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Holocaust-Überlebender Kohn Ein gewagter Tanz

Der Holocaust-Überlebende Adolek Kohn löste eine weltweite Debatte aus, weil er für ein YouTube-Video in Auschwitz tanzte - zum Discohit „I Will Survive“. „Ich wollte das Leben feiern“, sagt der 89-Jährige.

20.10.2010 09:39
Judith Kessler
Adolek Kohn tanzt mit seine Enkelkindern in Auschwitz.

Eigentlich hatte die Kunststudentin Jane Korman mit ihrem kleinen Film schon viel mehr Menschen erreicht und viel mehr Debatten ausgelöst, als sie sich je hätte vorstellen können. Über eine halbe Million Menschen hatten ihren Film „Dancing Auschwitz“ auf YouTube gesehen. Jenes vierminütige Video, in dem sie mit ihren Kindern und ihrem Vater, Adolek Kohn, der den Holocaust überlebte, in Auschwitz zu dem Discohit „I Will Survive“ von Gloria Gaynor tanzt.

Noch bevor der Film im August für Furore sorgte, hatte Jane Korman ihn beim kleinen deutsch-polnischen Filmfestival dokART in Neubrandenburg und Stettin eingereicht. Damals war er dort bloß eine Nummer, Beitrag 244. Nun war er ein Höhepunkt des Festivals. Vergangene Woche erhielt er dort den NDR-Publikumspreis.

Zuvor hatten auch die Festivalbesucher noch einmal all jene Argumente für und gegen „Dancing Auschwitz“ ausgetauscht, die schon die weltweite Debatte im Spätsommer bestimmt hatten.

In Deutschland nannte der jüdische Historiker Michael Wolffsohn den Clip „geschmacklos“ und warf Jane Korman vor, nur Eigenwerbung zu betreiben. Und der jüdische Publizist Henryk M. Broder, der für den Spiegel die Kohns in ihrer Heimat Melbourne besuchte, sah wie viele andere in „Dancing Auschwitz“ eine „kluge Antwort“ auf das manchmal bis zur Sinnentleerung ritualisierte Holocaust-Gedenken.

Für Jane Korman war „Dancing Auschwitz“ vor allem Teil einer Auseinandersetzung mit der eigenen jüdischen Identität. Die 55-Jährige wuchs in einem gutbürgerlichen, aber nicht-jüdischen Stadtteil von Melbourne auf, besuchte eine nicht-jüdische Schule und hatte viele nicht-jüdische Freunde. 18 Jahre lang lebte sie in Israel, zwei ihrer vier Kinder wurden dort geboren.

Als sie im Jahr 2000 nach Melbourne zurückkehrte, begann sie als Seniorenstudentin ein Kunststudium. „Auf dem Campus wurde ich ständig mit Anti-Israel-Protesten konfrontiert“, sagt sie im Telefongespräch. „Ich habe mich persönlich angegriffen gefühlt, weil ich Jüdin war und mich auch in gewisser Weise als Repräsentantin Israels gesehen habe.“ Ohnehinhabe sie sich immer schon als Jüdin in einer hauptsächlich nicht-jüdischen Gesellschaft sehr unwohl gefühlt.

In ihrer Kunst versucht Korman, diese Gefühle zu thematisieren. Einmal setzte sie sich Hörner auf, zog ein T-Shirt mit der Aufschrift „Jude“ an und lief so als „Sündenbock“ durch ein Einkaufszentrum.

Es war schließlich ihre Professorin an der Universität in Melbourne, die ihr riet, für ihre Abschlussarbeit nach Europa zu reisen, an jene Orte, an denen ihre Eltern gelebt hatten. Sie selbst habe dieser Reise zunächst sehr skeptisch gegenüber gestanden, gesteht Korman.

Als Kind und Teenager hat sie sich wenig für die Vergangenheit ihrer Eltern interessiert. „Meine Eltern waren aber auch sehr fokussiert darauf, ein neues Leben für sich aufzubauen.“ Marysia und Adolek Kohn hätten extrem hart in ihrer Strickwarenfabrik gearbeitet. Damit sie und ihre acht Jahre ältere Schwester Celina eine gute Schulbildung bekamen. Damit die Familie sich ein schönes Haus leisten konnte. „Aber so hart meine Eltern auch gearbeitet haben, sie haben sich immer die Zeit genommen, rauschende Kostümpartys zu feiern“, erinnert sich Korman. „Sie haben das Leben geliebt.“

Über ihr Leben, bevor sie nach Australien ausgewandert waren, sprachen die Kohns lange Zeit nicht mit ihren Töchtern. Und Jane stellte keine Fragen.

