Lade Inhalte...

Hospiz für Obdachlose Ein Recht auf würdevolles Sterben

In Graz gibt es das erste Hospiz für Obdachlose in Europa. Für viele sterbenskranke Menschen ist die Einrichtung die einzige Chance, um würdevoll dem Tod entgegenzugehen.

Graz
Ein „Gast“ sitzt vor dem Vinzidorf-Hospiz: „Viele Obdachlose meiden Krankenhäuser, weil es dort starre Regeln gibt“, sagt der Arzt Gerold Muhri. Foto: Alexander Danner

Das Dorf läuft unter der Obhut der kirchennahen Vinzenzgemeinschaft. Seither lebt in Graz praktisch kein obdachloser Mensch mehr auf der Straße. Die Idee blieb nicht auf Graz beschränkt und breitete sich über das gesamte Land aus. Heute gibt es in Österreich 38 Vinziwerke mit unterschiedlichsten Einrichtungen von der Frauenschlafstelle bis zur Krankenstation für Obdachlose. Pucher ist ein streitbarer Mann, nicht ganz uneitel, aber mit seinen 78 Jahren noch immer voll im Einsatz für jene, die heimatlos sind. „Das wichtigste Motiv ist, jeden anzunehmen wie er ist“, sagt Sabine Steinacher, die Leiterin des Vinzidorfes. Dazu gehöre auch, die Alkoholkrankheit zu akzeptieren und die Suchtkranken nicht verändern zu wollen. Pucher lebe das von Anfang an vor. Ein sozialarbeiterischer Ansatz, der nur deshalb funktioniert, weil man kaum auf öffentliche Gelder angewiesen ist, die meist mit Auflagen verbunden sind, sondern überwiegend mit Spenden arbeiten kann.

Doch gerade im Vinzidorf stellte sich die Frage des Sterbens immer wieder aufs Neue. Der Tod ist immer präsent. Er bestimmt sogar den Humor. „Es wird Zeit, dass es wieder Gulasch und Bier gibt, sagen sie dann im Spaß“, erzählt Steinacher. Beides wird nur bei Begräbnissen serviert. „Bisher mussten wir sie in ihren letzten Tagen aber schwerkrank wegschicken.“ Dabei wünschten auch diese Menschen sich, zu Hause zu sterben. Das Vinzidorf sei zwar keine echte Familie, aber doch ein Kreis von Vertrauten. „Seit fast 20 Jahren hat das Elisabethinen-Krankenhaus eine Palliativstation und irgendwann stand die Frage im Raum: Wo sterben obdachlose Menschen?“, sagt Steinacher und antwortet sich gleich selbst: „Das konnte niemand beantworten.“ Deshalb hat der Konvent des kirchlichen Ordens zum 325. Jubiläum die Idee mit dem Hospiz neben dem Vinzidorf geboren.

Die Vorgeschichte ist nicht relevant

„Manch Bewohner kommt zu uns, zieht seine Kreise immer enger um unser Haus und kommt schließlich kurz herein“, erläutert Muhri die erste Kontaktaufnahme. „Wir kommen voll gegenseitigem Vertrauen und Respekt vor der Würde des Anderen in Berührung und sie gehen wieder mit der Gewissheit, wenn es eng wird, können sie wiederkommen, um das Leben in medizinischer, pflegerischer und menschlicher Geborgenheit zu vollenden.“ Denn die Freiheit sei ihnen wichtig. Bis zuletzt.

Neben den beiden Betten im Haus gibt es auch die mobile Betreuung zweier Bewohner des Dorfes, die aber nach wie vor in ihren blauen Containern schlafen, erzählt Amschl-Strablegg. So wie Danny F., 46 Jahre alt, intellektuell begabt, aber im Leben gestolpert, die Leber schwer angeschlagen vom Alkohol, zudem von epileptischen Anfällen geplagt. Dann kam ein Magenbluten, sein Raum war bereits schwer verunreinigt. Als der Rettungswagen vor dem Containerdorf stand, haben sich alle anderen Bewohner verabschiedet von ihm. Er kam in die Notaufnahme des Ordens-Krankenhauses, dann dort auf die Intensivstation und zog schließlich ins Hospiz um. Er aber, immer die Freiheit gewohnt, wollte in seinen Container zurück. „Er lebt heute besser als vorher“, erzählt Gerold Muhri mit einer Mischung aus Bewunderung und Erstaunen. Danny F. sagt, es sei die Wertschätzung gewesen, die er so bisher nicht gespürt habe. „Ich wusste nicht, dass es Menschen gibt, denen ich wichtig bin.“ Nun holt er sich im Hospiz seine Medikamente gegen die Schmerzen.

„In unserer Betreuung ist die Vorgeschichte nicht relevant, sonst fängt man unweigerlich an, die Person zu bewerten“, sagt Muhri und betont: „Dieses Hospiz ist für alle, die keine andere Anlaufstelle mehr haben.“ Es sei eher eine „To-Be-Liste“ statt einer „To-Do-Liste“, die man im Haus vor Augen habe, erzählt Amschl-Strablegg. „Wünsche und Träume gibt es trotzdem, die sind aber anders als bei normalen Menschen.“ Da sei etwa der Wunsch nach einer passenden Zahnprothese. Danny F. hat im Sommer einfach nur viel Zeit unter dem Apfelbaum im Garten verbracht. „Da hätte ich mich manchmal gerne dazugesetzt“, sagt Muhri. Er wünscht sich, dass sie in ganz Europa Nachahmer finden. Eine Auszeichnung bekam das Hospiz bereits. Das Projekt wurde mit dem Goldenen Sonderpreis des internationalen Klinik-Awards in Berlin ausgezeichnet. Muhri, der neben der Palliativ- nach wie vor eine Leidenschaft für Notfallmedizin hat, habe in den Monaten im Hospiz als Arzt und Mensch viel für sich gelernt. Im siebenköpfigen Ärzteteam, das im Haus ehrenamtliche Arbeit leistet, sei eine leidenschaftliche Diskussion über Ethik entstanden. Und dazu gehöre auch der „Mut, ein lebensbejahendes Sterben zuzulassen“.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum