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Interview Die Herzensprojekte von Sönke Wortmann

Der Regisseur Sönke Wortmann ist gleich nach der Hochzeit zur Eheberatung gegangen. Und er achtet darauf, dass er und seine Frau sich genug Freiraum in der Beziehung lassen. Damit sie hält. Ein Gespräch über die Kunst, den richtigen Abstand zu halten.

05.05.2012 20:59
Mitten in der Suite von Sönke Wortmann steht eine riesige Badewanne mit Füßen. Benutzt hat er sie noch nicht. Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Mitten in der Suite steht eine riesige Badewanne mit Füßen. Benutzt hat er sie noch nicht. Der Regisseur Sönke Wortmann residiert in einem Hotelzimmer der Kategorie X large. Er ist in Berlin, um seine neue Komödie „Das Hochzeitsvideo“ vorzustellen, einen Film, in dem es ziemlich exzessiv zugeht.

Herr Wortmann, „Das Hochzeitsvideo“ handelt vom Heiraten, nicht von der Ehe. Welche Chancen geben Sie Ihrem jungen Hochzeits-Paar, dass die Ehe hält?

Eine Chance hat erst mal jeder, wenn man es richtig anfasst. Ich habe eine ziemlich klare Haltung dazu. Die Statistiken sprechen ja nicht unbedingt dafür, dass das Filmpaar es schaffen wird. Fast jede vierte Ehe in Deutschland wird geschieden.

Etwa jede zweite Ehe scheitert in Berlin.

Aber man heiratet, damit man zur anderen Hälfte gehört – zu denen, die ihre Ehe retten können, und das ist natürlich sehr schwierig. Jeder weiß, wie schwer es ist, das zu bewahren, was man füreinander empfindet. Der Alltag verändert vieles, gerade wenn man Kinder hat. Das ist sehr anstrengend. Die Zweisamkeit, die man miteinander hatte, verliert man schon auf Grund äußerer Umstände. Man gerät in einen Alltagstrott hinein, was der Liebe nicht förderlich ist. Die Frage ist, wie vermeidet man es, sich wieder scheiden zu lassen. Und da haben meine Frau und ich eine ziemlich gute Idee gehabt. Wir sind vom Tag unserer Hochzeit an direkt in die Eheberatung gegangen, quasi präventiv, als wir uns blendend verstanden haben, und das war ein sehr guter Schritt. Dadurch haben wir die Krisen, die natürlich kommen, im Ansatz schon umschiffen können.

Bei unseren Eltern nannte sich das Ehevorbereitungskurs. Die Kirchen haben so etwas angeboten.

Die haben das aber anders gemeint. Eine professionelle Beratung ist etwas Tolles. Mir hat es richtig Spaß gemacht. Es ist ja keine Therapie, denn die beginnt, wenn es zu spät ist. Präventivmaßnahmen zu ergreifen mit Unterstützung einer charmanten und guten Psychotherapeutin, ist ja auch nichts Schlimmes. Es sind tolle Gespräche, ich komme auch mal zu Wort. Ich darf ausreden, und das hilft alles enorm. Jetzt sind wir schon zehn Jahre verheiratet, und es sieht gut aus, dass wir noch eine Weile verheiratet bleiben.

Dem frischangetrauten Bräutigam Ihres Filmes würde ich so eine Eheberatungs-Idee nicht zutrauen. Er wirkt oberflächlicher als die Frau.

Da würde ich widersprechen. Ich glaube, dass er zu den Guten gehört. Natürlich sind Männer und Frauen grundverschieden, das ist ja auch a) das Problem und b) auch das Schöne daran. Die Frau in meinem Film ist zupackender, der Mann abwartender, aber ich glaube, dass er mitgehen würde in eine Beratung.

Aber nur, wenn es seine Kumpels nicht merken.

Ja, mit Mitte zwanzig ist das für diesen Mann vielleicht noch so. Aber zehn Jahre später würde er es offen machen und seinen Kumpels sagen: „Klar mach ich das, ist doch cool.“

Die bekannte israelische Soziologin Eva Illouz sagt, Männer in westlichen Industriegesellschaften meiden heute Verbindlichkeit in der Liebe. Je bindungswilliger die Frau, desto geringer ihre Chancen, einen Mann zu finden oder zu halten. Ein bisschen erkennt man dieses Muster auch in Ihrem Film.

