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Hoyerswerda Flüchtlinge kehren zurück nach Hoyerswerda

22 Jahre nach den gewalttätigen Ausschreitungen hat Hoyerswerda wieder ein Flüchtlingsheim. 1991 tobte der Pöbel, nun will es die ostsächsische Stadt der Welt zeigen und alles richtig machen.

Die umgebaute Förderschule in Hoyerswerda. Foto: dpa

Natürlich erinnert sich Grit Maroske an den 17. September 1991: Sie war damals mit ihrem Mann unterwegs im funkelnagelneuen Westauto Richtung Albert-Schweitzer Straße. Ein warmer Abend. Eine Freundin hatte Geburtstag, es sollte ein netter Abend werden. Aber dann, kurz vor der Ankunft, stürmten Menschen um die Ecke auf sie zu, junge Kerle kletterten und trampelten über das neue Auto hinweg, wütendes Volk, das mit Steinen und Flaschen warf. Ein Schlacht war im Gange und sie waren mitten hinein geraten. Und dann begriff Grit Maroske: Neonazis. Es ging gegen das Heim mit den ausländischen Vertragsarbeitern. Polizisten waren nicht zu sehen, die kamen erst zwei Stunden, nachdem es losgegangen war. Sie weiß es noch wie heute: Ihr Mann stieg damals aus dem Wagen, stellte sich zu den Hunderten Schaulustigen am Straßenrand und klatschte Beifall. Grit Maroske klatschte nicht. Sie ließ sich scheiden.

Natürlich erinnert sich Stefan Skora. Damals war er 31. Er ist in Hoyerswerda geboren. Eine Zeit lang hatte er im Braunkohleveredlungskombinat „Schwarze Pumpe“ gearbeitet, ab 1990 in der neu organisierten Stadtverwaltung. Er sah abends im Fernsehen, was los war. Übelste Ausschreitungen in seiner Stadt und er hatte gar nichts mitbekommen, so klein ist Hoyerswerda ja auch nicht. Es bestand aus zwei Welten: der historischen kleinen Altstadt und dem monströsen Plattenbaugebiet, der Neustadt. Skora wohnte in der alten, der Mob tobte in der neuen. Niemand schritt ein. „Es lief im Fernsehen und ich dachte: Ein Dammbruch. Es war entsetzlich.“

Skora ist heute Oberbürgermeister von Hoyerswerda, ein drahtiger und tatkräftig wirkender Mann. „Sollte so etwas wieder passieren, stelle ich mich dazwischen“, sagt er. Und Grit Maroske, 44, Mutter von fünf Kindern, verspricht es auch.

Es ist viel Zeit vergangen seitdem. Aber nichts hat Hoyerswerda so fest im Griff wie jene Tage im September 1991, als die Bilder von den Steinewerfern und den verängstigen Vietnamesen und Mosambikanern um die Welt gingen. Fünf lange Tage tobte der Mob. „Seitdem weiß ich, wie sich Faschismus anfühlt“, sagt Grit Maroske. „Normale Leute verwandeln sich in eine Menge, die sich mit Hass auflädt.“

So fing es damals an: Acht Neonazis hatten auf dem Markt Gemüsehändler angegriffen und sie ins Wohnheim verfolgt. Die Vietnamesen verteidigten sich, die Polizei kam und sah ebenso zu wie Hunderte andere. Danach zog der Mob vors Flüchtlingswohnheim, bewarf es mit Molotow-Cocktails und Steinen. 240 Asylbewerber aus Iran, Rumänien, Bangladesch lebten dort. Die Nachbarn klatschten Beifall, nur wenige versuchten, sich dem Pöbel in den Weg zu stellen.

