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Indien Die Heilige im Kochtopf

Die Mär vom Land der Vegetarier: Studie belegt, dass viele Inder nicht nur Fleisch, sondern sogar ihr Lieblingstier verspeisen

Bach Baras Kuh
Frauen verehren während des Bach Baras Fest eine Kuh, um Segnung für ihre Kinder zu erhalten. Foto: Reuters

Die Straßenverkäufer mit ihren leckeren Naschereien müssen verschwinden. Indiens hindu-
nationalistischer Premierminister Narendra Modi – ein strikter Alkoholabstinenzler und Vegetarier – höchstpersönlich will einen eintägigen Hungerstreik seiner regierenden Bharatiya Janata Party (BJP) gegen undemokratische Praktiken der Opposition anführen. Die Verbannung der Straßenhändler soll eine Pleite verhindern, wie sie Regierungsgegner der Kongress-Partei am Montag erlebten. Sie wurden ertappt, als sie sich kurz vor einem fünfstündigen Hungerstreik gegen Modis Partei noch schnell mit Kichererbsen und Curry-Reis vollstopften.

Die „Hungerspiele“ der indischen Politiker in Neu Delhi – im Volksmund auch als Hauptstadt des in Butter gebackenen Huhns bekannt – sind nichts neues. Seit Mahatma Gandhi während des Unabhängigkeitskampfes gegen die britische Kolonialherrschaft London mit strengem Fasten in Verlegenheit brachte, gehören solche Aktionen zum Repertoire der Politik – auch wenn sie in den jüngsten Jahren mehr und mehr zur Fasten-Farce degenerierten.

Da passt die Studie des US-Anthropologen Balmurli Natrajan und seines indischen Kollegen Suraj Jacob wie die berühmte Faust aus Auge. Sie widerlegten den Mythos, dass die 1,3 Milliarden Inder – 80 Prozent sind Hindus – ein Volk der Vegetarier seien. Pustekuchen, sagen die beiden Wissenschaftler: Gerade mal 20 Prozent, also ganze 260 Millionen Inder, passen in dieses Klischee. Das sind kaum mehr als jene 180 Millionen Inder, die laut der Untersuchung mit großem Vergnügen und unter wachsender Lebensgefahr Rindfleisch vertilgen – erstaunliche 96 Prozent mehr, als Indiens Regierung in ihren Statistiken einräumen möchte.

Die hindunationalistische Regierung wird sich ärgern

Solche Zahlen passen der Regierung des „Hungerspielers“ Modi ganz und gar nicht ins Konzept. Offiziell wird behauptet, irgendwo zwischen 23 und 37 Prozent aller Inder seien Vegetarier. Und wer Appetit auf Rindfleisch besitzt, muss sich laut der amtierenden BJP kräftig schämen. Die Hindunationalisten glauben, dass die Kuh und ihre Kinder aus religiösen Motiven geschützt werden müssen und haben in mehr als einem Dutzend Bundesstaaten Kuhschlachtungen untersagt. Hindunationalistische Vigilante-Gruppen ziehen ungehindert durchs Land, ermorden sogar Landsleute, die Kühe transportieren. Frei nach dem Motto: Die Tiere sollten zum Schlachthaus gebracht werden.

Das tatsächliche Zahlen ein weitaus differenzierteres Bild als politisch beeinflusste Darstellungen geben, ist angesichts der vielseitigen kulturellen Zusammensetzung Indiens überhaupt kein Wunder. So passt der Punjab an der Grenze zu Pakistan, dessen Bewohner im Volksmund als „Hühnerfleischliebhaber“ gelten, in Wirklichkeit in den Mythos der Vegetarier: 75 Prozent ernähren sich lediglich von Obst und Gemüse, rein pflanzlich eben. In Chennai wiederum, einer Großstadt im südlichen Bundesstaat Tamil Nadu, halten sich gerade mal sechs Prozent an vegetarische Regeln. Dabei gilt gerade Indiens Süden als berühmte Meisterküche der Vegetarier.

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