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Interview mit Petra Joy im Wortlaut "Sex und Porno sind politisch"

Wie sind Sie dazu gekommen, Porno-Regisseurin zu werden?

31.08.2009 08:08

Wie sind Sie dazu gekommen, Porno-Regisseurin zu werden?

Fotografie und Film haben mich schon immer interessiert, meine erste Kleinbildkamera hatte ich, als ich sechs Jahre alt war. Später studierte ich dann Geschichte und Filmwissenschaft. Wie Sexualität dargestellt wurde, das war einfach immer ein Thema für mich. Meine Magisterarbeit beschäf-tigte sich mit der weiblichen Sexualität im NS-Film.

Hängt das, was Sie heute machen, auch mit Ihrer späteren journalistischen Arbeit für das TV-Magazin "Liebe Sünde" in den 90er Jahren zusammen?

"Liebe Sünde" war mein Einstieg, kurze dokumentarische Filme zum Thema Sex zu machen. Dann habe ich vor fünf Jahren begonnen, Erotikfo-tografie für Frauen und Paare zu machen - dabei kam in Gesprächen im-mer wieder die Frage auf: Was können Sie eigentlich an Pornos empfeh-len, die für Frauen ansprechend sind? Da konnte ich dann nicht so richtig Tipps geben, denn da gab es nicht allzu viel, das ich guten Gewissens empfehlen konnte. Also habe ich mir überlegt: Mensch, warum machst Du diese Pornos eigentlich nicht selbst? So entstand dann der erste Film, "Sexual Sushi".

Sie sind Feministin und sagen, dass Sie in den 80er Jahren eher der No-Porno-Bewegung zugeneigt hätten, wie kam es zum Wandel?

Ich sehe das nicht als eine Kehrtwendung. Da hat sich eher ein Kreis geschlossen, das ist eine Weiterentwicklung. Als ich Anfang, Mitte 20 war, musste ich mich von dem, was ich da an Pornos gesehen habe, erst mal abgrenzen. Mir gefiel nicht, wie die weibliche Sexualität dargestellt wird; mir gefiel nicht das Frauenbild, das dahinter steht; nicht diese Fantasielosigkeit. Irgendwann aber wollte meine Energie nicht mehr darauf verschwenden, nur gegen etwas zu sein. Warum soll ich das Schaffen erotischer Bilderwelten den Männern überlassen, habe ich mich als Frau und Feministin gefragt. Es geht mir darum, auf kreative Weise Alternativen zu schaffen. Ich bin ein visueller Mensch, warum soll ich mich nicht von Bildern erregen lassen? Diese Mainstream-Pornos finde ich auch heute nicht toll, zumal die immer härter und extremer werden. Das ist der eine Trend. Der andere ist das Aufkommen einer unabhängigen Szene von Filmemacher/innen, die ein vielfältigeres, bunteres Bild von Sexualität vermitteln wollen.

Haben Sie gezielt eine Marktlücke gesucht - oder gehen Sie eher einer Leidenschaft nach?

Für mich sind meine Filme keine Ware, da stehen meine Botschaften im Vordergrund. Wenn ich irgendwann mal Profit damit machen könnte, wäre das natürlich schön. Im Moment hole ich so gerade die Kosten wieder herein.

Wieviel kostet so eine Produktion?

Ich habe im Durchschnitt 40.000 Euro in jeden Film mit Hilfe von Krediten investiert. Vor allem die Postproduktion meiner Filme ist sehr aufwendig, da es mir nicht reicht einfach nur Sex abzubilden, sondern ich auch einen künsterlischen Anspruch habe.

Und womit bestreiten Sie sonst noch Ihren Lebensunterhalt?

Ich schreibe Artikel und Buecher, veröffentliche Fotos, mache Werbefilme und Dokumentationen veranstalte Workshops.

Werden Sie von der Arbeit hinter der Kamera angetörnt?

Nein, beim Dreh sehe ich alles durch den Sucher und muss mich darauf konzentrieren, dass Kamera, Ton, Licht stimmt. Deshalb wird mir meistens erst beim Anschauen des Materials nachher klar, was das für knisternde Szenen sind.

Haben sich feministische Freundinnen von Ihnen abgewandt, weil Sie nun Pornos drehen?

