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Interview Stil ist immer eine Sehnsucht

Die Österreicherin Margit J. Mayer ist Deutschlands Instanz für Wohnen und luxuriöses Leben. Ein Gespräch über kleine Räume und große Sofas, die Tücken der Stuckdecke und das unerreichbare Ideal einer Großstadt.

31.12.2011 21:50
Carmen Böker und Sebastian Preuss
Margit J. Mayer wird auch die Anna Wintour des Interior Design genannt. Foto: Christian Schulz

Sie hat den Deutschen Stil beigebracht: Margit J. Mayer war elf Jahre Chefredakteurin des Magazins Architectural Digest, das unter dem Kürzel AD das Beste und Teuerste aus der Welt des Wohnens versammelt. Man hat Mayer gern die Anna Wintour des Interior Design genannt; mit der Chefredakteurin der US-Vogue teilt sie den Perfektionismus und ein unerbittliches Sendungsbewusstsein.

Ob Margit J. Mayer nun die Rückkehr der Opulenz oder einen neuen Minimalismus heraufbeschwor – stets war Widerspruch zwecklos. Als ihr Verlag Condé Nast die Rückkehr des Magazins nach München beschloss, stieg Mayer aus und blieb in Berlin. Seit September fungiert sie hier nun als Statthalterin des Taschen-Verlags.

Genauso akribisch, wie sie AD gestaltete, überwacht sie nun erst einmal den Umbau und die Einrichtung der neuen Taschen-Dependance in einem Belle-Epoque-Palast am Kurfürstendamm. Das einzige, was hier nicht millimetergenau sitzt, ist Arthur, ihr behaglich brummender Mops.

Frau Mayer, der Kapitalismus ist in der Krise, Hunderttausende demonstrieren gegen die ungleiche Verteilung des Geldes. Aber der Markt der Luxusgüter scheint davon bislang überhaupt nicht betroffen zu sein. Sind Luxus und Stil völlig krisenfest?

Erstens einmal: Was heißt Luxusgüter? Wenn Sie damit Schmuck, Uhren, Juwelen meinen, dann ist deren Nachfrage tatsächlich im engen Zusammenhang mit der Wirtschaftskrise zu sehen – die Leute rechnen mit Inflation und suchen nach sicheren Werten. Und da kommt auch die Patek-Philippe-Uhr in Frage. Russen oder auch Chinesen haben von ihrer Kultur her ein anderes Verhältnis zur Materie als wir in Europa; sie investieren in eine Uhr wie in Rohstoffe. Eine solche Uhr nähert sich auch dem Kunstwerk, insofern, als nur sehr wenige Menschen sie herstellen können. Daneben gibt es den funktionalen Aspekt: Die Patek oder Rolex oder Chopard LUC ist etwas, das man gut gebrauchen kann im Alltag, sie ist nicht wie ein stilles Bild an der Wand. Und dann sind da – jetzt wären wir wieder beim Kunstwerk – psychologische oder philosophische Aspekte: In diesen Gegenständen steckt viel Kulturelles. Immer mehr Leute wollen Objekte mit einer solchen Geschichte in ihrer Nähe haben, wie einen Talisman, und auch deshalb gibt es den Boom bei Luxusprodukten.

Das heißt, gerade in der Krise verstärkt sich der Wunsch nach mehr Stil?

Stil ist nie eine Reaktion auf etwas, dessen ich mir voll bewusst bin. Eher eine Sehnsucht nach etwas, ein „dort will ich hin“.

Oder ist die Frage nach dem Stil so nutzlos wie die Frage: Was ist Kunst?

Nutzlos ist schon mal ein gutes Wort. Da kann ich nur sagen: Wittgenstein, hilf! Was ich von meinem großen Landsmann gelernt habe: Die Tatsache, dass man eine Frage stellen kann, heißt nicht, dass das Bezugsverhältnis, auf dem die Frage beruht, überhaupt existiert. Es könnte sein, dass uns die Sprache etwas vorgaukelt. Das betrifft nicht nur Stil, sondern auch Phänomene wie Mode, ja generell das, was wir Kultur nennen. Bei Fragen wie „Was ist Kunst?“ oder „Was ist guter Stil?“ könnte es sich schlicht um einen Kategorien-Mischmasch handeln. Solche Fragen sind nicht zu beantworten.

Sie meiden also das Wort Stil?

