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Hommage an Maurice Sendak Der wildeste Kerl von allen

Maurice Sendaks Bilderbuch "Wo die wilden Kerle wohnen" hat zahlreiche Illustratoren beeinflusst. Sieben deutsche Kollegen würdigen ihn für die FR in eigenen Bildern und Interviews.

11.12.2009 11:12
Foto: Rotraut Susanne Berner

Philip Waechter: "Sein Buch war ein Begleiter durchs Leben"

Philip Waechter wurde 1968 in Frankfurt am Main geboren. Der Sohn des verstorbenen F.K. Waechter illustriert seit 1995 Bilder- und Kinderbücher - unter anderem von James Krüss. Zuletzt erschien von ihm sein Buch "Sohntage" (Beltz).

Herr Waechter, wissen Sie noch, wann Sie "Wo die wilden Kerle wohnen" zum ersten Mal gelesen haben?

Nein. Ich weiß nur, dass dieses Buch immer da war, bei uns zu Hause, im Kinderladen oder in den Bücherregalen von Freunden. Dieses Buch war für mich ein Begleiter durchs Leben. Ich mochte es als Kind, aber richtig entdeckt habe ich es erst später, als ich selbst anfing, Kinderbücher zu schreiben und zu zeichnen.

Hatten Sie als Kind keine Angst vor Sendaks Monstern?

Überhaupt nicht, das Buch hat mich fasziniert und verzaubert. Vor allem die Szene, in der sich Max’ Zimmer in einen Wald verwandelt. Ich fragte mich immer, ob das jetzt Traum oder Wirklichkeit sei. Sendak hat es in einem Schwebezustand belassen, der für mich bis heute anhält. Und dann ist diese Geschichte von dem kleinen Jungen, der all diese Viecher in den Griff bekommt, natürlich einfach klasse.

Ein bekannter Topos. Warum hat Sendaks Geschichte bis heute ein solche Strahlkraft und alle Moden überdauert?

Weil Sendak die Frage, ob Max nun ungezogen oder lieb ist, nie eindeutig beantwortet hat. Es steckt von beidem etwas in ihm.

Inwiefern hat Sendak Sie als Autor und Zeichner beeinflusst?

Mich beeindruckt nach wie vor, mit wie wenig Text er in diesem Buch auskommt.

333 Wörter in der deutschen Übersetzung.

Es ist sehr verknappt. "Wo die wilden Kerle wohnen" ist für mich ein Paradebeispiel für die Vernetzung von Text und Bild - das eine kommt ohne das andere nicht zur Wirkung.

Sie selbst sind inzwischen auch ein Meister darin, Ihre Bildgeschichten mit nur wenig Worten voranzubringen.

In der Hinsicht hat Sendak mich gewiss geprägt. Ich hatte bei ihm auch immer das Gefühl, dass er noch sehr nah an der Kindheit dran ist. Wenn ich mir das Buch heute noch mal durchlese, weiß ich immer noch, wie sich Kindheit anfühlt - mit all den Wünschen und Ängsten, die einen umgeben.

Interview: Martin Scholz

Rotraut Susanne Berner: "Schon früh ein Tabubrecher"

Rotraut Susanne Berner, 1948 in München geboren, wurde durch die Bilder-Bücher über den Hasen "Karlchen" sowie durch ihre Wimmelbücher bekannt, die inzwischen in zahlreichen Ländern erschienen sind. Darüber hinaus hat sie Bücher von Bukowski und T.C. Boyle illustriert. Mit Hans Magnus Enzensberger veröffentlichte sie zuletzt das Kinderbuch "Bibs" (Hanser).

Frau Berner, Sendaks Buch "Wo die wilden Kerle wohnen" wurde seinerzeit von Pädagogen heftig kritisiert, weil es Kindern Angst einjagen würde. Die gleichen Vorwürfe werden heute wieder der Verfilmung gemacht. Können Sie das nachvollziehen?

Nein. Den Film habe ich noch nicht gesehen. Aber ich kann mich noch gut an die Debatte um Sendaks Buch damals erinnern. Ich war schon erwachsen, als ich es mit Genuss gelesen habe - und diese Angst-Diskussion habe ich schon damals nicht verstanden. Sowas darf man nicht, es sei zu furchterregend, hieß es - das kommt einem von heute aus betrachtet sehr merkwürdig vor.

