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Hühner auf dem Gnadenhof Schöner gackern

Gloria, Kid, Favechen, Agnes und Trish haben es geschafft: Die ausgedienten Legehennen entkamen dem Schlachter und dürfen nun auf einem Gnadenhof ihre Einzigartigkeit ausleben

29.03.2013 16:21
Hilal Sezgin
Dieses Huhn läuft durch das Frei-Gehege auf einem Bio-Bauernhof. Foto: dpa

Wo die Elbe in die Nordsee mündet, eingeklammert von Fluss und Meer, zwischen Kurbetrieb und Tiefseehafen, da liegt Cuxhaven. Wie würde der Osterhase die langen Ohren spitzen, wenn er hörte, dass dies die Heimat seiner Helferinnen ist! Denn hier ist die Firma Lohmann Tierzucht beheimatet, Marktführer für Legehennen in Deutschland, laut eigener Aussage sogar Weltmarktführer.

In Lohmanns Laboren werden neue Hühner ausgeheckt: weiße und braune, für Freiland und Käfig, für heißes Wetter oder kühles, für Europa oder Mexiko. Die Tiere bekommen eigene Impfstoffe verpasst, werden genetisch so angelegt, dass man die männlichen Küken gleich nach dem Schlupf an der Farbe ihrer Federn erkennen („sexen“) und – weil sie fürs Eierlegen wertlos sind – vergasen oder schreddern kann.

Eine neue freie Heimat für Legehennen

Ihre Schwestern hingegen bekommen auf der Lohmann-Webseite bescheinigt, was für tüchtige Arbeiterinnen sie sind: Eine Lohmann LSL-Classic legt bis 325 Eier pro Jahr, Schalenbruchfestigkeit über 40 Newton, Produktionsspitze 94 - 96 Prozent. Gerade weil sie so sorgfältig nach allen Regeln der Hightech-Agrarwissenschaft gezüchtet wurden, weil sie einander fast ähneln wie Klone, ist eins umso erstaunlicher: dass sie trotzdem so distinkte Persönlichkeiten besitzen. Das merkt man, sobald man diesen Legehennen eine neue freie Heimat gibt.

Nach ungefähr einem Jahr werden alle Legehennen eines Stalls eingefangen und zum Schlachter gebracht. Außer denjenigen, die sich in irgendwelchen Ritzen verstecken können und das Glück haben, von Tierschützern gefunden zu werden. Wie Gloria, die nach der Sängerin von „I will survive“ benannt wurde, die zunächst eine Legedarm-OP überstehen musste, bevor sie meinen Garten unsicher machte und sich auf das Aufstöbern toter Frösche spezialisierte. Oder Kid, die auf Zuruf herbeigeflitzt kam, gelegentlich auf meiner Schulter thronte wie ein Piratenpapagei und sich das Recht herausnahm, vom Gartentisch Erdbeeren und Kekse zu stibitzen. Egal, wie laut ich schimpfte, und egal, welchen städtischen, hühnerungewohnten Besuch ich gerade empfing.

Heute noch leben bei mir Agnes und Trish, die sich leider partout in den Kopf gesetzt haben, ihre Eier in die Heuraufe der Schafe zu legen. Ständig baue ich an der Absperrung weitere Zaunteile an, aber Agnes und Trish überwinden Hindernis um Hindernis, kuscheln sich ins Heu und legen ihre Eier in gemütliche breite Kuhlen. Lustig, wenn ein Schaf im Heu auf die harten runden Dinger stößt.

Mühen beim Nestbau

Dennoch beschämte es mich auch immer, die Mühen und den Erfindungsreichtum der Hühner beim Nestbau zu sehen. Ein namenloses Huhn eilte jeden Morgen überstürzt aus dem Hühnerstall zu der großen Linde. Erst nach Wochen verstand ich, dass es in einer Astgabel ein Nest mit zig Eiern angelegt hatte. In den modernen Ställen hingegen ist alles genormt, da werden Plastikmatten in die Nistregale eingelegt. Da ist nichts mit Reinkuscheln, da muss alles leicht zu reinigen sein. Da rollt dem Huhn das Ei unterm Po weg, bevor es noch sein „Ich habe gelegt! Ich habe gelegt!“-Gegacker zum Abschluss gebracht hat.

