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Interview mit Margot Käßmann "Diese Frage nervt - ehrlich!"

Landesbischöfin Margot Käßmann spricht im FR-Interview über ihr Krebsleiden, ihre Karriere in der Kirche und darüber, warum man zerrissenen Familien keine heile Welt predigen sollte.

25.09.2009 00:09
Margot Käßmann Foto: dpa

Frau Bischöfin, Sie sind jetzt zehn Jahre im Amt. Am Ende werden Sie länger Bischöfin gewesen sein, als Adenauer und Kohl Bundeskanzler waren. Was ist das für ein Gefühl?

In zehn Jahren werden womöglich die ersten sagen, noch fünf Jahre, dann gibt es endlich einen Wechsel! Nach neuem Recht werde ich ja bis 66 amtieren, werde also, falls ich gesund bleibe, das 25-jährige Jubiläum erleben.

Die "Rente mit 67" gilt auch für Sie?

Genau. Ich habe aber keine Sorge, dass ich mich bis dahin langweilen werde.

Tönen Sie eigentlich Ihre Haare?

Charmante Frage! Nein, noch nie. Mein Friseur ist Zeuge. Aber warum interessiert Sie das überhaupt?

Weil sich ein ehemaliger Bundeskanzler aus Hannover wegen dieses Themas durch sämtliche Instanzen geklagt hat. Und weil Sie sich in Ihrem neuen Buch über die "Lebensmitte" ausdrücklich mit den Spuren des Alterns befassen.

Das ist doch klar, wenn du 50 plus bist. Ich finde es merkwürdig, wenn Leute so tun, als wären sie mit 50 noch jung und dynamisch. Dabei haben sie die besagte Lebensmitte schon überschritten.

War der 50. für Sie ein Einschnitt?

Erst habe ich das weggedrückt und gesagt, so ein Unfug, interessiert mich nicht. Aber dann habe ich gemerkt, dass der 50. Geburtstag ein markanter Punkt ist - in der Außenwahrnehmung, aber auch für einen selbst: Du bist garantiert nicht mehr jung und musst dir überlegen, wie du die verbleibende Zeit deines Lebens verbringen willst.

Und: Wie wollen Sie sie verbringen?

Die größere Freiheit genießen. Ich denke, das gilt für Frauen ganz anders als für Männer. Als Frau ist mit 50 die Familienplanung abgeschlossen. Das Thema "Kinder kriegen" ist vorbei, während viele Männer über 50 noch einmal Vater werden. Ein ganz anderes Lebensgefühl! Ich selbst habe als Mutter 27 Jahre Kinder versorgt. Das ist jetzt anders: Abends nach Hause kommen und keine Vokabeln abhören müssen etc., das ist für mich entlastend. Meine jüngste Tochter mit knapp 18 wohnt zwar noch im Haus, aber das ist etwas völlig anderes, als mit Vater, Mutter und vier Kindern zu leben. Wir sind hier eher wie in einer WG, schreiben uns Zettel und müssen aufpassen, dass wir uns gelegentlich zu Gesicht bekommen, Essenstermine verabreden.

Sind Sie nach den schwierigen Jahren Ihrer Scheidung und - wie Sie selbst sagen - manch verletzendem Wort aus den eigenen Reihen mit sich und Ihrer Kirche im Reinen?

Journalisten fragen immer wieder danach. Aber in meiner Landeskirche ist das Thema nach bald zweieinhalb Jahren bewältigt. Ich bin mit mir im Reinen, und meine Landeskirche mit ihrer Bischöfin auch, denke ich. Wenn die Gemeinden mich begrüßen als "unsere Frau Landesbischöfin", dann zeigt das auch hannoversche Kultur: Der Bischof ist ein Stück Identifikationsfigur, die integriert und zusammenhält.

