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Interview mit Regisseur Oliver Stone „Ich rede den Leuten nicht nach dem Maul“

Oliver Stone knöpft sich wieder die Finanzhaie vor. In der kommenden Woche kommt die Fortsetzung seines Kinoerfolgs „Wall Street“ in die Kinos. Ein Gespräch mit dem Star-Regisseur über die Gier, die Strahlkraft des Sozialismus und das große Herz George W. Bushs

16.10.2010 16:30
US-Regisseur Oliver Stone.

Oliver Stone knöpft sich wieder die Finanzhaie vor. In der kommenden Woche kommt die Fortsetzung seines Kinoerfolgs „Wall Street“ in die Kinos. Ein Gespräch mit dem Star-Regisseur über die Gier, die Strahlkraft des Sozialismus und das große Herz George W. Bushs

Mr. Stone, Bertolt Brecht hat mal gesagt: „Was ist ein Bankraub gegen die Gründung einer Bank?“ Hat er Recht?

Absolut. Schauen Sie sich doch nur mal an, was in den letzten zwei Jahren in den USA passiert ist: die größte Abzocke in der Geschichte der Menschheit, und das am helllichten Tag.

Sie meinen die Reaktion auf den Finanzcrash 2008?

Ich meine die 800 Milliarden US-Dollar, die wir in das System gepumpt haben, um es zu retten. Die Banken hatten vergiftete Versicherungen auf dem ganzen Planeten verhökert, die von irgendwelchen obskuren Institutionen mit „AAA“ bewertet wurden, also todsicher. Das war Dreck, aber sie haben ihn mit Triple-A ausgezeichnet. Und wissen Sie was? Heute verkaufen sie das Zeug schon wieder. Nicht zu vergessen, dass es Banken waren, die auf den Wertverfall ihrer eigenen Papiere spekuliert haben. Verglichen damit ist ein Bankraub wirklich ein Witz.

Das scheint Sie auch zwei Jahre später noch auf die Palme zu bringen.

Sie etwa nicht?

Erstaunlicherweise merkt man diese Wut Ihrem neuen Film „Wall Street – Geld schläft nicht“ nur teilweise an. Am Ende siegt der gute Junge und selbst der zynische alte Sack Gordon Gecko entdeckt, dass er ein Herz hat. Werden Sie langsam altersmilde?

Ich wusste, dass die Frage kommen würde. Die Wahrheit ist, ich bin Dramatiker, mich interessieren Menschen. Ich wollte keinen Dokumentarfilm machen und auch keine Attacke gegen den Finanzkapitalismus reiten, auch wenn das alle Welt von mir zu erwarten scheint. Wenn Sie wissen wollen, wie verkommen das System ist: Lesen Sie die Bücher und Artikel, die zu dem Thema geschrieben wurden. Da steht alles drin. Ich wollte eine Geschichte über Menschen erzählen: einen Vater und seine Tochter, eine Mutter und ihren Sohn und eine Reihe von Finanz-Psychopathen, allen voran Josh Brolin…

Der auch schon in Ihrem letzten Film als Georg W. Bush herhalten musste. Armer Kerl.

Der hält das aus. In dem Film jedenfalls spielt er den übelsten ökonomischen Zocker. Die anderen spielen aber auch mit, jeder auf seine Weise. Kurzum: Es geht um Menschen, die sich umeinander bewegen wie Haie, die sich gegenseitig verraten und über den Tisch ziehen, die sich lieben und vertrauen. Das Ganze spielt vor dem Hintergrund des Finanzcrashs – es geht aber nicht um den Finanzcrash.

Trotzdem: Hängen bleibt, dass es an der Wall Street eigentlich ganz gute Kerle gibt?

Ja, warum denn nicht. Das sind auch nur Menschen. Wissen Sie, als ich meinen Film „W“ über Bush machte, hieß es auch immer, ich hätte zu viel Empathie für ihn. Dasselbe haben sie mir vorgeworfen, als ich eine Dokumentation über Fidel Castro drehte. Ich mache es anscheinend nie jemandem recht. Ja, ich habe Bush ein Herz gegeben. Er hat nun mal eins. Er mag ansonsten total versagt haben, aber er hat ein großes Herz. Oder schauen Sie sich Richard Nixon an, mit dem ich wirklich nicht sympathisiere. Bei mir hat selbst der ein Herz. Ich weiß nicht, was bei mir schief gelaufen ist, aber ich möchte Menschen menschlich darstellen. Ist das so verkehrt?