Auch heute gibt es Stimmen, die finden, gute Kinderliteratur und -unterhaltung solle Gefühle wie Angst nicht thematisieren.

Das ist Unsinn, heute wie damals. Sendaks Buch ist gerade deshalb auch nach fast 50 Jahren noch relevant, weil es eben etwas Archaisches anspricht - die Angst, aber eben auch deren Überwindung. Sendak zeigt uns mit Max ein starkes Kind, das es zunächst einmal schafft, unglaublich wilde Gesellen zu bändigen. Das ist die eine Ebene. Gleichzeitig hat das Kind selbst auch etwas Beängstigendes.

Man könnte Max auch als sehr trotziges Kind sehen, das seine Frustration in Allmachtsphantasien auslebt - und sich darin zum Herrscher der Monster aufschwingt. Ein kleiner Despot, vor dem uns heute zig Erziehungsratgeber warnen.

Ja, wobei dieser Größenwahn, dieses Egozentrische in einer bestimmten Kindheitsphase ja auch sehr typisch ist. Man muss das jetzt nicht gleich wieder dämonisieren. Kinder sind manchmal auch so. Und Sendak zeigt diese Seite, er hat sehr gut verstanden, was Kinder ausmacht. Die Geschichte ist sehr einfach - und zugleich sehr vielschichtig.

Inwiefern hat Sendak Sie als Illustratorin beeinflusst?

Die Bilder von Sendak hatte ich als Zeichnerin immer im Kopf. Ich habe mir 1980 in New York diese wunderbare Werkschau über Sendak gekauft, in der auch all seine frühen Arbeiten zu sehen sind. Mich hat immer die Zärtlichkeit bezaubert, mit der er Kinder zeichnet. Er nimmt sie als Persönlichkeiten ernst und reduziert sie nicht auf kindertümelnde Helden, die wir heute so oft im Kinderbuch erleben - alles klein, harmlos und nett. Sendak dagegen zeigt auch die Abgründe. Neben den "wilden Kerlen" hat mich vor allem seine "Nachtküche" fasziniert. Er hatte damit damals Probleme, weil er darin ein Kind mit nacktem Penis gezeichnet hatte. Ich habe vor zwei Jahren etwas Ähnliches erlebt, mit einer sehr harmlosen Zeichnung in einem meiner Wimmelbücher. Allerdings ist das nicht wirklich vergleichbar - aber es zeigt doch, dass solche Tabus nicht neu sind, sie werden im Internet-Zeitalter nur anders verhandelt. Sendak war sehr früh schon ein Tabu-Brecher und mir hat immer gefallen, dass er unbeirrt und eigensinnig seine Kunst produziert und verteidigt.

Interview: Martin Scholz

Axel Scheffler: "Doof und bedrohlich - so lieben wir Monster"

Axel Scheffler, 1957 in Hamburg geboren, lebt als Illustrator in London. Mit der Autorin Julia Donaldson hat er vor zehn Jahren den "Grüffelo" erfunden, der weltweit ein Bestseller wurde. Zuletzt erschien von beiden das Bilderbuch "Tommi Tatze" (Beltz).

Herr Scheffler, Sie haben ein Bild gezeichnet, in dem Ihre berühmteste Figur, der Grüffelo, unter einem Baum sitzt und "Wo die wilden Kerle wohnen" liest. Sind Sendaks Fabelwesen die heimlichen Väter Ihres Monsters?

Das Bild war ein Gag, eine humorvolle Hommage an Sendak. Ich habe sie ehrlich gesagt nur deshalb gezeichnet, weil ich ständig gefragt wurde, ob ich denn an Sendaks "Wilde Kerle" gedacht hätte, als ich den Grüffelo zeichnete.

Und?