Die Autorin hat sicher umfangreich recherchiert, aber ich möchte etwas ergänzen: Wenn Männer sich zu sehr bekennen, dann ziehen sich Frauen auch gerne mal zurück. Ich glaube nicht, dass das Unverbindliche typisch männlich ist, es ist vielleicht ein bisschen mehr männlich als weiblich, und trotzdem kenne ich das aus eigener Erfahrung von früher und auch bei Freunden und Bekannten umgekehrt ganz genauso. Es kommt auf den richtigen Abstand miteinander an. Nicht zu nah und auch nicht zu weit weg. So dass beide mit dem jeweiligen Abstand, den man zueinander hat, einverstanden sind. Wenn das passiert, hat das mögliche Paar eine gute Chance auf ein Happy End, und wenn das nicht passiert, eben nicht. Aber es hat nicht allein etwas mit Männern zu tun.

Brauchen Sie mehr Nähe oder mehr Abstand in Ihrer Ehe?

Ich bin beruflich viel unterwegs und freue mich immer, wenn ich nach Hause komme. Das ist für unsere Ehe genau richtig. Wenn ich nur zu Hause wäre, wäre ich wahrscheinlich unerträglich, und wir wären schon längst geschieden. Wenn ich nur weg wäre genauso, und so haben wir die richtige Balance gefunden. Das kommt uns beiden sehr entgegen. Ich bin froh, wenn ich mal weg kann, aber wenn ich weg bin, freue ich mich auch schon wieder auf zu Hause.

Könnte das auch umgekehrt funktionieren ? So, wie Sie es beschreiben, ist es die klassische Seemanns-Konstellation. Der Mann unterwegs, die Frau im heimischen Hafen.

Das hat sich bei uns so ergeben, ich hätte aber kein Problem, das umgekehrt genauso zu handhaben.

Ihre Frau ist Schauspielerin – also auch ab und zu unterwegs.

Nein, das war sie früher mal, sie hat aber schon vor ein paar Jahren komplett damit aufgehört. Sie fand das nicht befriedigend genug. Heute gräbt sie lieber den Garten um und pflanzt Beete an, dabei hat sie eher das Gefühl, etwas geleistet zu haben.

Es ist schwer, als Schauspielerin auf Dauer zu überleben.

Das war es bei meiner Frau gar nicht. Sie bekommt immer noch Angebote, aber sie will es einfach nicht mehr.

Hat es damit zu tun, dass der Beruf gefährlich ist für die Seele – wie man es etwa in dem Film „Die Unsichtbare“ drastisch sehen konnte?

So ist es. Und gerade für Schauspielerinnen. Wenn Sie Drehbücher lesen, merken Sie, dass die meisten Filme Männerfilme sind, männerlastig einfach schon von der Zahl her. Auch die Qualität der Rollen ist für Männer besser. Es gibt viel weniger Frauenrollen, und von der Qualität her sind sie dann auch noch schlechter. Oft sind Frauenfiguren nur der Sidekick.

Der Schriftsteller Paul Auster hat einmal gesagt, das Kino sei für Männer gemacht.

Ich finde das nicht. Obwohl es diese Unausgeglichenheit der Rollen gibt. Es kann auch gar nicht sein, dass das Kino sich nur an Männer richtet. Kino kostet Geld, und das muss auch wieder hereinkommen, deshalb umfasst das Zielpublikum beide Geschlechter. Es gibt Untersuchungen darüber, dass in Pärchenkonstellationen fast immer die Frau über die Auswahl des Films entscheidet. Es gibt natürlich Jungsfilme und Mädchenfilme, die große Masse richtet sich an beide, aber entscheidend ist, dass sich die Frau bei der Entscheidung normalerweise durchsetzt. Insofern würde ich Paul Auster ausnahmsweise widersprechen.

Sie haben vorhergesagt, Männer und Frauen sind grundverschieden. Es gibt inzwischen Forscher, die sagen, die Unterschiede zwischen einzelnen Menschen sind größer als die zwischen den Geschlechtern. Da ist viel im Umbruch.

