sie bei Susan Batson, legendäre Schauspiel-Lehrerin aus New York. Die zierliche Frau mit der glattgezogenen schwarzen Haarflut, in Stiefeln und Rock, hat sich viele Tage lang jedem Einzelnen gewidmet. Sie war begeistert von der Leidenschaft, die sie bei ihren Schülern spürte. Sagt sie. Der Leidenschaft für diese besondere Arbeit.

Mrs. Batson, gehen deutsche Schauspieler anders an eine Rolle heran als ihre amerikanischen Kollegen?
Als ich das erste Mal in Deutschland war, vor 35 Jahren, gab es einen wirklich überwältigenden Unterschied zwischen der Herangehensweise von deutschen und amerikanischen Schauspielern. Jetzt gleicht sich das an. Aber eines ist immer noch anders: In den deutschen Schauspielschulen liegt der Schwerpunkt auf dem Wort, auf dem Text. Der Text ist in Deutschland so eine Art Gott.

Das gefällt Ihnen nicht?
Doch. Ich wünschte, wir wären mehr am Text orientiert in den USA. Aber wir kümmern uns vor allem darum, was im Inneren der Figur passiert – und hoffen, dass das dann durch den Text sprechen wird. In dem Workshop, den ich jetzt gerade gegeben habe, gab es einen Schüler, der klammerte sich geradezu an den Text. Das ist natürlich schlecht. Davon muss man Schauspieler wegbringen. Aber normalerweise ist das nicht das Hauptproblem in meinen Kursen. Die jungen Schauspielschüler plagen andere Dinge: Oft haben sie Blockaden, weil Eltern sie nicht unterstützen. Oder sie wissen nicht, ob sie den Beruf wirklich wollen.

Wie erkennen Sie, ob jemand Talent hat?
Als sehr junge Schauspielerin arbeitete ich mit der bekannten Schauspiel-Lehrerin Uta Hagen in New York. Ich half ihr bei ihren Kursen. Da kamen oft Studenten zum Vorsprechen, und ich konnte beobachten, wie sie ihre Wahl traf – binnen weniger Minuten. Ich fragte sie, wie sie das in so kurzer Zeit entscheiden konnte, und sie sagte: Man weiß es einfach, und ich weiß jetzt, was sie meinte. Es ist die Energie, die Kraft, die Dynamik, du kannst die Sexualität spüren. Ich habe einmal ein junges Mädchen erlebt, das so schüchtern war, dass es nur ganz leise und unverständlich sprach, aber kaum stand dieses Mädchen auf der Bühne – unglaublich, was da für eine Power zum Vorschein kam. Es gibt eine gewisse Energie, und man ist als erfahrener Lehrer fähig, das zu sehen und zu spüren. Und dann müssen sie natürlich bereit sein, sehr hart zu arbeiten. Das tun viele nicht. Das sind dann höchstens „Typen“, aber keine Schauspieler.

Viele sind durchgefallen bei den Schauspielschulen und wurden doch bekannte und gute Schauspieler – wie erklären Sie sich das?
Nicht jeder gute Schauspieler beherrscht das Vorsprechen. Ich erinnere mich an Daniel Day Lewis, er war wahrscheinlich der schlechteste Vorsprecher weit und breit.

Warum scheitern manche am Vorsprechen?
Normalerweise hängt es mit der Angst vor Beurteilung zusammen, sie wurden viel kritisiert – meist von den Eltern – und projizieren das dann auf die Juroren. Aber wenn sie einen Job bekommen, sind sie großartig, sie haben das Gefühl, dass man sie wirklich will. Das gibt ihnen die Sicherheit, durch die ihr Talent erst richtig sichtbar wird.

Wie war das bei Ihnen? Sie waren ja eine Art Kinderstar.
Ja, auf Betreiben meiner Mutter. Die sagte zu mir: Niemand versteht dich, außer den Leuten im Film- und Fernsehbusiness, und da bringe ich dich hin.

Ihre Mutter Ruth Batson war politische Aktivistin, Bürgerrechtlerin, sie lehrte Pädagogik an der Universität. Was war sie für eine Persönlichkeit?
Sie war eine ziemlich ungewöhnliche Frau, mutig und zielstrebig. Sie verlangte, dass man etwas mit hundertprozentigem Einsatz tat, nicht weniger. Als ich Schauspiel studierte, und sie merkte, dass das mein Beruf werden sollte, wurde sie nervös. Sie telefonierte überall herum und wollte, dass ich bestimmte Leute traf.