Dem war nicht so. Der Grüffelo war in dem Text von Julia Donaldson ja schon en détail beschrieben - mit schrecklichen Hauern, knotigen Knien und feurigen Augen. Sendaks Buch war kein direkter Einfluss, obwohl ich das Buch natürlich kannte. Erstmals muss ich es Ende der 70er gelesen haben, also schon als Erwachsener. Und es sagt ja viel über ein Kinderbuch aus, wenn man es erst als Erwachsener kennen und lieben lernt. Davon mal abgesehen sind Sendaks Zeichnungen einfach wunderbar.

Gibt es denn eine Seelenverwandtschaft zwischen wilden Kerlen und dem Grüffelo?

Sie sind wahrscheinlich entfernte Verwandte, wie auch Mäuse von anderen Illustratoren mit meinen Mäusen verwandt sind. Es gibt viele mittelalterliche Darstellungen von pelzigen Ungetümen mit Schwänzen, auf die sich Sendak wie auch ich beziehen. Wir haben aus denselben Quellen geschöpft, aus uralten kulturellen Traditionen, wie Ungeheuer auszusehen haben.

Die "Wilden Kerle" sind ebenso wie Ihr Grüffelo Sympathieträger, die längst als Kuschelmonster-Puppen in den Betten der Kinder übernachten. Was macht diese grausigen Viecher so liebenswert?

Am Ende sind sie ja doch nicht so gefährlich, wie sie aussehen. Eigentlich sind sie zwar bedrohlich, gleichzeitig aber auch etwas doof. So lieben wir unsere Monster. Und diese Ambivalenz macht den Reiz dieser Monster aus. Nur lieb - das wäre für Kinder auf Dauer nicht interessant. Aber gerade in dieser Kombination - tumb und furchterregend - kann es den Kleinen gelingen, die Großen auszutricksen. Max bändigt die Monster, meine Maus den Grüffelo - sowas macht Kindern Spaß.

Interview: Martin Scholz

Sybille Hein: "Im Schrecklichen das Lustige zeigen"

Sybille Hein, 1970 in Wolfenbüttel geboren, schreibt und illustriert Kinderbücher - unter anderem von Amelie Fried und Cornelia Funke. Zuletzt erschien das illustrierte Liederbuch "Hallo Hallo Halunken" (Beltz), das jetzt von der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet wurde.

Hein: Sagen Sie, hat Maurice Sendak eigentlich Kinder?

Nein, aber er hatte lange Zeit Kontakt zu einem Nachbarsjungen, der ihm schon mal sagte, seine Bücher fände er ziemlich langweilig.

Das ist ja spannend.

Lesen Sie die "Wilden Kerle" Ihrem Sohn vor?

Ja, ich muss ihm die Geschichte unzählige Male vorgelesen haben. Inzwischen sieht Mika in dem Buch allerdings seine eigene Geschichte - deswegen darf ich es jetzt nicht mehr vorlesen.

Was heißt das - gucken Sie sich mit ihm nur noch die Bilder an, und den Text lesen Sie nicht mehr?

Irgendwann entsteht aus solchen Geschichten im Kopf der Kinder etwas Eigenes - und da sollte man sich dann als Eltern raushalten. Mika ist in seiner Version der Geschichte auch ein Monsterbändiger, allerdings ein Ritter. Ihm ist es ganz egal, dass der Max im Buch ein Wolfskostüm trägt. Und die Monster sind in seiner Wahrnehmung alle ganz liebe Monster - obwohl sie schreckliche Zähne haben. Das ist für ihn ein großes Thema, dass es keine durch und durch bösen Menschen oder Monster gibt. Auch bei Monstern gibt es Gründe, die erklären, warum sie mal kurz böse sein müssen. Mein Sohn liebt diese Monster.

Welche Relevanz hat die Geschichte vom kindlichen Monster-Bezwinger heute noch?

Zum einen ist Sendaks Zeichenstil - dieser schnelle, einfache Strich - in gewisser Weise zeitlos. Er benutzt keine modischen Farben oder andere Effekte, die sich schnell wieder überleben. Zudem erzählt er die Geschichte eines Kindes mit starkem Willen und hebt das als etwas grundsätzlich Positives hervor. Er zeigt, dass Allmachtsphantasien auch etwas Gutes haben können.