Aber ist es nicht schon lange im Umbruch? Es begann doch mit der 68er-Generation. Sie hat traditionelle Geschlechter-Rollen infrage gestellt. Die Gleichberechtigung ist natürlich immer noch nicht hergestellt. Wenn ich mir die Diskussion über die Frauenquote anschaue – das wäre vor dreißig Jahren undenkbar gewesen.

Befürworten Sie die Frauenquote?

Ich habe noch keine abschließende Meinung dazu.

Als Sie studierten, lasen die gleichaltrigen westdeutschen Frauen „Tod des Märchenprinzen“. Männer wurden heftig in Frage gestellt. Mal als Macho, mal als Softie denunziert. Männer wussten nicht, was Frauen nun eigentlich von ihnen wollten. Sie haben in Ihrer Komödie „Der bewegte Mann“ 1994 damit gespielt.

Ich weiß bis heute nicht, was Frauen eigentlich genau wollen. Es hat mich aber nie gestört. Es interessiert mich natürlich, und es ist immer wieder erstaunlich, wie groß die Missverständnisse zwischen Männern und Frauen sein können. Ich denke auch nicht, dass Frauen nun umgekehrt die Männer unterdrücken. Was ich sehe, ist, dass Frauen eher emotional an Dinge herangehen und Männer eher praktisch. Das ist meine Erfahrung, es gibt sicher Ausnahmen. Ich glaube, dass Männer problemlösungsorientiert sind.



„Männer schaffen Probleme“, sagte der Regisseur Oscar Roehler einmal bei einer Diskussion über seinen Film „Elementarteilchen“ – wo es ja auch um Männer und Frauen geht.

Aber Frauen schaffen auch Probleme – andere. Das ist ja auch spannend. Es ist doch toll, Probleme zu lösen. Es gehört zu meinen Lieblingsbeschäftigungen – Reisen planen und Probleme lösen.

Welche Probleme schaffen denn Frauen?

Das ist schwer zu verallgemeinern. Welche Probleme schaffen denn Männer?

Ganz praktische. Es gibt viele Frauen, die nicht immer freiwillig alles allein machen, Kinder erziehen, Geld verdienen, Haushalt versorgen.

Da haben Sie ohne Zweifel recht.

Sie haben im „Wunder von Bern“ gezeigt, wie eine Nachkriegs-Ehe in die Krise und wieder heraus gerät. Die Frau denkt zwar über Trennung nach, ist dann aber doch versöhnlich – weil auch der Mann etwas an seinem Verhalten ändert.

Frauen sind integrativer. Ich glaube schon, dass sie eher die Fähigkeit haben, Dinge zu verzeihen. Aber ich gebe Ihnen recht in dem, was Sie da gerade gesagt haben, das kann ich nur unterschreiben. Es ist so. Aber man kann als Mann auch nicht viel mehr tun, als das zu erkennen und sich anders zu verhalten. Wenn ich nach Hause komme – also nicht, dass ich da jetzt stolz drauf bin – dann helfe ich schon mit. Ich bin nicht der Meinung, dass ich dann einfach die Füße hochlegen kann. Da gibt es sicher viele Männer, die sagen, wieso soll ich was tun. Ich komme doch von der Arbeit, jetzt habe ich Freizeit. Das haben Frauen, besonders in Familien, eigentlich nie. Es gibt immer etwas zu tun, allein schon mit den Kindern.

Sie haben selbst drei Kinder.

Zwei Mädchen und einen Jungen. Die Zwillinge, ein Mädchen und ein Junge sind neun, die große Tochter ist dreizehn.

Mit Kindern beschäftigen Sie sich auch in Ihrer Arbeit. Im Berliner Grips-Theater läuft Ihre Inszenierung des Stücks „Frau Müller muss weg“. Ein Grundschul-Drama für Eltern. Es spielt an einem einzigen Elternabend in der Klassenstufe, in der es um die Empfehlung für die weiterführende Schule geht. Ehrlich gesagt – weil ich es im Alltag kenne, wollte ich es nicht noch im Theater sehen.

Aber das Stück ist schön, ich mache dafür gerne Reklame. Es richtet sich an Eltern und Lehrer gleichermaßen. Oft ist die Situation relativ verfahren. Der Druck ist groß. Der Stress ist groß, sowohl für die Kinder als auch für die Eltern, die ihre eigenen Probleme haben, vielleicht beruflich, die sie auch über die Kinder kompensieren. Die Lehrer leiden aber auch. Ich glaube, das Stück hilft sehr schön mit, dass man überhaupt wieder miteinander ins Gespräch kommt, auch Verständnis für die andere Seite hat. Die Fronten sind sehr verhärtet und ich kann Ihnen nur empfehlen, sich das mal anzugucken. Lachen befreit ja auch.

