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Horst Nilges stellt klar Vorsicht, Volksheld

Wie Horst Nilges vom "Bürger des Jahres" zum meist gehassten Mann von Osterode am Harz wurde. Die Geschichte eines Mannes, der seine Mitbürger 18.000 mal angezeigt hat. Von Felix Helbig ( Mit Video)

17.11.2009 00:11
Felix Helbig
Knöllchen-Horst wird Nilges genannt. Foto: ddp

Horst Nilges sitzt am Steuer, hält es mit beiden Händen fest, sein Blick kreist, linker Seitenspiegel, Rückspiegel, rechter Seitenspiegel. In einer langen Linkskurve auf der Hoelemann-Promenade nimmt er eine Hand vom Lenkrad, deutet nach links, hinaus auf den Seitenstreifen: "Da haben wir so einen Schwerpunkt, absolutes Halteverbot." Trotzdem steht da einer, nein, noch einer, am Ende der Kurve sind es drei. "Die könnte man jetzt auch wieder alle anzeigen." Im Fach unter dem Autoradio hält Nilges eine Digitalkamera bereit, einen Stift und Papier.

Horst Nilges, 55, eher untersetzt, rosige Wangen, graue Haare, kariertes Hemd, ist Frührentner. Ehemals war er Maschinenbautechniker, war Fuhrunternehmer, war einmal ein Volksheld im Städtchen Osterode am Harz. Jetzt ist er der meist gehasste Mann am Ort.

Mit seinem asiatischen Kleinwagen, silbern, sauber, fährt er gewissermaßen Patrouille durch die Stadt. Etliche "Schwerpunkte" gebe es in der Stadt, erklärt Nilges, der immer Tempo 50 fährt, manchmal auf 30 drosselt, noch ehe das Schild in Sicht ist. Die Hoelemann-Promenade sei so einer, die Fußgängerzone natürlich, die Unterführung am Dänischen Bettenlager. Überall absolutes Halteverbot, aber niemand, der sich daran halte. Neben ihm sitzt Herr Leicht auf dem Beifahrersitz, "der Herr Leicht von der Stadt", ein bisschen größer, ein bisschen grauer als Herr Nilges.

Herr Leicht sei "so etwas wie ein Freund", sagt Horst Nilges. Die Männer siezen sich, wenn sie miteinander reden, und wenn sie übereinander reden, dann sagt Herr Leicht, dass Herr Nilges ein "wahrheitsliebender Mensch" sei, und Herr Nilges sagt, dass der Herr Leicht da sitze, weil er auch ein bisschen sein "Zeuge" sein solle. Horst Nilges will endlich die ganze Geschichte erzählen, die Wahrheit darüber, wie er vom Helden zum Verhassten wurde, darüber, wie sich sein Kampf zum Kleinkrieg auswuchs im Städtchen Osterode am Harz.

Seine Mitbürger machten es sich zu einfach, wenn sie ihn als "Knöllchen-Horst" bezeichneten, wie es die Lokalzeitung tue, wenn sie ihn einen Querulanten schimpfen, einen Denunzianten, nur weil er über die Jahre gut 18.000 Ordnungswidrigkeiten seiner Mitbürger angezeigt habe. Es gehe schließlich um viel mehr.

Nilges besitzt Dokumente, mit denen er all das belegen kann. Es sind Beschwerden bei Behörden, Briefe an die Presse, Anzeigen, Anträge, Stellungnahmen. Alles hat er auf seinem Computer gespeichert: Seinen Krieg führt er papierlos, man könne das ja alles vom Bildschirm aus versenden, ganz einfach per Word-Funktion. So wachse ihm das nicht über den Kopf. "Zu Beginn einer Sache", sagt er, "da rechnet man ja nicht mit solchen Ausmaßen."