Sie meinen, weil Max in dem Buch nicht verhaltensauffällig wird, nachdem ihn seine Mutter zurechtweist - er tobt sich in seiner Fantasie aus.

Ja, und er kommt am Ende seiner Traumreise wieder in der Realität an - bei Mama und der warmen Suppe, die auf ihn wartet. Das ist ein leiser, versöhnlicher Ausklang der Geschichte.

Gibt es eine Seelenverwandtschaft zwischen den Monstern und Ungetümen, die Sie so gerne in Ihren Kinderbüchern zeichnen, und seinen wilden Kerlen?

Ich versuche wie Sendak, im Schrecklichen das Lustige zu zeigen. Wir holen die Furcht einflößende Monsterwelt dicht heran, machen sie klein und verständlich. Wir geben dem Skurrilen einen Platz in dieser Welt.

Die Wilden Kerle drohen nur damit, Max vor lauter Zuneigung zu fressen, Ihre Monster verschlucken schon mal Prinzessinnen.

Aber sie speien sie auch wieder aus - weil der Prinzessin allerlei Freunde zu Hilfe kommen. Da kommt dann ein tolldreister Mut zum Ausdruck, von dem man sich wünscht, dass er Kindern mit auf den Weg gegeben wird.

Interview: Martin Scholz

Janosch: "Weil er gerne Gemeinheiten beschrieb"

Janosch, 78, lebt auf Teneriffa und ist mit zahlreichen nationalen und internationalen Preisen für seine Kinderbücher ausgezeichnet worden. "Oh wie schön ist Panama", die Geschichte vom Tiger und dem Bären, ist sein bekanntestes Werk.

Janosch, Maurice Sendaks Kinderbuch erschien vor 46 Jahren. Seitdem sind eine Menge Bilderbücher erschienen. Warum hat die Welt "Wo die wilden Kerle wohnen" nicht vergessen?

Weil der Mensch sich lieber Gemeinheiten und Bosheiten merkt als die menschliche Güte. Was man lieber liest, wird eher zum Erfolg. Wilhelm Busch ist auch unvergessen, weil er gerne Gemeinheiten beschrieb. Oder die Gebrüder Grimm. Aber Hermann Gmeiner - kennen Sie den?

Sie meinen den Gründer der SOS-Kinderdörfer ...

...genau den, den kennen kaum mehr als vier Prozent der Leute in Deutschland.

Ist Sendak ein großer Erzähler?

Da bin ich mir nicht so sicher.

Ein großer Zeichner?

Ich verehre ihn nicht besonders. Aber als Mensch liebe ich auch die Bösartigkeit. Damit würde ich mich unbedenklich neben Sendak setzen. Wenn ich ein guter Zeichner wäre.

Gibt es etwas, was Sie sich von Sendak abgeguckt haben?

Nichts. Ich gucke mir alles bei Tomi Ungerer ab. Als F. K. Waechter noch lebte, auch bei ihm.

Interview: Jörg Hunke

Ole Könnecke: "Urthemen der Menschheit"

Ole Könnecke, 48, lebt in Hamburg. Vor vier Jahren erhielt er den Deutschen Jugend- und Literaturpreis, ein Jahr zuvor war sein erstes Anton-Buch erschienen.

Herr Könnecke, warum ist "Wo die wilden Kerle wohnen" zum Klassiker geworden?

Weil es ein tolles Buch ist. Bei Kindern funktioniert es sofort. Die verstehen, warum die Mutter ihren Sohn hungrig ins Bett schickt und der Junge dann in eine Traumwelt flüchtet. Ein anderer Aspekt: Es geht um Urthemen der Menschheit.

Fressen oder gefressen werden.

Klar, aber auch die Aggression der Kinder, die Angst vor dem Fremden. Ach, mir fällt auf, dass es schwierig ist, darüber zu reden. Es gibt sehr viele fundierte wissenschaftliche Betrachtungen zu Sendaks Werk. Ich kann dazu nichts Neues beitragen.

Wann haben Sie das Buch für sich entdeckt?

