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Interview mit Otto Waalkes "Jetzt mal im Ernst …"

Der notorische Spaßmacher über wahre Leidenschaften, Internet-Videos mit ihm als Jazz-Gitarristen und den Moment, da sein Sohn sich für ihn zu schämen begann. ( Mit Video)

01.07.2009 16:07
Otto Waalkes jodelt für seinen Sohn. Foto: dpa

Herr Waalkes, im Kino läuft jetzt der dritte Teil von "Ice Age". Sie sprechen wieder das Faultier Sid, das uns - hinter all dem Klamauk - mit der Frage konfrontiert, ob ein chaotischer Spaßvogel zum Vater taugt. Haben Sie sich das auch gefragt, als Sie Vater wurden?

Zum Fragen war es da schon zu spät. Antworten waren gefragt, das heißt natürlich auch: Verantwortung übernehmen. Und letztlich ist es mir ganz gut bekommen. Ich bin erwachsener geworden. Auch wenn es keiner bemerkt hat, zum Glück.

Ihr Sohn ist 1987 geboren, da hatten Sie gerade den zweiten Film gedreht, waren sehr gefragt, viel unterwegs. Wie stark brachten Sie sich da in die Erziehung ein?

So stark ich konnte, von Anfang an. Das hat sich auch durch meine Trennung von seiner Mutter nie geändert. Wenn ich unterwegs war, habe ich ihn damals oft mitgenommen, das ließ sich machen. Ich habe ihn in den Schlaf gesungen, und mit meinem Herzblut gestillt ...

Klingt sehr easy. Kam nie was da-zwischen? Durchgeschrieene Nächte, Ohrenschmerz, Windpocken ...

Woher kennen Sie unser Kindermädchen, Fräulein Ilona Windpocken? Jetzt mal im Ernst: Als frischer Vater ist man so stolz, dass es nicht nervt, den Kleinen dabei zu haben. Und die Kinder sind anfangs auch noch stolz, einen berühmten Papa zu haben.

Bedenkt man, dass Teenagern schon ihre ganz normale Eltern peinlich sind, kann man ahnen, wie Ihr Sohn später gelitten hat.

Wir haben ihn auf die Internationale Schule geschickt, wo Schüler und Lehrer meist Ausländer sind und mich nicht kannten. Peinlich wurde ich ihm erst, als er 13, 14 war. Wenn er Kumpels mitbrachte, die ich im Otto-Gang mit "Hollerehidi!" begrüßte, knurrte er nur gequält: "Papa, lass es! Es ist peinlich!" Heute ist er 22, jetzt ruft er mich mitten in der Nacht runter, wenn er mit Freunden da ist: "Papa, komm mal! Mach mal den Otto-Gang und ,Hollerehidi'! ... Danke, kannst wieder hochgehen."

Sie sind studierter Pädagoge. Welches Erziehungskonzept haben Sie selbst angewandt?

Mein Ansatz war natürlich antiautoritär, orientiert an A. S. Neill, dem schottischen Guru aus Summerhill. Im Pädagogik-Studium hatte ich gehört, die Idee sei widerlegt - das war mir egal. Wobei die Methode für mich sehr praktisch ist: Einfach, weil ich selbst bis heute nicht ganz erwachsen geworden bin, wurde ich von dem Jungen immer gleichwertig behandelt - respektlos eben.

Genau dieser Wunsch der Eltern, ihr Kind möge sie als Freunde sehen, gilt in der aktuellen Erziehungsdebatte als Wurzel allen Übels. Diese Rollenverwirrung verkorkst unsere Kinder, schreibt Psychiater Michael Winterhoff in seinem Bestseller.

Ja, das ist doch das Geniale an Psychologen: dass einer eine Theorie verfasst, die ein anderer dann bestsellertauglich widerlegen kann. Ob mein Sohn sich beschädigt fühlt, müssten Sie ihn fragen. Mir macht nur diese Ähnlichkeit zu mir Sorgen, das wollten wir eigentlich vermeiden. Da erzieht man und erzieht man und erzieht man - und am Ende machen sie einem doch alles nach.

Zum Beispiel?

Obwohl wir das nie wollten, greift der Sohn plötzlich zur Gitarre. Plötzlich macht er selbst "Hollerehidi".

Vor Ihrem Durchbruch standen Sie selbst eine Weile als Lehrer im Klassenraum ...

Nein, da kann ich Entwarnung geben, das ist eine Falschmeldung, die seit Jahren kursiert. Ich habe zwar Kunstpädagogik studiert, wollte aber nie unterrichten. Ich wollte auf der Akademie der Bildenden Künste in Hamburg Freie Malerei studieren, aber die nahmen nur noch Pädagogen und Schriftentwurfstechniker an. Also schrieb ich mich auch am Pädagogischen Institut der Uni ein.

Und wollten nach dem Studium ernsthafter Kunstmaler werden?