Na ja, man verwendet es ohnehin unterschiedlich. Auf „Renaissance-Stil“ können wir uns sehr gut einigen. Aber Fragen wie: Hat dieser Mensch Stil? Ist das guter oder schlechter Stil? – die sind etwas anderes. Da beziehe ich es direkt auf eine Person und meine eigentlich einen ganzen Cluster von Begriffen: Können und Wissen, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Klasse, einer gesellschaftlichen Gruppe. Alles Mögliche. Es wäre ganz interessant zu fragen, warum uns das heute wieder so wichtig erscheint, ob jemand Stil hat. Was vermuten wir dahinter? Was heißt das eigentlich, wenn wir sagen: Sie hier hat keinen Geschmack, aber er dort verfügt über einen guten Stil?

Der Mensch ist unsicher, er erhofft sich Regeln und Definitionen.

Um dann was damit zu machen?

Um sich anzuziehen, einzurichten, um darüber sprechen zu können, um den eigenen Status zu behaupten oder zu verbessern.

Dann wären wir noch sehr nahe beim Wolfsrudel. Trotzdem sind wir ganz gut in der Evolution weitergekommen.

Ein Glück! Woran liegt das?

An der Fähigkeit des Menschen, sehr schnell zu lernen. Bei AD hatten meine Redaktion und ich um das Jahr 2000 herum das Glück, in eine für Deutschland wirklich spannende Phase hineinzukommen. Es war damals beim Interior Design wie in der Mode gegen Ende der Achtzigerjahre: ein großes Aufholen, eine rasante Entwicklung. Man vergisst das immer gern, aber wenn man alte Zeitschriften durchblättert, sieht man es wieder: Bis auf ganz, ganz wenige Ausnahmen war die Stilsituation in Deutschland schlimm, festgefahren im Provinziellen, gerade bei den Möbeln. Dass es im Vergleich mit dem Ausland viel zu tun gab, fiel mir schon bei den Buchcovern auf. Ich habe in den Neunzigern drei Jahre in New York gelebt, und da dachte ich immer: Die amerikanischen Cover sind so viel schöner! Was für eine Fülle an Raffinement und grafischen Erfindungen, wie holzschnittartig ungelenk waren sie dagegen bei uns. Mittlerweile haben die deutschen Buchumschläge enorm aufgeholt. Generell hat ja eine Internationalisierung stattgefunden, auch im Wohnen.

Deutschland hat in dieser Zeit also vom Rest der Welt profitiert?

Nicht nur Deutschland. Sogar Wohn-Hochkulturen wie England oder Frankreich haben die Entwicklung mitgemacht, dass sich die reichere Schicht in so einer Art Hotel-Look eingerichtet hat. Mit einer bestimmten Form von Küche, die inzwischen überall gleich aussieht, egal, ob sie in Bordeaux oder Düsseldorf, in London oder in Asien steht.

Und die in aller Welt möglichst von denselben deutschen Herstellern stammen soll: Bulthaup, Poggenpohl, Gaggenau.

Ja. Im technischen Stil haben die Deutschen wirklich den globalen Markt gestürmt. Wie bei den Autos. Es gibt hierzulande diese über hundert Jahre gewachsene Expertise im Funktionalen, die überall überzeugt. Erco-Licht, Duravit-Waschbecken, Miele-Geräte – das sind echte Weltgrößen geworden.

Heißt „Global Style“ auch, dass die klassische Moderne noch klassischer geworden ist?

Es ist gar nicht so leicht auszumachen, wo und wann genau etwas anfängt. In den frühen Achtzigerjahren herrschte jedenfalls noch überall dieser „Barcelona-Style“: viele Schnörkel, Gold, schwarzer Marmorboden, dazu Plexiglas als Überrest aus den Siebzigern. Das alles wurde dann ein bisschen verplüscht. Christian Lacroix war nicht nur Modedesigner, sondern er hat auch den Wohnstil geprägt mit Samtsofas in Purpur, Violett und Pink. Das ist dann ins Gegenteil umgeschlagen. Eine zentrale Figur war dabei der Interior Designer Christian Liaigre. Er ist nicht so berühmt wie Philippe Starck, den alle kennen, weil er verrückte Objekte machte. Aber für das Wohnen war Starck eigentlich überhaupt nicht wichtig, das war eher Liaigre mit seinen simplen, sich ausdehnenden Formen, die den Raum zum wahren Luxusobjekt machen. Sie können ein Liaigre-Sofa nicht in eine Dreizimmerwohnung von 80 Quadratmetern stellen. Dort passt es nicht einmal durch die Tür.

