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Interview mit Jodie Foster „Ich sorge mich mein Leben lang“

Jodie Foster spricht im Interview mit der Frankfurter Rundschau über ihre Einsamkeit als Wunderkind, das Filmemachen als Therapie, die Zusammenarbeit mit Mel Gibson und was an ihr zu intellektuell werden kann.

10.05.2011 15:38
Foster analysiert Foster: „Ich weiß, dass ich manchmal zu intellektuell sein kann.“ Foto: dapd

Jodie Foster spricht im Interview mit der Frankfurter Rundschau über ihre Einsamkeit als Wunderkind, das Filmemachen als Therapie, die Zusammenarbeit mit Mel Gibson und was an ihr zu intellektuell werden kann.

Frau Foster, für die Hauptrolle in Ihrem Film „Der Biber“ haben Sie Ihren Kollegen Mel Gibson angeheuert. Nach seinen aggressiven Ausbrüchen hätte niemand darauf gewettet, dass er noch einmal eine Chance in Hollywood bekommen würde. Lässt all die schlechte Presse Sie kalt?

Ich kann nur sagen: Als ich vor 17 Jahren die Westernkomödie „Maverick“ mit ihm drehte, hatte ich zu ihm die beste Arbeitsbeziehung meiner ganzen Karriere. So etwas habe ich noch nie mit einem Kollegen erlebt. Daher versuchten wir auch Jahre lang ein gemeinsames Projekt zu finden, und erst jetzt hat es geklappt.

Glauben Sie, das Publikum unterscheidet zwischen dem cholerischen Privatmann Gibson und dem Schauspieler auf der Leinwand?

Ich weiß es nicht. Ich bin nicht in der Lage, so etwas zu beurteilen. Ich denke, dass der Film für sich selbst sprechen sollte und dass Mel darain eine wunderbare Leistung zeigt. Ich weiß, es klingt verrückt, aber sein emotionaler Ballast war sogar hilfreich.

Inwiefern?

Der Film zeigt einen Mann, der mit seinen eigenen Dämonen kämpft, der sich zu verändern versucht und in eine Sackgasse gerät – das ist eine fatale Situation. Und wen könnte es Besseren geben, um so eine Person zu spielen?

Viel Hoffnung machen Sie Menschen wie Gibson mit Ihrem Film jedenfalls nicht. Die Botschaft: Therapie zwecklos, akzeptiere die Tragik des Lebens.

Ja, das ist eine der Botschaften. Es gibt keine Therapie gegen die Schwere des Lebens, gegen seine Ungerechtigkeiten. Schreckliche Dinge geschehen nun einmal. Menschen werden leiden und sterben. Es wird nicht alles okay sein. Aber es gibt einen Trost: Du bist nicht allein darin. Allen anderen geht es genauso. Das ist das helle Licht, mit dem du das alles durchstehst.

Die depressive Hauptfigur in Ihrem neuen Film „Der Biber“ findet Trost in der Beziehung zu einem imaginären Freund. Normalerweise klammern sich Kinder an solche Fantasie-Figuren. Hatten Sie selbst als Kind einen solchen Freund?

Nein, ich hatte keine imaginären Freunde. Nie. Wobei ich durchaus ein sehr einsames Kind war. Ich verbrachte viel Zeit damit, mit mir selbst zu sprechen und mit der Tatsache klarzukommen, dass niemand mich verstand.

Wodurch fühlten Sie sich so einsam?

Die Einsamkeit gab es schon in mir, bevor ich geboren wurde. Teilweise lag das wohl daran, dass ich das jüngste Kind in der Familie war und dadurch eine Sonderstellung besaß. Und ich war so etwas wie ein Wunderkind.

Was meinen Sie damit?

Ich war zwar nicht besonders toll in Mathematik, aber eines beherrschte ich außerordentlich gut: Ich war in der Lage, die Gefühle von Erwachsenen zu verstehen. In einer Tiefe, zu der ein Kind nicht fähig sein sollte.

Segen oder Fluch?