Sie bezeichnen sich selbst als „afroamerikanische Schauspielerin“ – und Sie fragen sich in Ihrem Buch, wie ihr Leben als Weiße verlaufen wäre. Was glauben Sie?
Ich hatte Glück, vor allem mit dieser unglaublichen Mutter im Hintergrund. Es ist schon ungewöhnlich, dass eine junge Frau so viel Selbstbewusstsein hat, dass sie glaubt, jemand, der ihr einen Job verweigert, müsse bekloppt sein, weil er ja niemand Besseren finden kann. Aber ich wusste auch, dass die Welt für mich begrenzt ist. Ich wusste damals, dass eine Hauptrolle in einem Film damals für eine Schwarze unerreichbar war. Auch am Broadway. Für schwarze Männer war es etwas besser, aber auch nicht gut. Deshalb war es auch so kontrovers, als ich 1972 die Eva spielte in Arthur Millers Stück „Die Erschaffung der Welt und andere Geschäfte“. Jetzt werden Tennessee Williams Stücke von Schwarzen gespielt, einfach um zu sehen, ob es möglich ist, Blanche zu spielen als Schwarze oder Stanley – es gibt diese großen Rollen, die wir erforschen wollen, als schwarze Schauspieler. Aber es ist immer noch weit davon entfernt, selbstverständlich zu sein.

„Need“ ist einer Ihrer Schlüsselbegriffe in Ihrer Theorie. Das heißt, man muss herausfinden, wo die Bedürftigkeit der Figur liegt, was sie braucht. Um ihre Bedürftigkeit zu verdecken, konstruiert sie eine Public Persona, eine öffentliche Maske, und aus der Kluft zwischen beidem folgt Tragic Flaw – oft ein Verhalten, das sie an den Abgrund bringt. Also: Was ist Ihr Need, Mrs. Batson?
Es ist lustig: Mein Need ist, bemuttert zu werden. Nun hatte ich diese außergewöhnliche, wahnsinnige Mutter – und ich kann mich erinnern, als ich fünf Jahre alt war und ihr nachlief mit den Worten „Ruthy, Ruthy“ – ich habe sie nie Mutter genannt – „warte, wir brauchen dich.“ Und sie sagte, hör zu, ich habe zu tun, ich habe ein sehr wichtiges Treffen, es ist alles ok. Aber das hat natürlich ein riesiges Need erzeugt.

Und Ihre Public Persona war dann, Mutter für alle zu werden?
So ist es. Um meine Bedürftigkeit zu verdecken. Solange ich jemanden nähren und bemuttern kann, gibt es mir etwas, weil es mit dem Need verbunden ist. Solange man aber keine Klarheit über diese Zusammenhänge hat, traut man niemandem, fragt nie jemanden um Hilfe. Ich wusste früher gar nicht, wie das geht. Weil ich schon sehr früh lernen musste, für mich selbst zu sorgen. Immer wenn es Unordnung in meinem Leben gab, war es deswegen – das ist wirklich ein starker Tragic Flow. Es fühlt sich wie Paranoia an.

Dann muss es Sie umso mehr getroffen haben, als Arthur Miller zu Ihnen sagte: Ich wusste nicht, dass Sie so neurotisch sind.
Ja! Ist das nicht eine großartige Zeile! Ich werde das nie vergessen. Er und der Regisseur schmissen mich aus der Besetzung, weil ich die beiden vorsichtig kritisiert hatte. Danach übernahm die Frau des Produzenten meine Rolle. Sie war eine sehr gute Schauspielerin, aber sie war weiß. Und wie gesagt – dadurch, dass eine schwarze Schauspielerin die Rolle spielte, repräsentierte sie viel mehr, es ging ja um die Schöpfungsgeschichte. Meine Mutter hatte dem Regisseur prophezeit, dass das Stück ohne mich sehr schnell weg sein würde, und so war es auch.

