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Interview mit Maximilian Schell "Ich fliege über dunkle Täler"

Der Oscar-Preisträger erzählt von Momenten der Todesnähe, seiner Vorliebe für Telenovelas und seinem letzten Telefonat mit Marlene Dietrich.

27.11.2008 20:11
Schell ueber Schell
Der 69-jährige Maximilian Schell machte als Schauspieler in Filmen wie "Der Rosengarten" oder "Das Urteil von Nürnberg" Karriere. Für seine Rolle in diesem Streifen erhielt Schell 1962 sogar einen Oscar. Foto: ddp

Herr Schell, Sie kommen gerade aus Montreal, stehen morgen schon wieder in Wien vor der Kamera, und hier in der Hütte stapeln sich die Scripte zu Ihrem Beethoven-Filmprojekt - wer ist Ihr Energie-Versorger?Ich habe doch keine Energie. (lacht) Wirklich nicht, ganz wenig Energie. Manchmal bin ich selbst überrascht, wenn ich Energie habe ...

Was treibt Sie an? Warum atmen Sie? Bin manchmal sehr müde und manchmal wieder nicht. Früher war ich eigentlich ziemlich energiegeladen - das hab ich dann im Tennis verbraucht. Und Björn Borg geschlagen ... allerdings im Schach.

Für einen Bühnen- und Erfolgsmenschen wie Sie ...... bin kein Erfolgsmensch, bin auch kein Bühnenmensch. Ich bin Student. Das bleibt auch so.

Auch noch mit fast 78 Jahren?Immer noch!

Herr Schell, eigentlich müssten wir dieses Jahr feiern: Vor 75 Jahren haben Sie Ihren ersten Applaus bekommen!Ach so? Aber nicht auf den Tag. Eher ein Jahresjubiläum ...

Sie haben einen Grashalm gespielt ...Das hat mir meine Mutter erzählt, ich weiß nicht, ob es stimmt. Ich war drei Jahre alt und sollte in einem Kinder-Theaterstück meines Vaters mit einem Veilchen tanzen. Das Mädchen, das die Blume spielte, war entzückend, ich glaube auch, dass ich mich in sie verliebt hab, eine Baroness. Und dann hat meine Mutter, die Regie geführt hat, aus unerfindlichen Gründen, wie immer bei Regisseurinnen, die Rolle meiner Partnerin verändert. Plötzlich war es eine Rose oder Lilie, also sicher kostbarer als ein Veilchen, aber es hat mir überhaupt nicht gepasst. Und daraufhin hab ich mich geweigert aufzutreten. Dann haben mich aber alle so genervt, dass ich schließlich an die Rampe gegangen bin und ins Publikum hinausgeschrieen habe: Ich bin keine Blume, wisst ihr was, und doch eine Blume, ich bin Gras! Donnernder Applaus! Größter Erfolg, den ich je in meinem Leben hatte, durch nichts mehr aufzuwiegen. Es ist natürlich schwer, schon mit drei Jahren den größten Erfolg seines Lebens zu haben - danach kann eigentlich nur noch der Abstieg kommen.

Kluge Erkenntnis.Nicht die einzige. Nach dem Krieg musste ich während des Studiums mal eine Seminararbeit schreiben über die berühmte Reiterstatue des Dexileos. Also fuhr ich nach Athen zum Kerameikos-Friedhof - der liegt in der Nähe der Hafenstadt Piräus. Wir gingen durch den uralten Friedhof zu einer kleinen Baracke, und ganz hinten in der Ecke, hinter einer verstaubten Scheibe beleuchtet, stand diese weltberühmte Statue, die erste Reiterstatue der Welt. Da hab ich auch gedacht: Mein Gott, weltberühmt, aber dann steht man völlig verstaubt in einer Ecke. So hab ich früh die Grenzen des Ruhms kennen gelernt.

Sie waren also schon als dreijähriger Grashalm "Der Rebell" - wie Sie ihn später in Ihrem gleichnamigen autobiografischen Roman beschrieben haben?... nicht autobiografisch, aber ich bin rebellisch!

