Lade Inhalte...

Holocaust „Es ist nicht wie 1933. Aber es ist gefährlich.“

Yehuda Bauer forscht seit 60 Jahren über das Dritte Reich und den Holocaust. Ein Gespräch über die Rolle Hitlers und die Schwäche der Intellektuellen.

Yehuda Bauer
„Es kommt vor, dass etwas, was ich vortrage, von einem anderen Historiker abgelehnt wird. Das ist okay“, sagt Yehuda Bauer. Foto: Opperskalski/laif

Yehuda Bauer schreibt immer gleich zurück, er hat immer sein Smartphone zur Hand. Er redet schnell und läuft mit einer Geschwindigkeit, die man ihm nicht zutraut, von der Lobby seines Jerusalemer Altenheimes zum Fahrstuhl und vom Fahrstuhl zu seinem Apartment. Kaffee oder Tee, fragt er, setzt Wasser auf, serviert Kuchen, und dann spricht er fast drei Stunden lang auf Deutsch, seiner Muttersprache, über seine Forschungen, seine Zweifel, über sein Leben. Hinter den Bergen Jerusalems geht die Sonne unter, Bauer aber wird immer wacher. Am Ende des Gesprächs sagt der 92-Jährige: „Wir haben noch gar nicht über den Holocaust geredet.“

Sie haben neulich gesagt, dass Sie nach mehr als 60 Jahren Holocaustforschung mehr Fragen als Antworten haben. Wie kann das sein?
Schauen Sie, der Holocaust hat mit so vielen verschiedenen Dingen zu tun: mit Nazismus und Antisemitismus, mit der Geschichte der Juden, der Entwicklung von Diktaturen und natürlich auch mit all den einzelnen Schicksalen. Opfer sind verschieden voneinander und auch Täter. Es ist ganz klar, dass da immer noch neue Fragen aufkommen und wir neue Antworten finden.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Das Novemberpogrom oder – wie die Nazis sagten – die Reichskristallnacht hatte nicht nur, wie wir annahmen, die Vertreibung der Juden als Ziel, sondern auch die Vorbereitung des Krieges. Das wurde bisher missinterpretiert.

Wie sind Sie jetzt darauf gekommen?
Es gibt ein Schlüsseldokument, wir kennen es seit 1945. Es ist nichts Neues, eine Anweisung von Hitler an Göring im August 1936. Da schreibt Hitler – das Deutsch ist so fürchterlich, dass man ganz klar erkennt, dass nur er es gewesen sein kann –, Deutschland muss den Krieg vorbereiten, sonst wird der Bolschewismus die Welt erobern und das Ziel des Bolschewismus ist, dass das internationale Judentum die Welt regiert. Das war nicht Propaganda, es war eine klare Anweisung von Nummer 1 an Nummer 2. Ein anderes Beispiel ist der Aufstand im Warschauer Ghetto. Eine Kollegin hat Tagebücher entdeckt aus der Zeit vor und während des Aufstands. Die waren immer da, aber wir finden darin immer noch neue Sachen oder stellen fest, dass wir Fehler gemacht haben.

Welche Fehler haben Sie gemacht?
Was wir über die militärische Organisation des Aufstands behauptet haben, war falsch. Alle, nicht nur ich, haben geschrieben: Da war ein Kommandant, der hatte eine Kommandantur. Falsch. Der Warschauer Aufstand war ein Aufstand von Jugendbewegungen. Da gab es keinen Kommandanten, sondern eine charismatische Persönlichkeit und ein Komitee. Eine Hauptfigur war eine junge Frau, Zivia Lubetkin. Wir kannten sie gut, aber sie war sehr zurückhaltend, hielt Reden und schrieb über ihre Erlebnisse, aber nie über ihre eigene Rolle.

Haben Sie in Ihrer Forschung eine Antwort darauf gefunden, ob der Holocaust hätte verhindert werden können?
Natürlich hätte er verhindert werden können! Wenn die Franzosen und Engländer in den 30er-Jahren Nazideutschland gestoppt hätten, wäre das ganz einfach gewesen, denn bis 1937 war Deutschland gar nicht in der Lage, sich zu wehren.

Aber die Engländer wussten zu diesem Zeitpunkt nicht, wozu die Nazis in der Lage sein werden.
Über die Judenvernichtung wussten sie nichts, aber sie hätten sich wehren können, um sich selbst zu schützen.

Wann haben die Nazis die Vernichtung der Juden beschlossen?
Ich glaube nicht, dass es langfristig geplant war. In „Mein Kampf“ steht kein Wort darüber. Der Entschluss, die Juden zu ermorden, stammt erst aus dem Jahr 1941. Vorher besprach man die Deportation aller Juden über Südostpolen in die Sowjetunion, dann nach Madagaskar, dann in die arktischen Regionen Russlands. Der massive Massenmord kam erst nach der Invasion der Sowjetunion.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen