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Hochwasser am Rhein Man kennt’s ja

An mehreren Orten in Deutschland treten die Flüsse über die Ufer. Anwohner, die Erfahrung mit den Wassermassen haben, reagieren eher gelassen. Ein Besuch in Köln und Umgebung.

Hochwasser am Rhein in Köln
Land unter in Köln. Foto: Oliver Berg (dpa)

Ein Großteil der Touristen, die an diesem Wochenende in Köln unterwegs sind, hat nicht im Reisebüro gebucht. Wasser hat eine hohe Anziehungskraft, das ist bekannt. Doch im Moment sind Ziele gefragt, die an anderen Sonntagen keine Aussicht hätten. Der „Park&Ride“ Parkplatz an der Rodenkirchener Autobahnbrücke beispielsweise.

Anders als sonst, wenn die großen Objektive der Fotokameras auf die Kölner Kathedrale gerichtet werden, fokussiert sich alles auf den Strom, der von Stunde zu Stunde höher steigt. In der Altstadt kommt es zu Völkerwanderungen Richtung Rheinufer. An der Landungsbrücke   I sind Menschentrauben mit gezückten Handys zu beobachten. Auf der Hohenzollernbrücke geraten sogar die vielen Liebesschlösser zur Nebensache.

Mutter, Vater, Tante, Opa, Enkelchen und Hund – alle sind auf den Beinen. Dabei gibt es nicht viel mehr zu sehen als dicke Baumstämme, die wirken, als stünden sie bis zum Hals im Wasser. Oder Entenfamilien, die sich möglicherweise wundern, dass der Strom mit rund 15 Stundenkilometern praktisch doppelt so schnell vorwärts treibt wie sonst. Die Schifffahrt ist mittlerweile eingestellt, im Niehler Hafen stapeln sich Lastkähne, Kreuzfahrer und Ausflugsboote.

Noch drastischer sind die Bilder im Nobelvorort Rodenkirchen, der mit als erstes unter Wasser stand. Anwohner Thomas Müller will sein Boot trotzdem vorerst im Keller lassen. Da verlässt er sich ganz auf den guten Riecher seines Vaters, der immer im Voraus zu wissen scheint, wann es am Ufer wirklich brenzlig wird. Der 80-jährige Franzjosef Müller gilt gewissermaßen als der Seismograph im Viertel. „Seine Prognosen treffen immer zu.“ Sohn Thomas ist an der Rodenkirchener Uferstraße und somit mit dem Hochwasser aufgewachsen. „Für uns Kinder war das sehr lustig. Wir sind hier durch die Straßen gerudert und haben uns gegenseitig versenkt.“ Er erinnert sich an die Tage, an denen er mit Gummistiefeln in die Schule geschickt wurde und daran, wie der Irische Setter der Familie aufs Paddelboot verfrachtet wurde, um dem überfluteten Bereich zu entkommen.

Vor fünf Jahren ist der 51-Jährige mit seiner Frau Barbara in das ebenfalls an der Uferstraße gelegene Haus der Großeltern gezogen. Beide hatten bei Bau Ende der 1950er Jahre Weitsicht bewiesen und das Fundament deutlich höher ausgerichtet als dies bei den Nachbarn der Fall ist. Trotz der unmittelbaren Nähe zum Ufer ist man damit im Erdgeschoss auf der sicheren Seite. Für den Keller, in dem sich auch die Sauna befindet, sieht die Situation anders aus.

Dennoch wirken Müllers bewundernswert gelassen, was nicht nur daran liegt, dass man sich inzwischen gegen Hochwasserschäden versichern kann. Barbara Müller hat längst die App „Mein Pegel“ auf ihrem Smartphone installiert und für 8.55 Meter die nächste Alarmstufe festgelegt. „Jetzt sind wir bei 8.45 Metern“, sagt sie mit Blick auf ihr Handy, auf dem ebenfalls abzulesen ist, dass der Fluss am Sonntagmittag um zwei Zentimeter stündlich steigt. „Gestern waren es noch drei.“

Müllers sind überzeugt, dass es nicht ganz schlimm kommen wird, obwohl es bei ihrer Rechnung mindestens zwei Unbekannte gibt. Zum einen ist es das erste ernste Hochwasser seit Errichten der Hochwasserwand vor ihrer Haustür. Deshalb könne auch noch niemand mit Sicherheit sagen, ob diese im Ernstfall standhalten werde. Die andere Unbekannte ist das Grundwasser, das fast noch mehr gefürchtet wird als der Rhein.

Trotz der insgesamt zwölf großen Pumpstationen in Köln lasse sich das Grundwasser nicht ewig weghalten. „Irgendwann sucht sich das Wasser seinen Weg. Und der tiefste Punkt, wo es austrete, liege möglicherweise weiter weg vom Fluss. Nahezu jeder, der schon länger am Rodenkirchener Ufer lebt, kann Geschichten vom Hochwasser erzählen. Beispielsweise die vom Öltank, der durch die immense Wucht des Wassers durch die Kellerdecke ins Erdgeschoss katapultiert wurde.

Zu den glücklichsten Momenten gehört für Husch Josten der im Jahr 2002, als sie mit den Feuerwehrleuten draußen auf dem Steg Champagner getrunken habe, während in ihrem Keller die Pumpen auf Hochtouren liefen. Damals war das Wasser auf 9,69 Meter gestiegen und dann einen Zentimeter unterhalb des Scheitelpunktes stehengeblieben. Josten weiß aber auch, wie es aussieht, wenn braune Brühe durch die Kellerwände dringt. Dass die schlimmsten beiden Hochwasser, die sie erlebt hat, ausgerechnet in den Tagen waren, als sie mit einem gerade geborenen Kind aus dem Krankenhaus kam, macht die Erinnerung noch stabiler. „Aber man weiß, worauf man sich einlässt, wenn man hierher zieht.“

In Champagner-Laune befindet sich Bernhard Berger, der Besitzer des Rodenkirchener Campingplatzes, am Wochenende nicht wirklich, obwohl Sonntag sein Geburtstag ist. Das gesamte Terrain, auf dem sonst die Wohnmobile und Caravans stehen, ist komplett überflutet, und auch der Biergarten ist überschwemmt. Am Nachmittag ist es nur noch eine Frage von Minuten, bis das Wasser die Stufe zur Rezeption übersteigen wird. Er könne jetzt nichts mehr tun, sagt Berger, der tags zuvor „alles in Sicherheit gebracht“ hatte. Vor sieben Jahren sei es ja ähnlich gewesen, meint der Campingplatz-Betreiber, der ebenfalls hofft, dass unterhalb von neun Metern Schluss sein wird.

Ein paar Meter weiter Richtung Süden könnte man Unterwasser-Mini-Golf spielen, und die Felder liegen feucht, als würde dort Reis angebaut. Für den kleinen Maximilian auf seinem Rädchen müssen sich die Pfützen wie ein Ozean anfühlen. Der knapp Dreijährige hat gerade gute Chancen, ein Wort zu lernen, das man in Köln hoffentlich bald nicht mehr dauernd hören wird: Pegelstand.

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