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Hobbyautoren Die Selbstverleger

Auf die Gnade der Verleger sind Autoren heute nicht mehr angewiesen. Sie veröffentlichen und vermarkten sich selbst - online. Ein Streifzug durch die Welt der elektronischen Belletristik. Von Patrick Beuth

14.01.2010 11:01
Patrick Beuth
Schreiben ohne Verlag - online veröffentlichen und vermarkten die neuen Autoren sich selbst. Foto: FR/Galanty

Dee Dawning nennt sich der Autor von Romanen wie "Three Way" oder "Getting Naked at the Hilton". Es sind himmelschreiend trashige Pornogeschichten, vermischt mit Science Fiction, Neonazis und arabischen Terroristen. Sie kosten zwischen 99 Cent und vier Dollar. Es gibt sie nur in elektronischer Form.

Dawning heißt mit bürgerlichem Namen Duane Edward Daum, ist Mitte 50, lebt in dem 5000-Seelen-Ort Cave Creek ein paar Meilen nördlich von Phoenix, Arizona. Hauptberuflich baut er Häuser. Es sind schlechte Zeiten zum Häuserbauen in den USA, deshalb widmet sich Daum jetzt verstärkt seinem Hobby, dem Schreiben. "Zwölf Stunden täglich", sagt er. Als Dee Dawning, oder auch D.E. Dawning, hat er bereits zehn Bücher veröffentlicht. "Ich habe sogar noch ein weiteres Pseudonym, aber das verrate ich nicht." Manche seiner Bücher sind bei kleinen Erotik-Verlagen erschienen, die aus nicht viel mehr als einer unattraktiven Internetseite bestehen. Aber eigentlich braucht Daum auch keinen Verlag. Er ist ein Selbstverleger. Die freizügigsten seiner Werke veröffentlicht er im Alleingang, im Internet. Wie viele tausend andere Autoren auch.

Die Webseiten, die das möglich machen, heißen Smashwords, iUniverse, FastPencil, XinXii oder Scribd. Sie erlauben es, teils sogar kostenlos, eigene Dokumente hochzuladen und in bis zu zehn verschiedenen Dateiformaten zum Download bereitzustellen, damit sie auf E-Readern, Smartphones oder dem Computer zu Hause lesbar sind. Den Preis legen die Autoren selbst fest. Häufig verschenken sie ihre Bücher.

"Du solltest niemanden um Erlaubnis fragen müssen, wenn du ein Buch schreiben und veröffentlichen willst", heißt es bei FastPencil. Deshalb kann man auf der Seite auch gleich eine ISBN bestellen und das Buch bei Amazon und Barnes & Noble in den Katalog aufnehmen lassen. Die Werbung übernehmen die Autoren selbst: bei Twitter, Facebook, MySpace und Bloggern, die ihre Werke rezensieren wollen.

Neu ist dabei nicht, dass Menschen im Internet Kurzgeschichten, Reiseberichte, Gedichte und Romane veröffentlichen. Das tun sie schon, seit es das World Wide Web gibt.

Neu ist, mit welchen Ambitionen sie es tun, mit welchem Willen zur Selbstvermarktung, mit welchen Möglichkeiten, ihre Werke auf verschiedenen Kanälen und Geräten anzubieten.

Der absehbare Durchbruch elektronischer Lesegeräte, der sogenannten E-Reader, hilft ihnen dabei enorm. Amazon etwa trommelte im Weihnachtsgeschäft enorm für seinen "Kindle" und verkündete am 25.12., man habe an diesem Tag erstmals mehr E-Books als gedruckte Bücher verkauft. Laut Forrester Research dürften bis Ende 2010 immerhin zehn Millionen der Geräte allein in den USA verkauft werden. Je normaler der Anblick eines Lesegerätes wird, desto ernstzunehmender wird auch der Inhalt, das elektronische Buch.

Duane Daum hat bisher nur ein- bis zweitausend seiner E-Books verkauft. "Aber ich freue mich auf ein phänomenales Wachstum dieses Marktes und meinen Anteil daran", sagt er. Solange er seine Einkünfte nicht mit Verlagen und Agenten teilen muss, würden ihm zehntausend verkaufte Bücher im Jahr reichen, um davon leben zu können.

