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Hochzeit Hochzeit auf Sorbisch

Wenn Sorben heiraten, darf einer auf keinen Fall fehlen: der Braschka, der sich um alles kümmert.

22.09.2014 13:11
Jörg Schurig
Das sorbische Brautpaar Lubina Schkoda und Martin Rehor auf dem Weg zur Kirche im sächsischen Ostro. Foto: dpa

Das Finale ist ergreifend. Langsam senkt sich um Mitternacht der Schleier auf das Brautpaar, als könne er die Liebe beschützen. Der Schleiertanz krönt eine sorbische Hochzeit. Von diesem Moment an sind Bräutigam und Braut Mann und Frau – und für die Eltern des Paares endet eine Zeit. So war es immer, so wird es vermutlich immer sein – gerade bei der traditionsbewussten Minderheit der Sorben im Osten Deutschlands. Auch wenn sich Tradition heute mit Moderne mischt, denn nach dem Ritus ist Party angesagt. Meist wird bis zum Morgen gefeiert. Auch dafür sind die Sorben berühmt.

Lubina Schkoda und Martin Rehor (auf Sorbisch: Lubina ?kodzic und Mercin Hrjehor) sind beide 26 Jahre und haben sich 2009 über eine gemeinsame Freundin kennengelernt. Irgendwie kennt im Sorbischen jeder jeden, zumindest über drei Ecken. Im Sommer 2012 hat Martin seiner Lubina einen Heiratsantrag gemacht – auf der Zugspitze. Nach der Rückkehr wurden die Eltern eingeweiht und die Planungen begannen. „Meine Mutter weiß, dass ich einen eigenen Kopf habe“, sagt Lubina.

Wenn Sorben heiraten wollen, sind drei Dinge schnell zu klären: der Braschka, der Saal und die Band. Der Hochzeitsbitter (Braschka) ist ein Zeremonienmeister. Er führt durch den Tag und liest dem Brautpaar alle Wünsche von den Lippen ab. Etwa ein halbes Dutzend Männer übt dieses Amt heute noch aus. Ein großer Saal ist nötig, weil zu einem sorbischen Fest oft mehr als 100 Gäste kommen und die Provinz im Osten Sachsens nicht viele Räume dieses Formats hat. „Das Feiern hat bei den Sorben eine ganz andere Dimension“, erklärt Martin. Auf diese Weise würden die Familienbande immer wieder gefestigt.

Ein paar Wochen vor dem Fest treffen sich Brautpaar, Eltern und Braschka zur Feinabstimmung. Der muss die Gäste persönlich einladen, geht dabei in seiner Tracht von Haus zu Haus. Lubina und Martin haben sich für einen jungen Braschka entschieden. Petr ?olta ist 36 und arbeitet als Redakteur für eine sorbische Kinderzeitschrift. Zum Amt des Braschka kam er eher zufällig. Ein Freund bat ihn um Beistand bei seiner Hochzeit. Seit zehn Jahren ist ?olta nun im Geschäft und leitet jedes Jahr etwa zehn Hochzeiten. Mehr will er seiner eigenen Familie nicht zumuten, Hochzeitsbitter ist ein stressiger Job.

Schließlich wird der Mann mit dem schwarzen Zylinder und seinem Stab gebucht, um Brautpaar und Eltern ein entspanntes Fest zu ermöglichen. Der Braschka führt Kommando. Selbst um volle Schüsseln und Teller muss er sich kümmern. Der Ablauf des Festes ist ein Mix aus Ritualen und Improvisation. „Es gibt einen roten Faden, aber links und rechts davon Spielraum“, sagt ?olta. Manchmal wundert er sich, warum sich Gastgeber und Gäste bei einer Hochzeit so wenig einfallen lassen und maximal bei der Tischdekoration Kreativität beweisen. Bei Lubina und Martin muss er sich freilich keine Sorgen machen, ganz im Gegenteil.

Zur Hochzeit zeigt sich der Altweibersommer von seiner besten Seite. Martins Verwandtschaft trifft sich in seinem Elternhaus in Rosenthal (Ró?ant). So geschieht es auch im nahen Ostro (Wotrow) bei Lubinas Eltern. Die Gäste begrüßen sich mit „Wjele zbo?a“ (Herzlichen Glückwunsch). Man beglückwünscht sich, weil die Einladung zur Hochzeit eine Ehre ist. In der Garage von Familie Schkoda stapeln sich die Geschenke. Dann folgt die „Aussegnung“ von Lubina, wie die katholischen Sorben den Abschied von Braut und Bräutigam aus dem Elternhaus nennen. Martin hat das kurz zuvor zu Hause erlebt.

