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Hilal Sezgins Buch Menschen sind wie Pilze

Durch unzählige Wurzeln miteinander verwoben, sind Menschen doch nie ganz allein. Deswegen gilt bei Missständen: „Nichtstun ist keine Lösung“. Mit ihrem neuen Buch setzt Hilal Sezgin ein Zeichen für Gemeinschaft und Engagement. Ein Auszug.

19.07.2017 16:19
Die Körper der Pilze sind unterirdisch miteinander verbunden. Der Philosoph Thomas Hobbes zieht Parallelen zum Menschen. Foto: wavipicture

Oft wird öffentliche Kritik in Form eines Vorwurfs geäußert; allerdings hat der Vorwurf inzwischen einen sehr schlechten Leumund. Meist steht derjenige, der den Vorwurf ausspricht, wie ein übler Zeitgenosse da, ganz gleich, was er dem anderen zur Last legt und wie fragwürdig dessen Handlung vielleicht war.

An mediale Diskussionen um rassistische oder sexistische Vorfälle zum Beispiel schließt sich oft ein regelrechtes Pingpong an, wobei die kritisierende Seite wiederum für ihre Kritik kritisiert wird; darüber lässt sich sehr lange streiten, ohne dass das zunächst angesprochene Problem diskutiert oder gar gelöst wird.

Auch im Privaten ist der Ruf des Vorwurfs inzwischen auf den einer Ohrfeige oder von K.-o.-Tropfen gesunken, als ob es sich also um eine Art Körperverletzung oder jedenfalls Grobheit handele. Ich finde das höchst unglücklich. Natürlich kommt es auf den Tonfall an; Generalisierungen, die entweder ein „Immer“ suggerieren („Nie rufst du an!“) oder sich auf die ganze Person beziehen („Du Egoist“), sind natürlich sowohl im privaten Miteinander als auch im öffentlichen Diskurs zu vermeiden.

An einem höflichen, respektvollen und nicht unnötig überzogenen Vorwurf jedoch ist nichts Schlimmes. Reife Menschen können mit Vorwürfen umgehen und wissen, dass sie nicht das Ende der Welt bedeuten.

„Wir hatten das und das ausgemacht, du hast dich nicht daran gehalten, ich bin sauer.“ Punkt. Oder: „Von einem anständigen Menschen erwarte ich, dass er dieses oder jenes nicht tut; du hast es getan; jetzt erklär dich mal.“

Das heißt nicht, dass der oder die andere rundherum und gänzlich unanständig ist. Es heißt nur, an ein Bild vom „anständigen Menschen“ zu erinnern, das uns gemeinsam ist.

Es bedeutet, dass hier eine Erwartung nicht erfüllt wurde, die im ethischen Kontext nun mal die Form gemeinsamer Normen und Verhaltensweisen annimmt. Es kann allerdings auch sein, dass der andere gute Gründe hatte, hier vom üblichen Kurs abzuweichen; jetzt erhält er oder sie Gelegenheit, sich zu erklären. Über solche Dinge zu reden ist das, was wir als soziale und vernunftbegabte Menschen nun einmal tun. Voneinander nichts zu erwarten, das hingegen wäre etwas Schreckliches.

Was ist gut, was verwerflich? 

Wir brauchen das Reden über das ethisch Gute schon allein, um herauszufinden, was eigentlich gut ist und wie wir uns überhaupt verhalten sollten. Diese Welt ist unglaublich verwirrend, und mit der Globalisierung und der Zunahme unserer Handlungsoptionen ist das Manövrieren in ihr nicht gerade einfacher geworden.

An der hiesigen Uni gibt es einen Kurs für Flüchtlingshelfer: Wie man Mülltrennung nahebringt. Ist das Bevormundung, schlicht lächerlich oder Integration? (Dieses Beispiel ist nicht erfunden!) Ein Nachbar ist wieder im Krankenhaus; sollen wir auf einen Besuch vorbeigehen – oder lieber nicht, weil ihm seine chronische Krankheit peinlich ist?

Ich würde gerne eine Putzhilfe einstellen; ist es Ausbeutung, wenn ich andere Frauen bei mir putzen lasse, oder ist es im Gegenteil Unterstützung, solange ich sie gut bezahle?