Wogegen rebellierten Sie denn damals als Dreijähriger?Gegen die Mutter. (lacht) In erster Linie gegen die (ironisch) Klischeehaftigkeit der Zeit. Ich dachte eigentlich immer, ich sei geboren worden, um den Kitsch aus der Welt zu schaffen, aber diesen Gedanken habe ich leider längst aufgegeben. (zitiert frei:)"Es lastet über unserer Zeitder Fluch der Mittelmäßigkeit.Hast du einen so schwachen Magen,kannst du die Wahrheit nicht vertragen?Bist also nur ein Grießbreifresser?Ja dann - ja dann verdienst du es nicht besser!"Das habe ich Anfang des Jahres bei der Verleihung des Diva-Lebenswerkpreises in München aufgesagt und betont, dass Tucholsky es 1931 geschrieben hat. Die Leute waren beruhigt, aber im Grunde ist es heute genau das Gleiche.

Als Sie den Bundesfilmpreis für Ihr Lebenswerk bekommen sollten, wollten Sie den erst gar nicht annehmen. Warum eigentlich nicht?Da war ich viel jünger, das war vor zehn, 15 Jahren. Damals habe ich gesagt: Ich komme dann, wenn mein Arzt es mir anrät. Der Preis steht jetzt beim damaligen und heutigen Innenminister Schäuble auf dem Kamin. Er sagte mir kürzlich: "Sie sind jederzeit willkommen, ihn abzuholen."

Im Sommer 2000 sollten Sie in Riga zum "Schauspieler des Jahrtausends" gekürt werden, mussten dann aber vom Notarzt behandelt werden. Hatten Sie da Angst? Das war sehr dramatisch. Das war eine Pankreatitis, eine Bauchspeicheldrüsenentzündung. Und die wollten mich operieren, aber ein Privatflugzeug brachte mich von Riga nach München, das hat mich gerettet. Zuerst hat einer begeistert gesagt: "Nur zehn Prozent überleben das." Später in München sagte ein anderer noch begeisterter: "Nur fünf Prozent überleben!" (lacht) Ist doch egal, ob fünf oder zehn - schön, dass ich bei diesen Prozenten bin. Aber es war schrecklich, ganz merkwürdig, ich lag sechs Wochen lang praktisch im Koma.

Haben Sie oft Todesnähe erlebt?

Nicht so oft. Aber ich habe mich immer sehr mit dem Tod beschäftigt,schon als Vierzehnjähriger. Ich mochte auch Friedhöfe. Jetzt mag ich sie nicht mehr so gern. (lacht)

Gibt es ein Leben nach dem Leben?

Die Einzige, die mir das so ein bisschen plausibel machen konnte, war meine Mutter, komischerweise. Die hat gesagt: "Weißt du, ich stell mir das so vor. Alles, was der Mensch je gedacht hat, ist in Erfüllung gegangen, bis zum Fliegen. Alle andern Träume auch - irgendwann sind sie realisiert worden. Schon vor 10 000 Jahren glaubten die Grabbeigaben an ein Leben der Seele oder was immer. Wahrscheinlich geht das dann doch auch in Erfüllung." Das fand ich relativ plausibel.

Schöner Gedanke ... träumen Sie hier oben auf Ihrer Alm anders?

Nein. Oder... doch, man träumt immer anders. Aber ich weiß gar nicht, ob es damit zu tun hat, wo man ist. Ich glaube eher, man träumt das, was man sich wünscht oder gedacht oder erlebt hat. Zum Beispiel einer der schönsten Träume, die ich hatte: Ich ging ins Schauspielhaus Hamburg. "Ist der Chef da?" "Ja, in seinem Büro." Und da war ein Glücksmoment in mir: "Wo ist das?" "Ja, da ganz hinten und dann links." Ich kam ja gar nicht so weit, aber ich wusste, Gründgens lebt. Das war herrlich.

Haben Sie wiederkehrende Träume?

Ja. Die schlimmsten sind immer die, dass ich in einer Stunde Vorstellung habe, aber keine Ahnung vom Text. Einmal träumte ich, ich würde mit Gründgens zum Theater-Festival in Edinburgh fahren: "Du bist doch gut als Hamlet, komm", sagte er mir. "Aber ich weiß nicht, auf Englisch? Ich kann doch nicht in Edinburgh den deutschen Hamlet ..." Wir waren beide beklommen und hatten Angst. Dabei war ich noch nie in Edinburgh. Als Junge hatte ich immer den Traum, dass ich verfolgt werde und Angst habe und renne und renne und renne und immer höher hinaufrenne und immer höher hinauf - schließlich stehe ich auf irgendeinem Balkon und realisiere: Ich kann jetzt nicht mehr weiter. Und plötzlich fällt mir ein: Ich kann ja fliegen. Und dann stoße ich ab vom Balkon und fliege über dunkle Täler, und unten ist die Menge, die zu mir raufschaut. Ein oft wiederkehrender Traum.

