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Ilan Fernandez Der Mode-Macho

Seit ein paar Jahren betreibt Ilan Fernandez das Modelabel "De Puta Madre 69", eine Streetwear-Linie für junge Pseudo-Gangsta. Der Ex-Drogenboss weiß, wovon er spricht. Von Karin Ceballos Betancur

04.07.2010 14:07
Karin Ceballos Betancur
Ilan Fernandez. Und Frauen als Beiwerk. Foto: Brandlots Fashion, De Puta Madre

Es heißt, dass er Telefoninterviews gerne im Auto erledigt, wenn im Hintergrund das satte Wummern seines Ferraris in den römischen Stadtverkehr blendet. Wir waren zum Gespräch verabredet, doch zum vereinbarten Zeitpunkt nahm ein Italiener den Anruf entgegen. Ilan Fernandez, erklärte er in gebrochenem Spanisch, könne derzeit keine Auskünfte geben. Er sei am Morgen operiert worden. Nichts Schlimmes. Aber an harmlose Erklärungen zu glauben fällt schwer, wenn man sich mit der Biografie Ilan Fernandez´ auseinandergesetzt hat.

Seit ein paar Jahren betreibt der 43-jährige Ilan Fernandez in Italien das erfolgreiche Modelabel "De Puta Madre 69", eine Streetwear-Linie für jugendliche Pseudo-Gangsta. Und im Gegensatz zu seinen Kunden weiß Fernandez, wovon er spricht. Mit 13 fing er an, im kolumbianischen Cali mit Kokain zu dealen, mit 15 transportierte er den Stoff nach Miami, mit 19 will er einer der mächtigsten Bosse der internationalen Drogenmafia gewesen sein, bis er schließlich mit 22 in Barcelona verhaftet wurde und für neun Jahre ins Gefängnis ging.

Die Idee mit der Mode soll im Knast entstanden sein. Als ein ehemals verfeindeter Gangchef auf die Frage, wie es ihm nach dem Tod seiner Mutter gehe, zischte: "De puta madre", was (sehr) frei übersetzt so viel wie "scheißgut" bedeutet. Fernandez pinselte den Satz auf T-Shirts, die draußen, auf der anderen Seite der Gitter, reißenden Absatz fanden. Ein Erfolg, auf dem er nach seiner Freilassung aufbaute. Inzwischen verkauft er pro Jahr etwa eine halbe Million T-Shirts und weitere Kollektionsteile.

"De Puta Madre" folgt dem Prinzip der Provokation im berechtigten Vertrauen darauf, dass es immer eine neue Generation gibt, die der Welt ihren Mittelfinger noch nicht entgegen gestreckt hat. Slogans wie "1 Gramm Kokain für ein wildes Leben", "Fuck Barbie" und "Töte Deinen Babysitter" gehörten zu seinen Favoriten, gab Fernandez in einem Interview mit der argentinischen Tageszeitung Clarín zur Auskunft. Er möchte das ironisch verstanden wissen. Irgendwie vielleicht auch systemkritisch.

Um mehr über Fernandez zu erfahren, ist es nicht einmal zwingend notwendig, mit ihm zu telefonieren. Der italienische Autor Giulio Laurenti hat ein Buch über "Das Leben des Ilan Fernandez" verfasst, das den Titel "Suerte" trägt, was sich sowohl mit Schicksal als auch Glück übersetzen lässt. Auf 284 Seiten beschreibt Laurenti als Ghostwriter den Höhenflug des Drogenbosses, seine Leiden im Gefängnis, seinen Weg zurück in die Legalität.

Ein wenig Autoren-Abstand allerdings hätte man sich schon gewünscht zu einem Protagonisten, der sich ganz offenbar noch heute daran berauscht zu schildern, wie er seinerzeit Verkaufsgespräche führte, während er und seine Geschäftspartner sich unter der Tischplatte oral befriedigen ließen. Etwas mehr Distanz vielleicht zu einem Mann, der nur bedingt in der Lage zu sein scheint, Frauen auf Augenhöhe zu begegnen, einmal abgesehen von seiner Gattin. Stattdessen plaudert er in schwülstiger Prosa über den Brustumfang ehemaliger Geliebter und über die "bedingungslose Gastfreundschaft ihrer Feuchtgebiete".

Eine wirkliche Distanz des Modemachers zu seinen Jahren als Drogenboss ist kaum zu erkennen. Vage, aber ausdauernd bemüht Fernandez Gefühle wie Wut und Zorn, um sein Handeln zu erklären, ohne dass die Gründe für ihr Zustandekommen wirklich plausibel würden. Weil es Fernandez nicht einmal gelingt, über seine Straftaten umfassend zu schweigen, ist dem Buch der Hinweis vorangestellt: "Dies ist ein fiktionales Werk. Namen, Personen, Organisationen, Orte und Ereignisse sind der Einbildungskraft des Autors entsprungen und dienen rein erzählerischen Zwecken." Vermutlich dient er vor allem juristischen Zwecken. Denn der Riemann-Verlag, der das Buch in einer deutschen Ausgabe veröffentlicht hat, lässt keinen Zweifel daran, dass es sich um eine wahre Geschichte handelt. Angeblich soll der Stoff sogar in die Kinos kommen. Angeblich ist Steven Spielberg interessiert. Angeblich, angeblich.

Die ersten Sätze des Buches lauten: "Wäre ich eine Generation früher zur Welt gekommen, wäre ich vermutlich Revolutionsführer geworden. Doch ich wurde geboren, als es in Kolumbien längst andere Wege gab, dem eigenen Zorn Luft zu machen." Man hätte es in ein paar Tagen noch mal mit einem Rückruf versuchen können. Aber im Grunde braucht es nicht mal die restlichen 283 Seiten, um an einem Gespräch mit Ilan Fernandez jegliches Interesse zu verlieren.

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