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Hospiz für Obdachlose Ein Recht auf würdevolles Sterben

In Graz gibt es das erste Hospiz für Obdachlose in Europa. Für viele sterbenskranke Menschen ist die Einrichtung die einzige Chance, um würdevoll dem Tod entgegenzugehen.

Graz
Ein „Gast“ sitzt vor dem Vinzidorf-Hospiz: „Viele Obdachlose meiden Krankenhäuser, weil es dort starre Regeln gibt“, sagt der Arzt Gerold Muhri. Foto: Alexander Danner

„Die Hilfe bedeutet uns sehr viel“, sagt Herr Aruci. „Es fällt mir aber sehr schwer, Hilfe anzunehmen. Ich fühle mich wie ein Bettler“, sagt der 55-Jährige. Seine Augen suchen nach einem Fixpunkt in der Ferne. „Ich habe keine Angst vor dem Sterben“, sagt Ibrahimi, die anders als ihr Mann kaum Deutsch spricht, „aber ich habe Angst vor Schmerzen“. Die werden ihr im Hospiz mit Medikamenten genommen.

Es ist ein leichteres Sterben in diesem Umfeld, assistiert ihr Mann. Eigentlich würde Frau Ibrahimi gerne im Kreise der Familie in ihrer Heimat sterben, aber dort gäbe es nicht diese vorbehaltlose Unterstützung. „Es geht wohl nicht mehr anders“, sagt Aruci. „Wir sind 40 Jahre zusammen und ich bin für sie da bis zur letzten Sekunde. Ich will nur, dass sie keine Schmerzen hat.“ Er habe ein Bett und Essen und ein Dach über dem Kopf. „Ist das nicht jetzt das Wichtigste?“

Der „Armenpfarrer“ von Graz

Ajser Ibrahimi ist der längste Gast im Hospiz. Doch Michael J. war der erste. Ein britischer Straßenmusiker, ruhelos. Einer, der drei Jahrzehnte auf den Plätzen Europas seine Gitarre erklingen ließ. Das Geld reichte vom Hut in den Mund. Doch dann überfiel den Briten mit 56 der Bauchspeicheldrüsenkrebs. Endstadium. In Villach lag er auf der Palliativstation eines Spitals und so richtig wussten sie nichts mehr mit ihm anzufangen. Die Kosten könne man nicht mehr übernehmen, teilte man dem Sterbenskranken ohne festen Wohnort mit. Just in dem Moment eröffnete das Hospiz und der regionale Medienrummel erreichte auch die Klinik im Nachbarbundesland Kärnten.

Dann ging alles ganz schnell. „Mit ihm kam Leben ins Haus“, sagt Désirée Amschl-Strablegg. Sie ist für die Palliativpflege im Haus verantwortlich und lehnt sich am großen Esstisch in der Gemeinschaftsküche zurück. Ihr Gesicht spiegelt den schmerzvollen Teil dieser Geschichte wider. Denn schon nach einer Woche ging dieses Leben wieder. Michael J. verstarb. Es war nicht einmal der kürzeste Aufenthalt eines Gastes, erzählt Muhri. Ein anderer Mann sei gleich in der zweiten Nacht im Schlaf gestorben. Er wohnte zuvor in der Obdachlosenunterkunft die gleich auf der anderen Seite des schmalen Weges liegt, der am Hospiz vorbei zum Friedhof führt. Dessen Freunde sind hinübergekommen, um Abschied zu nehmen. Da habe man gesehen, wie wichtig die Nähe zu diesem „Vinzidorf“ ist.

Denn dass es mit dem Vinzidorf überhaupt eine Heimat für Obdachlose gibt und und das daraus ein Hospiz ausgerechnet in Graz erwachsen konnte, verdankt es einem Unbeirrbaren. Pfarrer Wolfgang Pucher gilt in der Landeshauptstadt der Steiermark als ein positiv Verrückter. Pucher trägt den Beinamen „Armenpfarrer“. 1993 errichtete er auf dem unbebauten Erweiterungsgrund des Friedhofs in Rufweite eines Landeskrankenhauses die erste dauerhafte Wohncontainersiedlung für chronisch alkoholkranke obdachlose Männer.

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