Hat die Menge gejubelt?

Nöö. Bös waren sie. Er ist ihnen entkommen: Er kann fliegen!

Leonard Bernstein fand, dass Sie am Flügel bemerkenswert sind. Wo steht denn Ihr Klavier?

Drüben im Haus von Maria.

Und Sie spielen regelmäßig?

Ja, aber nicht mehr so viel wie früher. Aber ich habe noch einen Steinway-Flügel, der ist leider noch in einem Umzugsdepot. Ich muss zuerst die Häuser fertig machen ...

... die Häuser fertig machen?

Weiter oben am Hang steht ein größeres Haus, ich baue schon 22 Jahre dran ...

Und ziehen Sie dann um nach oben?

Nein, eigentlich war das Haus gedacht für die ganze Familie. Aber die meisten sind schon gestorben, und die Kinder sind groß, wollen weg. Bei uns in der Schweiz gibt es einen schönen Spruch. Mit sechs Jahren sagt der Sohn: "Der Papa kann alles." Mit neun: "Der Papa kann fast alles." Mit 15: "Mein Papa ist ein ziemlicher Trottel." Mit 18: "Mein Papa ist ein Volltrottel." Mit 21: "Der ist und bleibt ein Volltrottel." Mit 28: "Wenn ich so drüber nachdenke: So blöd ist der alte Herr eigentlich gar nicht." Und mit 40: "Wenn ich nur noch mit dem Vater reden könnte." Das bleibt uns nicht erspart. Es ist so, für jeden, da kann man machen, was man will. Zurzeit bin ich ein Trottel. Doch mein Sohn hat mir neulich einen Brief geschrieben, ich sei keiner. Wenn schon einer von sich selber sagt, er sei ein Trottel, kann er gar keiner sein.

Vermissen Sie Beverly Hills?

Hm, joo. Aber hier in Österreich herrscht eine ältere Kultur, die spürt man einfach.

Sie haben ja auch beklagt, dass L. A. eine Wüste sei. Dabei haben Sie oft gesagt, Sie lieben die Wüste.

Ich liebe die Wüste auch, sie ist wunderbar. Der Kleine Prinz sagt: Es ist schön, in einer Wüste zu sein, weil man weiß, dass es irgendwo einen Brunnen gibt. Das sind Sätze, die dann bleiben.

Manchmal bleibt auch das Schweigen. In einer amerikanischen Talkshow hatten Sie mal einen unvergesslichen Auftritt, als Sie eine zeitlang gar nichts mehr sagten.

Ich schwieg einfach. Das fanden die auch alle gut. Wie hat er geheißen?

Der Talkmaster? Dick Cavett.

Das war eigentlich der Beste.

Wie kamen Sie darauf, ihn anzuschweigen?

Ja, Cavett und ich, wir haben geredet so wie wir beide jetzt. Und ich habe dann gesagt: "Es gibt ein interessantes Experiment. Man nimmt die Hand, schaut sich an und schweigt. Und nachher erzählt man sich, was man denkt." Wir haben, glaube ich, 48 Sekunden einfach geschwiegen. Und zum Schluss haben alle gesagt: "Das war das Beste an der Talkshow, dieses Schweigen." Der Produzent fiel in Ohnmacht, aber sie haben es drin gelassen. (lacht)

Herr Schell, Sie haben in Moskau, Zürich und München gelebt und gearbeitet. Wie denken Sie an diese Zeiten zurück?

Das Moskau der 80er Jahre war ein schrecklicher Eindruck. In Zürich habe ich noch das Häuschen ... aufgewachsen bin ich in der Villa Wesendonck, die ist ja längst in ein Museum umgewandelt, man kann sie kaum mehr erkennen. Wir waren ja damals Emigranten aus Wien. Ich habe zwei Jahre im Waisenhaus verbracht, eine harte Lebensschule. Und hinter dicken Mauern hüteten die Nonnen ihr Geheimnis. Ich hatte auch noch keine Vorstellung von Mann und Frau. Und war erst glücklich, wenn ich im Bett lag - habe die Decke über den Kopf gezogen. Das hat sich dann wiederholt in der Rekrutenschule - die fand ich schrecklich, aber sehr schön fand ich das Bett, da konnte man dann zumachen, und alles war weg.