Die Quadratmeterzahl ist genauso entscheidend wie das Möbel selbst?

Größe ist ja eine sehr simple Kategorie. In den Neunzigern kam mit der Globalisierung ein Stil, der überall leicht zu verstehen war, von Russland über Korea bis nach Südamerika. Dass etwas, das groß und teuer ist, mir Status gibt – das ist sehr einfach und setzte sich vor allem deshalb durch. Wobei man bei Liaigre auch sagen muss, dass seine Möbel wirklich wunderbar durchgearbeitet sind, die Proportionen stimmen. Die Leute kaufen da nichts Schlechtes.

Gibt es deutsche Entsprechungen in dieser Liga?

Nach wie vor eigentlich niemanden im Interior Design, leider. Abgesehen von Annabelle Selldorf vielleicht. Sie stammt aus Köln, wurde aber in Amerika bekannt und arbeitet nun seit Langem in New York.

Was macht ihre Qualität aus?

Die Mischung aus traditionell maskulinen und femininen Tugenden. Da ist einmal hohes technisches Können und Wissen um die Materialien, also das Urdeutsche. Dazu kommt bei ihr ein sehr weibliches Gefühl, immer noch etwas dagegenzusetzen. Annabelle Selldorf kontrastiert zum Beispiel bewusst verschiedenfarbige Metalle. Der klassische Fall ist ja: Wenn Sie mit Nickel-Armaturen anfangen im Bad, dann muss auch der Leuchter vernickelt sein und der Handtuchtrockner und alles andere auch. Annabelle Selldorf jedoch hat einmal gesagt, sie finde es schicker, wenn doch etwas aus Messing dazwischen ist, etwa ein Türknauf oder eine Leuchte. Das macht sie zur echten Könnerin. Das Harmonisieren in den Materialien und den Proportionen, das ist gutes Basic-Wissen. Aber dann noch etwas draufzusetzen: Das ist das Extra.

Zurückhaltung und Dezenz: Ist das den Deutschen lieber als Opulenz?

Ich weiß nicht recht. Wenn ich an gewisse Häuser in Düsseldorf oder im Grunewald denke … auch das ist deutscher Geschmack.

Also ist es ein Klischee, dass die Deutschen dezent seien?

Ich finde schon. Die Ausstattungen deutscher Autos sind teilweise überhaupt nicht dezent oder understated.

Die Deutschen mögen also einen geheimen Hang zur Opulenz haben. Doch gleichzeitig ist ihr Verhältnis zum Luxus, zum Glamour doch nach wie vor gespalten.

Stimmt das wirklich noch, dieses „Bescheidenheit ist eine Zier“?

Die arme Nachkriegszeit, das ästhetische Mittelmaß der jungen Bundesrepublik – das wirkt doch nach. Wo war je echter Glamour?

Das haben Sie natürlich dem Calvinismus zu verdanken! Ich bin Österreicherin, mich geht das nix an.

Also sehen Sie uns ganz anders als wir uns?

Die Deutschen sind in einem Weltmeister: sich selbst Geschichten über sich zu erzählen. Darin schlagen sie wahrscheinlich sogar die Amerikaner.

Aber wie war es mit Bonn, da herrschte doch die gebaute Bescheidenheit?

Das hat sicher auch mit Einflüssen aus Skandinavien zu tun. Willy Brandt hatte seine prägenden Exiljahre in Norwegen verbracht, das war nach dem Krieg sehr positiv besetzt. Eine andere Story ist München. Dort herrscht immer noch eine sehr rustikal verwurzelte, quasi großbäuerliche Kultur. Mit Trachten kann man auch mal auf den Putz hauen, dafür waren sie seit jeher da.

Sie sind 2007 dann mit der AD-Redaktion von München nach Berlin umgezogen.

Ein Magazin ist nicht so direkt abhängig davon, wo die Redaktion sitzt. In gewissen Phasen aber dann doch – Berlin erlebte damals einen Moment, in dem die Jugend sich hier versammelte und die kulturell eher Aufmüpfigen aller Kunstbereiche.

Gibt es, vom Hang zum immer leicht schäbigen Dauerprovisorium einmal abgesehen, in Berlin denn eine eigene Art von Ästhetik? Etwa in Prenzlauer Berg oder Kreuzberg?

Das Prenzlauer-Berg-Phänomen hatte mit der Stadt selbst gar nicht so viel zu tun. Es folgte aus der Sehnsucht von jung verheirateten Deutschen, sich ihre heile Welt zu bauen. Diese Neu-Prenzlauer-Berger wollten das nachleben, was sie in London oder Amerika gesehen hatten.

