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Indien Bei den Khasi haben die Frauen das Sagen

In den Vorläufern des Himalaya-Gebirges lebt das Volk der Khasi. Hier gehört den Frauen alles, Männer kämpfen für ihre Emanzipation. Ein Besuch.

29.04.2016 14:08
Andrea Jeska
Die älteste Tochter Eva mit der zweijährigen Ida. Foto: Karolin Klüppel

Wie immer ist Mebada Khongjee am Morgen um vier Uhr aufgestanden und hat einen Spaziergang durch das schlafende Dorf gemacht. Es ist die einzige Zeit des Tages, die sie für sich alleine hat. Die Luft ist so früh am Morgen noch kühl. Am liebsten geht die 17-Jährige bis zu der kleinen Lichtung, die die Männer des Dorfes in den Dschungel gerodet haben, damit die Jungen Fußball spielen können. Dann sitzt sie einen Augenblick dort in der Morgenstille und hängt Träumen nach, von denen sie weiß, dass sie sich nicht erfüllen werden.

Mebada würde gerne Englisch studieren und Lehrerin werden, noch lieber aber würde sie einen Ausländer heiraten und mit ihm nach Europa oder Amerika gehen. Doch das wird sie nicht tun. „Ich bin eben die Khaddu“, beendet Mebada jedes Gespräch über diese Träume, denen sie auf ihren einsamen Morgenspaziergängen nachhängt. Khaddu ist der Titel für die jüngste Tochter einer Familie. Er verleiht der Trägerin das Recht, nach dem Tod der Eltern das Oberhaupt der Familie zu werden. Mebada wird das Haus erben, den Acker, den kargen Besitz aus Töpfen, Schränken, Schüsseln, Matratzen, Kochlöffeln, aus ausgetretenen Schuhen und dünngewaschener Kleidung. An ihr wird es sein, den Clan zu erhalten, im Geist der Ahnen und der Urmutter des Volkes der Khasi, aus deren Leib alles Leben kam.

Mawlynnong, Mebadas Heimat, ist ein kleines Dorf im indischen Bundesstaat Meghalaya. Nicht weit von hier entfernt verläuft die Grenze zu Bangladesch, im Süden liegt der indische Bundesstaat Assam. Meghalaya bedeutet: Wo die Wolken wohnen. Die Region macht ihrem Namen stets Ehre. Nirgends in Indien regnet es mehr als hier und die Wolken hängen stets so tief, dass man in sie eingehüllt ist wie in ein nasses Tuch.

In den East und West Khasi Hills, Vorläufern des Himalaya-Gebirges, leben die Khasi, ein matrilineares Volk, dessen Erbfolge von der Mutter auf die Töchter übergeht. Rund 1,1 Millionen Angehörige hat diese Volksgruppe, bestehend aus Hunderten von Clans. Die meisten von ihnen leben in Meghalaya, einige Zehntausend in Assam oder Bangladesch. Die auf den Hügeln verstreut liegenden Dörfer sind erst seit einigen Jahren über feste Straßen zu erreichen. Mawlynnong ist eine dreistündige Fahrt von Meghalayas Hauptstadt Shillong entfernt, tief im Dschungel gelegen, umgeben von kleinen Flüsschen. Rund 550 Menschen, verteilt auf 95 Häuser, leben dort, bis vor einigen Jahren noch verborgen vor dem Rest der Welt.

Eine Familie nur mit Söhnen? Unglücklich!

Durch ihre matrilineare Erbfolge unterscheiden sich die Khasi deutlich von den anderen Volksgruppen Indiens. Bei ihnen sind Töchter mehr wert als Söhne. Sie werden weder ausgesetzt noch sexuell missbraucht noch vergewaltigt. Jene Nachrichten, die aus anderen Bundesstaaten bis Mawlynnong dringen, stoßen dort auf großes Unverständnis. Frauen nicht zu achten, heißt für die Khasi, der Gesellschaft Schaden zuzufügen. Hat eine Familie nur Söhne, gilt sie als unglücklich, weil nur die Tochter die Kontinuität eines Clans fortsetzen kann.

Es ist 4.30 Uhr, als Mebada Feuer macht, den Reis aufsetzt, das Dal aus Linsen kocht, aus Gemüseresten kleine Frikadellen backt. Die wird der Vater mit aufs Feld nehmen, werden die Brüder und die Mutter am Mittag essen, wenn Mebada noch in der Schule ist.