Von der Polizei evakuiert

Die 60 Vertragsarbeiter wurden von der Polizei evakuiert, nach Frankfurt am Main und nach Berlin gefahren und abgeschoben. Sondereinsatzkommandos der Polizei begleiteten die 240 Flüchtlinge in andere Heime. Grit Maroske: „Ich sah ein junges Mädchen in so einem Bus. Ich weiß noch, es hatte dunkle Haare. Es sah aus dem Fenster. Und dann traf ein Stein das Busfenster und das Mädchen schrie.“
Am 21. September waren alle weg. Bei den Ausschreitungen gab es 32 Verletzte, 82 vorläufige Festnahmen, vier Verurteilungen. Die Neonaziszene erklärte Hoyerswerda anschließend für „judenfrei“. Das saß. Und das sitzt immer noch.

Hoyerswerda ist heute eine Stadt auf Bewährung, viele Menschen dort wissen es. Sie steht unter Dauerbeobachtung. Seit ein paar Tagen hat die Stadt wieder ein Flüchtlingsheim, aber noch keine Flüchtlinge. Sie werden kommen, 120, wann, steht noch nicht fest. Seit September 2013 weiß man es. Die alte Förderschule in der Dillingerstraße ist umgebaut worden.

Der Tag wird kommen. Diesmal soll alles gut werden. Die Stadt will ein Zeichen setzen und Moral zeigen. Grit Maroske treibt die Sache an. Sie hat Pro Asyl Hoyerswerda gegründet und mit anderen zusammen die Bürgerinitiative „Hoyerswerda hilft mit Herz“. Sie ist sehr aktiv geworden. Sie tut alles, damit der Kraftakt gelingt.

Ungefähr 120 Mitstreiter hat sie. Anständige Leute, die sich schämen wegen damals. Sie bieten ihre Hilfe an, wollen etwas tun und nicht zusehen. Sie sammeln Kleidung, pensionierte Lehrerinnen bereiten Sprachkurse vor, andere wollen bei Behördenkram oder im Heim helfen oder einfach nur mal zum Kaffee vorbeischauen.

Am Donnerstag war Tag der offen Tür und abends Bürgerforum: Hunderte sind gekommen, ein Gedränge, als hätte ein Möbelcenter mit Billigangeboten eröffnet. „Ich will doch mal sehen, was die mit den 900 000 Euro gemacht haben“, sagt eine alte Frau auf Krücken. Anschließend muss sie noch ins Schwimmbad. Das vierstöckige Haus ist ein heller, aber schlichter Bau: Linoleumböden in Blau und Orange, Zimmer mit Doppelbetten, ein Raum mit Spielsachen, ein Versammlungszimmer. Alles nützlich und zweckmäßig, nicht karg, aber auch kein Hauch von Luxus. Das sollen alle sehen und begreifen.

Das Geld. Nicht nur die Frau auf Krücken grummelt vor sich hin. Steuergelder. Ob das denn sein muss? Und so viele „auf einem Haufen?“, meint eine jüngere Frau. Andere halten dagegen: „Wenn Not ist, muss geholfen werden“, erhebt ein älterer Herr seine Stimme.
Es geht ein bisschen hin und her. Mitten in dem Trubel steht Skora, der Oberbürgermeister. Hoffen und Bangen. Er unterstützt die neue Bürgerinitiative. Er will, dass sie wächst und das Geschehen und die neue Wahrnehmung seiner Stadt bestimmt. Hoyerswerda bestehe aus drei Teilen, sagt er. Ein Drittel sei für das Heim, einem Drittel sei es egal, ein Drittel sei dagegen. Und: „Ja, ich habe ein bisschen Restangst.“

Am vergangenen Montag konnte man verstehen, warum. Im Amtsgericht endete der Prozess gegen acht junge Männer, die im Oktober 2012 ein junges Paar zu Hause bedroht hatten. Die jungen Leute waren auffällig, weil sie gegen Neonazis waren, weil sie rechte Aufkleber von Laternenmasten gekratzt hatten. Da hatte sich die Szene gerächt und sie zu Hause „besucht“, hatte versucht in die Wohnung einzubrechen und beide mit dem Tode bedroht. Der Fall machte Hoyerswerda mal wieder bundesweit bekannt. Die Geschichte klang, als wäre die Zeit 1991 stehen geblieben: Polizisten trauten sich nicht, gegen die Neonazis vorzugehen. Stattdessen empfahlen sie dem Paar, die Stadt zu verlassen. Dann das Urteil des Amtsgerichts: Sieben Bewährungsstrafen, ein bereits im Knast sitzender Neonazi bekommt fünf Monate Aufschlag.