Nein, ich bin ja derselbe Mensch, das wird als Fortsetzung von dem gesehen, für das ich immer schon gestanden habe: Weibliche Selbstverwirklichung. Zumal ich meinen Botschaften treu bleibe - Safer Sex, Variation im Sex-Spiel, der Fokus auf die authentische weibliche Lust, keine genormten Körper und Respekt und Intimität zwischen den Darsteller/innen. Ich zeige auch Männer als Objekte der weiblichen Lust - da haben wir als Frauen ein großes Nachholbedürfnis.

Wie ist Ihr Verhältnis Zur Mainstream-Pornoindustrie?

Ich lege Wert auf meine künstlerische Freiheit und meine Unabhängigkeit. Deshalb mache ja auch keinen Ausverkauf an die Industrie - obwohl es Angebote gab. Positive Alternativen schaffen, das ist mein Ansatz - deshalb nenne ich mich sexpositive Feministin. Es geht mir um den weiblichen Blick, denn den männlichen kennen wir schon zur Genüge. Nur sechs Prozent der Hollywood-Regisseure sind weiblich, und im Bereich Porno sind noch weniger Frauen in dieser Position. Die Zeit ist reif, dass wir die Welt auch mal durch die Augen von Frauen sehen. Also mehr Frauen hinter die Kamera!

Bekommen Sie negative Reaktionen?

Eigentlich nicht - die Leute, die sich melden, reagieren immer positiv. Egal ob es Frauen oder Männer sind. Ärgerlich fand ich allerdings, dass das Frauenmagazin Emma unlängst mal schrieb, Frauen-Pornos seien eine Art Mythos, die gebe es eigentlich gar nicht. Ich will nicht mit den komerziellen harten und leider häufig immer noch frauenfeindlichen Pornos in einen Topf geworfen werden. Es wäre schön, von den "Schwestern" als Mitstreiterin anerkannt zu werden. Andererseits können Frauen natürlich auch sagen: Pornos mag ich überhaupt nicht - egal welche. Nur weil es jetzt Pornos aus weiblicher Sicht gibt, heißt es nicht, dass jede Frau auf einmal auf Pornos stehen muss. Jede wie sie will.

Vielleicht will die Emma-Kritik ja darauf hinaus, dass die Frauen-Pornos nur so eine Art Feigenblatt-Funktion in dem Business haben? Eine geduldete Kuschelecke innerhalb des bösen Imperiums?

Pornografinnen und unabhängige Sexshop-Inhaberinnen verändern aktiv und progressiv die Erotik-Industrie. Wir machen weibliche Sexualität sichtbar und feiern sie, statt den Kult um die männliche Potenz zu vertiefen. Das hat auch positive Auswirkungen auf Rollenverhältnisse in der Gesellschaft. Alte Muster brechen auf, neue können wachsen. Sex und Porno sind politisch. Die feministischen Pornografinnen werden von der Industrie nicht "geduldet" sondern gefürchtet bis bewundert, da wir neue Impulse setzten in einer Zeit wo die Industrie in einer Sackgasse gelandet ist. Kuschelig ist es in dieser Ecke auch nicht - der Kampf um die Distribution eines feministsichen Pornos ist knallhart und ich sehe es als Erfolg an, dass es meine Filme auch in einigen kommerziellen Sex-Shops gibt.

Wie sind Sie in die Beate-Uhse-Distribution hineingekommen? Zufall?

Es wäre schön, wenn das so einfach wäre. Es war viel Geduld und Beharrlichkeit. "Sexual Sushi" lag dort ein Jahr in der Schublade, bis die Zeit reif war, den Kund/innen mal ein solches Alternativ-Produkt anzubieten. Als es dann geklappt hat, habe ich mich natürlich riesig gefreut. Nur schade, dass ich nie Beate Uhse, die Grande Dame persönlich kennenlenern konnte - das wäre sicherlich spannend gewesen.

Was wissen Sie darüber, wie Frauen Ihre Pornos nutzen? Sind die eher Masturbationshilfe oder Inspiration für Paare?

Ich bekomme viele E-Mails von Frauen, die sich gerne mit meinen Filmen und Ihren Sex-Toys einen schönen Abend machen und sich nach Lust und Laune selbst verwöhnen. Viele schauen die Filme aber auch gerne mit Ihren Partner/innen um sich inspirieren zu lassen...

Warum mögen Männer Ihre Pornos?