Nicht alle wollen so weit gehen. Aber sie wollen die neu gewonnene Freiheit nutzen und endlich eine Grenze überschreiten, die es so in anderen Kunstformen nie gab: Jede Garagenband konnte sich schon immer irgendwie ein paar Auftritte organisieren, jeder Maler seine Werke im öffentlichen Raum aufhängen oder an die Wand sprühen. Nun sind auch die Schreiber wirklich unabhängig in ihrem Anspruch auf Öffentlichkeit und nicht mehr auf die Gnade der Verlage und Lektoren angewiesen. Also schreiben sie die Bücher, die sie schreiben wollen: kurz oder ausufernd, geistreich oder flach, und häufig mit Figuren, die sie aus anderen Büchern oder Filmen klauen. Manche erfinden dabei sogar neue Wege, wie ein Roman entstehen und sich verbreiten kann.

Karen Liller etwa hat keine Sekunde darüber nachgedacht, ein Buch auf Papier zu schreiben. Die 29-jährige Frankfurterin ist die wohl bekannteste unbekannte Autorin Deutschlands. Sie veröffentlicht ihr Romandebüt in ihrem Blog auf sechziggrad.de, in mehreren Kapiteln und mit teils längeren Pausen dazwischen.

Am 1. Januar hat sie angefangen. Eigentlich wollte sie das Buch am 31. Dezember beenden. Doch weil sie hauptberuflich in einer PR-Agentur arbeitet und zwischenzeitlich geheiratet hat, hat sie die Deadline nicht einhalten können. Das ist aber auch so ziemlich das einzige, was sie mit einem klassischen Autor gemeinsam hat.

Liller schreibt "Chick Lit", einen Frauenroman mit deutlichen Anleihen bei Sex and the City. Ihr Stil passt zum Medium: die Sätze sind eher kurz und einfach, Jugendslang und Anglizismen allgegenwärtig. Am Ende jedes Kapitels soll ein "Teaser" neugierig auf die Fortsetzung machen. Das Blog enthält aber nicht nur die Kapitel, sondern dazwischen auch Einträge über den Schreibprozess. Alles ist kommentierbar, und wenn Leser über bestimmte Dinge stolpern, werden die Kapitel eben überarbeitet.

Zudem hat Lillers Protagonistin ein gewisses Eigenleben: Sie heißt Josephine, und sie hat eigene Profile bei Twitter und bei Facebook. Eine solche Vernetzung verselbständigt sich schnell - vor allem durch die neue Währung des Internets, die Empfehlung, und das ist durchaus beabsichtigt: "Ich hatte schon im ersten Monat 80 feste Leser, die auch regelmäßig kommentiert und mich kritisiert haben. Ich hab´ mir bei Twitter relativ schnell ein Netzwerk aufgebaut aus Hobbyautorinnen, aber auch Profi-Schriftstellern. Und ich habe eine Facebook-Gruppe gegründet, wo ich mein Buch vorgestellt habe. Irgendwann war ich beim Social Web Breakfast in Frankfurt, bekam eine Einladung zur Cebit in Hannover, wo ich das Buch vorgestellt habe, und dann kamen die ersten Medienanfragen." Danach hatte sie bis zu 800 Leser am Tag.

Nicht alle sind begeistert. "Was ich schreibe, finden auch viele scheiße", lacht sie. Aber je mehr von ihnen sich einmischen, desto mehr wird aus dem Buch ein Projekt: "Man öffnet den eigentlich geschlossenen Vorgang des Romanschreibens ein bisschen. Der Social Web Roman passt sehr gut in die Zeit", glaubt Liller. Wenn er fertig ist, will sie ihn auch als E-Book anbieten, für 2,49 Euro vielleicht. "Das wäre die logische Weiterführung meines Projektes. Diesen Sharing-Gedanken finde ich ganz wichtig. Es ist doch eigentlich nur logisch, dass man sagen kann, wenn ich was geschrieben habe, dann möchte ich auch bestimmen, dass es veröffentlicht wird."