Was machen wir anders als unsere Eltern – was die Schule unserer Kinder betrifft?

Man will natürlich das Beste für sein Kind, und die Schulbildung gehört dazu. Es ist nun mal so, dass man die besten beruflichen Chancen hat, wenn das Kind Abitur hat und auf eine Universität gehen kann. Ich verstehe schon, dass man das will. Meine Eltern haben sich anders verhalten, als es Eltern heute tun. Die Zeiten waren anders – viel obrigkeitsgläubiger. Damals war der Lehrer noch eine Respektsperson, wenn der gesagt hat, Ihr Sohn oder Ihre Tochter macht dies und das, dann waren die Eltern klein mit Hut. Mit der Autorität des Lehrers wurde auch viel Missbrauch betrieben. Geistig und moralisch.

Ich finde es gut, dass sich die Eltern im Zuge einer gewissen Demokratisierung gewisse Rechte erkämpft haben und auch genau hingucken. Das hat aber vielleicht dazu geführt, dass die Einmischung der Eltern teilweise überhand genommen hat. Hier schließt sich wieder ein Kreis, wie ich finde: Es kommt auf den richtigen Abstand zueinander an. Die Frage ist, wieweit lasse ich meine Kinder auch los in der Schule und versuche nicht, sie zu kontrollieren. Und das hängt wiederum auch von den Lehrern ab, mit denen sie zu tun haben.

Sind Ihre Kinder gut aufgehoben in den Schulen, die sie besuchen?

Wir sind sehr zufrieden mit den Lehrern. Deswegen können wir die Kinder vertrauensvoll in deren Hände geben. Wenn ich aber jetzt einen Lehrer hätte, der vielleicht nicht so fähig ist, dann muss ich mich auch mehr kümmern.

Woran merken Sie, ob ein Lehrer fähig ist oder nicht?

Das kriegt man schon raus, im Gespräch mit Kindern, mit anderen Eltern. Es gibt einfach Lehrer, die pädagogische Nieten sind. Im Gymnasium ist es nicht mehr so schlimm, weil man da viele Lehrer hat, in der Grundschule konzentriert sich das auf die Klassenlehrerin, die das Zentrum bildet.

Sie sagen ja schon Lehrerin – und auch im Stück ist es eine Lehrerin. Glauben Sie, dass Jungs benachteiligt sind an Grundschulen, weil es viel weniger Lehrer gibt?

Nein, das glaube ich nicht wirklich. Ich kann es nur von uns sagen – an den staatlichen Schulen in Nordrhein-Westfalen, wo unsere Kinder zur Schule gehen, da ist es nicht so.

Sie sind im Ruhrgebiet aufgewachsen, haben in München an der Hochschule für Film studiert und lange in München gelebt. Wieso haben Sie sich für Düsseldorf entschieden?

Das hat mit der Familie meiner Frau zu tun. Sie ist da sehr verwurzelt, ich bin dann mitgezogen. Und in Düsseldorf bin ich gerne.

Sie haben sehr unterschiedliche Filme gedreht, Beziehungskomödien, Filme, in denen es um Fußball ging, mal fiktiv, mal dokumentarisch. Irgendwann haben Sie gesagt, Sie wollen aus der Fußball-Ecke raus. Haben Sie ein Herzensprojekt, das Sie unbedingt machen wollen?

Unter den Filmen, die ich gemacht habe, war bereits ein ganz großes Herzensprojekt „Das Wunder von Bern“. Der Film war sehr erfolgreich, und es ist ja auch wichtig, gerade bei einem Herzensprojekt, dass es angenommen wird. Wir haben den Film mit großem Risiko gemacht, ich habe ihn auch selbst produziert. Seit mit diesem Film alles gut geklappt hat, bin ich sehr erleichtert und arbeite nur noch nach dem Lustprinzip. Ich mache das, was mich interessiert, ich habe keinen Plan, was ich als übernächstes mache.