Was Herr Nilges erlebe, sagt Herr Leicht, bei den Behörden, mit den Medien, mit den Menschen, "das ist in höchstem Maße diffamierend". Badenhausen ist ein kleiner Vorort von Osterode, es gibt ein Restaurant gleich an der Landstraße, die "Mönchsklause" mit Stammessen für 4,50 Euro, es gibt ein paar Wohnstraßen, in denen die Stille zur Mittagszeit bedrückend sein kann. Horst Nilges wohnt in der ersten rechts, weißes Haus, Doppelgarage, gepflegter Rasen. Gleich hinter der Eingangstür führt eine Treppe nach unten. In seinem niedrigen Kellerraum wirkt Horst Nilges ein bisschen größer, als er ist. Auf einem Schreibtisch steht der Computer, an der Wand hängt ein Bärenfell.

Dieses Arbeitszimmer könnte sein geschützter Bereich sein, zumindest sollte es das, doch die Wut der Osteroder verfolgt ihn bis in seinen Keller. "Manchmal klingelt mitten in der Nacht das Telefon, ich gehe da schon gar nicht mehr ran. Am nächsten Morgen sind dann wieder irgendwelche Beschimpfungen auf dem Anrufbeantworter, übelste Sorte." Einmal sei sogar eine Morddrohung dabei gewesen, doch "diese Dame" habe die Polizei ziemlich schnell ausfindig gemacht.

So weit hätte es niemals kommen müssen. Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika hätte es verhindern können, wenn er nur gewollt hätte. Auch Michail Gorbatschow hätte die Chance dazu gehabt und Condoleezza Rice. Christian Wulff auch und sogar Rainer Brüderle. Sie hätten nur die Briefe lesen müssen, die Nilges ihnen von seinem Computer aus geschickt hat, lange bevor er begann, die Ordnungswidrigkeiten am Ort aufzuschreiben. Kaum jemand hat sie gelesen, fast niemand hat geantwortet.

Die Briefe markieren den Anfang im Kampf des Horst Nilges. Seit 20 Jahren verschickt er sie, mittlerweile müssten es an die 60.000 sein. Er hat sie an die politischen Protagonisten der deutschen Wiedervereinigung verschickt und an ihre Nachfolger, an alle, die seither im Bundestag saßen, alle im Landtag, alle im Europaparlament. In den Briefen geht es immer um dasselbe, es geht um die Enteignung seines Schwiegergroßvaters, ein sächsischer Hersteller von Nähmaschinenölkännchen, seinerzeit NSDAP-Mitglied.

Der Mann war enteignet worden nach dem Krieg, er habe alles verloren, sagt Nilges, alles zu Unrecht verloren. Der Schwiegervater sei rehabilitiert, er habe das schwarz auf weiß bekommen vom Generalstaatsanwalt der Russischen Föderation, vom Bundespräsidialamt. Nur das Grundstück habe er nicht wiederbekommen. "Es kommt in diesem Land nicht darauf an, was jemand sagt, es kommt darauf an, wer etwas sagt", sagt der Beschwerdeführer. "Wenn ein unbedeutender Horst Nilges aus Badenhausen die Wahrheit sagt, dann will das niemand hören."

Oben im Erdgeschoss, auf dem Esstisch vor der Schrankwand, hat Horst Nilges zwei Flaschen Wasser gestellt und eine Apfelschorle, daneben liegt sein Aufnahmegerät, er will sich absichern, dass diesmal auch nur das geschrieben wird, was er sagt, vor dem Fenster sitzt der Herr Leicht von der Stadt und schweigt. Ein "Schlüsselerlebnis" nennt Horst Nilges die Sache mit den Serienbriefen. Ein anderes ist die Geschichte, die ihn zum Helden gemacht hat in Osterode am Harz.

Horst Nilges wischt sich mit dem Stofftaschentuch die Mundwinkel, ohne Punkt und Komma hat er bisher geredet, "besatzungsrechtliche Maßnahmen", "willkürliches Handeln", "Resistenz gegen Argumente und Fakten", "Lug und Trug".