Khaddu zu sein, ist eine große Verpflichtung. Mebada ist für ihre Eltern bis zu deren Tod verantwortlich; es wird von ihr erwartet, im Elternhaus wohnen zu bleiben, sich um die Mutter, den Vater, die Brüder zu kümmern. Kochen, Einkaufen, Wäsche im Fluss waschen, Kranke pflegen, Putzen. Für Träume und Freiheit bleibt da kein Raum, jedenfalls nicht in Mawlynnong, wo alles noch immer so gemacht wird wie seit einigen Jahrhunderten.

Die Herdstelle ist das Zentrum des Hauses, an kalten Tagen der einzige Ort, an dem man Wärme finden kann. Die Häuser der Khasi sind auf niedrigen Stelzen gebaut gegen der Überschwemmungen, die Wände sind aus Bambus und Lehm, zur Monsunzeit dringt die Feuchtigkeit ein, im Winter die Kälte.

Mebadas Bewegungen sind routiniert. Der Tee darf nicht zu spät fertig sein, sonst wird der Vater schimpfen, die Mutter aus ihrem Bett zetern, in dem sie seit Wochen mit einer Grippe liegt. Der Vater, Morkan, ist mit seinen 55 Jahren noch kräftig, aber die Mutter, Merona, neun Jahre jünger als er, ist fragil, mit einem Gesicht wie ein Vogel.

Die älteste Tochter der Familie Khongjee ist Eva. Sie ist 26 Jahre und hat schon zwei eigene Kinder. Acht Jahre nach Eva wurde Mebada geboren und danach noch die beiden Söhne. Vor drei Jahren zog Provenus mit in das Haus, Evas Lebenspartner. So ist es Sitte bei den Khasi. Der Mann verlässt das Haus seiner Eltern, um im Haus seiner Schwiegereltern zu leben. Eva hat Provenus in Shillong kennengelernt, wo sie als Dienstmädchen bei einer reichen Khasi-Familie arbeitete. Er lernte einen Handwerksberuf und sie verliebten sich. Sie hat die Eltern nicht gefragt, ob ihnen diese Liebe passt, weil ein Khasi-Mädchen nicht fragen muss, sondern sich ihren Partner frei wählen darf.

Eva und Provenus haben nicht geheiratet, jedenfalls nicht offiziell. Die Khasi sind überzeugte Christen, sie wurden von den englischen Kolonialherren zum Glauben an Gott und Jesus gebracht. Trotz der tiefen Religiosität reicht es bei ihnen, wenn Mann und Frau unter einem Dach leben, sie gelten dann als Ehepaar. Eine Hochzeit kostet Geld, die Khasi auf den Dörfern sind arm. Sie leben von der Landwirtschaft und vom Fischen, sie können sich gut ernähren, Bargeld besitzen sie kaum.

Fast zwei Jahre ging es gut mit Provenus. Doch er fand nicht immer Arbeit, die Eltern beklagten sich, Provenus bringe nicht genug Geld ein, die Mutter sagte, was Mütter in aller Welt ihren Töchtern sagen: Du hättest doch auch etwas Besseres finden können. Provenus hätte Eva gerne ein Haus gebaut, wäre mit ihr fortgezogen aus dem Dunstkreis dieser Schwiegereltern. Aber ein Haus zu bauen, kostet 50 000 Rupien, und bis die erspart sind, wird es noch Jahre dauern.

Die Männer kommen mit leeren Händen

Früher musste die Frau nur eine Münze werfen, dann war sie vom Mann „geschieden“. Niemals hat es bei den Khasi den Zwang gegeben, bei einem ungeliebten Mann zu bleiben. Auch heute ist das Auseinandergehen eine leichte Sache, denn die matrilinearen Gesetze der Khasi sind auch in der Verfassung von Meghalaya verankert. Aller Besitz gehört den Frauen. Ein Mann kommt mit leeren Händen ins Haus der Frau, er muss auch mit leeren Händen wieder gehen. Auch auf die Kinder hat er keinen Anspruch. Kein Richter Indiens würde einem Khasi-Vater je das Sorgerecht zusprechen, denn die Kinder gehören zum Clan der Mutter, der Vater aber nicht.

