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Holocaust „Es ist nicht wie 1933. Aber es ist gefährlich.“

Yehuda Bauer forscht seit 60 Jahren über das Dritte Reich und den Holocaust. Ein Gespräch über die Rolle Hitlers und die Schwäche der Intellektuellen.

Yehuda Bauer
„Es kommt vor, dass etwas, was ich vortrage, von einem anderen Historiker abgelehnt wird. Das ist okay“, sagt Yehuda Bauer. Foto: Opperskalski/laif

Was meinen Sie mit: Ich war nicht dabei. Sie sind 1938 mit Ihren Eltern aus Prag nach Palästina gegangen. War das keine Flucht vor den Nazis?
Mein Vater war Zionist, er war auch Schriftsteller und hat ein Buch gegen Nazismus geschrieben. Seit Langem wollte er nach Israel einwandern. 1934 kam er das erste Mal her und hat sich umgesehen, dann hat er die Emigration vorbereitet. Das Ausreisevisum bekamen wir 1938, und in der Nacht, als die Deutschen einmarschierten, gingen wir über die Grenze nach Polen. Das war Zufall, für uns war es eine ganz normale Emigration.

Sie haben oft mit Ihrem Vater gestritten, haben Sie einmal gesagt. Worüber?
Über Marxismus und Sozialismus. Sehr heftig. Ich war dafür, er dagegen. Wir beide waren immer ganz rot im Gesicht. Aber dann sagte er plötzlich: Okay, jetzt ist gut. Was heißt Okay, fragte ich. Er sagte: Ich habe dir meine Meinung gesagt und du mir deine, jetzt spielen wir eine Partie Schach. Ich habe von ihm mehr gelernt als von allen anderen. Er war ein wunderbarer Erzieher. Einen Gott habe ich nicht, aber ich hatte einen Vater.

Haben Sie Ihren Kindern das auch beigebracht, sich zu streiten und andere Meinungen auszuhalten?
Das habe ich versucht. Einer meiner Söhne ist nach Australien ausgewandert. Er wollte hier weg, weil er mit der Regierung nicht einverstanden ist. Er war Leiter des El-Al-Sicherheitsbüros in Kairo und konnte sich nicht mehr mit seiner Arbeit identifizieren. Ich akzeptiere das. Auch mit meinen Enkeln rede ich ganz offen. Zwei von ihnen, Zwillinge, ein Junge, ein Mädchen, 21 Jahre alt, überlegen gerade, was sie machen.

Und?
Ich kann einen Rat geben, entscheiden müssen sie selbst. Der Junge ist noch in der Armee, er will in Haifa studieren und Maschineningenieur werden. Das Mädchen hat die Armee schon beendet und ist erstmal für sechs Wochen nach Amerika gegangen, um jüdische Kinder in Texas zu betreuen. Die Kinder haben sie vergöttert, aber sie hat gesagt, das ist nichts für mich: verwöhnte amerikanisch-jüdische Kinder.

Interessieren sich Ihre Enkel für den Holocaust?
Ja, ich halte ja manchmal Vorlesungen in Yad Vashem, die hören sie sich an. Zum Glück will keiner von ihnen Holocaustforscher werden.

Weil sie darüber so viel gehört haben?
Nein, in der Familie spreche ich nicht darüber. Die Familie ist für mich eine Erlösung von dem Druck, unter dem ich immer stehe.

Wie geht man heute am besten mit dem Thema um? In Israel gibt es Klagen, in der Schule werde zu viel über den Holocaust gelehrt, in Deutschland wird diskutiert, ob es zu wenig ist.
In Yad Vashem erzählen wir einfach, was geschah, machen keine Propaganda und auch keine radikale Kritik. Die Jugendlichen sollen sich ihre eigene Meinung bilden. Aber es kommen auch Erwachsene aus vielen Ländern: Lehrer, Richter, Anwälte, Journalisten. Ich halte Vorträge, trage meine Meinung vor. Es kommt vor, dass etwas, was ich vortrage, von einem anderen Historiker abgelehnt oder anders gesehen wird. Das ist okay.

Interview: Anja Reich

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