Was war an diesem Wohngefühl so neuartig?

Zum Beispiel die Fußböden. Was wird da teilweise für ein Kult um diese Dielenböden betrieben! Wie kann man sie aufarbeiten, soll man ölen, wachsen oder kälken, und, oweh, was tun, wenn es nicht klappt, wenn sich was abreibt … Viele wurden zu Experten für alte Doppelfenster aus Holz. Die Idee, dass man einfach ein Isolierglasfenster mit Plastikrahmen in die Wand haut, weil das so schön abdichtet, das war ja für diese Schicht nicht möglich. Das ging nicht mehr.

Das klingt aber doch mehr nach Besitzstandswahrung und neuer Heimeligkeit.

Die Altbauten im Prenzlauer Berg sehen beherrschbarer aus und sind in Dimension und Dekor weniger üppig als die in Charlottenburg. Hier, am Kurfürstendamm, sind die Häuser um 1900, als Berlin am reichsten überhaupt war, errichtet worden; von den Gewinnern des industriellen Booms. Man dachte in den Gründerjahren offenbar in anderen Dimensionen, in solchen, die ja auch unsere Verlagsräume haben. Das ist aber nichts für ein junges Paar, das noch kaum Möbel besitzt. Man kann bei solchen Stuckdecken wie hier auch nicht einfach eine Zwischenwand einziehen, wenn man Kinderzimmer braucht.

Wie soll man mit dem wilhelminischen Pomp, der hier, in der neuen Taschen-Dependance, herrscht, überhaupt umgehen? Wenn man die alten Interieur-Bilder aus dieser Zeit sieht, wirkt das ja schrecklich dunkel und überladen.

Man muss sich dem Pomp stellen, sollte sich dabei aber gar nicht groß auf ihn einlassen. Die Ausstattung eher locker halten, als wäre es ein Loft. Dort hat man ja auch nicht die Hoffnung, die Wände jemals voll in den Griff zu kriegen. Nicht versuchen, jede Ecke zu besetzen. In den großen Altbauwohnungen in Paris steht das Bett auch mal mitten im Raum. Das muss Feng-Shui-mäßig gar nicht furchtbar sein, es kommt nur darauf an, wie es sich zum Fenster oder zur Tür verhält.

Weiß und Leere sind also immer noch das beste Rezept gegen wilhelminische Überladenheit?

In unserem Büro ist das auch der Kunst aus Benedikt Taschens Sammlung geschuldet, die hier hängt: sehr großformatig, stilistisch sehr konvergent und gerade dadurch berlinerisch. Natürlich könnte man diese einstige Wohnung wieder auf das zurückführen, was sie 1898 war, wie ein Visconti-Filmset. Wir haben sogar erwogen, das bei einem Raum zu machen, dem Salon mit Marmorkamin und hölzernen Reliefpilastern, zwischen denen es wohl eine Wandbespannung gab.

In Dunkelrot, Violett, Goldbraun …

Im Zweifelsfall in einer Farbe aus dem Deckengemälde. (Es zeigt, da es sich um das ehemalige Musikzimmer handelt, musizierende Putten in einem Himmel à la Tiepolo, die Ecken des Raumes schmücken stuckgerahmte Medaillons mit Komponistenporträts.) Dazu könnte man dann noch die entsprechenden tiefen Sofas und spindeligen Stühlchen aufstellen. Das war in der Belle Epoque wahrscheinlich das letzte Mal, dass ein solcher Aufwand überhaupt möglich war. Nicht nur für Milliardäre, sondern für halbwegs normal Reiche. Damals hat menschliche Arbeitskraft wenig gekostet. Danach, im 20. Jahrhundert, gab es ja eine extreme Verteuerung der Arbeitskraft. Und nur ein Tor würde sich darüber beklagen.

Der Taschen-Verlag residiert nun am Kurfürstendamm, in dem Haus, in dem sich früher die Galerie Brusberg befand. Im ehemals feinen Westen. Haben Sie als Stilrichterin Mitte schon wieder abgeschrieben?

Das wollte Benedikt Taschen so. Wir haben uns auch an der Potsdamer Straße das ehemalige Tagesspiegel-Areal angeschaut, in das Andreas Murkudis mit seinem Concept Store gezogen ist. Auch das hätte spannend sein können. Aber Herrn Taschen liegt dieses Viertel hier, dieses Gewachsene. Und die Paris Bar in der Nähe.

