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Heimische Tiere Drei Schritte in den Urwald

Outdoortouren, Naturworkshops und Fledermaus-Nachtspaziergänge boomen. Unsere Autorin hat sich einer solchen Reise angeschlossen: Eine herbstliche Suche nach wilden Tieren im Osten Deutschlands.

Hirsch
König der Wälder? Falsch, ganz falsch! Der Rothirsch liebt weite Steppenlandschaften, gerne mit Wasser fürs erfrischende Bad zwischendurch. Foto: Nicole Schmidt

Seit einer Stunde stapfen wir still durch die Dünenwelt am Darß. Dort, wo einmal Ostseestrand war, ist in den letzten Jahrhunderten ohne Menschenhand neues Land entstanden. Ein schmaler sandiger Weg und Holzstege führen durch. Ringsherum wogendes Schilf, meterhohe Gräser, tiefblaue Teiche, moorige Senken, gesäumt von Dornenhecken und Erlenwäldchen, offene, leicht gewellte Flächen, die an eine Steppenlandschaft erinnern. Plötzlich in der Ferne: ein tiefes Brummen. Alle horchen. Nur irgendeine Maschine, deren Dröhnen der Wind herüber getragen hat. Aber dann. Ein durchdringendes Gebrüll, von irgendwoher aus dem Gesträuch, krachende Geräusche, gefolgt von einem Grollen, lang anhaltend, Gänsehaut erzeugend. Als wäre es nicht von dieser Welt. Hermann Thierer strahlt.

Einen kapitalen Rothirsch in freier Wildbahn röhren hören. Das ist des Schwaben Traum, deshalb ist er hier. Rehe und Wildschweine sieht der Freizeit-Jäger zur Genüge, wenn er im Morgengrauen auf den Hochsitz steigt. Doch noch nie sah er den edlen Hirsch.

Der Hesse Christoph Ruppel angelt lieber, spaziert kilometerweit durch die Rhöner Wälder und würde gerne einmal einen Wolf erspähen. Und Ingrid Thams aus Flensburg, fitte Rentnerin, weit gereist, Vegetarierin, will sich überraschen lassen. So wie alle in der Gruppe. Sie wollen diesmal nicht bis Australien oder Costa Rica fliegen, um ursprüngliche Natur und wilde Tiere zu erleben, sondern in heimischen Gefilden auf die Pirsch gehen. Damit liegen sie voll im Trend.

Outdoortouren, Naturworkshops, und Fledermaus-Nachtspaziergänge boomen. Auch kleine Reiseveranstalter reagieren auf solche Sehnsucht und bieten Wanderreisen in Deutschlands wilde Ecken an. Mit einem davon, der Landpartie, sind wir eine Woche im Osten unterwegs, 
Bevor wir jedoch im Nationalpark an Mecklenburg-Vorpommerns Küste Hirsche hören, erfolgt die erste Annäherung an die Wildnis im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin in Brandenburg.

Eine Vorbildlandschaft für nachhaltige Entwicklung von Mensch und Natur mit mindestens fünf Prozent besonders geschützter Kernzone, so steht es in den Statuten. Sie beginnt nur 65 Kilometer hinter Berlin und war mal Jagdgebiet von Kurfürsten, Nazi-Reichsjägerminister Hermann Göring und DDR-Polit-Prominenz wie Walter Ulbricht und Erich Honecker, deren Einladung zu Treibjagden russische Kollegen mit Freude folgten. „Ein Zaun wurde drum gezogen, das Wild angefüttert – und Abschuss. Das ist zum Glück vorbei“, sagt unser Begleiter Kai Haman, angehender Förster und leidenschaftlicher Naturhornbläser. Heute würden Reh und Wildschwein nur nach strengen Regeln gejagt. Dank der dünnen Besiedlung und der riesigen zusammenhängenden Waldflächen ginge es ihnen nirgendwo im Land so gut wie in der Schorfheide. 

Deshalb wird es ein wunderbar einsamer Spaziergang, auf dem uns gewaltige Eichen, Buchen, Robinien, himmelsstürmende Kiefern, knorrige Baumruinen und kleine Seen begegnen. Aber nur ein Tier: ein Karnickel, das aufgeschreckt durchs Unterholz huscht. Einen Luchs, einen durchziehenden Elch, einen Wolf? Ja, den Wolf hat er schon gesichtet, sagt Haman gelassen, in der Ferne während seiner langen Streifzüge. Und, hatte er Angst? „Iwo. Ich bin einfach stehengeblieben. Mein Hund allerdings hat den Schwanz so weit eingezogen wie noch nie.“ 

Wölfe sehen auch wir. Auch wenn es nur im Wildpark Schorfheide ist, in einem weitflächigen Gehege, das seinesgleichen sucht. Leiterin Imke Heyter hat ein Herz für Wölfe. „Sie gehören hierher nach Deutschland. Sie waren schon immer da und wurden nicht wieder angesiedelt. Sie sind nur in den letzten Jahren über Polen heimgekehrt.“ Schätzungen gehen von 400 Tieren aus, die meisten davon in Brandenburg und Sachsen. „Ich kann Ihnen aber nur eines von unseren zwei Rudeln zeigen, weil ich einige von Hand aufzog und sie deshalb ihre große Scheu verloren haben“, sagt Heyter, die in 20 Jahren eine Wolfsflüsterin geworden ist. „Kommt Wölfchen“, ruft sie, klopft auf einen Plastikeimer mit Knochen und Fleisch. Und wirklich: Nach und nach springt ein halbes Dutzend aus dem kleinen Wäldchen und schnappt zu. Immer wieder ärgert ein Jungwolf einen Alten, aber der bleibt erstaunlich geduldig. „Was wird dem Tier nicht alles Böse angedichtet. Doch das ist er nicht. Er ist sehr familiär. Und er frisst keine Menschen“, sagt die Wolfsexpertin. Aber Schafe, wirft eine aus der Gruppe ein. Dafür müsse man eben Hunde trainieren und entsprechende Zäune bauen. Und wenn wirklich mal ein Wolf vor einem auftaucht? „Die Arme hochstrecken und ein wenig Radau machen. Ich persönlich würde das Naturerlebnis genießen.“ Aber es sei äußerst unwahrscheinlich, Wölfe in freier Wildbahn zu Gesicht zu bekommen. 

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