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Interview mit Kanye West "Wer Britney nicht mag, hat keine Ahnung"

Warum der Sohn eines Black-Panther-Aktivisten unpolitischen Pop macht - und wie er heute zu seiner eigenen Verschwörungstheorie über die Reagan-Regierung steht.

09.12.2008 11:12
WIRECENTER
Kanye West macht lieber Pop als Politik. Foto: Willy Vanderperre/Universal

Mr West, Sie haben als HipHop-Künstler in den vergangenen Jahren die Charts gestürmt und etliche Auszeichnungen gewonnen. Jetzt sagen Sie, Sie wollen lieber Popmusik machen. Woher dieser Sinneswandel?

Ich will die Menschen aufklären. Ich war der erste HipHop-Künstler, der gesagt hat, dass es wieder okay ist, sich stylish zu kleiden. Außerdem war ich einer der ersten Rapper, der sich gegen die Diskriminierung von Schwulen ausgesprochen hat. Jetzt habe ich eine neue Botschaft.

Und die lautet?

Es ist in Ordnung, Popmusik zu mögen. Als kleine Kinder haben wir alle Pop gehört - seit wann und warum ist das so verpönt? Ich wollte meine Stellung als erfolgreichster HipHop-Künstler nutzen, um ein Statement mit meinem neuen Album abzugeben.

Ihr neues Album "808s & Heartbreak" ist eher ein Elektropop- als ein HipHop-Album. Sie rappen nicht mehr, sondern singen. Haben Sie keine Sorge, Ihre alten Fans zu verprellen?

Ich weiß nicht, was für ein Problem HipHop mit Popmusik hat. Pop hat uns die besten Momente in der Musikgeschichte beschert. Die Beatles waren Pop! Viele Menschen, ganz besonders in der HipHop-Welt, glauben, wenn etwas beliebt ist, müsse es zwangsläufig Bullshit sein. Das Gleiche findet man auch bei diesen Indie-Gitarrenbands, die Pop verachten. Viele Musiker sind richtige Snobs.

Können Sie sich erklären, warum das so ist?

Die Leute sind einfach nur neidisch, weil sie selbst nichts kreieren können, das den Massengeschmack trifft. Man muss denen nur eine Frage stellen: Wärt ihr nicht auch begeistert, wenn einer eurer Songs plötzlich in die Charts schießt und ihn jeder hört? Im Grunde genommen ist es doch so: Wer Britney Spears nicht mag, hat keine Ahnung.

Ist Britney Spears jetzt Ihr neues musikalisches Vorbild?

Nein. Ich habe mich während der Arbeit eher an die Popmusiker erinnert, die mich früher begeistert haben. Wissen Sie, wer das war? Da kämen Sie nie drauf: Boy George und Madonna und Michael Jackson und Peter Gabriel und Phil Collins. Aber ich habe mit diesem Album etwas neues geschaffen, ein neues Genre erfunden. Ich nenne es "Pop Art".

Wir wollen Sie jetzt nicht enttäuschen, aber "Pop Art" gibt es schon eine ganze Weile.

Ich weiß. Sie dürfen meine "Pop Art" ja auch nicht mit der Kunstrichtung verwechseln. Der Internetmusikhändler iTunes ist jedenfalls so begeistert, dass er "Pop Art" jetzt künftig als Kategorie übernehmen will.

Popstars müssen sich ja immer wieder den Vorwurf gefallen lassen, ihre Musik sei zu seicht. Sie singen jetzt über Liebeskummer und Heiratsanträge; früher vertraten Sie in Ihren Songs u.a. die These, die Reagan-Regierung habe absichtlich Crack in den Ghettos verteilt, um die Anführer der Black Panther-Bewegung zu töten.

Als ich den Song geschrieben habe, habe ich einfach nur ausgedrückt, was ich damals gefühlt und beobachtet habe. Ich will da nicht mehr zu sagen. Wann immer ich über etwas "Politisches" rappe, sind das eher meine Eltern, die durch mich sprechen, nicht ich selbst.

Ihr Vater war Mitglied der Black Panther-Bewegung.

Genau. Als Teenager habe ich mich ausschließlich für Mode, Filme und Musik interessiert. Aber mein Vater hat mir immer wieder seine politischen Ansichten um die Ohren gehauen. Alle meine politischen und gesellschaftskritischen Songs kommen also im Grunde genommen von ihm.

Bei den MTV Awards sorgten Sie für einen Eklat, als Sie, nachdem Sie keine Auszeichnung erhalten hatten, die Bühne stürmten. Konnten Sie sich dieses Jahr besser benehmen?

Na, ja. Da gab es diesen Zwischenfall mit Paul McCartney...

Was ist passiert?

Ich habe McCartney bei den MTV Europe Music Awards in Liverpool getroffen. Er wollte gerade gehen, aber ich habe die ganze Zeit gedacht, er muss unbedingt meinen neuen Song hören. Also bin ich zu ihm rüber gegangen und habe zu ihm gesagt: "Ich weiß, Sie sind Paul McCartney und Sie waren bei den Beatles und so weiter, aber ich würde Ihnen wirklich gern diesen Song vorspielen." Ich musste ihn daran hindern, den Raum zu verlassen So bin ich nun mal.

Interview: Brian Boyd, Übersetzung: Judith Kessler

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