Fürs ethische Alltagshandeln finden wir keine Bedienungsanleitung im Handschuhfach, das ist learning by doing. Aber eben über weite Strecken: gemeinsam. In vielen Punkten wird es Dissens geben, und je nachdem, worum – oder: um wie viel – es geht, wird das gelegentlich auch bitter. Doch dass es oft bitter wird, und dass wir hier empfindlich getroffen werden können, bedeutet auch etwas Positives: Moral ist wichtig! Für uns, unser Selbstbild, unser Zusammenleben.

Sich nicht mehr an moralische Diskussionen oder Handlungen heranzuwagen aus Angst, dass wir Erwartungen nicht genügen oder es nicht perfekt hinkriegen oder es sogar wieder und wieder gar nicht hinkriegen, geht von einem statischen Modell des Menschen aus und übersieht, dass wir uns entwickeln und lernen. Und Fehler machen. Es dann einfach wieder zu versuchen, gehört nun einmal zum menschlichen Leben.

Ebenfalls zum Leben gehört die Moral selbst, das Nachdenken über das ungerechte oder eben gute Behandeln von anderen. Leider hat auch die Philosophie die Angst vor der Moral unnötig ins Kraut schießen lassen, unter anderem mit einer geradezu obsessiven Beschäftigung mit der Frage nach der „Letztbegründung“.

Sie trägt die Skepsis gegenüber dem Guten bereits in sich und fragt: Warum sollen wir (überhaupt) moralisch sein? Ausgangspunkt dabei ist implizit das Bild eines Menschen, der völlig autark und von Mit-Gefühlen jeder Art unbeleckt vor sich hin werkelt und davon überzeugt werden soll, das Wohl und Wehe anderer neuerdings doch mitzubedenken.

Zwar gibt es Soziopathen (im klinischen Sinne, nicht als Schimpfwort), denen der Sinn für den anderen gänzlich abgeht. Aber die allermeisten Menschen wissen, was Ethik, Güte und Fürsorge sind – schon allein, weil keiner von uns auf der Welt wäre, wenn wir sie nicht jahrelang erfahren hätten. Jede*r von uns wurde in seinen ersten Tagen, Wochen, Monaten und Jahren genährt, gewärmt, bekleidet, gesäubert und hoffentlich auch geliebt. Auch als Erwachsene bleiben wir in vielfacher Hinsicht angewiesen auf andere. Autarkie und Beziehungslosigkeit sind kein zentrales Charakteristikum der Conditio humana, sondern Zugewandtheit, Fürsorge und Verbundenheit lassen uns zu denen werden und die sein, die wir sind.

Der vereinzelte, vermeintlich unabhängige Mensch ist eigentlich der prototypische Akteur der kapitalistischen Marktwirtschaft; um Verträge abzuschließen, kann er mit anderen in Beziehung treten oder halt nicht. Zu diesem Menschenbild fand eine der prominentesten Vertreterinnen der feministischen Ethik, Seyla Benhabib, in der frühneuzeitlichen Philosophie ein aufschlussreiches Bild. Thomas Hobbes, der einflussreiche Naturrechtler des 17. Jahrhunderts, verglich unsere menschliche Existenz hypothetisch mit dem Wachsen von Pilzen.

Hobbes betrachtete den Naturzustand der Menschen bekanntermaßen als vor-gesellschaftlich und schlug vor: „Betrachten wir die Menschen (…), als ob sie eben jetzt aus der Erde gesprießt und gleich Pilzen plötzlich ohne irgendeine Beziehung zueinander gereift wären.“ Benhabib schrieb, genau das sei der Fehler der Mainstream-Philosophie: Sie betrachte Menschen als aus dem Boden schießende Pilze und nicht als abhängige, Fürsorge erfahrende Wesen.