Eines Tages, ungefähr acht Jahre ist das her, hat er dann doch Post vom Staat im Briefkasten. Aber es geht nicht um das Grundstück des Großvaters. Der Brief kommt vom Landkreis Osterode, es ist ein Abwassergebührenbescheid. Das hat Folgen, durch die Nilges zum Helden wird. Um 1,60 Mark sollen die Gebühren steigen, auf einen Schlag. Nilges kommt das komisch vor, er geht in Ratssitzungen, stellt Fragen, bekommt keine Antworten. Er ruft beim Deutschen Wetterdienst an, "für 20 Pfennige", lässt sich die Niederschlagsmengen für Badenhausen durchgeben, stellt fest, dass das Gutachten, die Grundlage für den Gebührenbescheid, falsch ist. Er klagt und gewinnt.

"Da war ich Held", sagt Nilges an seinem Esstisch, "auf einen Schlag haben die Haushalte der Samtgemeinde 490.000 Mark zurückbekommen, wurden die Gebühren um 60 Pfennige gesenkt." Horst Nilges wird von der Lokalzeitung zum "Bürger des Jahres" ernannt, auf der Straße hätten ihm wildfremde Menschen auf die Schulter geklopft, sagt er, "sie nannten mich den Abwasserpapst". Er gründet eine Bürger-Initiative, eine Klägergemeinschaft, "aber am Ende ist immer nur einer übrig geblieben und das war Horst Nilges", sagt er: "Große Klappe, nichts dahinter."

Im Frühling vor vier Jahren sitzt Horst Nilges in einem Café in der Fußgängerzone von Osterode, trinkt Kaffee, liest die Zeitung, da bemerkt er, wie ein Auto durch die Fußgängerzone fährt, nein, noch eins, am Ende sind es drei. Er kritzelt die Kennzeichen auf den Rand der Zeitung, fährt nach Hause in sein Kellerbüro, schreibt die ersten drei Anzeigen und faxt sie an die Straßenverkehrsbehörde. Bis zum Sommer zeigt er so mehrere Hundert Ordnungswidrigkeiten an, im Jahr darauf werden es mehrere Tausend sein. Mittlerweile sind es 18.000. Osterode am Harz hat 24.000 Einwohner.

"Die Regel", sagt Horst Nilges, als lese er diesen Satz von einem Zettel ab, "beruht auf unserer Rechtsordnung, die auf demokratischem Wege legitimiert wurde. Ich bestimme also nicht, wer was darf, ich sage nur, was du da machst, verstößt gegen eine demokratische Regel. Das ist ja nicht meine Erfindung. Beschwerden sind also an den Bundesverkehrsminister zu richten und nicht an Horst Nilges. "Die Bürger richten ihre Beschwerden nicht an den Bundesverkehrsminister.

Sie werfen nachts Steine auf das Haus von Horst Nilges oder schreien Unflätiges auf seinen Anrufbeantworter. Die Lokalzeitung nennt ihn nur noch "Knöllchen-Horst", der Landkreis verschickt Pressemitteilungen, in denen er ein "pedantischer selbsternannter Ordnungswächter" genannt wird. Es gibt Videos im Internet, auf denen ganz normale Osteroder völlig außer sich geraten, wenn sie auf Horst Nilges angesprochen werden. Auf denen sie ihn auf offener Straße beschimpfen.

Er selbst sieht sich nicht als Querulanten, so einfach sei das nicht. Horst Nilges sagt: "Es gibt eine Finanzkrise. Es gibt Manager, die ihre Pflichten verletzten und dafür Millionen bekommen. Es gibt Schrottimmobilien, Gammelfleisch, Glykol im Wein, Mietnomaden, Flatrate-Saufen, Schlüsseldienste und Waschmaschinenreparateure, die ihre Kunden abziehen. Und es gibt Falschparker. Wer sich nicht an die Regeln hält, der sucht seinen eigenen Vorteil. Wir können das hinnehmen und uns darüber beklagen, oder wir entscheiden uns, im Rahmen unserer Möglichkeiten etwas zu unternehmen. Dazu habe ich mich entschieden."

Am 14. August 2008 fährt Horst Nilges mit seinem Auto auf der Landstraße nach Hause, er kommt aus Pöhlde in der Nähe von Herzberg, er fährt auf der B243, da steht plötzlich ein Rettungshubschrauber, mitten auf der Landstraße. Er macht ein paar Fotos mit seiner Digitalkamera, passiert ja nicht alle Tage, dann fährt er weiter. Eine eher beiläufige Angelegenheit, die Nilges zum Verhängnis werden soll.

