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Homosexualität in Polen Warschau, das ist Freiheit

Abseits der polnischen Großstädte werden Schwule als Sünder angesehen - vier von fünf wagen erst gar kein Coming-Out. In den Städten ändert sich die Situation jedoch langsam und immer mehr Homosexuelle zieht es aus der Provinz in die Hauptstadt.

22.12.2011 20:45
Von Agnieszka Hreczuk
So offen können polnische Schwule ihre Sexualität nur in der Hauptstadt leben, wie etwa im Juli 2010 bei dem Europride-Fest. Foto: Reuters

Abseits der polnischen Großstädte werden Schwule als Sünder angesehen - vier von fünf wagen erst gar kein Coming-Out. In den Städten ändert sich die Situation jedoch langsam und immer mehr Homosexuelle zieht es aus der Provinz in die Hauptstadt.

Irgendwann fasste sich Adam Kieloch ein Herz und lief mit einem Bekannten händchenhaltend die ganze Krakowskie Przedmiescie hinab. Sie wollten sehen, was passiert, hier auf der Flaniermeile direkt im Zentrum von Warschau. Nichts passierte: „Niemand drehte sich um“, erzählt er und lacht laut auf. Warschau, „das ist Freiheit“, sagt der 24-Jährige. Und langsam gewöhnt er sich daran, frei zu sein.

Adam ist in Fletnowo aufgewachsen, einem 150-Seelen-Dorf bei Grudziadz. Homosexuelle gab es dort nicht, konnte es gar keine geben. Denn in Fletnowo lebten nur gute Menschen, wie die Nachbarn und der katholische Pfarrer wussten. Und ein Schwuler konnte kein guter Mensch sein, in Fletnowo nicht und auch nicht in Grudziadz. In ganz Torun, der nächstgelegenen Großstadt, gebe es einen einzigen Club, in dem Gays sich treffen könnten, in einem Keller, mit Kontrollen am Eingang, berichtet Adam. Die polnische Provinz ist kein guter Ort zum Leben, wenn man anders liebt als die meisten.

Umfragen hätten ergeben, dass vier von fünf Homosexuellen in der Provinz sich nicht öffentlich zu bekennen wagten, sagt Tomasz Baczkowski von der „Aktion gegen Homophobie“ in Warschau. Die Situation sei seit Jahrzehnten unverändert. „Abseits der Großstädte, dort, wo der konservative Katholizismus noch überwiegt, werden Schwule als Sünder betrachtet“, beschreibt er die Lage. Wer in der Provinz ein Coming-Out wage, stoße meist auf totale Ablehnung, sogar in der eigenen Familie.

So gesehen, kann Adam sich noch glücklich schätzen. Er war 17, als ihn seine Mutter beim Kuscheln mit einem Freund erwischte. Sie warf ihn nicht aus dem Haus, sondern drängte ihn nur, einen Psychologen aufzusuchen. Zwar gingen nur „Psychiczni“, geistig Kranke, zu einem Psychologen, wie man im Dorf sagte, doch: Lieber verrückt als homo. „Der Arzt wird dir schon helfen, das kann man ja heilen“, sagte die Mutter. Adam lehnte ab.

Lieber verrückt als homo

In der Nachbarschaft begannen Gerüchte zu kreisen. Im Dorfladen wurde die Verkäuferin frech. Adam wartete, bis er 19 wurde, dann verließ er sein Dorf und zog in die Hauptstadt. „Ich wollte mich nicht das ganze Leben lang verstecken.“

Dass das Leben in Warschau für ihn einfacher sein würde, darauf hatte er gehofft. Dass der Unterschied so groß sein würde, darauf war er nicht vorbereitet. Nachdem er sich zum ersten Mal einen Internet-Anschluss besorgt hatte, entdeckte er Chaträume für Homosexuelle, er schloss Bekanntschaften, verliebte sich zum ersten Mal. Auch in der Ausbildung – Adam studiert Tourismus – lernte er einige Schwule kennen, zufällig traf man sich dann in einem Club. Nicht alle dort waren homosexuell, denn in Warschau sind „gay-friendly“ Clubs auch unter Heteros angesagt. „Eine ganz andere Welt tat sich für mich auf.“

Wie in Deutschland vor zehn Jahren

In Warschau und noch einigen anderen Wirtschafts- und Kulturzentren Polens sei der Umgang mit Homosexuellen heute so ähnlich wie in Deutschland vor zehn Jahren, sagt Tomasz Baczkowski. Der Sittenkodex sei liberaler, und nicht nur die Jüngeren und Gutgebildeten, auch die Älteren seien offener. In Künstler- und Promi-Kreisen habe es eine ganze Reihe von Coming-Outs gegeben. Die alljährliche Schwulenparade stehe mittlerweile ganz selbstverständlich auf dem Terminkalender Warschaus. In diesem Jahr habe die Stadt zu diesem Anlass sogar den Kulturpalast in den Regenbogenfarben angestrahlt. Ein CSD-Umzug wie in Berlin, auf dem mit provokanten Verkleidungen das Anderssein gefeiert wird, wäre für Polens Homosexuelle allerdings eher kontraproduktiv, sagt er: „Wir wollen vor allem zeigen, dass wir ganz normale Menschen wie alle anderen sind.“

„Wäre es überall in Polen so wie hier, wäre es toll.“

Adam findet es „schon ganz okay“, wie es hier in Warschau zugeht. „Wäre es überall in Polen so wie hier, wäre es toll.“ Doch zu Hause, in Fletnowo, habe sich gar nichts geändert. Wenn Adam in sein Dorf fährt, nimmt er immer eine Tasche mit Ansteckern und Schwulen-Slogans mit. Er will provozieren, den Ängstlichen Mut machen. Um die Feindseligkeit gegenüber Schwulen „noch zu meinen Lebzeiten“ zu überwinden, „braucht es nur die richtige Aufklärung“, behauptet er. Doch noch immer fährt er allein nach Fletnowo, ohne seinen Partner. „Dabei wünschte ich mir, ich könnte zusammen mit meinem Freund meine Familie besuchen. Wir könnten uns bei meiner Mutter neben meine Geschwister und ihre Ehepartner setzten. Und sie würde uns über unsere Zukunftspläne befragen. Einfach so.“

Aber alles was mit seinem Schwulsein zu tun hat, ist zwischen Mutter und Sohn ein Tabu. „Ich habe mehrmals versucht, sie darauf anzusprechen. Doch sie tut so, als ob es da nichts zu bereden gäbe.“ Von Adams vier älteren Geschwistern akzeptiert nur eine der Schwestern seine Homosexualität.

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