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HIV-Patienten HIV-Schattenexistenzen in Russland

Eine HIV-Infektion gilt in Russland noch immer als etwas Unanständiges, Fremdartiges. Trotz haarsträubend hoher Ansteckungsraten fehlt das Bewusstsein, dass das Virus inzwischen alle bedroht. FR-Korrespondent Stefan Scholl hat drei Menschen getroffen, die HIV-positiv sind.

Russland
Ein schmaler Schatten auf dem Eis der Wolga: Surija, 36, ist vor zehn Jahren von einem Mann infiziert worden. Sie erzählt freimütig von ihrem Schicksal – zeigen will sie sich nicht. Foto: Scholl

Jana schlendert heran. Sie trägt sportliche Schnürstiefel und die Ohrenklappen ihrer Fellmütze leuchten in einem fröhlichen Rot. Ihre Kinder hat sie kurz zuvor im Kindergarten abgeliefert, und wir setzen uns in eine der einfachen Bäckereien im Zentrum der Wolgastadt Tscheboksary, in denen ein Plastikbecher Tee keine zwei Cent kostet. Jana schaut sich nach den anderen Gästen um, dann bittet sie leise darum, im Gespräch die Worte HIV oder Aids nicht zu benutzen. „Wenn du hier HIV hast, bist du für die Leute entweder eine Hure oder drogensüchtig.“

Jana, damals Wirtschaftsstudentin, infizierte sich 2011, beim Sex mit ihrem Freund. „Er war Trinker, ich war co-abhängig“, sagt sie. Vier Jahre kümmerte sie sich um ihn, sorgte sich um seine Gesundheit – am Ende prügelte er sie aus der Wohnung.

Von ihrer Infektion hatte Jana bereits erfahren, als sie von ihm schwanger wurde. Sie litt, hatte Todesangst, ließ das ebenfalls infizierte Kind abtreiben. In der Klinik herrschte eine Ärztin sie an, warum sie verschwiegen habe, dass sie aidskrank sei. „Sie haben doch meine Analysen“, wehrte sich Jana. „Und das ist kein Aids, sondern HIV.“ – „Aids oder HIV“, kam als Antwort, „am Ende verreckst du so oder so!“

Russland feiert „bahnbrechende Erfolge“ im Kampf gegen Aids, wie Vizepremier Olga Golodez jüngst im Verlauf einer internationalen HIV-Konferenz in Moskau erklärte. Und Anna Popowa, die Chefin der Aufsichtsbehörde Rospotrebnadsor, verkündete dort, Forscher ihres Amtes hätten ein völlig neuartiges gentherapeutisches HIV-Medikament entwickelt, das man schon bald klinisch testen könne. Auch der Duma-Abgeordnete Gennadi Onischtschenko lobte die staatliche Anti-HIV-Strategie: Jährlich würden 23 Prozent der Bevölkerung auf Aids getestet, 320.000 HIV-Positive therapeutisch behandelt. Allerdings gestand Onischtschenko auch ein, dass in Russland mittlerweile 990.000 gemeldete HIV-Infizierte leben. Unabhängige Experten reden schon von 1,5 Millionen Infizierten. Entspräche das tatsächlich der Wirklichkeit, dann wäre mehr als ein Prozent der Russen HIV-positiv.

„Niemand weiß genau, wie groß die Zahl wirklich ist“, sagt Ilnur Muchametchanow, Mitbegründer der Kasaner HIV-Stiftung „Swetlana Isambajewa“ und selbst infiziert. Aber immer mehr Russen im Alter zwischen 30 und 50 trügen das Virus in sich, viele, ohne es zu ahnen. Im vergangenen Jahr starben 24.000 gemeldete HIV-Patienten.

Auf der Moskauer Konferenz klagte der Epidemiologe Wadim Pokrowski, man müsse die Therapie-Finanzierung mindestens verdreifachen. Und im Saal protestierten infizierte Aktivisten gegen sich häufende Defizite effektiver Arzneien in den regionalen Aidszentren.

Jana sagt, die nötigen Medikamente zur Immun-Stabilisierung kosteten zwischen umgerechnet 130 und 400 Euro im Monat, an der Wolga für viele ein Monatsgehalt. Aber sie bekommt die vier Tabletten, die sie täglich zweimal schluckt, kostenlos im staatlichen Aidszentrum. Sie habe sich längst an das Ritual der Therapie gewöhnt, „ich muss ja lange leben, schon wegen der Kinder“. Sie brachte auch ihren auf 40 Kilo abgemagerten Exfreund ins Aidszentrum, er begann eine Therapie, aber dann fing er wieder an zu trinken. Er sei elendig gestorben, sagt sie.

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