Für Lubinas Vater Konrad Schkoda ist es der emotionalste Moment des Tages. „Sie ist unsere Jüngste, hat am längsten bei uns gewohnt“, sagt der dreifache Vater. Auch Erinnerungen an die eigene Aussegnung werden wach. Leben heißt immer auch Abschied nehmen. Lubina bedankt sich im Beisein der engsten Familienmitglieder bei Eltern und Geschwistern, weil sie stets zu ihr hielten – „auch wenn ich mal Mist gebaut habe“. Bruder Dominik kann die Tränen nicht zurückhalten. Es ist ein bewegender Augenblick, und er ist endgültig. Auch wenn das Haus für Lubina und ihre Familie immer offen bleiben wird.

Vor dem Haus stellt der Braschka den Hochzeitszug zusammen – vor allem für die Jugendlichen ein prickelnder Augenblick. Jetzt entscheidet sich, wer mit wem an diesem Tag am Tisch sitzt und das Fest verbringt. Die Ledigen führen den Hochzeitszug zur Kirche von Ostro an. Dann folgen die Ehepaare, Großeltern, Paten, Eltern sowie die beiden Trauzeuginnen, die jeweils ältesten Patinnen von Braut und Bräutigam. Die Brautleute beschließen den Zug. Vor ihnen laufen die Druschki in ihrer Tracht. Früher waren das Jungfrauen, heute sind es meist die kleinen Mädchen aus der Verwandtschaft in Festtracht.

Trauzeugin hat das Sagen

Pfarrer Toma? Dawidowski spricht sorbisch. Hin und wieder folgt eine Übersetzung für jene, die nur Deutsch verstehen. „Die Liebe ist etwas Schönes, aber zugleich Ernstes“, sagt der Priester und nennt die Ehe einen Schritt ins Unbekannte: „Es gibt nicht wenige Beispiele enttäuschter Ehen.“ Dennoch preist er an diesem Tag vor allem die Kraft der Liebe: „Schön sind sie, jung, sie strahlen, ein bisschen nervös, ich meine den Mann.“ Leises Lachen der Gäste lindert die Anspannung in der Kirche. Von der Empore erklingt derweil nicht nur traditionelles Liedgut – auch John Cales „Hallelujah“. Im offenen Oldtimer geht es nun über die Dörfer zur Einsegnung ins neue Heim. Das junge Paar hat am Haus von Martins Eltern angebaut. Die Fahrt kann kostspielig werden. Denn überall – so ein weiterer Hochzeitsbrauch der Region – müssen sich Brautpaar und die 120 Gäste ihren Weg freikaufen. Kinder spannen geschmückte Seile über die Straße und zwingen den Konvoi der Hochzeitsgesellschaft zum Halt. Selbst die Freiwillige Feuerwehr in Rosenthal hat einen Löschschlauch über die Straße gelegt und kassiert ab.

Abgesehen vom Braschka haben an diesem Tag die Trauzeuginnen das Sagen. Sie sitzen beim Festmahl zu beiden Seiten des Brautpaares: „Nichts läuft ohne unsere Einwilligung“, sagt Ludmila Budar, die älteste Patin von Martin. Die beiden Frauen tragen spezielle Tracht. Ihre Regentschaft ist freilich eher symbolischer Natur. Die Patin der Braut organisiert die Fahrt zur Gaststätte. Nach dem Oldtimer hat Lubinas Patin, Elisabeth Petzold, für den zweiten Teil der Reise eine festliche weiße Kutsche ausgewählt. Die Trauzeuginnen sitzen mit im Gefährt, der Braschka folgt mit den Druschki im Oldtimer.

Lubinas Großmutter Hanna Ziesch kann sich noch gut an ihre Hochzeit im September 1954 erinnern. Als sie zur Einsegnung ins Haus ihres Mannes kam, begrüßten die Schwiegereltern sie mit den Worten: „Sei unserem Sohn eine gute Frau, euren Kindern eine gute Mutter und uns eine gute Schwiegertochter“, erzählt die 83-Jährige. Damals trugen noch alle sorbischen Frauen zu ihrer Vermählung die Hochzeitstracht. Heute ist das selten. Lubina hat sich für ein klassisches weißes Kleid mit Schleppe entschieden. Die Großmutter hat Verständnis dafür: „Die Tracht anzulegen macht ganz schön Arbeit.“

Tatsächlich ist das Anziehen der bis zu mehrere Tausend Euro teuren Trachten zeitraubend. Teile davon werden als Familienschatz vererbt. Um den Kopfschmuck einer Druschka zu befestigen, werden die Haare der jungen Mädchen schon am Vorabend in der Mitte gescheitelt, sehr straff als Zopf nach hinten gelegt und mit Garn zusammengenäht. „Wenn die Haare nicht lang genug sind, wird ein Nylonstrumpf eingeflochten“, erinnert sich die 24 Jahre alte Maria-Madlena Jurk an die Prozedur, die schmerzhaft sein kann. Wenn die Haube zuletzt mit Nadeln am Haarkranz befestigt wird, pikt es nicht selten.

