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Interview mit Zirkusdirektor Melnjak „Dieses Leben ist ein Abenteuer“

Seit fünf Jahren ist der gelernte Kaufmann Sascha Melnjak Direktor beim Zirkus Charles Knie. Im FR-Interview spricht er über dressierte Tiere und die Faszination der Manege.

13.03.2011 19:36
Der Direktor und das liebe Vieh: Sascha Melnjak, Chef der „Zirkus Charles Knie GmbH“, mit zwei seiner Zebras in Frankfurt. Foto: Alex Kraus

Herr Melnjak, ich muss Ihnen etwas gestehen: Ich war mit vier im Zirkus, seitdem hasse ich ihn.

Nicht gut! Sie sind das Gegenteil von mir.

Ich fiel vom Pony, alles stank nach Tier.

Das ist der Geruch des Zirkus! Tiermist, Sägespäne, frischgebranntes Popcorn und das Zelt. Die Zeltplane hat einen ganz eigenen Geruch. Diese Mischung, das ist die Zirkusluft, der Geruch einer faszinierenden fremden Welt.

Was finden Sie denn an dieser Welt faszinierend?

Zirkus ist immer live. Ein Zirkus ist eine kleine Stadt, in der ganz viele Menschen aus ganz vielen Nationen für acht Monate ohne Berührungsängste auf engem Raum zusammenarbeiten. Jeder hat wahnsinnig viel Arbeit und trotzdem viel Spaß, weil er weiß: Wir arbeiten, um den Leuten eine gute Show zu bieten.

Erinnern Sie sich an die erste Show, die Sie gesehen haben?

Natürlich. Ich war sechs Jahre alt, und im Programm stand eine spektakuläre Nummer: Ein Flugzeug, das unter der Kuppel rotierte, während die Artisten daran hingen und Kunststücke zeigten. Danach wusste ich: Da will ich mitmachen. Natürlich nicht als Direktor, sondern in der Manege als Artist, Ansager oder Zauberer.

Und jetzt sind Sie doch der Zirkusdirektor...

...ich war nie der supersportliche Typ.

Sie haben „Charles Knie“ vor fünf Jahren gekauft – wie viel kostet denn so ein Zirkus?

Nicht so irre viel. Charles Knie war ein überschaubarer Zirkus, das Material war nicht auf dem neuesten Stand. Ich habe 50 Tiere gekauft, den Fuhrpark und das Zelt. Das Wertvollste war der Name samt Emblem. Ohne bekannten Namen zu starten ist schwierig.

Sie waren damals erst 32 Jahre alt. Hatten Sie keine Angst vor der Verantwortung?

Doch. Aber ich habe mir das gar nicht so bewusst gemacht. Das kommt erst jetzt, seit der Zirkus so groß geworden ist. Wenn es in einer Stadt mehrere Wochen nicht läuft, denke ich: Mensch, was hast du für ein wahnsinniges Risiko auf dich genommen? Da habe ich schlaflose Nächte. Aber letztlich ist die Arbeit so erfüllend, dass ich solche Gedanken verdränge.

Was genau erfüllt Sie?

Dass ich einen Zirkus besitze, so wie ich ihn als Kind immer gut fand. Danach habe ich die Show zusammengestellt. Wenn es dann nach einer Vorstellung minutenlang Applaus gibt und die Leute sagen: „Das war der tollste Zirkus, in dem wir je waren“, sind das wunderbare Momente.

Die könnten Sie aber auch als Theatermanager haben.

Das ist etwas anderes. Ein Zirkus zieht mit dem ganzen Tross alle paar Tage weiter, ist nie sesshaft. Um 19 Uhr ist die letzte Show zu Ende – um 24 Uhr bauen wir in der nächsten Stadt schon wieder das Zelt auf. Dieses logistische Meisterwerk ist faszinierend.

Sie leben im Wohnwagen und besuchen 40 bis 50 Städte im Jahr.

Wie hält man da Kontakt zu anderen Menschen?

Eigentlich hat man nur Kontakt mit Leuten, die beim Zirkus sind. Andere Kontakte zu pflegen ist unmöglich. Auch Familie ginge nur, wenn sie bereit wäre mitzureisen. Dafür ist dieses Leben aber auch ein Abenteuer.

Vor allem, weil der Zirkus in der Krise steckt.

Zirkus ist immer noch aktuell. Aber man muss Qualität bieten, die Show zeitgemäß präsentieren. Der Zirkusdirektor in Frack und Zylinder, der die Pferdchen rechts- und linksrum laufen lässt – so was geht nicht mehr.

Im Gegensatz zu vielen anderen großen Zirkussen setzen Sie bei Ihrer Show auch auf Tiere.

Tiere müssen dabei sein. Das sagen uns Zuschauer immer wieder – trotz aller Parolen von Tierschützern. Die übrigens häufig nicht der Wahrheit entsprechen.

Naja. Käfige sind eben kein natürlicher Lebensraum für Tiger.

Die Tiere kennen das nicht anders, das ist ihr Gebiet. Die waren nie in der Wildnis. Die wurden hier geboren, teils mit der Flasche aufgezogen. In der Wildnis wären die verendet. Die haben hier auch eine höhere Lebenserwartung...

...und all die Kunststücke machen sie auch ganz freiwillig.

Ach, dieses Vorurteil. Dass die Tiere unter Stress und mit Elektroschocks gezwungen werden, etwas zu tun, was sie nicht wollen. Stimmt nicht! Moderne Tierdressur ist anders. Deshalb laden wir die Leute in jeder Stadt zu öffentlichen Proben ein, damit sie sehen, wie die Tiere dressiert werden.

Wie begeistert man Leute für Tiger-Kunststücke, wenn sie jede Woche Tiger-Dokus im TV sehen?

Im Fernsehen können sie den Tiger nicht riechen, sehen, fühlen. Gut, bei uns können sie die Tiere auch nicht anfassen, aber sie sind ganz nah dran.

Ist es das, was Zirkus ausmacht – das Live-Erlebnis, bei dem immer etwas schief gehen kann?

Genau! Neulich erst ist ein Artist bei uns abgestürzt und für kurze Zeit verletzt liegengeblieben. Das würde im Fernsehen weggeschnitten – wir zeigen es.

Ist das nicht ein schmaler Grat?

Absolut. Bei unserer Flugtrapez-Nummer haben wir deshalb ein Netz gespannt. Die Artisten können abstürzen, knallen aber nicht auf den Boden. Schließlich will niemand einen Artisten sehen, der in der Manege stirbt.

Interview: Rudolf Novotny

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