Erst als sie erwachsen wurde, sich das Leben ihrer Eltern verlangsamte, weil sie weniger arbeiteten, wurde Auschwitz Thema in der Familie. . „Wenn meine Mutter von ihrem Leben während des Krieges berichtete, bekam ich jedes Mal Gänsehaut und konnte kaum zuhören, so düster waren ihre Geschichten.“ Die Berichte ihres Vaters seien ganz anders gewesen. „Mein Vater ist ein sehr positiver, vergebender Mensch. Und diese Persönlichkeit scheint auch in seinen Geschichten von damals durch.“

Als Jane Korman ihrem Vater vorschlug, nach Auschwitz zu reisen, war er von der Idee gleich angetan. „Ich habe mich dann gefragt, wie ich diese Reise nutzen könnte, ein Kunstwerk mit einer starken Botschaft zu schaffen“, sagt Jane Korman. „Ich wollte eine Form des Holocaust-Gedenkens anbieten, die vor allem junge Menschen anspricht.“

Adolek Kohn wurde durch den Film seiner Tochter mit 89 Jahren zum YouTube-Star – und wo immer wer auch immer den Tanz des alten Mannes im Vernichtungslager von Auschwitz gesehen hat, standen zwei Fragen im Raum: Wer ist Adolek Kohn? Und warum hat er das gemacht?

Wir riefen auch ihn in Melbourne an und fragten ihn.

Mister Kohn, Sie sind mit 89 Jahren zum Internetstar geworden. Haben Sie jetzt, einige Wochen nach dem großen Medienansturm, etwas mehr Ruhe?

Es klingt langsam etwas ab. Ehrlich gesagt war mir der ganze Rummel ein bisschen zu viel. Ich bin ja auch nicht mehr der Jüngste. Aber ich finde es schön, dass „Dancing Auschwitz“ die Menschen so emotional berührt. Ich habe über 150 Briefe und E-Mails aus der ganzen Welt bekommen.

Nur 150?

Für mich ist das viel.

Lesen Sie auf der nächsten Seite die Reaktionen der Kritiker.

Was schrieben Ihnen die Leute?

Mir haben überwiegend junge Leute geschrieben, Enkel anderer Holocaust-Überlebender. Einer schrieb mir sogar „Adolek besiegt Hitler“. Das hat mir gefallen. Ich habe alle E-Mails ausgedruckt und will sie in ein eigenes Album kleben. Jetzt habe ich ja wieder Zeit für so etwas.

Was haben Sie von der weltweiten Kontroverse zu „Dancing Auschwitz“ mitbekommen?

Hier in Melbourne haben mich zwei Mitglieder der jüdischen Gemeinde auf den Film angesprochen und mich gefragt, wie wir es wagen konnten, in Auschwitz zu tanzen. Auschwitz sei ein Friedhof und da dürfe man nicht tanzen.

Können Sie diese Kritik nachvollziehen?

Natürlich kann ich das verstehen. „Dancing Auschwitz“ ist eine Provokation. Ich war ja anfangs auch dagegen, an diesem Ort zu tanzen. Meine Familie wurde dort umgebracht. Aber für mich ist Auschwitz kein Friedhof. Es war eine Todesfabrik, in der sie Leute umgebracht haben. Ein Friedhof ist für mich etwas völlig anderes. Aber es ist ja auch nicht so, dass wir in Auschwitz nur getanzt haben. Wir haben für die Toten Kerzen angezündet und gebetet. Das wissen die meisten nicht, weil wir das nicht gefilmt haben.

Wie hat Ihre Tochter Sie überredet, dann doch an ihrem Kunstprojekt teilzunehmen?

Ich wollte die Arbeit meiner Tochter unterstützen. Ich finde, sie hat als Künstlerin wirklich großartige Ideen. Mir hat ihr Ansatz, in Auschwitz nicht nur zu weinen und zu trauern, sondern das Leben und die Entstehung einer neuen Generation zu feiern, gefallen. Sie wollte eine, neue zeitgemäßere Form des Gedenkens schaffen. Junge Leute wissen nicht genug über den Holocaust.

Manche Holocaust-Überlebende gehen in Schulen und erzählen Schülern von ihren Erlebnissen. Machen Sie das auch?

Meine Tochter beherbergt immer wieder junge deutsche Rucksacktouristen bei sich und bringt sie dann auch mit zu uns. Bei mir gibt es Kaffee umsonst und ich habe eine große Videokollektion – über 3000 Dokumentationen. Das größte Themengebiet ist der Holocaust. Wer möchte, dem zeige ich einen Film. Und dann erzähle ich von meinem Leben während des Zweiten Weltkrieges.

Wovon erzählen Sie Ihren Besuchern?