Aber Sie sprechen über persönliche Dinge wie Ihre Scheidung, Ihre Krebserkrankung nicht nur auf Nachfrage, sondern auch von sich aus. Sie haben zum Beispiel gesagt, ohne die Krankheit wäre es vermutlich nicht zur Scheidung gekommen. Wie meinen Sie das?

Wenn das allgemeine Wissen um die Endlichkeit des Lebens zur sehr persönlichen Nachricht wird, wie der Theologe Heinz Zahrnt einmal gesagt hat, dann fängt der Mensch an, nachzudenken: Wie willst du leben? Was ist gutes Leben? Insofern gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Krebs und der Scheidung. Ohne die Zeit des Nachdenkens in der Krankheit hätte ich wahrscheinlich nicht den Mut zu der notwendigen Klärung gehabt, hätte ich versucht, weiter mit der Fassade zu leben.

Sie dürften die einzige Bischöfin auf diesem Planeten sein, für die selbst Wechseljahre, Klimakterium und Hitzewallungen keine Tabus sind ...

... (lacht) ich rede doch nicht über ganz persönliche Erfahrungen, sondern darüber, wie es Frauen in der Mitte des Lebens nun mal geht.

Aber eine Bischöfin - das ist schon ungewöhnlich, oder?

So viele Bischöfinnen gibt es ja auch nicht. Nein, im Ernst: Es geht doch um ein Lebensgefühl, das Frauen meines Alters miteinander teilen. Sie setzen sich mit ihrem Körper neu auseinander, sie erleben Krankheiten, Trennungen, all diese Herausforderungen. Es geht darum, wie sich Christinnen damit auseinander setzen könnten. Danach werde ich ständig gefragt. Mir geht es um die Ermutigung, solche Fragen auf einem christlichen Resonanzboden zu reflektieren. Wenn ich dafür aber nicht auch persönlich einstehe, wirkt das immer aufgesetzt. Sie können Amt und Person nicht trennen. Was nützt mir die schönste abstrakte theologische Spekulation, wenn sie nichts mit mir zu tun hat? Gar nichts! Aber ich wahre durchaus die Grenze zwischen persönlich und privat.

Trotzdem entscheiden Sie selbst, wie stark Sie Ihre Person im Amt erkennbar werden lassen.

Wollen Sie sagen, ich bin narzisstisch und spiele mich zu stark in den Vordergrund?

Gar nicht, nehmen Sie es als Versuch, zu verstehen, wie es Ihnen damit geht, so sehr "öffentliche Person" zu sein.

Ich sehe das nüchtern. Nach meiner Erkrankung damals wurde geschrieben, "mutig hat sie ihre Krebskrankheit öffentlich gemacht". Mutig? Was hätte ich denn tun sollen? Ich hätte nicht zwei Monate von der Bildfläche verschwinden können ohne jede Erklärung. Da wäre sofort das Rumoren losgegangen: Hat sie Depressionen? Um das zu verhindern, habe ich damals entschieden, dann können wir es auch sagen. Und das ist ja auch nichts Besonderes: Jede siebte Frau hat Brustkrebs.

Und jede dritte Ehe wird geschieden.

Eben. Ich kann das doch nicht ignorieren oder so tun, als wäre nichts gewesen. Aber ich bin schon sehr zurückhaltend mit persönlichen Details, die niemanden was angehen. Aber dann werde ich in einer seriösen TV-Sendung gefragt: "Gibt es einen neuen Mann in Ihrem Leben?" Würde man einen Mann so direkt fragen, ob er eine Neue hat?

Ach, doch. So ist das halt, wenn Sie der Maxime folgen, Amt und Person gehören zusammen.