Was heißt verkehrt…

Ich glaube, langfristig betrachtet mache ich das Richtige. Aber jeder regt sich immer über mich auf. Jetzt schreien alle: Hängt die Banker auf! Soll ich deswegen Filme machen und darin Banker aufhängen? Das ist nicht mein Stil. Ich rede den Leuten nicht nach dem Maul. Als ich 1986 „Salvador“ drehte, den heute alle zu lieben scheinen, hat sich kein Schwein für Mittelamerika interessiert. Dasselbe galt für „Wall Street“, als er ein Jahr später in die Kinos kam. Niemand hat sich darum geschert, die Kritiken waren lausig. Wir haben damals läppische 44 Millionen US-Dollar in den USA mit dem Film eingespielt. Jahre später hieß es: Oh, wow, ein prophetischer Film. Leck mich! Deswegen mache ich, was ich machen will – und nicht das, was man von mir erwartet. Und glauben Sie mir: „Wall Street 2“ wird genauso die Zeit überdauern wie Teil eins.

Sie haben mal gesagt, Filme seien für Sie so etwas wie ihr persönliches Gefühls-Thermometer. Was hat Sie dazu getrieben, nach 23 Jahren eine Fortsetzung zu drehen?

Sorge. Ganz ehrlich: Ich war beunruhigt über den Zustand der Welt. Der Finanzcrash war ja nicht nur eine Herzattacke des amerikanischen Finanzsystems, es war eine weltweite Warnung. Wir liegen ja auch noch immer auf der Intensivstation. Der Kapitalismus, für den Leute wie mein Vater mal standen, ist ja heute nicht mehr wiederzuerkennen. Er ist von den Banken zerstört worden. Und von der Regierung.

Ihr Vater war selbst Börsenmakler. Können Sie sich daran erinnern, als er Sie zum ersten Mal mit zur Börse nahm?

Klar. Ich erinnere mich genau an die Farben, die Stimmung, den Geruch der Wall Street Anfang der 50er Jahre. Alles sehr finster, wenig Licht, kleinere Fenster. Eine völlig andere Architektur. Es war alles eng, es gab kaum ausladende Räume. Ein bisschen wie dieses Berliner Hotel hier…

…das übrigens mal die Staatsbank der DDR war.

Wirklich? Interessant.

War Gier damals schon gut, um ein Bonmot von Gordon Gecko zu zitieren

Nein! Börsenhandel galt damals als Tätigkeit ehrenwerter Gentlemen. Natürlich wollten die Leute auch Geld machen. Aber damals galt eine Million als noch wirklich viel Geld. Es gab lange nicht so viele Millionäre, geschweige denn Milliardäre.

Haben Sie eine Idee, wieso sich das Ganze so rapide verändert hat?

Die habe ich, aber nochmal: Ich bin kein Ökonom, ich kenne mich mit Finanzfragen nicht so gut aus.

Aber mit Menschen.

Das stimmt. Die Menschen sind das Problem.

Inwiefern?

Ich habe in meinem Leben bislang vier große Finanzblasen platzen sehen. Die erste war die Blase kurz nach dem Vietnamkrieg, die zweite Anfang der 80er Jahre unter Reagan, dann Ende der 90er die so genannte New Economy. Und dann natürlich die riesige Finanzblase 2008. Die Einschläge kommen immer näher. Und ich bin sicher: Ich habe noch nicht die letzte erlebt. Das ist das Wesen des Kapitalismus. Er braucht immer einen Fetisch, in den die Leute besinnungslos Geld pumpen – so lange, bis er platzt. Es reicht nicht mehr, nur produktiv, solide und ehrlich etwas Handfestes zu produzieren. Es haben längst die Leute das Kommando übernommen, die sagen: Wieso zehn Prozent Gewinn, wenn man mit etwas höherem Risiko auch 20 Prozent machen kann? Das ist verrückt. Was wir brauchen, ist eine Gesellschaft, in der jeder Arbeit hat, die Regierung das Heft in der Hand hält und Banken Geld verleihen an Menschen, die es brauchen und auch zurückzahlen können. So wie ihr es in Deutschland macht.

Wenn Sie sich da mal nicht täuschen.

Wieso? Ihr seid doch ganz gut durch die Krise gekommen

Mag sein. Aber auch in Deutschland haben sogar öffentliche Sparkassen das Spiel mitgespielt und mussten mit vielen Milliarden gerettet werden.

Tatsächlich? Aber immerhin produziert ihr hier noch ein paar Sachen, die wirklich gut sind. Ihr macht das schon.

Sie stammen selbst aus einer gut situierten republikanischen Familie. Wieso sind Sie eigentlich nicht selbst zu einem spießigen, profithungrigen Banker geworden?

Ich habe keine Ahnung. Als Kind habe ich die Welt ja vor allem durch die Augen meines Vaters gesehen. Ich fand Castro abscheulich, er war für mich der Teufel. Ich habe alles Linke abgelehnt, den Kommunismus gehasst. Als ich 18, 19 Jahre alt war, war ich in Yale im selben Jahrgang wie George W. Bush und habe mich dort nicht wohlgefühlt. Das passte mir alles nicht, wie ein zu sehr gestärktes Hemd. Ich wusste noch nicht genau, was ich stattdessen wollte, aber ich war Rebell genug, um einfach zu gehen.

Und dann?