Auf einen Verlag ist sie mit ihrer Idee noch nicht zugegangen. "Ich weiß aber auch nicht, wie Verlage auf ein Buch reagieren, das schon komplett online erschienen ist." Andere haben ihr jedenfalls davon abgeraten: "Ich bin mal bei MeinVZ in eine Gruppe von Hobbyautoren eingetreten und habe versucht, mit denen zu diskutieren. Die nannten meinen Plan die bescheuertste Idee, die man haben kann, denn danach hätte ich überhaupt keine Chance mehr bei Verlagen. Mein Buch wäre ein verbranntes Dokument."

Das allerdings ist Unsinn. "Natürlich würde ich ein solches Buch noch verlegen, wenn es gut ist", sagt Michael Krüger, seit 15 Jahren Chef des Hanser Verlags. "Das liest doch niemand online. Keine Sau durchstöbert all das, was es im Netz gibt."

Allerdings glaubt Krüger nicht, dass im Netz viele Talente zu finden gibt. Das sei wie in anderen Kunstformen auch: "Jeder kann auf der Straße singen oder Geige spielen, aber ob das der Musik etwas hinzufügt und die Menschheit weiterbringt, ist fraglich. Verlage sind eben eine Qualitätskontrolle."

In Japan ist man schon einen Schritt weiter

Ob das Geschäftsmodell irgendwann trotzdem zur Bedrohung für seinen Verlag werden kann, mag Krüger aber nicht abschließend beantworten. Was, wenn nicht nur die neuen, sondern auch die etablierten Autoren den Verkauf lieber selbst in die Hand nehmen und dabei auf elektronische Buchformen setzen? "Ich bin kein Prophet. Da findet eine Revolution statt. Und man weiß erst nach der Revolution, ob der König gehängt wurde."

Im Kaiserreich Japan ist man mit der Revolution schon einen Schritt weiter. Schon vor zwei Jahren gehörten dort vier der fünf meistverkauften Bücher einer neuen Stilform an: dem Handyroman, auf Japanisch "keitai shosetsu". Hunderttausende Geschichten, die auf dem Handy gelesen und manchmal auch geschrieben werden, in kurzen Kapiteln, in einem verknappten und dialoglastigen Stil. Auf speziellen Internetseiten wie "Magic I-sland" stehen sie zum Download bereit. Manche sind kostenlos, andere werden von Verlagen verkauft. Und weil das mobile Internet in Japan sehr viel stärker verbreitet ist als hierzulande, gehört das Buch auf dem Display längst zum Alltag.

Der erste Star dieser Szene kam aus Tokio, nannte sich Yoshi und schrieb, wie die meisten, über das (Liebes-)Leben japanischer Mädchen und junger Frauen. Mit "Deep Love", zunächst über die eigene Homepage verbreitet, gelang ihm der Durchbruch. Vor allem bei jungen Frauen kam sein Fortsetzungsroman so gut an, dass er auch als gedrucktes Buch noch 2,7 Millionen Mal verkauft wurde. Ein passender Film, eine TV-Fernsehserie und ein Manga folgten.

Es dürfte noch zwei oder drei Jahre dauern, bis solche Erfolgsgeschichten auch in anderen Ländern normal werden. Erst muss das E-Book eine selbstverständliche Alternative zum gedruckten Buch werden, und dann muss jemand die Perlen im Schweinestall finden. Etwas, das den heutigen Maßstäben von Literatur entspricht, ist selten auszumachen in der Masse an Teenager-Lyrik, Sexgeschichten und fantasieloser Fantasy. Was noch fehlt, sind einige meinungsführende Blogger oder andere Multiplikatoren, die echte Talente aufspüren. Netzwerke wie Twitter und Facebook könnten diese Filterfunktion künftig noch stärker übernehmen, als das bei Autoren wie Karen Liller der Fall ist: Wer online von den richtigen Nutzern weiterempfohlen wird, bekommt Rezensionen und Werbung umsonst.

Wo das nicht reicht, hilft ein Autor wie Duane Daum etwas nach: Weil niemand seine Bücher bei Amazon rezensieren wollte, hat er es einfach selbst gemacht. Dabei spart er nicht mit Superlativen und Reizwörtern "Dee Dawning ist sensationell heiß", schreibt er. Er muss schließlich noch ein paar Tausend Bücher verkaufen.

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