Die matrilineare Erbfolge bewahrt die Frauen vor wirtschaftlicher Not und gibt ihnen in Beziehungen die Macht, sich eines ungeliebten oder gewalttätigen Mannes zu entledigen – aber nur theoretisch. Denn gleichberechtigt sind die Frauen deshalb noch lange nicht. In Mawlynnong sind es noch immer die Männer, die das Geld verdienen, und es sind auch dort, wie in fast allen traditionellen Gesellschaften, die Frauen, die die Hauptlast der Familienarbeit tragen. Und sich zunehmend darüber beklagen.

In Shillong, der Hauptstadt von Meghalaya, wo die Stadt-Khasi leben, hat die Khasi-Kultur bereits tiefe Risse bekommen. Dort gibt es jüngste Töchter, die nicht für die Eltern sorgen, die fortgehen und sich Berufe suchen. Dort gibt es Frauen, die nicht mehr das traditionelle Gewand der Khasi tragen, ein Tuch, das an beiden Schultern mit einer Brosche befestigt wird, sondern lieber Jeans und Pumps. Dort gibt es Frauen, die rauchen und trinken und nur ein Kind bekommen wollen. Vor allem aber gibt es dort Frauen, die keine Khasi-Männer mehr heiraten.

Die Kehrseite

„Der Khasi-Mann ist wie ein Kind“, sagt Laloo Deepak und rührt mit düsterem Gesicht in seinem Morgentee. Es ist Sonntag in Mawlynnong, und seit fünf Uhr läuten die Kirchenglocken alle zwei Stunden zur Messe. Aus der Kirche schallt Gesang herüber, auch die Familie Khongjee ist schon zur Messe geeilt.

Deepak schiebt auf seinem Teller Reis und Linsen hin und her, als läge darunter die Lösung für das Dilemma der Khasi-Männer. „Unsere Kultur hat dazu geführt, dass er keine Verantwortung übernimmt und infantil bleibt. Er ist ein Hedonist. Er will das Leben genießen, um jeden Preis. Wundert es da, dass die Frauen keine Khasi-Männer mehr wollen?“, klagt er.

Eine Gruppe von Khasi-Männern, Deepak gehört dazu, will die matrilineare Erbfolge abschaffen. Sie verlangen, dass die Söhne so viel erben wie die Töchter und die Kinder ihren Namen tragen. Sie sehen sich als Emanzipationsbewegung. Sie behaupten, Khasi-Männer stürben früh, aus Gram oder aus ungesundem Leben, weil sie sich ungeliebt und nutzlos fühlen.

4000 Mitglieder soll diese Bewegung haben. Bislang sind sie an den Gerichten Meghalayas gescheitert, vor allem aber an der Frage, wann und warum die matrilineare Kultur entstand. Ist sie nur ihrer Zeit geschuldet oder ist sie der Kern allen Khasi-Seins? Sie sei entstanden, als die Männer Kriege führten und die Frauen daheim alles alleine regeln mussten, sagen die Emanzipations-Männer – und könne daher also wieder abgeschafft werden.

Mebada weiß nicht, ob sie die Gesetze der Khasi ändern möchte. Es sei immer so gewesen, es habe wohl seinen Sinn, sagt sie, wenn man sie fragt. Dennoch würde sie gerne aus den Zwängen ausbrechen, hat Angst, der Last als Familienoberhaupt eines Tages nicht gewachsen zu sein.
Wenn Mebada aus der Schule nach Hause kommt, hat sie noch zwei Stunden Zeit, bis es dunkel wird. Zwei Stunden, um im Fluss die Kleidung der Familie und sich selbst zu waschen, rasch die nasse Kleidung wieder überzuziehen, die Schüsseln mit der Wäsche zu schultern und wieder zurück nach Hause zu laufen.

„Spute dich, Mebada“, sagt Eva, als die jüngere Schwester wieder das Haus betritt. „Du bist spät.“ Eva hat schon Feuer gemacht und Tee gekocht, hat das Essen für ihren Mann und ihre Töchter aufgesetzt. Mebada kocht für die Eltern, die Brüder. Nie verlässt das Lächeln ihr Gesicht. Nach dem Essen sitzen die Geschwister zusammen um die Herdstelle, Eva und Mebada kuscheln mit den Kindern, die Brüder bauen aus Holz und Blechresten ein Auto. Auch die Eltern kommen hinzu, sie tauchen süßen Zwieback in den Tee. „Wenn ich nicht die Khaddu wäre“, hat Mebada gesagt, „dann wäre ich freier. Aber ich würde trotzdem immer bei meiner Familie bleiben.“

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