Es ist ja nicht so, dass alle Männer kommerzielle Pornos gucken und mögen. Aus einigen Reaktionen weiß ich, dass manche Männer meine Pornos schätzen, gerade weil Frauen darin nicht erniedrigt und schlecht behandelt werden. Sie sehen sich selbst nicht als so ein Typ Mann; sie können sich da sozusagen schuldfrei etwas angucken. Und sie können etwas lernen über Frauenfantasien. Es gibt auch Männer, die finden den Mainstream-Porno längst langweilig und schauen sich gerne mal etwas anderes an, das nicht so vorhersehbar ist.

Man könnte Ihre Filme als politisch korrekten Porno bezeichnen, als Blümchen-Porno, sozialdemokratischen Porno. Politisch korrekter Porno - ist das nicht ein Widerspruch? Ähnlich wie beim politisch korrekten Humor?

Ich würde nicht sagen, dass ich politisch korrekt bin. Ich zeige ja nicht nur Blümchensex. Es gibt durchaus kontroverse Szenen in meinen Filmen, etwa die männlichen Solo-Masturbationen, oder wenn eine Frau einen Mann mit einem Dildo penetriert. Oder wenn eine Frau mit vorgeschnalltem Kunstpenis auf der Männertoilette cruisen geht und drei bisexuelle Männer aufreißt. Diese Szene wollte eine meiner Vertriebsfirmen lieber nicht drin haben. Und nun gibt es eine "zensierte" Version und einen "Director’s Cut" von "Female Fantasies" auf dem Markt.

Müssen Pornos nicht auch "dirty" sein?

Ich sehe Menschen nicht als Fick-Maschinen und zeige keinen Fleischerladen mit ständigen Großaufnahmen von Vaginen und Penissen. Ich zeige gerne echte Intimität und ungespielte Lust. Respekt zwischen den Darsteller/innen ist essentiell und ich schätze die individuellen Wünsche und Be-dürfnisse jedes Team-Mitglieds - insofern mache ich "humanistischen" Porno.

Was antworten Sie Frauen, die das alles zu sanft finden und die diese Art Heile-Welt-Porno überhaupt nicht anmacht?

Ich bin ein grosser Fan von Vielfalt und finde es wichtig Auswahl zwi-schen diversen Alternativen zu haben. Deshalb habe ich ja die Kompilation "Her Porn" veröffentlicht, die 14 Kurzfilme von 7 Filmemacherinnen zeigt - wenn frau meine Filme nicht gefallen, steht sie vielleicht auf Candida Royalle oder Maria Beatty. Je mehr Frauen Filme drehen, desto besser. Deshalb veranstalte ich ja auch zur Zeit auch meinen erotischen Kurzfilmwettbewerb für Frauen - zeigt mir und uns was Euch anmacht - egal wie soft oder hart. Eine Frau, schickte mir einen experimentellen Film mit Einstellungen von Füßen aus Roman Polanskis Filmen - sie hat einen Fußfetisch. Weibliche Sexualität schillert so vielfältig wie die Facetten eines Kaleidoskops.

Sie zeigen auch lesbischen Sex, der nicht auf den männlichen Beobachter zielt. Wann zeigen Sie schwulen Sex? Oder ist das ein Tabu?

Ja, in "Female Fantasies" zeige ich Männer, die miteinander Sex haben. Die männliche Bisexualität und die Prostata als Lustorgan für Hetero-Männer sind tabu im kommerziellen Hetero-Porno. Ich würde gerne mehr Sex zwischen Männern zeigen, denn das törnt Frauen ja durchaus an - es gibt eine Menge Frauen, die gern Schwulenpornos anschauen. Genauso wie Hetero-Männer gerne zwei Frauen beim Sex zuschauen, geniessen es Frauen, zwei oder mehr Männer beim Sex zu beobachten. Doch dafür die Darsteller zu finden, ist sehr schwer. Viele Männer wollen das nicht machen, weil sie befürchten, dann als schwul zu gelten. Männer werden immer noch als "hetero" oder "schwul" kategoriesiert, als gäbe es nichts dazwischen. Aber die Frau wird im Porno grundsätzlich als bisexuell dargestellt, was ja auch nicht der Realität entspricht.

Sie entwickeln die Szenen gemeinsam mit Ihren Darstellern. Setzen Sie da ausschließlich weibliche Fanatsien um, oder auch männliche?