Ich bin inhaltlich ganz einer Meinung mit Benhabib; aber das Frappierende ist, dass wir inzwischen sehr viel mehr über Pilze wissen als Hobbes und auch als die Philosophin beim Verfassen ihres berühmten feministischen Aufsatzes im Jahr 1986. Denn tatsächlich schießen die meisten uns bekannten Pilze nicht unabhängig voneinander aus dem Boden, sondern sind durch ein unterirdisches Geflecht von Fäden (das Myzel) verbunden. Darum entstehen bisweilen die sogenannten Hexenringe, weil das Geflecht in der Mitte bereits abgestorben ist oder ihm die Nährstoffe ausgegangen sind.

Von außen sieht man also nicht, dass die einzelnen Fruchtkörper der Pilze unterirdisch verbunden sind, dabei gibt es Pilzorganismen, die viele Kilometer lang und breit sind. Der größte Pilz der Welt, ein Hallimasch im US-Bundesstaat Oregon, erstreckt sich über 880 Hektar und soll ungefähr 2400 Jahre alt sein. Was ist nun tatsächlich „der Pilz“ – nur der für uns sichtbare oberirdische Körper oder auch das, was ihn unterirdisch zusammenhält und woraus er hervorgeht?

Und was, wenn wir die Pilzmetapher ernst nehmen und sagen, dass Menschen doch ein wenig wie Pilze sind? Allerdings nicht so wie von Hobbes, sondern wie von Benhabib geschildert: verbunden, abhängig, ermöglicht, getragen. Und was ist dann „der Mensch“: nur das, was wir landläufig als „Ich“ empfinden – voneinander abgetrennte Einheiten –, oder auch die Verflechtungen, unsere gemeinsamen Wurzeln? Nicht nur als Kinder oder Säuglinge sind wir auf andere angewiesen; auch als Erwachsene bleiben wir verletzliche, bedürftige, auch liebesbedürftige, auf Anerkennung und Unterstützung angewiesene Wesen. Uns ist nicht egal, was andere von uns denken. Wir wollen, dass uns andere schätzen. Wir wollen von Menschen umgeben sein, die auch wir schätzen und lieben können. Wir Menschen sind viel weniger getrennte und vereinzelte Wesen – als soziale, miteinander verbundene. Noch einmal: Wie ließ sich dies jemals vergessen?

Schließlich ist keine einzige unserer Handlungen eine wirklich solitäre Handlung; durch Wissen und Gegenstände ist unser Handeln ständig mit dem Handeln anderer verwoben. Ein Großteil unseres Lebens gründet auf Vertrauen in andere und Kooperation mit ihnen. Wenn ich ein Buch lese, vertraue ich auf die Wahrhaftigkeit der Autorin und „höre“ ihr zu; wenn ich backe, nehme ich Zutaten entgegen, die andere angebaut haben, und rolle den Teig aus, wie ich es zigfach bei meiner Großmutter gesehen habe. Wenn ich Auto fahre, steige ich zunächst in ein Gefährt, das andere angefertigt haben, folge Regeln, die wieder andere aufgestellt haben, und wechsele in halb bewussten Feinabstimmungen mit Unbekannten die Spur, um andere auf die Fahrbahn zu lassen, und andere tun dasselbe für mich.

Nahezu alles, was wir über diese Welt wissen, haben wir von anderen gelernt, und alles, was wir tun, ist ein Sich-Einfädeln in eine Welt, die gemeinsam strukturiert und mit Sinn erfüllt wird. Wir werden zu denen, die wir sind, überhaupt nur dank dessen, was wir mit anderen erleben und dank der Narrative, die wir mit ihnen teilen; ihre Bewertungen, Anregungen, Erwartungen, Träume und Geschichten formen uns.

Sogar vielgescholtene Onlinedienste wie Facebook oder WhatsApp sind der allgegenwärtige Beweis dafür, dass wir selbst in einer postindustriellen Gesellschaft, die uns viel Individualisierung ermöglicht, aber auch abverlangt, nicht aufhören, Herdentiere zu sein. Der Beruf, die Neigungen, die Migration verschlagen uns an entfernte Orte; aber dank Smartphone verbleiben wir immer im Kreis unserer Lieben. Unsere Umgebung, unsere Sicht auf die Welt, unser Handeln und unsere Stimmungen sind beeinflusst von dem, was andere tun, denken und was sich in deren Leben ereignet. Wie kann man denn da behaupten, dass wir voneinander getrennte Leben führen?

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