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Hospiz für Obdachlose Ein Recht auf würdevolles Sterben

In Graz gibt es das erste Hospiz für Obdachlose in Europa. Für viele sterbenskranke Menschen ist die Einrichtung die einzige Chance, um würdevoll dem Tod entgegenzugehen.

Graz
Ein „Gast“ sitzt vor dem Vinzidorf-Hospiz: „Viele Obdachlose meiden Krankenhäuser, weil es dort starre Regeln gibt“, sagt der Arzt Gerold Muhri. Foto: Alexander Danner

Vor der Mauer des Grazer St. Leonhard Friedhofs wartet der Tod. Klar, dahinter sind ja die Gräber, da ist er sichtbar. Aber hier, auf der Seite des Lebens, da kann man den Tod nicht sofort erkennen. Er verbirgt sich für alle, die es nicht besser wissen. Immerhin erstrahlt die Häuserwand, vor der Ajser Ibrahimi in ihrem Rollstuhl vis à vis der Mauer sitzt und neben ihrem Mann in die Sonne schaut, in einem leuchtendem Weiß. Alles ist neu. Das ganze Haus glänzt. Wer denkt da an den Tod? Dzemal Aruci schon. Oft jedenfalls. Aber nicht jetzt. Seine Frau will von ihrem Tag erzählen, er auch. Der Tod muss sich gedulden.

Frau Ibrahimi und Herr Aruci stehen vor einem Hospiz. Sie wartet auf das Ende und er mit ihr. Aber es ist nicht irgendein Hospiz, es ist das erste für Obdachlose in Europa. Hier bekommen auch jene Hilfe auf dem letzten Lebensweg, die keine Versicherung mehr haben und kein Geld für Behandlungen. Unabhängig von ihrer Krankheitsgeschichte, ihrer Religion, ihrer Herkunft oder ihres Geschlechts. „Viele Obdachlose meiden Krankenhäuser, weil es dort starre Regeln gibt“, sagt der Arzt Gerold Muhri. Er koordiniert die medizinischen Betreuung im Haus. „Alkohol- oder andere Suchtkranke wollen zum Beispiel nicht in ein Krankenhaus gehen wegen der Forderung: Hör auf zu saufen!“, sagt Muhri und fügt an: „Jedenfalls nicht, ohne dass ihnen zuvor überhaupt zugehört wurde, welches Problem sie dorthin geführt hat oder irgendeine Begegnung zwischen gleichwertigen Menschen stattfand.“

Das sei nicht gerade vertrauenserweckend für all jene, die auch sonst kein Vertrauen mehr in die Gesellschaft haben. Er und sein Team wollen – soweit es geht – vorurteilsfrei auf die Menschen zugehen. Jeder stirbt, egal ob er auf der Straße lebt oder nicht. Und auch ein Mensch ohne Heimat und mit einer „verkorksten“ Vorgeschichte hätte ein Recht auf ein würdevolles Sterben, erzählt der Palliativmediziner. Es gehe bei der Aufnahme eines „Gastes“, wie Muhri es nennt, ausschließlich um eine prekäre Wohnsituation und die reiche vom Asylheim über ein Obdachlosenheim bis zur Brücke.

Bei Frau Ibrahimi ist es nicht der Alkohol. Bei der Muslimin ist es der Krebs, der im Darm begann und inzwischen den ganzen Körper erfasst hat. Aber ein adäquates Dach über den Kopf hatte auch sie nicht und auch keine Absicherung. Sie stammt aus Mazedonien wie ihr Mann. Das Paar hatte vor ewigen Zeiten ein Eisgeschäft, beide waren nie auf Hilfe angewiesen. Aber dann kamen die Nachkriegswirren in Jugoslawien. Gemischte ethnische Ehen, zumal als Muslime in einer christlichen Umgebung wie die Ibrahimi-Arucis hatten es schwer, Fuß zu fassen. Irgendwann probierte er schließlich einen Neuanfang in Österreich. 2010 war das. Weil die Arbeitsbewilligung ausblieb, verdiente er sich etwas Geld nebenbei, Pfusch wie die Schwarzarbeit auf Österreichisch heißt. Es reichte für ein kleines Zimmer, das die Caritas besorgt hatte.

Dann kam der Krebs der Frau in der Ferne und einige Behandlungsfehler, die sie in der Folge ein Bein kosteten. In der Heimat konnte man ihr nicht mehr helfen, also holte Herr Aruci sie vor drei Jahren nach Graz. Da immerhin würde sie Hilfe bekommen, hoffte er. Aber nicht in die winzige Bleibe, die Ajser Ibrahimi ohne Hilfe nicht mehr verlassen konnte.

Dann öffnete vorigen April das Vinzidorfhospiz und die Caritas sah, dass es so nicht mehr weiter ging. Drei Jahre vegetierte sie da schon voller Schmerzen einsam in dem Zimmer fern von den beiden Kindern und den Enkeln in Mazedonien.

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