Ist das auch Ihr Berlin?

Als ich meine Wohnung gesucht habe, war mir die Architektur hier schon am sympathischsten, weil ich ursprünglich aus dem Wiener Umland komme. Dieser Teil von Berlin hat mit Wien schon einiges zu tun.

Sie haben in AD die schönsten Häuser der Welt gezeigt. Welches sind Ihre Lieblingshäuser in Berlin? Ein altes und ein neues, bitte.

Aktuell fasziniert mich die Architektur des Wiederaufbaus im Westen, wie das „Bayer-Haus“ am Olivaer Platz oder das Mitte der Fünfziger geplante Haus hier direkt gegenüber, wo die Anwaltsfirma White & Case ihren Sitz hat. Ins Atelierhaus von Georg Kolbe, jetzt ein Museum, würde ich sofort einziehen. Naja, die Lage ist nicht nicht mehr so gut. Oder eine dieser wilhelminischen Schulen, da stimmen Architektur und Aura. Bei jüngeren Bauten ist es schon schwieriger. Vielleicht die letzte Etage des Galeriehauses von David Chipperfield an der Museumsinsel? Allerdings hätte ich es dann weit ins Büro, und das mag ich gar nicht gern.

Nun sind wir aber doch neugierig: Wie wohnt Margit Mayer eigentlich selbst?

Ich brauche beim Einrichten immer ein Thema, eine Geschichte. In Berlin war es 1911, weil das Haus mit meiner Wohnung in dem Jahr erbaut wurde. Die Farben für Wände, Vorhänge und Sofa kamen von Porzellanfiguren und Kirchner-Gemälden aus dem Jahr: helles Grau, Mausbraun, Tannengrün und giftiges Petrol. Und das Bett musste von Vi-Spring sein, weil das die britische Firma ist, von der die First-Class-Matratzen auf der Titanic stammten, die 1911 fertiggestellt wurde. Und im April 1912 sank. Mein Mops und ich schlummern wunderbar auf den sechsfach gedrehten Federkernspiralen.

Der Westen erlebt seine Renaissance, am Kurfürstendamm werden Gebäude wie das Haus Cumberland zu Luxus-Residenzen umgebaut. Waren alle Anstrengungen, Mitte schick zu machen, vergeblich?

Rund um den Gendarmenmarkt sind schon einige Fehler gemacht worden, aber die werden immer gemacht, das kann man auch wieder ändern. Zum Beispiel wurden viele Innenhöfe zu Atrien umgebaut. Die Höfe fehlen jetzt, wenn es Anlieferungen per Lkw gibt, dafür waren sie ja da. Es wird auf Effizienz gebaut, aber das Resultat ist ineffizient. Dann kommt hinzu, dass diese Gebäude kein Fundament zu haben scheinen, weil sie alle mit einem Eingang auf Straßenniveau geplant sind. Hier am Kurfürstendamm haben die Häuser Treppchen und einen Sockel. Das scheint ein inneres Bedürfnis nach Stabilität anzusprechen: dass etwas unten breiter ist, auf etwas ruht und nicht nur einfach im Boden versinkt.

Hat Berlin nach der Wiedervereinigung die Chance vertan, epochal Neues zu bauen?

Dazu müsste man wissen, was das Ideale wäre. Das kann aber nie jemand sagen. Eine Großstadt schnipselt doch immer an sich selbst herum, sie ist eben tatsächlich ein Organismus. Erst im Nachhinein wird etwas zu einer gelungenen Stadt. Oder man wählt die radikale Methode, wie unter Baron Haussmann Mitte des 19. Jahrhunderts in Paris : alles abreißen und neu bauen . Das ging aber auch nur, weil dank der Forschung klar war, dass die Bevölkerung in Seuchen versank in den engen alten Gassen.

Heute lieben wir die Uniformität von Haussmanns Fassaden , weil sie harmonische Straßenzüge ergeben. Wird es uns mit den vielgeschmähten Fenstergrößen-Verordnungen und all den Traufhöhenzwängen, wie sie Stadtbaudirektor Hans Stimmann der City Ost oktroyiert hat, einmal ähnlich gehen?

