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Indonesien Angst und Panik auf Lombok

Nach dem zweiten Erdbeben mit mehr als 150 Toten sind manche Gebiete völlig isoliert.

Lombok
Mit bloßen Händen suchen die Menschen in zerstörten Häusern nach Überlebenden – oder fahrtüchtigen Gefährten. Foto: rtr

Die Gläubigen in der Jabal Nur Moschee des Dorfes Lading-Lading hatten keine Chance. Als am Sonntagabend ein Erdbeben nur zehn Kilometer unter der Erdoberfläche die indonesische Ferieninsel Lombok mit einer Stärke von 7,0 auf der Richter-Skala erschütterte, stürzte die grüne Kuppel auf die betenden Menschen. „Wir wissen nicht, wie viele Menschen begraben wurden“, erklärte am Montag Sutopo Purwo Nugroho, ein Sprecher von Jakartas Katastrophenschutzbehörde, „außerdem sind weite Teile des Nordens von Lombok von der Außenwelt abgeschnitten.“

Rund 1,5 Millionen Menschen leben nach Schätzungen des World Food Programme (WFP) in einem Umkreis von 50 Kilometern um das Epizentrum des Bebens. Nugroho befürchtete, dass die Zahl von knapp 150 Toten, die bis Montag aus den Trümmern der etwa 3000 zerstörten Gebäude geborgen wurden, weiter ansteigen werde. Der Chef des Bezirks Nord-Lombok, Najmul Akhyar, sagte im TV, schätzungsweise 80 Prozent der Gebäude seien beschädigt oder zerstört. Offiziellen Schätzungen zufolge müssten auf Lombok 20 000 Menschen aus dem Erdbebengebiet in Sicherheit gebracht werden. Das Auswärtige Amt rät daher bis auf Weiteres von Reisen in die Region ab. 

Genau eine Woche, nachdem ein erstes Beben der Stärke 6,4 die Insel erschüttert hatte und insgesamt 17 Tote forderte, stürzten Sonntagabend sowohl die beschädigten Gebäude als auch unversehrte Häuser ein. Das Beben war auch in Balis Hauptstadt Denpasar zu spüren. Besonders stark bebte die Erde auf den drei kleinen Inseln des Gili-Archipels nahe der Nordküste von Lombok.

Viele Bewohner und zahlreiche Urlauber rannten in Panik aus ihren Häusern und machten erst auf dem höchsten Punkt der Inseln wieder Halt. Der Grund: Seit dem Jahr 2004 sitzt die Angst vor einem Tsunami in allen Köpfen fest. Indonesiens Behörden lösten zudem einen Tsunami-Alarm aus, obwohl es sich um ein „Inlandsbeben“ handelte. Nachdem sie nur eine kaum wahrnehmbare Flutwelle verzeichneten, wurde Entwarnung gegeben. 

Doch viele Indonesier und Ausländer erreichte die Meldung gar nicht: „Ich habe zuletzt von meiner Tochter gehört, als sie verängstigt auf einem Baum saß“, suchte die Mutter einer australischen Urlauberin via Twitter verzweifelt nach Nachrichten, „jetzt erreiche ich sie nicht mehr.“ 

Das Beben legte die Stromversorgung auf Lombok und Gili nahezu lahm, selbst in Lomboks größter Stadt Mataram, dessen Flughafen den Betrieb aufrecht erhalten konnte, mussten Ärzte ihre aus Krankenhäusern evakuierten Patienten im Schein von Taschenlampen versorgen. die Batterien vieler Mobiltelefone waren schon am Montag leer. 

Auf Gili hielt die erste Panik auch am Montag an. Hysterische Rucksacktouristen drängten sich laut brüllend am Strand der Inseln und versuchten, sich einen Platz auf den überfüllten Motorbooten zu erkämpfen. Denn nach dem schweren Beben von Sonntag sorgten mehr als 130 Nachbeben für weitere Aufregung. 

Der panische Fluchtreflex vieler Urlauber – laut Behörden kam kein einziger Ausländer ums Leben – erhielt in der Lombok-Hauptstadt Mataram einen Dämpfer. Denn die Fluglinien waren trotz normalen Flugbetriebs dem Ansturm panischer Touristen nicht gewachsen. „Wir versuchen, Flugzeuge zu finden“, hieß es bei der knapp kalkulierenden Billiglinie Air Asia ziemlich hilflos. Garuda, Indonesiens staatliche Fluglinie, sprang schließlich mit Zusatzflügen ein, sodass rund 10 000 Menschen die Insel am Montag verlassen konnten. 

Tausende von Indonesiern – rund elf Prozent der etwa 3,5 Millionen Bewohner von Lombok leben unter der Armutsgrenze – verbrachten die Nacht unter freiem Himmel oder in Notzelten. Bei vielen Gebäuden waren ganze Wände zerbrochen. Tausende von Mopeds, die das wichtigste Fortbewegungsmittel Indonesiens in den Provinzen sind, wurden ebenfalls unter den Trümmern begraben und zerstört.

Und während in dem Dorf Lading-Lading die Überlebenden mit bloßen Händen in den Trümmern der eingestürzten Moschee nach Überlebenden suchten, zeigten Videoaufnahmen in sozialen Netzwerken erstaunliche Aufnahmen. Ein Mullah stützte sich am Sonntag während des Erdbebens seelenruhig gegen eine wackelnde Wand und setzte sein Abendgebet fort. Der Mann vertraute wohl auf den seit dem Tsunami von 2004 verbreiteten Irrglauben, Moscheen seien bei Tsunamis und Beben sicher. Besucher anderer Moscheen zeigten weniger Glaubensstärke. Videoaufnahmen zeigen, dass sie binnen Sekunden ins Freie rannten. (mit afp)

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