Beides. Denn ich habe mich auch für alle Probleme verantwortlich gefühlt, die meine Mutter durchmachte. Mein einziges Ventil dafür war meine Kreativität. Und ich genoss es eben auch, dieses abgeschottete kreative Dasein zu führen, das niemand verstand. In gewissem Sinne gilt das immer noch. Wenn ich um drei Uhr morgens in einer Pfütze aus künstlichem Blut liege, dann kann niemand nachvollziehen, was ich fühle. Und die einzige Art und Weise, das mit anderen Menschen zu teilen, ist es, meine Gefühle über mein Spiel zu kommunizieren. So etwas auf die Leinwand zu bringen, ist die einzige Therapie für solche Einsamkeit.

Sie stehen nicht mehr so häufig vor der Kamera. Einmal sagten Sie: „Ich bin als Mutter besser denn als Schauspielerin.“

Die Zeiten, in denen ich von einem Film in den anderen hetzte, sind sicher vorbei – schon allein um meiner beiden Kinder willen. Die sind für mich viel wichtiger. In der Regel drehe ich nur noch Filme als Schauspielerin, wenn ich das Gefühl habe, dass ich von dem Regisseur etwas für meine eigene Regiearbeit lernen kann – wie vor kurzem bei Roman Polanski. Aber um auf dieses Zitat zurückzukommen: Mutter zu sein, ist kreativer als alles andere. Das beansprucht deine gesamte Persönlichkeit. Um deiner Kinder willen denkst du über alles nach, was du sagst und tust, und das den ganzen Tag lang. Die Schauspielerei dagegen ist kein natürlicher Teil meiner Person. Ich träumte als Kind nie davon, so einen Beruf zu ergreifen. Wenn ich nicht arbeite, dann mache ich keine Faxen oder trage schrille Klamotten. Ich bin sehr stoisch und kopfgesteuert, zeige meine Gefühle nie nach außen.

Dann hätten Sie sich eigentlich sträuben sollen, als Ihre Mutter Sie schon im Alter von drei Jahren als Kinder-Darstellerin in Werbespots mitspielen ließ.

Hätte ich wahrscheinlich. Aber ich war als Kind nicht sehr rebellisch.

Einmal bekamen Sie bei einem Dreh sogar Frostbeulen, weil man Ihnen keine dicken Socken gab. Trotzdem lehnten Sie sich nicht auf.

Wie ich schon sagte, ich war eine Stoikerin, damals mehr als heute. Ich wusste nicht, dass ich „nein“ sagen konnte. Ich dachte, ich müsste die Anweisungen des Regisseurs befolgen. Und wenn ich das nicht tun würde, dann wäre ich eine Versagerin und niemand würde mich mögen. Außerdem war das mein Job. Aber gerade weil ich so ein zurückhaltendes, introvertiertes Kind war, war die Schauspielerei gut für mich. Mit ihr konnte ich mich ausdrücken. Ohne diesen Job wäre ich sicherlich verrückter geworden.

Das klingt so, als seien Sie zumindest etwas verrückt.

Ich bin eine relativ ausgeglichene und angepasste Person. Aber es gibt ein paar Begleiterscheinungen, die nicht ganz so normal sind. Ich teile mein ganzes Leben in kleine Bereiche, und ich flippe aus, wenn sich diese Bereiche überlappen. Das heißt zum Beispiel, dass ich heute, da ich Interviews gebe, nicht gemütlich zum Abendessen gehen kann. Denn das eine ist Arbeit und das andere Privatvergnügen. Das passt nicht zusammen.

Aber richtig ausgeflippt sind Sie nie in Ihrem Leben?

Nein, denn ich habe immer Verantwortung getragen. Selbst in meiner Zeit im College, wo ich über die Stränge hätte schlagen können, machte ich fünf Filme. Ich unterstützte meine Familie, ich zahlte Steuern, hatte Verpflichtungen. Eine sorglose Phase gab es nie in meinem Leben.

Um was sorgen Sie sich denn andauernd?

Ich mache mir viele Sorgen – vor allem um meine Söhne. Aber eine ängstliche Person in dem Sinn bin ich eigentlich nicht. Ich fliege gerne, mag es, neue Gerichte auszuprobieren. Okay, ich bin nicht begeistert von Schlangen. Und ich hasse es einzukaufen. Das begann schon in meiner Kindheit, wenn mich meine Mutter in irgendwelche Läden zerrte. Ich schnappte mir dann immer gleich ein Buch und setzte mich zum Lesen hin. Jetzt muss das jemand für mich erledigen. Außer Kinderkleidung, gegen die habe ich nichts. Und ich mag auch Platten- und Buchläden.