Sie meinen, ich hätte mich von Anfang an stärker abgrenzen müssen? Aber das konnte ich nie. Ich war vom Moment meiner Wahl an eine Art "öffentliche Person", wie Sie das sagen. Mit so seltsamen Fragen wie: "Darf eine Bischöfin Fahrrad fahren oder in kurzer Hose um den Maschsee in Hannover joggen?" Frauen in leitenden Ämtern stehen offenbar immer noch viel stärker unter Beobachtung als Männer. Ich habe beispielsweise gerade einen Brief bekommen, warum ich kurze Haare habe, wo in der Bibel doch steht, lange Haare seien die Zierde der Frau. Oder warum ich Schuhe mit Absätzen trage, wo Jesus doch sagt: "Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden."

Dahinter steht offenbar ein reaktionäres Frauenbild. Nun wird die Kirche insgesamt als Verfechterin der traditionellen Rolle der Frau wahrgenommen wie auch als Verteidigerin der klassischen Ehe- und Familienbilder.

Wer ist "die Kirche"? Frauen, die unsere Kirche tragen, befinden sich in verschiedenen Lebenssituationen: verheiratet, geschieden, verwitwet, bewusst allein stehend, mit Kindern, ohne Kinder Ich wünsche mir, dass diese Vielfalt positiv gesehen wird. Junge Christen praktizieren heute eine große Vielfalt von Beziehungen und Lebensformen. Das verändert Bilder und Normen. Ich bewundere Ehen, die ein Leben lang halten. Dazu bekomme ich auch immer wieder berührende, Herz erwärmende Briefe.

Aber Leben kann auch jenseits der Leitbilder gelingen. Das müssen wir in der Kirche noch stärker wahrnehmen und einüben. Sie können heute zum Beispiel die Konfirmation nicht mehr einfach als ein schönes Fest für die Familie feiern. Denn in den Bänken sitzen auch die Familien, die zerbrochen und zerrissen sind. Ich wünsche mir eine Kirche, die um die Brüche im Leben weiß und den Menschen zeigt, dass sie das nicht außerhalb der christlichen Gemeinde stellt.

Braucht es, um dahin zu kommen, eine Reform von oben?

Aus dem evangelischen Bischofsamt kann nie etwas "von oben" durchgesetzt werden. Aber ich werbe für meine Ideen.

Wie steht es mit Ihrem Werben für die Ökumene?

Die liegt mir sehr am Herzen. Ich bin immer hin und her gerissen zwischen Geduld und Ungeduld. Auf der Ebene der Gemeinden wird das Miteinander vielerorts ganz selbstverständlich gelebt. Aber bei den großen Themen - Anerkennung als Kirche, Anerkennung der Ämter und damit Möglichkeit zum gemeinsamen Abendmahl - treten wir seit Jahren auf der Stelle. Allerdings: Erlebnisse wie auf dem Katholikentag letztes Jahr in Osnabrück, die beflügeln dann doch.

Nämlich?

Ich habe dort in einem ökumenischen Gottesdienst gepredigt, und danach hat der katholische Bischof von Osnabrück, Franz-Josef Bode, als Gastgeber gesagt, "wir danken unserer Landesbischöfin" - unserer! Und die Katholiken haben fröhlich geklatscht (lacht).

Auf jeweils mehr als 500 Predigten und Vorträge haben Sie es in zehn Jahren Bischofsamt gebracht. Was war Ihre wichtigste Ansprache?

Die Antrittspredigt. Weil alle wissen wollten, wer ist die neue Bischöfin.

Gab es eine Art Kernbotschaft?

Ich wollte damals die Kampagne gegen die Ladenöffnung an Sonntagen aufnehmen und habe sinngemäß gesagt, wenn der ungläubige Thomas am Sonntag nach Ostern shoppen gegangen wäre, hätte er den Auferstandenen verpasst. Die Gemeinde hat gelacht. Da wusste ich, sie gehen mit. Diese Form der Kommunikation beim Predigen ist mir bis heute sehr wichtig.

Sie loben Angela Merkel und Familienministerin Ursula von der Leyen dafür, wie positiv sie das Frauen- und Familienbild verändert hätten. Das klingt fast wie eine Wahlempfehlung.