Müssen Kunstmaler ernsthaft sein? Konnte man Bazon Brock ernst nehmen? Ich habe bei ihm und Rudolf Hausner studiert, Mischmaltechnik. Ich wollte das hinkriegen wie Rembrandt, da siehst du jedes einzelne Haar am Pelzmantel. Das versuchte ich auch: mit feinstem Pinsel die Spitzen, dann Deckweiß, Tempera, trocknen lassen, dann Ölfarben ...

Also gibt es irgendwo einen echten Waalkes, der noch große Kunst werden könnte?

Ja, mein Meisterwerk heißt "Junges Mädchen mit Schal und Pelzmütze": ein Halbporträt meiner damaligen Freundin in Öl, auf Leinwand, 1 x 1,80 m. Ich habe versucht, stoffliche Unterschiede zu erarbeiten: Wollmütze, Seidenschal, Pelzmantel - gutes Handwerk, echte Kunst. Aber apropos Kunst: Kunst mir mal fünf Euro pumpen?

Könnten wir noch etwas ernst bleiben bitte?

Aber gern. Ich gestehe: so kurz und ernsthaft ich auch versucht habe, in der Malerei Fuß zu fassen - es ist mir nicht gelungen. Ich habe mich dann aufs Ottifanten-Zeichnen verlegt.

Warum scheiterten Sie als Maler?

Es war kein Scheitern. Andere Sachen waren nur erfolgreicher. Ich musste damals mein Studium finanzieren. Also bin ich mit der Gitarre in kleinen Clubs aufgetreten, die Clubs sind dann immer größer geworden - und hießen plötzlich nicht mehr "Onkel Pö", sondern "Westfalenhalle".

Träumen Sie von einem Lebensabend als Maler, wenn die Bühne mal zu anstrengend wird?

Nein, für mich ist das ein großes Ganzes. Ich bin von der Bildenden zur Darstellenden Kunst nahtlos rübergeschlüpft, bis heute mische ich Comedy mit Musik und male auf der Bühne. Als ich anfing, gab es in Deutschland keinen, der allein zwei Stunden auf der Bühne Stand-up macht. Man kannte nicht mal das Wort: Stand-up - war das etwa das Gegenteil von Sit-in? "Comedians" waren "Blödelbarden". Wobei musikalische und bildnerische Talente immer hilfreich waren: Sie geben ein Gefühl für Rhythmus, Timing, Lichtgestaltung, Bühnenwirkung. Dass ich damit nach fast 40 Jahren immer noch neue Jugendliche, neue Kinder anspreche, ist mir ein Rätsel.

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Vielleicht liegt es daran, dass Ihre neuen Projekte von "Ice Age" bis "7Zwerge" mit ihrem simplen Humor eher Kinder begeistern. Ältere Fans wünschen sich den anarchischeren, doppelbödigeren Otto zurück.

Doppelbödig? Ach, die Erinnerung verklärt da vieles. Das waren andere Zeiten in den 70ern, Tabus waren schnell gebrochen. Damals fand Bundeskanzler Schmidt, ich müsse mich entschuldigen für Gags wie "Schon gehört: Der Papst hat Selbstmord begangen! - Kein Wunder, wenn man sich beruflich verbessern kann." Heute eher harmlos, oder?

Bedauern Sie das? Ist die Arbeit im tabufreien Raum schwerer?

Nein. Heute muss man eben durch Kunstfertigkeit überzeugen, durch Virtuosität, etwa auf der Gitarre. Auch der überraschende Kalauer, reiche Reime, so was ist zeitlos. Das büßt auch nach 40 Jahren nichts von seiner Überflüssigkeit ein. Ich merke es an diesen Sachen von früher, die noch immer ankommen - Leute wie Robert Gernhardt und Pit Knorr haben wunderbar zeitloses Material geschrieben.

Wie verkraften Sie es künstlerisch, dass Gernhardt, mit dem Sie jahrzehntelang zusammenarbeiteten, 2006 verstorben ist?

Ich arbeite immer noch mit Bernd Eilert von der Neuen Frankfurter Schule zusammen - und wir vermissen unseren Freund Robert jeden Tag. Aber wir haben ein sicheres Fundament von damals. Wir haben Basismaterial für viele Nummern, die wir weiterentwickeln oder aktualisieren können: "Angeklagter, Ihnen wird zur Last gelegt, Sie hätten an dem Mast gesägt" - das wollen die Leute immer noch hören. Ich verbinde das Gedicht heute mit einer Parodie aufs RTL-Fernsehgericht.

Gibt es Humor von heute, der Ihnen zu weit geht? Sasha Baron Cohen mit seiner antisemitischen Kunstfigur Borat oder dem rassistischen Brüno?

Im Gegenteil, das ist Aufklärung! Als Jude stellt er den latenten Antisemitismus und die Doppelmoral bloß - auf erstaunlich witzige Weise. Diese Art Komik begeistert mich. Auch Helge Schneider als Hitler in dem Dani-Levy-Film, oder seine eigenen Filme und wie radikal er auf der Bühne sein Ding macht - manchmal ohne Rücksicht aufs Publikum: mutig!

Fehlt Ihnen dieser Mut?