Pfarrer Jörg Michel von der Martin-Luther-King-Gemeinde hat sich den Prozess angesehen. Er ist 49 Jahre alt, trägt einen grauen Bart, seine Stimme klingt sanft, er lebt seit 1993 in Hoyerswerda. Man müsse sich einmal vorstellen, was damals passierte: Acht Neonazis bedrohen das Paar, fünf Polizisten seien dazugekommen und hätten sich nicht getraut, die Personalien aufzunehmen. „Es ist so beschämend“, sagt der Pfarrer. „Ich frage mich: Wer sind denn die Waffenträger?“

Auch er steht im neuen Flüchtlingsheim am Tag des großen Trubels, an einem Tischchen mit einer Sammelbüchse. „Das Gerichtsverfahren war Showtime für die rechte Szene“, sagt er bitter. „Eine Bühne war das. Die saßen im Gericht, die haben es genossen.“ Keiner der Angeklagten habe sich entschuldigt, keiner zu den Taten bekannt.

35 Rechtsextremisten

Einmal, als die bedrohten Opfer die Tatnacht und ihre Ängste schilderten, ging im Zuschauerbereich ein Lachsack los. Pfarrer Michel redet sich ein bisschen in Wut, schimpft über die örtliche Polizei und sagt, man dürfe sich eben nicht wundern, wenn die Bevölkerung meine, die Polizei traue sich nicht, gegen die Rechten vorzugehen. Und dass das Gericht den Angeklagten auch noch eine günstige Sozialprognose ausstellte – der Pfarrer versteht die Welt nicht mehr. „Das war der harte Kern.“ Und dann die Jugendgerichtshelferin, die tatsächlich meinte, zweien der jungen Angeklagten könnte die Lektüre des Buches „Die Welle“ helfen.

Pfarrer Michel fasst das alles nicht. Er hätte anders entschieden. Er hätte die Angeklagten wegen Landfriedensbruch verurteilt und ins Gefängnis gesteckt.

Es ist seltsam: So groß, wie es manchmal erscheint, ist die rechte Szene in Hoyerswerda gar nicht. Die NPD hat einen Stadtrat, der nichts macht. Es gibt eine freie Nazi-Szene, etwa 25 bis 35 Rechtsextremisten. 35 bei 35.000 Einwohnern. Eigentlich sollte das kein Problem sein. Ist es aber.

Es sei ein Gefühl entstanden, die Neonazis könnten machen, was sie wollen, sagt der Pfarrer. „Hier hat man Angst vor Rechten, nicht vor Linken. Und die Rechten leben von Angst, das treibt sie an.“
Kaum war vergangenen Herbst in der Stadt die Nachricht vom neuen Flüchtlingsheim bekannt, machten die Rechten im Internet mobil: „Nein zum Heim.“ In kürzester Zeit hatten mehr als Tausend Leute „Gefällt mir“ angeklickt. Nun fürchten der Pfarrer, der Oberbürgermeister, Frau Maroske und ihre Mitstreiter, es könnte werden wie in Schneeberg im Erzgebirge, wo die Rechten abends Fackelmärsche gegen ein Flüchtlingsheim inszenierten.

Aber sie sind guten Mutes, sie haben sich vorbereitet, sie haben Pläne in der Tasche für den Fall der Fälle. Wenn die Flüchtlinge kommen, soll es ihr Tag werden, ein guter Tag, an dem ein gastfreundliches Hoyerswerda Gesicht zeigt.