Haben Sie sich je überlegt, welchen Weg Sie eingeschlagen hätten, wenn Sie nicht schon als Kind vor der Kamera gestanden hätten?

Vielleicht wäre ich eine Professorin oder Anwältin geworden – oder Autorin, denn ich arbeite sehr gerne mit Worten. Aber ich bin sehr froh, dass ich ich Teil der Filmwelt sein kann – ich liebe sie einfach von ganzem Herzen. Und ganz besonders mag ich das Mysterium der Schauspielerei.

Können Sie das Geheimnis für uns lüften?

Du bist dabei Choreograph und Tänzer zugleich. Zunächst mal musst du die ganze Architektur einer Szene planen: Was du sagst und wie du dich bewegst, und aus welchen Gründen du das machst. Dann sagt jemand „Action“, und du musst es tun, aber die Ausführung dieses Plans ist eine völlig andere Erfahrung. Einerseits lebst du rein und spontan in diesem Moment, als wärst du diese Person, andererseits triffst du die richtige Markierung, und du kennst die ganze Dramaturgie und die Bewegungsabläufe für dich und deinen Partner. Da laufen so viele bewusste und unbewusste Prozesse gleichzeitig ab. Deshalb bewundere ich Schauspieler, denn ich weiß nicht, wie sie das hinkriegen.

Behindert es nicht Ihr instinktives Spiel, wenn Sie diese Prozesse während der laufenden Arbeit ständig analysieren?

Ich weiß, dass ich zu intellektuell werden kann. Manchmal muss ich das bewusst überwinden, um mich auf die reine Darstellung zu konzentrieren. Streng genommen ist das bei jedem Film eine Herausforderung. Andererseits – was genau heißt „instinktives Spiel“? Heißt das: Du schläfst vor deinem Auftritt, dann weckt dich jemand auf, und du tust, was dir gerade einfällt? So läuft das beim Film nicht ab. Man muss von zwei Seiten an die Sache herangehen, rational und irrational. Wer sich nur auf seine Instinkte verlässt, der tut sich schwer.

Ist so eine Einstellung der Grund, dass Sie fast 30 Jahre nach „Taxi Driver“ noch zu Hollywoods Top-Stars zählen?

Der Grund ist der, dass ich immer schon langfristig dachte. Deshalb habe ich mich bewusst für und gegen bestimmte Filme entschieden. Die waren vielleicht nicht immer so spektakulär, ich habe weniger verdient und weniger gedreht als manche Kollegen, aber ich wollte eben Filme machen, die Bestand haben.

Welche Angebote haben Sie denn abgelehnt?

Sagen wir es so: Ich kann keine schwachen Frauen spielen. Deshalb haben Sie mich zum Beispiel nie als die schöne Starlet-Freundin eines Tom Cruise gesehen.

Solche Rollen hat man Ihnen angeboten?

Gelegentlich, aber nicht zu oft. Denn ich entsprach nun mal nicht dem Typ der langbeinigen Schönheitskönigin. Und das war ein echter Segen.

Sind eigene Regiearbeiten auch ein Weg, diese lange Karriere zu sichern?

Es ist auf jeden Fall etwas, was ich der Schauspielerei inzwischen vorziehe. Da muss ich mich nicht ständig fragen „Finde ich mein Gefühl oder nicht?“ Ich kann mich persönlich viel stärker und voller ausdrücken. Ich habe ohnehin eher die Persönlichkeit eines Regisseurs als die eines Schauspielers. Das habe ich schon als Sechsjährige gemerkt.

Wie?

Ich trat in einer Fernsehserie auf, und einer der Schauspieler führte an dem Tag Regie. Ich wusste damals nicht, dass Schauspieler so etwas dürfen. Und ich dachte mir: „Das möchte ich auch machen.“ Von diesem Zeitpunkt an passte ich auf, wie Szenen geschnitten werden, welche Linsen man für bestimmte Einstellungen nimmt und so weiter. Viele Schauspieler wollen das nicht wissen, denn für sie nimmt es dem ganzen Prozess an Geheimnis. Sie wollen sich eher wie auf der Bühne fühlen, um diese Momente ganz rein und natürlich zu erleben. Doch je besser ich mich technisch auskenne, desto glücklicher bin ich.

Interview: Rüdiger Sturm

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