Es gibt dazwischen doch auch andere Gebäude, etwa Arno Brandlhubers Galerie-Haus in der Brunnenstraße. Natürlich, bei den Townhouses am Hausvogteiplatz hätte man sehen müssen, was kommt. Die Häuser sind zu schmal und stilistisch zu heterogen. Schmal waren Townhouses zwar immer, aber hier in Berlin hat man sich ein bisschen vertan mit dem Stilempfinden der Schicht, die so etwas gut findet. Und die sehr unterschiedliche Architektur gibt dem Ganzen etwas Künstliches, sie sehen wie Spielhäuser aus. Man hätte das besser als Ensemble geplant. Es war der Versuch, eine Utopie ins Reale zu überführen: Jeder macht, was er will, und zusammen ist das dann ganz toll, weil wir ach so demokratisch sind. Das hat in diesem Fall weder funktional noch ästhetisch geklappt.

Die schlimmste Strafe für Architekten war ja immer, wenn Sie sie in AD einfach nicht beachtet haben. Wie werden Sie Ihre Arbeit als Deutschlands strengste Stil-Instanz im Taschen-Verlag fortsetzen?

Es ist davon auszugehen, dass ich mir weiterhin nicht nur Freunde machen werde. Aber die schlimmste Strafe für Architekten ist nicht ein Medienmensch mit anderen Stilprioritäten, sondern der falsche Bauherr. Einer, dessen Frau jede Türklinke selbst auswählen will. Oder einer, der nicht versteht, was Bauen eigentlich ist: eine unendlich mühselige, hochriskante Schlacht gegen eine Vielzahl von Feinden, von den Tücken der Materie bis zur eigenen Bequemlichkeit wie der gewisser Handwerker. Da muss man als Bauherrn-König auch mal auf seinen General hören. Sonst endet es übel.

Was für Bücher wird es von Ihnen bei Taschen geben?

Ich habe erst im September angefangen, deswegen ist es schwierig, bereits jetzt darüber zu reden. Nur soviel: Gerade bei Stil, Mode und Einrichtung, meinen Gebieten, ist das Feld in letzter Zeit ziemlich ausgereizt worden. Da muss man gründlich planen, um den richtigen Ansatz für Neues zu finden, das international bestehen kann. Und seinem Instinkt folgen. Niemand braucht noch ein weiteres Buch zu Coco Chanel, zum Beispiel.

Wir in der Zeitung arbeiten für den Tag, Sie zuvor beim Magazin für den Monat. Welche zeitliche Erwartung sollte man an ein Buch knüpfen? Muss man länger darüber nachdenken, ob es sinnvoll ist?

Gewisse Zeitschriften werden aber auch im Schuber aufgehoben, und Auktionskataloge haben längst Eingang in private Bibliotheken gefunden. Wer soundsoviele Ausgaben von Vanity Fair aus den Achtzigerjahren hat, aus der Zeit mit Tina Brown als Chefredakteurin, der präsentiert sie stolz. Natürlich fragen einen Freunde im elektronischen Zeitalter, warum man diese Staubfänger überhaupt aufhebt.

Sind Sie dem iPad denn völlig abhold?

Wenn ich unterwegs bin, finde ich es toll, um E-Mails zu schreiben oder mal eine Information zu besorgen. Aber morgens lese ich ganz klassisch die Zeitung, was allerdings auch mit der enormen Ritualisierung meines Lebens zu tun hat. Bei manchem liegt die Zeitung vor der Tür, beim anderen liegt das iPad neben der Kaffeemaschine bereit, beides sind Rituale. Das ist schon eine herrliche Erfindung, aber ich werde jetzt nicht damit anfangen, herumzusurfen.

Unter Ihrer Führung war AD perfekt bis ins letzte Detail. Werden Sie diesen legendären Perfektionismus beim Buchmachen auf eine weitere Spitze treiben?

Man kommt irgendwann immer an den Punkt, an dem man sich sagen könnte: Es reicht jetzt, nach mir die Sintflut. Ich versuche im guten Sinne, bis zum Schluss zu kontrollieren und zu optimieren. Das Leben ist eine Baustelle: Man findet immer noch was. Und irgendwann sitzt man dann doch im Haus und freut sich hoffentlich.

Wollen Sie selber auch ein Buch schreiben?

Das sehe ich im Moment nicht. Meine Spezialität ist das Aufnehmen von Zeitphänomenen und, indem man diese zurückfüttert, diesem System auch etwas hinzuzufügen. Darin unterscheidet sich ein Buch gar nicht so sehr vom Magazin. Der Herstellungsprozess dauert bloß deutlich länger als das Initiieren oder Schreiben oder Redigieren eines Zeitschriftenartikels. Und der Tag hat nach wie vor 24 Stunden. Sollte das mal aufgestockt werden, denke ich gern über ein Buch nach. Versprochen.

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