Hoyerswerda sei heute ja doch auch ganz anders als vor 22 Jahren. Sie wollen nichts von damals entschuldigen, sagen sie und man darf es ihnen glauben, wenn sie versuchen zu erklären, wie die Gemengelage war im September 1991 und danach in Hoyerswerda: Tausende Braunkohlekumpels entlassen oder kurz davor, die Vorzeigestadt aus DDR-Zeiten, ab 1957 im Eiltempo neben das winzige Altstädtchen geklotzt, am Ende. „Wir waren wer. Wir haben die ganze Republik mit Strom beliefert“, erzählt Grit Maroske. Fast 70.000 Einwohner. Man hatte Arbeit, man hatte Privilegien, man hatte Bedeutung.

Danach begann der Stress. Hoyerswerda hat sich halbiert, die Stadt ist eine ewige Baustelle. Fast 10.000 Wohnungen wurden abgerissen und es werden noch mehr. Dauerarbeitslosigkeit, momentan bei 26 Prozent. Abwanderung, Überalterung, entwertete Arbeitsleben. „Viele haben nie woanders gelebt“, sagt Grit Maroske. „Und plötzlich ist ihre Heimat weg. Die Arbeit, die Straße, der Kindergarten, die Schule, das Haus, wo man sich zum ersten Mal geküsst hat. Unterm Hintern weg.“

Schuldige gesucht

Seitdem sucht man. Nach Arbeit, nach einer Idee für die Stadt, nach Sinn. Und manche nach Schuldigen für die Misere. Es soll nichts entschuldigen, sagen alle, die man befragt, wie es denn damals dazu kommen konnte. Es erklärt vielleicht, was geschah, es erklärt vielleicht auch, warum ein Drittel, wie der Oberbürgermeister sagt, ein Heim nicht will. Es gebe eine Menge Sozialneid, viele schimpften über den „Scheißstaat“, erzählt der Pfarrer. So sei das nun mal.

Aber diesmal soll es anders werden, weil es diesmal die Anderen gibt. Diesmal, wenn die Flüchtlinge kommen, werden sie freundlich empfangen. Und wenn sie beschimpft werden, dann gibt es Leute wie Grit Maroske oder den Pfarrer Michel oder den Oberbürgermeister, die einschreiten wollen, weil sie ihre Stadt nicht wieder dem Gesindel überlassen möchten. In seiner Kirchgemeinde hat Michel gesammelt für die Flüchtlinge, die noch nicht da sind. Ein ganzes Zimmer ist vollgestopft mit Wäsche für Kinder und Erwachsene und mit Spielzeug, mit allem Möglichen. Auch er will vorbereitet sein.

Eigentlich, sagt Pfarrer Michel, hätte die Stadt sich bei den Opfern von damals entschuldigen müssen. Den Flüchtlingen, den Vertragsarbeitern aus Vietnam und Mosambik. Man hätte sie heute einladen sollen.

Aber von ihnen lebt niemand mehr in der Stadt. Niemand ist zurückgekehrt. Auch die Orte von damals gibt es nicht mehr, alles umgebaut oder abgerissen. Man erkennt es nicht wieder und die alten Bilder stimmen nicht mehr. Wo das Flüchtlingsheim stand, wachsen heute Bäume. Vieles ist verschwunden, aber alles ist noch da. Ein Denkmal soll an 1991 erinnern. Demnächst.

Grit Maroske steht neben dem Pfarrer im Eingang des Flüchtlingsheims ohne Flüchtlinge und gibt Fernseh- und Radiointerviews ohne Ende. Sie klingt wie ein Fußballtrainer, der seiner Mannschaft in einem schweren Spiel während der Halbzeitpause Botschaften einhämmert. „Wir sehen nach vorn“, sagt sie. „Wir haben keine Angst.“ Wieder und wieder.

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