Machen Sie das manchmal auch hier oben auf Ihrer Hütte: Augen zu, abschalten? Es gibt hier nicht mal einen Fernseher.

Doch, oben. Und dann habe ich jetzt noch einen aufgestellt vor dem Hometrainr. Aber ich bin erst einmal damit gefahren. Man kann so schön dabei fernsehen. Zum Beispiel "Sturm der Liebe" - haben Sie das schon mal gesehen?

Nein. Klingt aber verdächtig nach Telenovela ...

Ja. Man mag diese Menschen, man leidet mit ihnen und dem Drehbuchautor - dem fällt immer wieder ein Toter ein oder irgendwas anderes im richtigen Moment. Also ich find's herrlich. Und auch diese Gerichtsszenen am Nachmittag: diese schrecklichen Schicksale in Ha-

nau oder Gröblichenzell - fabelhaft.

Genau: das Drama des Lebens - griechische Tragödie, neu erzählt ...

Von denen haben sie's ja gelernt.

Herr Schell, Sie haben zwei bemerkenswerte, aber extrem unterschiedliche Filme gemacht: "Marlene" und "Meine Schwester Maria". Die Dietrich im dunklen Kino, nur ihre schnarrende Stimme, ein Ton-Film. Dagegen Maria Schell in hohem Alter und mit berührender Offenheit. Eine Marlene, die sich versteckt - eine Maria, die sich zeigt.

Genau. Es geht auf beide Weisen. Der eine Film ist eine Verneinung, der andere eine Bejahung. Vom Regisseur, vom Kino, vom Leben. Und deshalb waren das eigentlich zwei schöne ... sie korrespondieren auch miteinander. Ich erinnere mich noch gut daran, dass mich die Münchener Abendzeitung in Russland anrief, kurz vor dem Tod von Marlene Dietrich. Sie fragten mich, ob ich einen Nachruf schreiben würde für Frau Dietrich. "Wieso, ist sie gestorben?" "Nein nein, aber es geht ihr sehr schlecht." Dann habe ich gefragt: "Was würden Sie sagen, wenn ich über Sie einen Nachruf schreibe, während Sie noch leben? ... Aber wissen Sie was? Ich rufe sie an und frage sie. Wenn sie nichts dagegen hat, dann mache ich's." Okay, ich hab die Marlene angerufen - da war gerade die Garbo gestorben: "Marlene, hier ist Maximilian ..." (mit hoher Stimme:) "Madame n'est pas là, Madame est en Suisse." (wieder tief:) "Marlene, ich bin's, Maximilian." "Madame n'est pas là, Madame est en Suisse." "Marlene, ich bin's, Maximilian." (In sonorem Dietrich-Sound:) "Ach so, Maximilian, ja warum sagen Sie das nicht gleich. Wissen Sie, die rufen jetzt alle an, weil die Garbo gestorben ist, und die war doch so geizig." Das war ihr Nachruf auf die Garbo: "Die ist gestorben, die war doch so geizig." Verstehe ich bis heute nicht. Aber das war Marlene. Und dann habe ich ihr die Geschichte erzählt. "Und? Zahlen die was?", wollte sie wissen. "Ja, ziemlich viel." "Dann machen Sie's doch!" Da sage ich: "Nein, ich habe Hemmungen. Aber ich mache Ihnen einen Vorschlag: Ich bringe eine Kamera mit das nächste Mal, und dann sagen Sie, und wir nehmen das auf: Hier ist Marlene Dietrich, ich bin gestern gestorben und möchte mich gern von Ihnen allen verabschieden." (energisch begeistert:) "Das ist ja wunderbar, das machen wir, dann kann ich endlich sagen, was ich von allen denke." Sie fand die Idee toll, ich fand's auch gut. Aber leider ist sie vorher gestorben. Vielleicht mach ich das einmal selbst so. Nur, ich bin nicht so wie Marlene, die kann sich das leisten. Mich nimmt man immer so ernst, dabei bin ich ein Komiker.

Interview: Oliver Spiecker

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