Unfug! Ich habe mich nie parteipolitisch positioniert. Ich kann mich mit der CDU über Kernenergie streiten, mit den Grünen über Religionsunterricht in der Schule, mit der SPD über Sterbehilfe.

Aber Sie haben schon eine Idee, wer in den nächsten vier Jahren regieren soll.

Die behalte ich für mich.

Wovon sollen wir denn unsere Wahl abhängig machen?

Achten Sie auf Migrations- und Flüchtlingspolitik, auf nachhaltige Entwicklung, auf die Haltung zur Atomenergie - für uns in Niedersachsen ein wichtiges Thema, mit Gorleben vor der Haustür.

Wie ist Ihre Haltung zu Gorleben?

Es ist klar, dass der Salzstock nicht die ideale Endlagerstätte für Atommüll ist. Deshalb muss es alternative Erkundungen an anderen Standorten geben. Aber außerhalb von Niedersachsen sträuben sich alle dagegen.Wer in Bayern, Baden-Württemberg oder sonst wo will sich schon Probebohrungen an Land ziehen? Niemand! Und mit den vielen Milliarden, die bisher in die Erschließung von Gorleben geflossen sind, werden Fakten geschaffen. Die Leidtragenden sind die Menschen im Wendland. Die fühlen sich schon sehr allein gelassen. Und wir als Kirche stehen mitten in diesem Konflikt. Alle unsere Pastoren und Diakone in der Region haben inzwischen eine Ausbildung als Mediatoren. Wenn die Atommülltransporte rollen, gehen sie hin, um in den Konflikten zwischen Demonstranten und Polizei zu vermitteln.

Sehen Sie sich in Ihrer Skepsis gegenüber dem Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr durch die jüngsten Bombardements bei Kundus bestätigt?

Ich war von Anfang an dagegen, dass sich Deutschland an diesem Einsatz beteiligt. In einer völlig fremden Kultur mit Hilfe des westlichen Militärs Frieden zu schaffen, wie soll das gelingen? Und dass Deutschland am Hindukusch verteidigt werden sollte, hat mir nie eingeleuchtet. In Militäreinsätze fließt immer wieder und relativ leicht sehr viel Geld, während Friedenseinsätze notorisch unterfinanziert sind. Entgegen der landläufigen Meinung können gerade religiös motivierte zivile Akteure, die Vertrauen haben vor Ort, dort beheimatet sind, in Konflikten viel besser vermitteln als Soldaten. Aber investieren will keiner. Da wünsche ich mir endlich ein Umdenken. Deutschland steht erneut auf Platz 3 unter den Rüstungsexporteuren. Wir verdienen also auch noch an den Kriegen, die wir offiziell verurteilen.

Eine Renaissance für "Frieden schaffen ohne Waffen"?

Das war immer meine Option. Wirklich befördert haben wir sie bislang kaum.

Kandidieren Sie wieder für den Rat der EKD?

Gehen Sie davon aus.

Und stehen Sie für den Ratsvorsitz zur Verfügung?

Diese Frage nervt, ehrlich! Man kandidiert nicht für den Ratsvorsitz.

Deshalb ja auch die Frage, ob Sie zur Verfügung stehen.

Die Entscheidung trifft die Synode, und da hat man schon viele Überraschungen erlebt. Also, warten Sie´s ab!

Nächstes Jahr wird auch das Präsidentenamt im Lutherischen Weltbund frei.

Warten Sie´s ab.

Sie denken doch viel über Aufbrüche und Neuland nach.

In der Zeit der Scheidung habe ich überlegt, etwas ganz anderes zu machen, weit weg zu gehen, nach Amerika an eine Universität etwa. Inzwischen habe ich gemerkt: Neuland ist ganz schön, aber ich bin so oft umgezogen, dass ich mir gut vorstellen kann, in Hannover alt zu werden. Auch wenn Harald Schmidt über die Stadt lästert: Ich bin gern hier.

Interview: Joachim Frank und Silke Rummel

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