Ja. Mir ist das zu konfliktträchtig, ich bin da zu harmoniesüchtig. Auch wenn ich solche Leute bewundere und mir denke: "Ah, das müsste man auch mal riskieren!", ist mein nächster Gedanke: "Ich doch nicht."

Weil bei Ihnen das Kriterium für einen guten Witz ist: Der ganze Saal muss lachen, von ganz Jung bis ganz Alt?

Ja, ich will, dass alle Leute Spaß haben. Ich bin da sehr, ich will nicht sagen "angepasst", aber: zuschauerfreundlich, das liegt in meiner Natur. Wenn die ganze Familie kommt, sollen auch alle wiederkommen. Die bringen eine Erwartungshaltung und so viel Wohlwollen mit - wieso sollte ich die abtörnen?

Der US-Komiker Andy Kaufman hat nach ersten Erfolgen einfach "Der große Gatsby" auf der Bühne vorgelesen. Helge Schneider tourte eines Tages mit wortlosen Jazzklavier-Abenden. Haben Sie mit 61 keine Lust, aus der Figur des aufgedrehten Clowns auszubrechen?

Das würde mir schon Spaß machen. Leider verbirgt sich hinter der Maske des aufgedrehten Clowns nur ein notorischer Spaßmacher. Abgesehen vom Musiker: Ich spiele leidenschaftlich gern Gitarre, von klein auf. Und ich übe viel und merke, das wird immer besser. Ich hab' jetzt mal einiges aufgenommen, instrumentale Gitarrenstücke, ganz klassisch gezupft: "Lady Madonna", "Whiter Shade Of Pale", "Jerry's Breakdown" von Jerry Reed - ein sehr schnelles Stück. Ist mir gar nicht so schlecht gelungen.

Sie können sich also so eine ernsthafte Tour vorstellen?

Was heißt "ernsthaft"? Es kommt auf die Erwartungen der Leute an. Wenn das jemand hören will: Gerne. Ich bin sehr, sehr käuflich.

Für sich selbst täten Sie es nicht?

Vielleicht lässt es sich kombinieren. Ich habe jetzt erstmal Videos von diesen kleinen Gitarrenstücken bei YouTube eingestellt - um mal zu testen, ob es da überhaupt Interesse gibt. Bisher erfahre ich ziemlichen Zuspruch. Ich versuche jetzt, diese Klassik- und Jazzmusik mit Texten zu versehen, keine Songtexte, eher komische Rezitative. Das ist nicht einfach, weil das parallel zum Fingerzupfen laufen muss. Da muss ich noch sehr intensiv üben.

Bei YouTube zeigen Sie in Ihrem Channel "OttoWausE" aber auch Gags und Sketche. Das heißt: Früher brillierten Sie mit einem Programm pro Jahr, jetzt konkurrieren Sie mit Drei-Minuten-Clips wie dem berühmten Videoschnipsel, in dem ein Affe vor seinem Spiegelbild erschreckt. Im Fernsehen werden Ihre jungen Kollegen für Dutzende Comedy-Shows am Tag verheizt. Kalkuliert man da den Qualitätsverlust bewusst ein?

Die Gefahr besteht immer. Und weil man das weiß, kann man es vermeiden. Andererseits ist die Verschleißgefahr nicht mehr so groß wie früher. Als es nur drei TV-Sender gab, habe ich nur ein Programm pro Jahr gemacht, damit die Leute mich nicht überkriegen. Heute gibt's viele Sender und fast überall ununterbrochen Comedy. Und doch kristallieren sich aus dem Quotenbrei immer wieder Talente raus: erst Hape, dann Helge Schneider, Michael Mittermeier, Bastian Pastewka, Ralf Schmitz ...

... die Sie mit Ihren neuen Filmen bewusst an sich binden, um so neuen Input zu kriegen?

Klar, das ist auf- und anregend. Ich werde sie alle auch in meinem nächsten Film wieder brauchen: "Ali Baba und die 40 Räuber". Nein, das wird zu viel, lieber "Otto's Eleven". Nur George Clooney hat abgesagt, scheint an der Kleinigkeit von 20 Millionen Dollar zu liegen.

Ihr Limit für ein Gespräch ohne Blödelei ist erreicht?

Wieso, ist doch eine super Idee zum Wahlkampf: "Otto ist James Blond - im Auftrag seiner Kanzlerin", Untertitel: "Du lachst nur einmal".

Apropos: Sie spielen Ende August mehrere Abende am Stück im Admiralspalast in Berlin. Gehen Sie da, so kurz vor den Wahlen, auch auf den Wahlkampf ein? Sid, das lispelnde Faultier, trifft Pofalla, den näselnden Generalsekretär?

Ich bin ja kein Kabarettist. Nicht einmal ein klassischer Parodist, ich suggeriere den Leuten einfach, "ich bin jetzt Udo Lindenberg" - aber Pofalla? Wollen Sie das Publikum abschrecken? Ich synchronisiere doch nicht jeden!

Interview: Steven Geyer

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