Inzwischen ist die Geschichte der Schwarzen fester Bestandteil im Kino. Filme wie „Django Unchained“ oder „Twelve Years a Slave“ sind riesige Erfolge.
Ich habe mit Kerry Washington gearbeitet, die Djangos Frau spielt. Sie kam zu mir und sagte: Ich glaube, ich muss aus diesem Film aussteigen.“ Sie sagte, dass es ihr nicht gut gehe, normalerweise könne sie die Rolle ablegen, wenn sie nach Hause komme, aber hier nicht. Ich sagte ihr: „Du vergisst die Kunst, die Bedeutung des Geschichtenerzählens und das alles zur Kunst zu erheben.“ Als sie das begriffen hatte, konnte sie bleiben.

Sehen Sie sich europäische Filme an?
Nicht so viele. Natürlich alles von Juliette Binoche und von Nicole Kidman, sie dreht gerade mit Werner Herzog. Ich habe oft auch nicht die Zeit, amerikanische Filme anzusehen, es klingt wie eine schreckliche Ausrede, aber ich habe die Zeit nicht dafür. Julia Cameron, die Ex-Frau von Martin Scorsese, hat vor Jahren ein Buch geschrieben – „The artists way“. Diesem Buch zufolge muss man sich selbst ein Künstler-Rendezvous geben. Eine fixe Zeit für die eigenen Ideen, Pläne, Beobachtungen. Als ich merkte, dass ich mir dieses Rendezvous nicht geben konnte, erkannte ich, dass ich ein Workaholic war.

Von jungen Frauen wird im Kino vor allem der Beitrag „Schönheit“ erwartet – so viele komplexe Rollen gibt es da nicht, vor allem nicht in späteren Jahren.
Juliette Binoche zum Beispiel lehnte das schon immer ab, sie lässt sich nicht fangen – sie würde überall hingehen, um ein gutes Script zu finden. Nicole Kidman war in dieser Falle, sie hat es gemerkt und ihren Weg wiedergefunden. Sie produziert selbst und kann viel entscheiden.

Geben Sie Ratschläge, welche Rolle sie annehmen soll?
Ja, sie hat es einmal nicht beachtet, und das war dann wirklich „a piece of shit“. Aber damit hat sie Millionen verdient. Nein, ich nenne den Titel des Films nicht. In „Dogville“ zum Beispiel – war sie großartig. Sie würde auch wieder mit Lars von Trier arbeiten, aber von „Nymphomaniac“ habe ich ihr abgeraten. In den Händen eines Regisseurs, der sie gut behandelt und auf sie aufpasst, ist sie wirklich Pudding. „Dogville“ ist eine ihrer größten Darstellungen. Es war auch eine interessante Zeit, sie hatte die Trennung von Tom Cruise hinter sich, und sie hat das überlebt. Die Arbeit nährte sie.

Das erinnert ein wenig an Romy Schneiders berühmten Satz: „Im Film kann ich alles, im Leben nichts.“
Ich verstehe das sehr gut. Ich höre diesen Satz auch in meinen Kursen. Ich antworte meinen Schülern dann: „Ich weiß nicht, wie ich da helfen kann. Ich weiß, wie man auf der Bühne agiert, wie man dort eine Geschichte erzählt, einen Charakter entwickelt – das weiß ich.“ Romy hatte keine Hilfe, keine Mutter, keinen Vater – und sie suchte sich die Falschen, um ihre Bedürftigkeit auszufüllen.

Ist die extreme Verletzlichkeit eine der Voraussetzungen für den Beruf?
Ja, für einen wirklichen Schauspieler schon, aber dieses ständige Umgehen mit der eigenen Fragilität ist gefährlich. Man muss die Verwundbarkeit nutzen, um die höchste Leistung in der Kunst zu erreichen. Viele schaffen es auch, das so zu tun, dass es ihr Leben nicht zerstört.

Wie kommt es, dass sich so viele Schauspieler umbringen?
Man findet viele hochsensible Menschen darunter, aber wissen Sie, es hat nicht speziell mit diesem Beruf zu tun. Es sind Probleme im Leben draußen. Denken Sie zum Beispiel an Philip Seymour Hoffman. Er hatte alles – die Anerkennung der Kritiker, er gewann einen Oscar, einen Tony, er wurde von allen geschätzt. Es muss andere Probleme im bürgerlichen Leben gegeben haben. Heute weiß man, dass er nahezu alle Drogen in seinem Organismus hatte. Man sagt, es sei ein Unfall gewesen.

