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Hochwasser-Drama in Sachsen Tausende Görlitzer ohne Strom

Das Wasserwerk in Görlitz ist wegen des Hochwassers außer Betrieb, "Katastrophen-Touristen" werden zunehmend zum Problem.

07.08.2010 15:31
Eine junge Frau kümmert sich nachts in einer Berufsschul-Turnhalle um eine vor dem Hochwasser in Sicherheit gebrachte Dame. Foto: dpa

Wegen der schweren Überschwemmungen in Sachsen sind in Görlitz mehrere tausend Menschen ohne Strom. Das Wasserwerk der Stadt sei wegen des Hochwassers außer Betrieb, teilte am Sonntagabend der Katastrophenschutzstab des für seine malerische Altstadt bekannten Ortes mit. Es seien etwa 5000 Einwohner ohne Strom. Wegen des Hochwassers fällt am Montag in allen Schulen von Görlitz der Unterricht aus.

Den Angaben zufolge werden „Katastrophen-Touristen“ zunehmend ein Problem. Die Schaulustigen brächten nicht nur sich selbst in Gefahr, sondern behinderten auch die rund 1700 Helfer im Einsatz, kritisierte der Katastrophenschutzstab.
Nach heftigen Regenfällen war am Samstag eine Staumauer am Witka-See im polnischen Grenzgebiet gebrochen. Nicht nur die Neiße trat daraufhin über die Ufer, sondern auch andere Flüsse in Sachsen, Polen und Tschechien. Mindestens zehn Menschen starben bisher im dem Dreiländereck - vier in Tschechien, drei in Polen und drei in Sachsen.

Die Lage in den Hochwassergebieten entlang der sächsisch-polnischen Grenze ist nach wie vor angespannt. Der Pegel der Neiße sank zwar am Sonntag in Görlitz unter die Sieben-Meter-Marke, Entwarnung konnte aber noch nicht gegeben werden. Knapp 1500 Menschen mussten in der Region ihre Häuser verlassen und in Sicherheit gebracht werden. Allein in Görlitz waren rund 400 Menschen betroffen, sie wurden in Notunterkünften untergebracht. Brandenburg bereitete sich auf steigende Pegel an Neiße und Spree vor.

In Bad Muskau wurde der Hochwasserscheitel gegen Mitternacht erwartet. Der Katastrophenschutzstab des Landkreises Görlitz ging davon aus, dass der zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörende Fürst-Pückler-Park überschwemmt wird. Die Feuerwehr war dabei, das Schloss und den Marktplatz mit Sandsäcken zu sichern.

Tillich: Lage nicht vergleichbar mit Jahrhundertflut

Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) stellte den Betroffenen Hilfen des Freistaats und der Kommunen in Aussicht. Seiner Ansicht nach ist das Hochwasser in seinem Ausmaß nicht vergleichbar mit der Jahrhundertflut an der Elbe im Jahr 2002. Bei einem Besuch in Görlitz sprach er von einem „regional beschränkten Hochwasser mit schwerwiegenden Folgen“. Aus dem Jahrhunderthochwasser seien die richtigen Lehren gezogen worden.
Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU) bezeichnete die Hochwassersituation dennoch als sehr dramatisch. Auch Umweltminister Frank Kupfer (CDU) zeigte sich nach einem Besuch in der Sächsischen Schweiz geschockt, weil die Bilder denen aus dem August 2002 ähnelten.

Das Hochwasser, das den Freistaat am Wochenende überraschte, hinterließ schwere Schäden an Gebäuden, Straßen und Brücken. Zahlreiche Ortschaften wurden überschwemmt. Zwei unbewohnte Häuser stürzten ein. Fünf Menschen wurden in den Hochwassergebieten an der polnischen Grenze vor dem Ertrinken gerettet. So konnte ein älterer, völlig erschöpfter Mann gerettet werden, der sich an einem Brückengeländer in Ostritz im Kreis Görlitz festgehalten hatte und schließlich in das Wasser stürzte.

Im Stadtgebiet von Bad Schandau wurde am Sonntagabend der Katastrophenalarm aufgehoben. Zuvor wurde die Alarmstufe bereits in Neustadt und Sebnitz aufgehoben. Im Bereich des Kirnitzschtals blieb die Lage dagegen blieb der Katastrophenalarm bestehen. Massive Schäden meldete das Landratsamt Pirna für das Kirnitzschtal und die Innenstadt von Sebnitz, die noch immer unpassierbar war. In Königstein habe es einen Erdrutsch gegeben, infolge dessen 19 Menschen aus drei Häusern gerettet werden mussten, hieß es. Zudem warnte die Behörde vor örtlichen Hangrutschungen. Bei einigen Häusern seien die Fundamente unterspült worden.