Der Dokumentarfilm über die Fußball-WM 2006 war ein Geschenk für mich. Es war eine großartige Erfahrung, so nah dabei gewesen sein zu dürfen. Dann hatte ich das Angebot, einen großen historischen Film zu machen – „Die Päpstin“. Jetzt hatte ich wieder Lust auf eine Komödie. Ich meine, wer kann schon so verschiedene Genres machen? Und so werde ich das weiterhin halten – ganz offen. Ich wurde ja in unterschiedliche Ecken gestellt, das hat mich aber nie gestört. Nur wenn man mich in die Erfolglosen-Ecke gestellt hätte – der macht nur Filme, die keiner sehen will – dann hätte ich ein Problem gehabt.



Sind Ihnen Zuschauerzahlen wichtiger als Kritiken?

Natürlich, die Zahlen sind für mich der Gradmesser. Wenn ein Film über drei Millionen Zuschauer macht, dann heißt es, dass es sich rumgesprochen hat, dass es sich lohnt, sich diesen Film anzugucken. Wenn ein Film schlecht ist und das Publikum ihn nicht mag, dann spricht sich das auch herum. Dann gibt es eben einen Flop, das habe ich auch alles schon hinter mir.

Was entscheidet denn über den Kassenerfolg?

Man muss einen gewissen Nerv treffen. Den richtigen Film zur richtigen Zeit machen. Manchmal gelingt das, manchmal nicht, aber wenn jeder wüsste, wie es geht, dann hätten wir nur noch eine Sorte von Film. Das wäre auch wieder verkehrt. Es würde zu einer Sättigung führen, und dann sucht sich das Wasser wieder neue Wege.

Ihr Hauptdarsteller aus „Der bewegte Mann“ – Til Schweiger, der inzwischen selbst Regie führt – liegt im Dauerclinch mit Filmkritik und Filmakademie. Er fühlt sich ignoriert, trotz des riesigen Publikumserfolgs seiner Filme. Geht es Ihnen ähnlich? Warum haben Sie irgendwann einmal aufgehört, Kritiken zu lesen?

Abgesehen davon, dass Til Schweiger und die Akademie sich wieder gut sind, waren mir Kritiken insgesamt ein Rätsel, ich habe es nicht verstanden, was sie an manchen Filmen doof und an anderen gut fanden. Wenn ich früher ins Kino gegangen bin, habe ich die Filme gegenläufig zur Kritik ausgesucht. Wenn da stand „atmosphärisch dicht“, dann wusste ich, uh, das werden 90 Minuten Langeweile. Wenn hingegen da stand „menschenverachtend“ war es ein Zeichen, dass der Film interessant sein könnte. Zugegebenermaßen kam „atmosphärisch dicht“ in den Kritiken häufiger vor als „menschenverachtend“.

Aber bei diesem Attribut hatte ich das Gefühl, das könnte ein Film sein, der an Grenzen geht, der da hingeht, wo es wehtut. Das wollte ich mir dann angucken. Irgendwann habe ich aufgehört, das alles zu lesen. Mein Herzensfilm „Das Wunder von Bern“ hatte Weltpremiere auf dem Filmfestival von Locarno, er lief abends auf der großen Piazza, vor etwa sechstausend Leuten und war ein überragender Erfolg. Es gab Standing Ovations, wie man es sich erträumt. Und am nächsten Tag stand in der Zeitung: „Das Wunder von Bern bei der internationalen Filmkritik durchgefallen“. Ich habe die Überschrift noch vor Augen. Auf so etwas muss man erst mal kommen. Was für ein Selbstverständnis! Einfach zu ignorieren, wofür wir solche Filme machen – nämlich fürs Publikum. Danach habe ich beschlossen, keine Kritiken mehr zu lesen.

Til Schweiger veranstaltet keine Pressevorführungen für seine Filme mehr. So weit gehen Sie nicht?

Nein. Der Schriftsteller Leon de Winter, mit dem ich ein Projekt hatte, hat mal zu mir gesagt: „Ich habe noch einen besseren Tipp für dich. Ich lasse mir von meiner Assistentin nur die guten Kritiken schicken, und jetzt habe ich das Gefühl, ich bin besser als Dostojewski.“ Das finde ich allerdings ein bisschen inkonsequent.

Das Gespräch führte Christina Bylow.

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