Bin ich nach Vietnam gegangen. Das hat mir die Augen geöffnet, was Krieg und Zerstörung bedeuten und wem sie nützen. Als ich in mein Land zurück kam, habe ich gesehen, wie Konzern-gesteuert es ist. Heute bin ich wohl wirklich ein Linker.

"Heute sind Banken, Konzerne und Ratingagenturen verkommen"

Halten Sie den Kapitalismus für reformierbar?

Ich denke schon. Aber es wird harte Arbeit, alle Pferde wieder vor die Kutsche zu spannen. Mein Vater pflegte zu sagen: Kapitalismus funktioniert nicht auf dem Papier, Kommunismus schon – in der Realität ist es umgekehrt. Der Kapitalismus ist viel besser dazu in der Lage, sich an neue Gegebenheiten anzupassen. Womit nichts über das Heute gesagt ist: Heute sind die Banken, die Konzerne, die Ratingagenturen verkommen und die staatlichen Aufpasser sind es größtenteils auch.

Kann der US-Präsident Barack Obama den vesprochenen Wandel noch schaffen?

Naja, er ist clever, er hat die richtigen Ideen – aber was ihm in letzter Zeit ein wenig ausgegangen ist, ist Charisma. Außerdem hat er starke Gegner.

Sie meinen die Finanzlobby?

Nicht nur die. Auch die Öl-Lobby, die Versicherungslobby, die Autolobby, suchen sie sich etwas aus. Wohin das alles führt? Ich weiß es nicht. Schauen Sie sich das alte Rom an. Als das zu kollabieren drohte, hat es riesige Mauern um sein Reich gebaut. Rom, dachte man damals, war zu groß, um zu fallen. Und was hat es genutzt? Aber selbst nach dem Untergang Roms gab es einige wirklich gute Phasen für die Menschheit.

Interessanterweise haben Sie fast zeitgleich mit „Wall Street 2“ die Dokumentation „South of the Border“ fertig gestellt. Darin porträtieren Sie sieben linke Präsidenten in Lateinamerika. Ist Sozialismus eine Alternative?

Puh, was für eine Frage. Ich bin nicht sicher. Hugo Chávez in Venezuela versucht es jedenfalls, genauso wie Morales in Bolivien. Interessant ist, dass alle diese Länder mehr oder weniger gegen die Interessen des Internationalen Währungsfonds arbeiten. Das muss man auch erst einmal durchhalten.

Sie liebäugeln außerdem seit langem mit einer Doku über Irans Präsidenten Ahmadinedschad. Warum fühlen Sie sich immer von mächtigen Männern angezogen?

Ich fühle mich von Underdogs angezogen.

Bitte? Bush ein Underdog?

Okay, bei Bush haben Sie Recht. Aber nehmen wir zum Beispiel JFK. Der wurde umgebracht, ich finde, das erfüllt den Underdog-Status. Hmm…vielleicht interessiert mich in Wirklichkeit das Scheitern.

Deswegen auch Ihr geplantes Großprojekt „Oliver Stone’s Secret History of America“?

Wir haben es jetzt in „Untold History“ umbenannt. „Secret“ ist ein gefährliches Wort, es suggeriert, dass alles im Geheimen geschieht. Das würde nicht mal ich unterstellen.

Was bezwecken Sie mit dem Mammut-Projekt?

Ich will der Frage nachgehen, wie die USA zu einem Imperium wurden. Es geht vor allem um die Zeit zwischen 1900 und 2010. Wir wollen versuchen, wiederkehrende Muster in der amerikanischen Geschichte zu entdecken, zum Beispiel: Was passierte im Zweiten Weltkrieg? Wieso wurde die Atombombe abgeworfen? Wer wollte das? Wie war das mit dem Kalten Krieg? Und wie haben Reagan und seine Leute das neoliberale Zeitalter eingeläutet?

Um noch einmal auf Ihren neuen Film zu kommen: An einer Stelle sagt Gordon Gecko „Geld ist nicht das Wichtigste – Zeit ist es.“ Spricht da der 64-jährige Oliver Stone?

Nein, da spricht der 66-jährige Michael Douglas.

Apropos: Wie geht es ihm?

Er sah letzte Woche ziemlich gut aus. Er hat volles Haar, er hält sich gut. Aber machen wir uns nichts vor: Keiner weiß, wie es mit seinem Krebs ausgeht. Er leidet.

Umso rührender ist das Filmzitat.

Ja, das ist Michaels und Gordons, das ist unser aller Dilemma: Wie viel Geld kannst du gebrauchen, wenn es zu Ende geht?

Sie selbst sind vor vielen Jahren zum Buddhismus konvertiert…

Ja, 1994. Eine der weiseren Entscheidungen meines Lebens.

Wie würden Sie das nächste Mal gerne wiederkommen?

Am liebsten gar nicht. Dieses Leben ist mir zu vollgepackt mit Leid und Illusionen. Das ist ziemlich harte Arbeit. Das sollte man nicht endlos wiederholen.

Interview: Jörg Schindler

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