Und überhaupt: Die heutigen Hühner legen viel zu viele Eier. Mehr als ihnen gut tut. Eigentlich – man vergisst das so leicht – sind Hühner ja Vögel. Das wilde Bankivahuhn legt jedes Jahr zwanzig Eier, setzt sich auf das Gelege und brütet. Dem modernen Hybridhuhn haben wir den Bruttrieb weggezüchtet. Den Kalk für 325 Eier pro Jahr aus dem Körper zu holen geht den Hochleistungshühnern aufs Skelett. Daher leiden heutige Hennen oft unter Osteoporose. Auch unter chronischer Eileiterentzündung, Bauchfellentzündung, Leberverfettung , Darmvorfällen und Kloakenverletzungen.

Trotz schmerzhafter Erkrankungen legen sie weiter wie Maschinen ihre Eier. Sind sie etwa Maschinen? Natürlich nicht! Und dass wir in den letzten Wochen so viele Fernsehbilder von Skandalen gesehen haben – federlose Hühner, siechende Hühner, vornüberfallende Hühner – heißt umgekehrt nicht, dass ein Huhn mit Federn, das aufrecht stehen kann, bereits ein gutes Leben hat.

Purer Stress für Hühner

Zu Tausenden pferchen wir sie in einen Stall, obwohl Hühner nur mit bis zu fünfzig Individuen stabile Gruppen bilden können, alles Andere ist purer Stress. Und, blöde Frage vielleicht, trotzdem die wichtigste: Was sollen zigtausend dermaßen neugierige, lebhafte und individuell veranlagte Tiere in einer Halle mit Betonboden und ein paar Anstandshalmen Stroh eigentlich den ganzen Tag tun?

Auch das Favechen, eine weitere Legehenne, die dem Transport zum Schlachter entkam, lebt heute auf einem Gnadenhof. Einige Hühner ihrer Truppe schließen sich tagsüber den Kühen an und picken ihnen das Fell, andere folgen den Schweinen auf die Wiese. Favechen jedoch bevorzugt Menschen. Am liebsten begleitet sie die Stallhilfe auf deren Runde, was auch daran liegen mag, dass die junge Frau ihre Brötchen mit Favechen teilt. Aber am Wochenende kommt die Helferin nicht, und das bringt Favechens Tagesplan durcheinander. Dann lauert sie, bis die Tür zum Gutshaus aufgeht, marschiert in die Küche, inspiziert die Spülmaschine, pickt die Katzennäpfe sauber, hält einen Mittagsschlaf. Manchmal ruht Favechen im Obstkorb oder auf dem Wohnzimmersofa bei den Hunden.

So muss eine Henne leben dürfen. Natürlich nicht unbedingt mit Küche und Sofa, aber mit der Möglichkeit, ihre Neugier zu befriedigen, und mit der Freiheit, sich Orte, Wege, Gesellschaft und Ruhe aussuchen zu dürfen, wie es ihr gefällt. Die Helferinnen des Osterhasen dagegen haben keinerlei Gelegenheit je wirklich zu leben. Wenn der Osterhase dies wüsste – sicher würde er auf Schokolade oder Selbstgebasteltes umsteigen. Denn kommerzielle Ostereier von glücklichen Hühnern gibt es nicht.

Unsere Autorin Hilal Sezgin lebt seit 2007 auf einem Hof in der Lüneburger Heide mit Schafen, Ziegen, Gänsen und Hühnern. Einmal im Monat schreibt sie für die Berliner Zeitung die Kolumne „Meine Tiere“.

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