Aber Sie betrachten es nicht als Ihre Aufgabe, Ihren Schülern beizubringen, wie sie ihr Leben hinbekommen?
Nein, und glauben Sie, dafür wäre ich wirklich die Falsche. Ich sage oft, das Schauspielen ist lehrreich, aber es ist keine Therapie. Wenn jemand zu mir kommt und sagt: „Ich will meinen Vater umbringen.“ Dann sage ich: „Yeah – lass uns das nutzen. Das ist guter Stoff.“ Ich werde dann ganz aufgeregt, will alles wissen – wie willst du ihn töten, die ganze Fantasie. Wenn Sie in eine Therapie kommen und das erzählen, wird der Therapeut sagen. „Okay, lassen Sie uns darüber reden. Wie können wir es schaffen, dass Sie Mitgefühl für sich und Ihren Vater entwickeln.“ Ich hingegen will alles genau ausgemalt haben.

Ist Therapie ein Risiko für Künstler?
Nein, ich denke, sie sollten zur Therapie gehen. Ich glaube nicht, dass es sich gegenseitig im Weg steht. Sehen Sie sich Marlon Brando an – er war 25 Jahre in Therapie.

Ob das ein gutes Beispiel ist …
Ohne Therapie hätte er gar nicht so lange überlebt, wie er es getan hat. Er hätte vielleicht auch gar keine Filme mehr gedreht.

Kein Wunder, dass mir das bei Marlon Brando einfällt: Sie haben von der Bedeutung der Sexualität gesprochen für einen Schauspieler. Worum geht es dabei?
Es kann die merkwürdigste Form der Sexualität sein, aber sie muss da sein. Weil sie verbunden ist mit Verletzlichkeit und Verfügbarkeit – und einem Willen zum Leben. Es heißt nicht, dass das mit einem schönen Körper einhergehen muss – es ist eine Energie, nach der man sucht, nach der Offenheit. Wenn man die Sexualität nicht spürt, kann man sicher sein, dass mit der Person etwas nicht stimmt. Es ist natürlich schwierig, die Offenheit, das Wohlfühlen im eigenen Körper zu lehren, denn da gibt es eine Grenze, die man nicht überschreiten will.

Ermutigen Sie Ihre Schüler, Sex zu haben?
Wenn Sie die Schüler fragen würden, sie würden sicher sagen: Ach, sie spricht viel über Sexualität. Aber ich sage ihnen: Ihr könnt euch selbst erlauben, diesen Raum zu leben. Ich erinnere mich an ein Mädchen, die eine harte Zeit hatte im Workshop, sie war steif, angespannt, verkrampft. Ich habe sie darum gebeten, einen Essay darüber zu schreiben, wie es war, als sie merkte, dass sie Schauspielerin werden wollte. Weil ich mich fragte, was sie überhaupt hier wollte. Und dann schrieb sie über ein Erlebnis, das sie am Strand hatte, als sie vier Jahre alt war und vollkommen nackt dastand – die Familie hatte ihr das erzählt. Da stand sie nackt mitten in einer Gruppe von Soldaten und stellte sich für sie dar. Dafür wurde sie von der Familie bestraft. Wir haben diese Geschichte rekonstruiert und zurückgeholt. Diesem kleinen Mädchen, dem sollte sie die Genehmigung geben, genauso zu agieren. Dann habe ich ihr vorgeschlagen, eine der Szenen, an denen wir gearbeitet haben, nackt zu spielen, und es war unglaublich, was dann passierte: Auf den Körper haben wir nicht geachtet, ihr Gesicht veränderte sich vollkommen, sie öffnete sich, strahlte – man sah plötzlich eine erfahrene, selbstbewusste Frau, und sie fand die Freude an der Darstellung wieder und die Erfahrung, ein Publikum bei sich zu halten. Eltern wollen das natürlich nicht, es macht ihnen Angst. Was wird aus diesem kleinen Mädchen, denken sie – aber später werden sie sehr stolz auf die Tochter sein.

Interview: Christina Bylow

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen