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Interview Der Monstermaler und die Queen

In seiner Wahlheimat England ist Axel Scheffler ein Star - als Kinderbuchautor. Mit der Frankfurter Rundschau spricht er über die verkannte Kunstform und Aufträge von Premier Gordon Brown.

04.09.2008 00:09
Axel Scheffler gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Kinderbuchillustratoren. Foto: Verlag

Herr Scheffler, wie kommt ein Hamburger Kinderbuchillustrator dazu, Weihnachtskarten für den britischen Premier Gordon Brown zu entwerfen?

Als ich das gemacht habe, war er noch Finanzminister. Der Book Trust, ein Verein zur Förderung des Kinderbuches in Großbritannien, war von Browns Büro beauftragt worden, einen Zeichner für die offizielle Weihnachtskarte zu suchen. Sie schlugen mich vor - und dann malte ich ihm einen Weihnachtsbaum, um den viele Kinder mit unterschiedlichem ethnischen Hintergrund saßen. Später lud er mich mit vielen Kindern und meiner Kollegin Julia Donaldson ein, die seit Jahren die Texte zu meinen Bildern von Grüffelo-Fabelwesen, Drachen oder Buckelwalen schreibt. Und da standen wir dann alle in 11 Downing Street.

Und da hat Brown Sie dann mit seinem Wissen über die Bedeutung von Mythenwesen im modernen Kinderbuch beeindruckt?

Weniger. Immerhin: Auf die Frage nach seinen fünf Lieblingsbüchern hat er einer Zeitung mal meine Geschichte "Die Schnecke und der Buckelwal" genannt.

Schwer vorstellbar, dass Angela Merkel oder Peer Steinbrück bei Ihnen anriefen, um eine Weihnachtskarte mit Ihrem Grüffelo-Monster zu bestellen, oder?

Darüber habe ich so noch nicht nachgedacht. Wenn jetzt eine Anfrage aus Deutschland käme, warum nicht? Ich könnte eine Weihnachtshexe über den Reichstag fliegen lassen, das hätte doch was.

In Ihrer Wahlheimat England sind Sie ein Star des Genres. "Axel Scheffler hat uns der Himmel geschickt", schwärmt der Independent. Ihr Erfolgsbuch "Der Grüffelo" hat sich fast drei Millionen Mal verkauft, Eltern, Kinder und sogar Politiker liegen Ihnen zu Füßen...

... Sie dürfen die Queen bitte nicht vergessen, die hat mich mit anderen Kollegen vor zwei Jahren zu ihrem 80. Geburtstag zu einem Gartenfest in den Buckingham Palast eingeladen. Außer uns waren noch etwa 2000 Kinder da. Es gab ein Theaterstück, in dem verschiedene Kinderbuch-Charaktere auftraten, mein Grüffelo war auch darunter.

Ein Monster im Buckingham Palast.

So war es. Wir mussten uns alle in eine Reihe stellen, dann kam die Queen, und ich schüttelte ihre behandschuhte Hand.

Der Ritterschlag sozusagen. In Deutschland werden Ihre Geschichten über vermenschlichte Tiere zwar auch gelobt, was aber wenig daran ändert, dass Bilderbücher bei uns immer noch als Kinderkram gelten. Ärgert Sie das?

Das ärgert mich schon. Es stimmt zwar, dass Kinderbuchautoren in England ein anderes Ansehen genießen, wobei die Wertschätzung dort auch schon mal ins andere Extrem umschlagen kann: In einer Umfrage haben die Briten jüngst Enid Blyton zur beliebtesten Schriftstellerin aller Zeiten gekürt, dicht gefolgt von J.K. Rowling, erst an dritter Stelle kam Shakespeare. Das ist zwar emanzipatorisch gesehen erstklassig, andererseits schon etwas kurios. Vielleicht ist es ja manchmal eine etwas infantile Nation. Aber grundsätzlich finde ich schon, dass Bilder- und Kinderbücher die gleiche Wertschätzung haben sollten wie andere Bücher, weil sie schließlich auch zu ihnen hinführen.

Von Ihrem erfolgreichsten Helden, dem warzigen Grüffelo-Fabeltier, kommen Sie offenbar nicht mehr los. In Ihren jüngsten Bilderbüchern wie "Flunkerfisch" oder im neuen "Stockmann" bauen Sie mal einen Grüffelofisch, mal einen Grüffelo-Weihnachtsstern mit ein. Ist das auf Dauer nicht anstrengend?

Das ist es. Ich habe dummerweise irgendwann damit angefangen, einen Grüffelo in anderen Büchern zu verstecken. Aus Spaß. Jetzt muss ich das wahrscheinlich bis ans Ende meiner Tage weitermachen, weil die Kinder ständig danach suchen.

Es gibt noch ein Tier, das in fast keinem Ihrer Bücher fehlt: das Eichhörnchen - außer in den Unterwassergeschichten...

...gut, dass wir darüber reden, ich hätte längst ein Unterwassereichhörnchen erfinden können.

Die Eichhörnchen sind immer dabei, als stille Beobachter. Jetzt fragen wir uns naürlich, welcher tiefere Sinn sich hinter diesem leitmotivischen Einsatz verbergen könnte.

Es ist ganz banal: Ich find' die relativ leicht zu zeichnen. Und ich sehe sie oft, wie sie durch den Park vor meiner Haustür huschen - vielmehr huschten, denn inzwischen gibt es in Großbritannien kaum noch rote Eichhörnchen. Seit hier irgendjemand die amerikanischen grau-braunen Artverwandten ausgesetzt hat, werden die roten verdrängt. Die anderen sind einfach stärker. Die Roten gibt es nur noch auf einer Insel im Kanal und in kleinen Enklaven im Norden.

Klingt fast wie eine Ihrer skurrilen Bildergeschichten.

Eher wie Asterix. Aber egal, wie das ausgeht: In meinen Büchern werden die Eichhörnchen weiter leben.

Interview: Martin Scholz

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