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Interview mit Ben Carson "Viele Leute verhalten sich wie Tiere"

Der Star-Chirurg spricht mit FR-online.de über die siamesischen Zwillinge, die er erfolgreich getrennt hat - und über das irrationale Sicherheitsdenken vieler Menschen.

19.01.2009 13:01
Neurochirurg Benjamin S. Carson
Benjamin S. Carson ermutigt Menschen, auch mal ein Risiko einzugehen. Foto: Keith Weller/John Hopkins Children's Center

Haben Sie noch Kontakt zur Familie von Lea und Tabea, die Sie als siamesische Zwillinge trennten?

Ja, die Eltern schicken mir regelmäßig Fotos von Lea. Sie ist heute fünf Jahre alt, und sie ist jetzt die große Schwester - sie hat nach dem Tod von Tabea zwei neue Geschwister dazubekommen. Sie passt prima auf die beiden auf, sagen mir die Eltern - sie ist regelrecht versessen darauf, sich um sie zu kümmern.

Mit welchen Handicaps muss sie heute zurechtkommen, vier Jahre nach der Operation?

Mit erstaunlich geringen. Sie war ja direkt nach der OP so gut wie blind. Daher hat sie immer noch Schwierigkeiten mit dem Sehen. Aber sie kann normal laufen. Sie wird weiter von einer hervorragenden Pflegerin überwacht, aber sie benötigt nicht mehr regelmäßig Medikamente. Irgendwann wird es sicher nötig sein, den Schädelknochen neu zu formen, abhängig vom Stand der Entwicklung. Aber wir können heute erwarten, dass sie ganz normal zur Schule gehen wird und später ein unabhängiges Leben führen.

In Ihrem neuen Buch ermutigen Sie die Leser, risikofreudiger zu leben - wie wägen Sie als Neurochirurg die Risiken einer so waghalsigen Operation wie bei Lea und Tabea ab?

Ich muss abschätzen, ob der Nutzen den möglichen Schaden deutlich überwiegt. Ich stelle mir dabei immer dieselben vier Testfragen: Was ist das Beste, das passieren kann, wenn ich es mache - und was das Schlimmste? Was ist das Beste, was passieren kann, wen ich es nicht mache - und was das Schlimmste? Wenn man nun vor der Entscheidung steht, siamesische Zwillinge zu trennen, die am Kopf miteinander verwachsen sind, ist die Sache klar: Wenn ich nichts tue, dann werden diese Kinder ein sehr eingeschränktes Leben führen, sowohl was die Lebenserwartung als auch was die Qualität betrifft. Das Beste, was sie erwarten können, ist ein Leben als Freaks am Rande der Gesellschaft. Das Schlimmste, was bei einer OP passieren kann, ist, dass beide sterben. Das Beste, dass sie hinterher frei und unabhängig leben können. Und das schlägt einfach alle anderen Möglichkeiten.

Können Sie Ihre vier Fragen immer zweifelsfrei beantworten?

Jeder wird sicher andere Antworten finden, abhängig von seinem Wertesystem. Das muss man natürlich gut kennen, um eine intelligente Einschätzung zu treffen.

Diese Selbstdistanz haben Sie?

Ja, denn dazu haben wir ja diese unglaublich komplexen Hirne mit so großen Frontallappen - das ist der entscheidende Unterschied zu allen Tieren. Dadurch sind wir in der Lage, aus unseren Erfahrungen der Vergangenheit zu lernen und unser künftiges Verhalten entsprechend zu steuern. Wir müssen daher nicht Opfer von äußeren Umständen sein, wir können sehr aktiv Initiative ergreifen. Aber leider verhalten sich viele Leute eher wie Tiere - sie reagieren nur darauf, was um sie herum geschieht.

Sie beklagen auch das starke Sicherheitsdenken - wir hätten es uns zu nett in unserer Wohlfühlzone eingerichtet. Unser Standard an Sicherheit ist doch aber sehr erstrebenswert ...

Sicher, aber unser Bestreben, jedes Risiko auszuschließen, hat schon irrationale Züge angenommen. Für jedes Elektrogerät, das ich kaufe, muss ich mich zwischen einer Garantie für drei, vier, fünf oder zehn Jahre entscheiden. Was ist das für eine Verschwendung von Geld und Zeit! Wenn sie mal die Statistiken genau betrachten würden, dann würden die Leute sehen, wie gering die Wahrscheinlichkeit ist, dass ausgerechnet ihnen eine bestimmte Sache passiert oder kaputtgeht. Legen Sie das Geld für die Garantien beiseite, investieren Sie's - dann haben Sie genug Geld, um ein kaputtes Gerät zu ersetzen.

Sie selbst dürften als Chirurg doch erhebliche Summen an die Versicherer zahlen.

Die Beträge für eine Versicherung gegen ärztliche Kunstfehler sind tatsächlich irrsinnig hoch. Aber das kann ich in den USA gar nicht frei entscheiden. Man hat gar keine Wahl. Besonders verrückt ist, dass die Leute, die am meisten davon profitieren, nicht die Patienten sind, sondern die Anwälte - die bekommen einen riesigen Anteil von der Entschädigungssumme. Und es ist bei uns so einfach, zu klagen - egal, ob der Fall aussichtsreich ist oder nicht.

Spielt auch das eine Rolle bei Ihrer Risikoabwägung als Arzt?

Ich kenne Kollegen, die riskante Fälle ablehnen, weil sie Angst vor einer möglichen Klage haben. Ich hoffe, dass die neue Regierung in dieser Sache mit mehr Verstand handelt. Wir brauchen ein System, das den wirklich Betroffenen hilft, nicht nur den Anwälten.

Was müsste die Regierung noch ändern im Gesundheitssystem?

Dass viele Leute, die wirklich krank sind und ins Krankenhaus gehören, nicht die notwendige medizinische Hilfe bekommen können. Was wiederum in vielen Fällen die Anwälte auf den Plan ruft.

Und - haben Sie in dieser Sache schon selbst Initiative ergriffen?

In der Tat; ich hatte schon eine Reihe von Gesprächen mit Leuten, die für die neue Regierung stehen, unter anderem mit Tom Daschle, der Gesundheitsminister werden soll. Das werde ich fortsetzen. Wie ich sagte: Nicht zu agieren kann schlimme Folgen haben. Oder, um es im Ärztejargon zu sagen: Wenn wir einfach zusehen, wie die Wunde weiter eitert, werden die Probleme schlimmer.

Interview: Thomas Wolff

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