Auch die um den Hals getragene Schnüre mit Münzen und ein Netz aus Perlen verlangen Standhaftigkeit. Zumindest wenn die Münzen wie früher aus Silber sind. „Da kommen schnell ein paar Kilogramm zusammen“, sagt Maria-Madlena, eine Cousine Martins. Dennoch habe sie sich jedes Mal wieder auf die Tracht gefreut: „Sie hat mich mit Stolz erfüllt.“ Jetzt, bei der Hochzeit von Lubina und Martin, dürfen die Druschki am Nachmittag ihre Tracht ablegen. Bei gut 25 Grad Celsius ist sie kein sehr praktisches Gewand. Dennoch gehört es zur sorbischen Hochzeit dazu wie der Braschka und das Hochzeitsessen.

Das traditionelle Mahl besteht aus vier Gängen: In der Hochzeitssuppe muss auf jeden Fall Eierstich und Gemüse enthalten sein. Der Rest bleibt der Kreativität der Köche überlassen. Danach kommt Rindfleisch mit Meerrettichsoße und Brot auf dem Tisch, gefolgt von einem Kalbsbraten und einem Dessert. Bei Lubinas und Martins Hochzeit sind es drei Gänge. Sorbische Hochzeiten sind für Schlemmerei bekannt. Gegen 18 Uhr folgen Kaffee und Kuchen oder als herzhafte Variante Brot und Aufschnitt. Das Abendessen mit Fleisch und Beilagen kommt gegen 22 Uhr auf den Tisch. Wein, Bier und Wasser fließen in Strömen.

Vor dem Essen bekommt das Brautpaar kleine Tierfiguren aus Butter serviert. In diesem Fall sind es zwölf Lämmer und Hähne. Sie sollen die Anzahl der im Haus erhofften Kinder symbolisieren. „Dafür wünschen wir dem Brautpaar viel Kraft und Durchhaltevermögen“, ruft ?olta in die Runde. Das junge Paar plant bescheidener – mit zwei bis drei Kindern. Früher hatten die Figuren einen praktischen Nutzen. Zur Hochzeit schenkten sich die Familien meist Naturalien, um das üppige Fest angemessen ausstatten zu können. Heute teilen sich in der Regel die Eltern des Paares in die Kosten.

„Einen Tag lang König und Königin sein“

Die Familien Schkoda und Rehor lassen keine Langeweile aufkommen. Die Druschki tragen Gedichte vor. Die Erwachsenen singen oder bieten Sketche mit Szenen aus dem Leben des Brautpaares. Braschka ?olta gönnt sich erst nach Mitternacht ein Bier. Das machen nicht alle Kollegen. Die Geschichte sorbischer Hochzeiten ist auch eine Geschichte von Braschki, die nach reichlich Alkoholgenuss Durchblick vermissen ließen. Für ?olta ist das Finale der schönste Augenblick. In den kommenden beiden Jahren will er sich eine Auszeit gönnen, um das eigene Familienleben zu genießen.

Marko Jurk, der bald sein 40-Jahr-Jubiläum als Braschka begeht, sieht Wandel und Konstanz. Die Alltagstracht der Sorbinnen sei zwar fast ausgestorben, anderes wie das Hochzeitsfest oder die Sprache blieben aber erhalten. „Die Seele bleibt sorbisch“, sagt Jurk und spricht von Sehnsucht nach Heimat und Familie. Seine Tochter Maria-Madlena sieht das genauso: „Ich will nicht von hier weg.“ Zweimal hat Jurk als Braschka im Westen amtiert, für Paare, von denen zumindest ein Teil von hier stammte. Es habe nicht so richtig funktioniert, sagt er: „Der Braschka gehört nun mal ins Sorbische.“

„Einen Tag lang König und Königin sein“, definiert der Sorbe und CDU-Politiker Marko Schiemann die sorbische Hochzeit. Für Lubina und Martin ist sie nun zu Ende. Warum die Sorben eine solche Lust am Feiern haben, ist verständlich. Es ist ihre Art, eine alte Kultur zu bewahren. Brauchtum stiftet Identität, die Sorben leben es vor. Laut Statistik leben noch 60 000 Angehörige der slawischen Minderheit in Ostsachsen und im Süden von Brandenburg. Da auch heute in sorbischen Familien meist mehr als zwei Kinder auf die Welt kommen, dürften Traditionen wie etwa die sorbische Hochzeit so schnell nicht aussterben. (dpa)

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