In Sebnitz bleiben bis voraussichtlich Mittwoch alle Schulen geschlossen. In Görlitz sollten am Montag sämtliche Schulen und Kindertagesstätten geschlossen bleiben. Probleme gab es dort noch mit der Trinkwasserversorgung. Für 20 000 Menschen sollte eine Notversorgung sichergestellt werden, da ein Wasserwerk außer Betrieb genommen werden musste. Die Bevölkerung wurde gebeten, äußerst sparsam mit Trinkwasser umzugehen. Zudem waren rund 5000 Görlitzer ohne Strom. Die ersten Anwohner konnten aber nach Angaben des Katastrophenschutzstabes in Zittau und Görlitz in ihre Häuser zurückkehren.

In Bautzen habe die Spree, die zeitweise bis zu fünf Meter Wasser geführt hatte, eine „Spur der Verwüstung“ hinterlassen, teilte die Stadtverwaltung mit. Wegen eines Dammbruchs stand das Werksgelände von Bombardier unter Wasser, das Spreebad wurde beschädigt. Nach Einschätzung des Krisenstabs im Innenministerium wird es an der Neiße zu keiner zweiten Flutwelle kommen.

In Brandenburg warnte die Stadt Cottbus ihre Bürger vor möglichen Überschwemmungen in der Nacht zu Montag. Das Hochwasser-Meldezentrum Cottbus gab für die Lausitzer Neiße eine Hochwasser-Warnung heraus. Am frühen Montagmorgen werde in Klein Bademeusel im Spree-Neiße-Kreis voraussichtlich der Richtwert für die Alarmstufe 1 von 2,50 Metern erreicht. Dort könne der Pegel in der Nacht zum Dienstag auch den Richtwert für die Alarmstufe 3 von 4,00 Metern überschreiten.

Aus Brandenburger Sicht könnte auch die Lage an der Spree kritisch werden. Am Pegel Spremberg galt bereits am Sonntag Alarmstufe 1. Der Pegel war innerhalb eines Tages um 64 Zentimeter auf 2,84 Meter gestiegen. Nach Angaben des Hochwasser-Meldezentrums Cottbus könnte am Dienstag der Richtwert für die Alarmstufe 4 von 4,00 Metern überschritten werden.

De Maizière besucht Sachsen

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) will an diesem Montag die Hochwassergebiete in Sachsen besuchen und sich dort ein Bild von der Lage machen. Ausgangspunkt des Besuchs sei das Bombardier-Werk in Bautzen, teilte das Innenministerium am Sonntagabend mit. Im Norden der Stadt war am Sonntagmorgen eine von der Spree gespeiste Talsperre übergelaufen. Der Minister wollte sich am Montag eigentlich in Sachsen mit seinem polnischen Amtskollegen Jerzy Miller treffen, um unter anderem über die Entwicklung der Kriminalität nach dem Wegfall der Grenzkontrollen zu sprechen. Wegen des Hochwassers war das Treffen jedoch abgesagt worden.

Innenminister-Treffen abgesagt

Wegen der dramatischen Hochwasserlage an mehreren Nebenflüssen in der Sächsischen Schweiz haben die Veranstalter den für Sonntag geplanten Malerwegtag abgesagt. Das um 14.00 Uhr angesetzte Fußballpunktspiel Oberliga Süd 1. FC LOK Leipzig /FC Sachsen Leipzig wurde gestrichen.

Auch das für Montag in Görlitz und Zgorzelec geplante Treffen der Innenminister von Polen und Deutschland wurde abgesagt. Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU) und sein polnischer Amtskollege Jerzy Müller wollten Görlitz und die Nachbarstadt Zgorzelec auf polnischer Seite besuchen und unter anderem über die Zusammenarbeit nach dem Wegfall der Grenzkontrollen Ende 2007 sprechen. Geplant war auch ein Gang über die Brücke von Zgorzelec nach Görlitz.

Aufgrund des Hochwassers sind in Sachsen bereits am Samstagmorgen drei Menschen tödlich verunglückt. Die Feuerwehr entdeckte die Leichen beim Auspumpen eines Kellers in Neukirchen im Erzgebirge. Das Ehepaar und ein weiterer Mieter wurden dort offenbar vom Wasser überrascht und ertranken. Neben der Neiße traten auch andere Flüsse in Sachsen, Polen und Tschechien über die Ufer. In Tschechien kamen vier Menschen ums Leben, in Polen einer. (ddp/afp/dpa)

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