Zum Beispiel von dem Huhn, das mein Leben rettete. Das war im Ghetto in meiner Heimatstadt Lodz. Damals war ich 19 Jahre alt und an der Ruhr erkrankt. Nach einer Spritze gab es Komplikationen bei mir: Ich war gelähmt und konnte auch nicht mehr sprechen. Und dann war da dieses Huhn, das neben meinem Bett geschlafen hat. Es setzte sich neben meinen Kopf und gackerte, als ob es mir sagen wollte: Ich lege ein Ei für dich. Und tatsächlich hat dieses Huhn jeden Tag ein Ei für mich gelegt und manchmal habe ich sogar zwei bekommen. So hat das Huhn mein Leben gerettet, weil ich so Proteine bekommen habe. Als es mir besser ging, musste ich erst wieder langsam das Laufen lernen. Ich erinner mich noch, dass meine Mutter mich an einem Arm gehalten hat und mein Bruder an dem anderen, weil ich zu schwach war, allein zu laufen. Und während ich so gestützt durch unseren Hinterhof ging, lief das Huhn hinter mir her. Wenn ich nach links gegangen bin, ist das Huhn auch nach links gegangen. Wenn ich den Kopf gedreht habe, hat es auch den Kopf gedreht.

Bald darauf wurden Sie nach Auschwitz deportiert.

Ich kam mit meiner Mutter in einem Viehwaggon in Auschwitz an. Das war das letzte Mal, dass ich sie gesehen habe. Sie war erst 45, ich damals 20 Jahre alt. Ich frage mich heute noch manchmal, wie ich es geschafft habe, zu überleben. Ich hatte keinen besonderen Plan, ich war auch nicht besonders clever, ich hatte Glück. Es war ganz einfach Glück. Ich wurde als Mechanikexperte eingestuft, und sie haben mich zum Arbeiten in eine Flugzeugteilefabrik geschickt. Ich war dann in einem Unterlager von Groß-Rosen untergebracht. Groß-Rosen hatte ja viele Unterlager und mein Lager bestand aus ungefähr 500 Leuten, die mit mir in der Flugzeugpropellerfabrik arbeiteten. So habe ich überlebt. Aber ich habe fast meine gesamte Familie verloren. Wir waren 100 in der Familie. Alle wurden umgebracht: Meine Cousinen, diese wunderhübschen Mädchen, und meine Cousins: Alle sind umgekommen. Nur meine Schwester hat überlebt. Mit ihr bin ich später noch einmal nach Auschwitz gereist.

Wann war das?

Vor 20 Jahren. Ihr Mann und meine Frau sind mit uns gereist. Aber meine Frau ist nicht mit nach Auschwitz gekommen, sie ist in Krakau geblieben. Sie konnte es nicht. Es wäre einfach zu viel für sie gewesen. Auch ihre ganze Familie wurde in Auschwitz ermordet.

Wie und wo haben Sie Ihre Frau kennen gelernt?

Das war kurz nach unserer Befreiung, Sie war ja auch in Auschwitz gewesen. Zunächst sind wir zurück nach Lodz gegangen, dann haben wir kurze Zeit in München gelebt, bevor wir gemeinsam nach Australien ausgewandert sind. Ich kam nach Australien als armer Student. Zwei englische Gedichtbände, das war alles, was ich hatte. Ich habe dann sehr hart gearbeitet, um uns ein neues Leben aufzubauen. Jeden Tag von sieben Uhr in der Früh bis Mitternacht. Mit dem Fahrrad bin ich von einer Arbeitsstätte zur nächsten gehetzt. Ich hatte keine Zeit, auf den Bus oder die Straßenbahn zu warten.

Was haben Sie gearbeitet?

Ich hatte eine Ausbildung als Textilingenieur. Die habe ich noch in Lodz gemacht. Lodz war ja vor dem Krieg für seine Textilindustrie bekannt. Das zweite Manchester haben sie es genannt. In Melbourne habe ich dann in drei verschiedenen Textilfabriken gearbeitet. Nach einiger Zeit haben sie mich in einer Firma sogar zum Direktor gemacht. Zwei Wochen später habe ich gekündigt und mein eigenes Unternehmen gestartet. Und wir haben diese wunderschöne Familie gegründet. Und heute habe ich sechs wundervolle Enkel.

Mit denen Sie in Auschwitz getanzt haben.

Ja. Und wissen Sie, als ich dort mit ihnen getanzt habe, ist mir durch den Kopf gegangen, wie stolz ich auf meine Enkel bin. Wie stolz ich bin, dass ich diese wundervolle Familie gegründet habe. Aus dem Nichts. Wenn mir jemand vor 60 Jahren gesagt hätte, dass ich einmal mit meinen Enkelkindern nach Auschwitz zurückkehre, ich hätte ihn für verrückt erklärt.

Text und Interview: Judith Kessler

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