Als ich begann, mich als Zeichner für Bilderbücher zu interessieren. Da war ich schon erwachsen. Was mir sofort gut gefallen hat, war seine Nähe zum Comic und zum Film. Wenn beispielsweise in einem Bilderbuch unvermittelt drei Oliver Hardys auftauchen, das ist wunderbar. Aber ehrlich gesagt mag ich seine Nebenwerke am liebsten, zum Beispiel seine Illustrationen zur Robert Graves "Das Zauberbuch".

Gibt es etwas, was Sie von Sendak gelernt haben?

Ich zeichne gerne aus der Guckkastenperspektive, das hat er auch oft getan. Ob ich das von ihm habe oder aus den Comics - das kann ich nicht sagen. Mir fällt aber gerade ein, es gibt doch eine Erinnerung, die mit meiner Kindheit und Sendak zu tun hat.

Welche?

Als Kind hat mir Crockett Johnsons "Harold and the purple crayon" besonders gut gefallen. Das Buch ist in Deutschland schon sehr lange vergriffen. Es ist eigentlich eine simple Geschichte, ein kleiner Junge zeichnet sich eine Landschaft und bewegt sich darin. Und Johnsons Frau, Ruth Krauss, hat den Text für Sendaks erstes Buch geschrieben. So schließt sich der Kreis.

Interview: Jörg Hunke

Peter Schössow: "Wie konfrontiert man Kinder mit den Schattenseiten?"

Peter Schössow, 56, studierte an der Hochschule für Gestaltung in Hamburg. Er arbeitete für den Spiegel, den Stern und "Die Sendung mit der Maus". Ausgezeichnet wurde er unter anderem für "Gehört das so??! Die Geschichte von Elvis", in der er beschreibt, wie eine Gruppe von Freunden, den Tod eines Kanarienvogels verarbeitet.

Herr Schössow, wann haben Sie Maurice Sendak und die "Wilden Kerle" entdeckt?

Nicht als Kind, sondern als Erwachsener. Als ich anfing, Gestaltung zu studieren, mich mit Bilderbüchern zu beschäftigen, habe ich geguckt, wie andere das machen. Dazu gehörte natürlich auch Maurice Sendak.

Konnte er Ihnen helfen?

Nein, ich habe schnell gemerkt, dass ich etwas Eigenes finden muss. Aber ich fand es bewundernswert, dass er immer wieder Neues ausprobiert hat - dass er sich nicht darauf beschränkt hat, die x-te Fortsetzung der "Wilden Kerle" zu machen. Übrigens gibt es zu den wilden Kerlen noch eine nette Anekdote. Ursprünglich sollte das Buch "Wo die wilden Pferde wohnen" heißen.

Woran ist die Idee gescheitert?

Sendak konnte angeblich keine Pferde zeichnen.

In Sendaks Buch streiten die Mutter und ihr Sohn Max, die Mutter schickt Max ohne Abendbrot ins Bett, der Sohn antwortet wütend: "Ich fress dich auf." Sendak hält nichts von der heilen Welt in Kinderbüchern. Wenn man den Kindern die Abgründe frühzeitig zeigt, benötigen sie später keinen Psychiater, hat Sendak gesagt. Teilen Sie die Meinung?

Das ist die schwierigste Frage für einen Kinderbuch-Autor: Wann konfrontiert man Kinder mit den Schattenseiten des Lebens und wie macht man das? Aus meiner Sicht gibt es keine eindeutige Antwort. Da fängt dann meine Arbeit an. Und ich setze voraus, dass Eltern wissen, was sie ihren Kindern zumuten können, wissen, wie ihre Kinder ticken.

Ist Ihre Strategie immer aufgegangen?

Manchmal ja, manchmal nein - das hängt vom Kind ab, wofür es sich gerade interessiert, was es versteht. Aber wenn ein Buch vielschichtig ist, schauen es sich Kinder immer wieder an, finden dabei etwas für sie Neues, Interessantes. In meiner Kindheit wurde häufig absurdes Theater im Fernsehen gezeigt, ich war acht oder zehn Jahre alt, als "Warten auf Godot" lief. Das hat mich sehr beeindruckt, auch wenn ich nicht alles begriffen habe. Aber wer hat schon "Warten auf Godot" begriffen?

Interview: Jörg Hunke

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