Klar, nur weibliche Fantasien. Warum sollte ich Männerfantasien illustrieren? Das machen doch mehr als 95 Prozent der Pornos. Der typische Dreier im Männerporno wird immer sein, dass zwei Frauen einen Mann oral befriedigen. Ich stelle das auf den Kopf, zwei Männer verwöhnen eine Frau gleichzeitig oral.

Manchmal lachen Ihre Darsteller - ich dachte, das geht gar nicht im Porno.

Doch, doch - das geht. Ich denke, das ist deshalb so, weil meine Darsteller/innen sich gut kennen und total entspannt sind - denn bei mir wird nicht Stellung für Stellung abgehakt. Alle machen sexuell nur das, worauf sie Lust haben. Wie sagt man so schön: das fließt.

Sie fangen auch die Gesichter ein, die Kamera verweilt auf Mündern, Augen, Wimpern, Zähnen, Nasenlöchern... warum das?

Gesichter finde ich spannender als Geschlechtsteile. Mein größtes Sexual-organ sitzt zwischen den Ohren, nicht zwischen den Beinen. Es ist doch aufregend, was im Gesicht passiert beim Orgasmus. Das kann sehr intensiv und intimer als Geschlechtsorgane sein.

Warum so viele Kostüme, Masken, Federn, Blumen, Perlenketten, Blüten-blätter? Ist das nicht eine Überdosis Mädchenzimmer?

Ich selbst verkleide mich einfach gerne. Ich mag Rollenspiele und das Burleske. Ich finde ein Korsett, aus dem Frau sich langsam herausschält aufregender als gespreitzte Nacktheit. Die Geschmäcker sind verschieden - wer es einfacher und direkter mag, kann an aus tausenden anderen Fil-men wählen...

Sie experimentieren viel mit Licht, Lichtreflexen und Schatten - das wirkt manchmal ein bisschen kunstgewerblich.

Ich bin professionelle Filmemacherin und habe das kreative Ausleuchten gelernt. Für mich ist eine gewisse Wärme wichtig - ich will keine Studioatmosphäre, nicht dieses grelle, gynäkologische Ausleuchten.

Sind ihre Darsteller tatsächlich Laien, wie finden Sie die Leute?

Es sind Laien, bis auf eine Profi-Darstellerin, die unbedingt mal in einer Nebenrolle mitmachen wollte, weil ihr mein Konzept gefiel. Die Leute finde ich über den Casting-Fragebogen auf meiner Webseite und auch über Flyer, die ich in Frauen-Sex-Shops auslege. Es melden sich auch Freunde und Bekannte meiner DarstellerInnen. Die Suche ist gar nicht so einfach - denn manche haben einen Job, der ihnen das nicht erlaubt, etwa Lehrer. Andere wollen es nicht machen, weil sie Kinder haben. Passende Männer zu finden ist schwierig - denn bei meinen Filmen steht ja gerade nicht der Mann im Mittelpunkt. Es müssen Männer sein, die Lust daraus gewinnen, Frauen zu verwöhnen.

Warum machen Ihre Darsteller das? Werden Ihre Darsteller bezahlt?

Es gibt keine Bezahlung pro Szene wie im Mainstream-Porno. Das ist eher eine Unkostenerstattung plus Reisekosten, Hotelkosten und eine Pauschalsumme für die Zeit, die wir gemeinsam gedreht haben. Das Geld steht für meine Darsteller nicht im Mittelpunkt, es geht um den Kick, um den Spaß. Da ist keiner dabei, der sagt, ich will Pornostar werden. Die haben alle ganz normale Jobs.

Sie haben für Ihre Arbeit Auszeichnungen vom Mainstream-Porno-Business erhalten. Warum haben Sie als Kritikerin des Mainstream diese Preise angenommen?

Mir ist einfach die Anerkennung für Frauen-Pornos wichtig. Ich kooperiere ja auch durchaus mit diversen Firmen aus der Erotik-Industrie, wie zum Beispiel mit einem Gleitmittel-Hersteller, der meinen Filmen Gleitmittel-Pröbchen und Kondome beilegt - und mir so hilft, Safer Sex zu promoten. Dieselbe Firma sponsert auch meinen Nachwuchspreis für neue Filmemacherinnen. Ich kooperiere gerne mit Firmen, die eine ähnliche Philosphie wie ich haben und die mir meine künstlerische Freiheit lassen...

Interview: Hans-Hermann Kotte

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