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Intersexuelle Leben im Dazwischen

Etwa 80.000 Menschen in Deutschland sind weder Mann noch Frau. Die 26-Jährige Vanja kämpft vor Gericht für ein „drittes Geschlecht“.

02.09.2016 16:47
Timo Koch
Vanja, 26, kämpft für die Rechte Intersexueller. Foto: dpa

Vanja ist ein Symbol. Zum einen als Name. Weil der ostslawische Vorname weder klar als männlich, noch als weiblich zu erkennen ist, hat er für transsexuelle Menschen einen besonderen Klang: Man muss sich nicht immer entscheiden, ob Junge oder Mädchen, Mann oder Frau.

Für viele Transsexuelle ist der Name Vanja inzwischen aus einem weiteren Grund ein Symbol: Er steht für eine Kampagne, die inzwischen sogar vor dem Bundesverfassungsgericht für die Rechte von all jenen kämpft, die ohne eindeutiges Geschlecht geboren sind oder sich im falschen Körper fühlen.

Alles begann vor zwei Jahren – eben mit Vanja, 26 Jahre alt, aus Leipzig. Als Kind trägt sie einen Mädchennamen und Mädchenkleider. Aber darauf hat Vanja bald keine Lust mehr, hat schon im Kindergarten „so ein Grundgefühl, dass das für mich nicht stimmt“, auch wenn erst die Pubertät ihr Anderssein offensichtlich macht. Die dunklen Haare unter der Kappe trägt Vanja kurz, in letzter Zeit auch einen kleinen Bart. So geht man schlecht als Frau durch. Vanja ist intersexuell, also zwischen den Geschlechtern geboren, nicht Mann, nicht Frau. Schätzungsweise 80 000 Intersexuelle gibt es in Deutschland. „Die meisten von ihnen erkennen über die Zeit, dass sie mehr als Mann oder mehr als Frau leben möchten“, sagt Lucie Veith, Bundesvorstand des Vereins Intersexuelle Menschen. Anders bei Vanja: „Mir ist relativ schnell klar gewesen, dass Junge auch nicht so richtig passt.“

Seit November 2013 sieht das Gesetz die Möglichkeit vor, die Eintragung offen zu lassen, wenn das Geschlecht eines Neugeborenen nicht eindeutig ist. Das soll auch den Druck von Eltern und Ärzten nehmen, im Zweifel mit einer Operation für Klarheit zu sorgen, an deren Folgen etliche Intersexuelle ein Leben lang leiden. Noch 2014 wurden 177 Kinder bis fünf Jahre operiert.

Nach Angaben der Bundesregierung haben bis Januar 2016 Eltern in etwa zwölf Fällen vorerst auf den Eintrag verzichtet, die Zahlen sind aber unzuverlässig. Menschen wie Vanja eröffnet die Neuregelung den Weg, ihren Geschlechtseintrag noch als Erwachsene löschen zu lassen.

Aber das will Vanja nicht: Mit der Unterstützergruppe „Dritte Option“ will Vanja erreichen, dass in Deutschland ein „drittes Geschlecht“ wie „inter“ oder „divers“ eingeführt wird.

Der Deutsche Ethikrat hat das (in der Variante „anderes“) schon 2012 empfohlen. Zuletzt war Vanja vor dem Bundesgerichtshof (BGH) gescheitert. Die Möglichkeit, das Geschlecht eines Babys offen zu lassen, wenn eine eindeutige Zuordnung nicht möglich ist, reicht Vanja nicht: Eine Leerstelle sei nicht das Gleiche.

Die Gruppe will in Karlsruhe demonstrierend vom BGH zum Verfassungsgericht ziehen. Geprüft wird die Klage erst später. mit dpa

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