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Interview mit Shredy Jabarin Lachen in Zeiten des Krieges

Der Schauspieler Shredy Jabarin stellt als arabischer Israeli einen Selbstmord-Attentäter dar. Er erzählt von dem Drahtseilakt, glaubwürdig den eigenen Feind zu verkörpern. Von Katharina Sperber

28.01.2009 11:01
Kinostarts - Alles für meinen Vater
Shredy Jabarin in einer Szene des Films "Alles für meinen Vater" auf dem Carmel Markt in Tel Aviv. Foto: dpa

Mr Jabarin, Sie leben in Tel Aviv, der weltoffensten Stadt in Israel - weit weg von Gaza. Wie haben Sie den Krieg gegen die Hamas erlebt?

Das war etwas kompliziert. Tel Aviv war nie unter Raketenbeschuss der Hamas gewesen. Es gibt hier Leute, die gesagt haben, was geht uns der Krieg an, das ganze Geschehen spielt sich woanders ab. Aber es gab auch Leute, die sind gegen den Krieg auf die Straße gegangen.

Jetzt gibt es eine Waffenruhe, aber längst keinen Frieden. Wie könnte eine wirkliche Lösung des Konflikts zwischen Israel und der Hamas aussehen?

Ich glaube auf lange Sicht hängt es davon ab, ob beide Seiten es schaffen, ihre Haltung zueinander, ihre Gesinnung zu ändern.

Sie sind ein arabischer Israeli, Moslem und kein Jude, wie die Mehrheit der Menschen in Israel. Wie lebt es sich in einem Land, das sich durch die Mehrheit definiert?

Ja, ich bin ein Moslem. Und ich habe ein College für arabische Studenten der Orthodoxen Kirche in Haifa absolviert. Es ist jedoch nicht die Frage, welcher Religion oder Rasse ein Mensch angehört, ob er zur Minderheit oder Mehrheit zählt. Ich habe gelernt, die Menschen als Personen wahrzunehmen und nicht als Jude oder Araber, Angehöriger der Mehrheit oder der Minderheit.

Der Film "Alles für meinen Vater" zeigt uns ein anderes TelAiv als wir es sonst meist sehen. Der Film führt uns in die Lebenswelt der kleinen Leute, nicht in die schicken Cafés, Restaurants und großen Kinos an der Ditzengoffstraße. Welchen Teil der Stadt mögen Sie am meisten?

Die Stadt ist sehr groß und sie hat viele Gesichter. Der Teil, den der Film zeigt, ist keine Kulisse. Es gibt ihn wirklich. Es gibt so viele Viertel, die sich voneinander total unterscheiden. Die meisten Touristen kennen ja nur das Zentrum. Aber es gibt so vieles mehr und das macht den Charme der ganzen Stadt aus.

Sie spielen in dem Film einen palästinensischen Selbstmordattentäter, der sich auf dem belebten Carmel-Markt in die Luft sprengen will. Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Ich bin ein Künstler. Ich muss mich in andere Menschen hineinversetzen können. Selbst in einen, der eigentlich mein Feind ist. Ich kann mich in das Denken der Moslems versetzen, so wie ich auch Israeli bin. Ich weiß, wie sie den jeweils anderen sehen. Ich kenne beide Seiten.

Haben Sie auch mit Opfern von palästinensischen Selbstmordattentätern in Israel gesprochen?

Nein. Die Opfer haben ihre ganz persönliche furchtbare Geschichte mit tiefen Verletzungen. Ich bin kein Therapeut, ich mache Kunst. Es geht mir darum, menschliches Denken und Fühlen zu zeigen. Ich habe mit meiner Vorstellungskraft arbeiten müssen.

Tarek, der verhinderte Selbstmordattentäter, bekommt zwei Tage Lebenszeit geschenkt, weil der Zünder seines Mordinstruments nicht funktioniert. Was lernt er in diesen beiden Tagen über den Alltag der Menschen in dieser hochexplosiven Weltgegend?

Die Menschen sind in ihrem Alltagsleben, in ihrer Routine doch sehr unterschiedlich, weil sie aus unterschiedlichen Orten und Kulturen kommen. Und dennoch haben sie auch so vieles gemeinsam: die Alltagssorgen, ihre Ängste, ihren Hass. Im Film wollen wir zeigen, dass die anderen immer auch ein Stück so sind wie wir. Die größte Herausforderung der Rolle ist, die menschliche Dimension aufzuzeigen.

Ihre Sichtweise ist im Nahen Osten nicht sehr weit verbreitet. Können Sie so sein, weil Sie ein Künstler sind?

Nein. Das hat nichts damit zu tun, dass ich ein Künstler, ein Schauspieler bin. Ich sehe das so, weil ich ein Mensch bin. Und es gibt inzwischen etliche, die so denken wie ich.

Aber noch nicht genug...

Leider denken noch viele immer in Gruppen. Aber in einer Gesellschaft, in der alle stromlinienförmig dasselbe denken, denkt im Grunde niemand mehr. Deswegen ist mein Credo: Denke mit dem eigenen Kopf und lass niemand anderes für dich denken.

Im Film gibt es einige lustige Szenen, obwohl die gesamte Geschichte tragisch ist. Lachen und Weinen liegen ganz nahe beieinander. War es schwer, diese Balance herzustellen?

Nein, denn unsere Wirklichkeit ist so. Alles ist traurig und manchmal auch lustig. Man muss es philosophisch betrachten: Das Lachen liegt in der Tragödie. Niemand kann nur immer lachen und niemand kann nur immer traurig sein. Die Dinge ändern sich ständig von einer Minute auf die andere. Wir sind ständig in Bewegung.

Interview: Katharina Sperber

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