Zu Hause in seinem Kellerbüro schreibt er eine Mail an die Lokalzeitung, er hängt die Bilder an, bestimmt interessiert die das. Dann schreibt er noch ein paar Anzeigen, die sich angesammelt haben und zwischen zwei Anzeigen, es sind die mit den Nummern 5017 und 5018, vermerkt er den Hubschrauber. Die Lokalzeitung druckt am nächsten Tag die Bilder und darunter ein paar Zeilen darüber, was geschehen ist. Der Landesdienst der Deutschen Presseagentur verbreitet sechs Tage später eine Meldung, in der steht, dass "Knöllchen-Horst" einen Rettungshubschrauber als Falschparker angezeigt habe.

Plötzlich rufen Journalisten aus Berlin an und aus Hamburg, sie kommen nach Badenhausen gefahren und alle lassen sich stundenlang erzählen, was er zu sagen hat. Am Ende, sagt Nilges, sei genau so viel Text erschienen, dass das, was übrig blieb, ihn als Querulanten dastehen ließ. Als einen, der Rettungshubschrauber anzeigt und ohnehin nicht ganz dicht ist. Er habe den Hubschrauber nicht angezeigt, er habe ihn "vermerkt". Aber wer soll das noch glauben?

"Dieses Land ist ein Rechtsstaat, der seinen Bürgern bei jeder Gelegenheit Zivilcourage abverlangt", sagt Nilges. "Aber dann schalte ich abends den Fernseher ein und sehe, wie ein Reporter einen Unfall auf einer Landstraße vortäuscht, um den Zuschauern mahnend zu zeigen, wie alle vorbeifahren. Und im nächsten Beitrag geht es um Knöllchen-Horst, den Verrückten."

Die Gesellschaft, sagt er, sei verlogen, schizophren, verdrossen. Das wirklich Schlimme sei aber, dass alle das so sähen, nur niemand etwas tue. Man müsse die Dinge ja nur einmal aus der Perspektive eines Opfers betrachten, sagt Horst Nilges. Man müsse sich nur ein parkendes Auto in der Feuerwehrzufahrt eines brennenden Hauses vorstellen, in dem Kinder spielen. Dann würden Menschen wie er in Talkshows eingeladen und beklatscht.

Eines Tages sitzt Horst Nilges tatsächlich in einer Talkshow, es ist das SWR-Nachtcafé mit Wieland Backes, er sitzt in einem Kreis zwischen der Liedermacherin Ulla Meinecke und dem Modeschöpfer Harald Glöckler, es geht darum, wie viel Ordnung der Mensch braucht. Horst Nilges sagt, alle wichtigen Stellen seien rausgeschnitten worden, er habe gar nicht gewusst, dass das auch bei Talkshows so sei. An den Stellen, die dringeblieben sind, da beklatscht ihn niemand. Da lachen alle. Da ist er der Verrückte.

Warum er sich das antut? Horst Nilges sitzt an seinem Esstisch, neben ihm schweigt Herr Leicht. "Ich möchte erreichen, dass die Menschen wieder hinsehen, sich nicht alles gefallen lassen. Es gibt so viel Willkür und niemand tut etwas."

Was seine Frau dazu sagt? Die ist Polizistin in Osterode. Mit ihr führe er "keine vertiefenden Gespräche" über sein Tun, sagt er. Sie nehme das so hin, auch die Steine, die Schmähungen.

Horst Nilges schaut an Herrn Leicht vorbei aus dem Fenster, draußen liegt ein kleiner Garten, akkurat, gepflegt, gemäht. Weitermachen werde er auf jeden Fall, sagt er, trotz allem habe er ja auch etwas erreicht. Die Ordnungswidrigkeiten seien deutlich weniger geworden in Osterode am Harz, eine neue Politesse habe die Gemeinde eingestellt.

Vielleicht verliere er ja irgendwann die Lust, sagt er dann langsam. "Oder einer schlägt mich tot." Herr Leicht nickt. "Das kann passieren", sagt er.

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