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Ice Music Festival Ganz in Weiß

Gefrorene Trompete, vereiste Harfe - in der ersten Vollmondnacht des Jahres findet in Norwegen ein ganz cooles Festival statt.

13.01.2009 00:01
STEFAN FRANZEN

Auf eine kleine Expedition sollte man sich schon einstellen, will man Norwegens Ice Music Festival besuchen. An gefrorenen Seen und verschneiten Bergbuckeln entlang schlängelt sich die Bahn von Oslo nach Bergen, rote Häuschen und dottergelbe Bahnhöfe leuchten in der weißen Schneelandschaft. Schließlich stoppt der Zug in einem unscheinbaren Ort mit drei Häuserzeilen und jeder Menge Skipisten drum herum: Geilo, einer der beliebtesten Skiorte in Norwegen.

Seit vier Jahren schon lädt Jazzpercussionist Terje Isungset immer in der ersten Vollmondnacht des Jahres in seinen Heimatort zu einem sehr eigenwilligen Festival. Eigenwillig nicht nur, weil es trotz Minusgraden open air stattfindet. Eigenwillig sind auch die Instrumente, auf denen gespielt wird. Die sind nämlich alle aus Eis.

Doch wer in den Genuss der Eismusik kommen möchte, hat vom Bahnhof Geilo noch einen beschwerlichen Weg vor sich. Am Fuße des Berges Kikuttoppen steigt man um in einen Skilift. Inzwischen ist es Nacht geworden und ein eisiger Hauch fährt trotz der nur minus zwei Grad durch die Glieder. Dann geht es weiter zu Fuß auf einem schmalen, verschneiten Fußweg. Und plötzlich, hinter einer Wegbiegung, taucht - bläulich im Vollmond schimmernd - ein Amphitheater aus meterhohen Schneewänden.

Ein paar hundert Zuschauer sind bereits im Eistheater und versuchen, sich mit dampfendem

Kaffee aus einem riesigen Kessel zu wärmen. Auf der Bühne stehen schon die Instrumente bereit: Tische aus Eis formen eine Marimba, gefrorene Platten eine Art Glockenspiel, dazwischen steht das Eishorn, das wie eine überdimensionierte Kristallvase wirkt. An einer Harfe aus Eis nimmt jetzt eine Blondine in weißem Pelz, die Harfinistin Sidsel Walstad, Platz. Trotz Minustemperaturen spielt sie mit bloßen Händen und tatsächlich gelingen ihr ein paar perlende Läufe über die Saiten.

Das Publikum lauscht andächtig und spendet bereitwillig Applaus. Da jeder vernünftige Mensch hier dicke Handschuhe trägt, hört es sich an, als trappelten ein paar Pferde durch den Schnee. Das Hauptwerk des Abends jedoch sind die "Winter Songs" - vorgetragen von einem Jungenchor und der Popsängerin Lena Nymar, die etwas fröstelnd auf einem Rentierfell steht. Begleitet werden die Sänger von Initiator und Percussionist Terje Isungset. Fast zärtlich werkelt er an seinen Eistischen, es hört sich richtig afrikanisch an, sein transparentes Xylophon, dann rührt er wie ein Jazzschlagzeuger mit dem Besen auf den Schneekristallen, murmelt und wispert dazu. Als Höhepunkt ertönt markerschütterndes Röhren aus dem Horn, so könnte sich der Schrei des Mammuts angehört haben.

20 Stunden pro Tag hat Terjes' Team seit Dezember gearbeitet an dieser Vision, das hochwertigste Equipment, die besten Tontechniker wurden eingespannt.

Doch die Hauptarbeit macht die Herstellung der Eisinstrumente. Das Material für seine Instrumente holt er aus der Umgebung, mit Kettensägen werden Blöcke aus dem Eis herausgeschnitten, zerteilt und dann in Feinarbeit mit Messern und Bohrern bearbeitet. Doch nicht jede Eissorte eignet sich für jedes Instrument. "Eis vom Gletscher kann man nur für das Horn, nicht für die Percussion verwenden, da sind zu viele Luftblasen eingeschlossen", erklärt Isungset.

Auch die Temperatur spielt eine wichtige Rolle. Bei minus 20 Grad, sagt Isungset, könne er auf seiner Eispercussion den größten Klangreichtum produzieren. "Die Bässe werden voller, die Höhen brillanter und knisternder, und vor allem singen die Töne länger."

Je wärmer es wird, desto schlechter für den Sound. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt "singt" das Eis nicht mehr, der Klang verliert an Fülle. Schließlich bleibt nur noch ein toter wasserähnlicher Sound.

Angefangen hat Eismusiker Terje Isungset als Rockmusiker, dann spielte er in Folkensembles und experimentierte schon damals mit Stein, Metall und Holz-Schlagwerk. Doch nichts faszinierte ihn so wie das Eis. "Wer sich mit Eismusik beschäftigt, gibt am besten sein Ego ab", sagt Isungset und lächelt unter seiner gigantischen Mütze. "Man hat keine Chance gegen die Wetterbedingungen. Während des Konzerts ändert sich alle paar Sekunden etwas, ein Sturm kann kommen oder zu warme Luft, Instrumente können zerbrechen." Als Musiker muss man zudem höllisch aufpassen, nicht an seinem Instrument festzufrieren. Ein paar Mal ist das Terje sungset schon passiert, mittlerweile hat er etwa für sein Eishorn eine spezielle Blastechnik entwickelt, die das verhindert.

Soviel Arbeit Isungset auch in seine Instrumente steckt, sein Herz hängt nicht an ihnen: "Letzte Woche habe ich auf dem London Jazz Festival gespielt und ein Eishorn mitgebracht, das aus dem zweitgrößten Gletscher Norwegens gefertigt war, aus 2500 Jahre altem Eis. Als das Konzert beendet war, habe ich das Horn einfach schmelzen lassen, als Sinnbild dafür, dass bald der ganze Gletscher verschwunden sein wird."

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