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Heilkunst Doktor sucht nach verlorener Zeit

Der französische Arzt und Abenteurer Bernard Fontanille hat Geheimnisse der Heilkunst aufgespürt und entdeckt, woran es hierzulande fehlt.

Medizin in fernen Ländern - Bolivien: Die Kallawayas - Ärzte der Inkas
Fontanilles Abenteuer hat der TV-Sender arte zu der Serie „Medizin in fernen Ländern“ zusammengestellt. Foto: © Bonne Pioche

Wenn jemand Wunderheilern, Medizinmännern und Kräuterhexen ihre Geheimnisse entlocken kann, dann ja wohl er: Bernard Fontanille. Der offene Blick, das verständnisvolle Lächeln, der feste Händedruck, die ganze Erscheinung signalisiert: Diesem Mann ist nichts Menschliches fremd. Einfühlsam und verlässlich ist er obendrein. „Ja ich weiß, ich erwecke Vertrauen“, sagt Fontanille.

Der aus Grenoble stammende Arzt erweckt es nicht nur, er hat mit dem in Heilberufen so wichtigen Kapital auch gewuchert. Begleitet von einem Dokumentarfilmer hat der Franzose die entlegensten Winkel der Erde aufgesucht, um Geheimnissen der Heilkunst auf die Spur zu kommen. Er ist mit Schamanen durch den brasilianischen Regenwald gezogen, hat in Uganda eine fernab der Zivilisation praktizierende Hebamme begleitet oder auch in der mongolischen Steppe die Meister traditioneller Massage aufgesucht.

Ein Jahr lang unterwegs

Ein Jahr lang war der Mediziner unterwegs, 20 Mal hat er Station gemacht. Und nun sitzt er in einem Pariser Café am Boulevard Haussmann, den Blick aus wasserblauen Augen in eine imaginäre Ferne gerichtet – und leistet den Offenbarungseid: „Ich habe nichts mitgebracht, der Sack ist leer.“

Das stimmt insofern, als da keine Heilpflanzen und keine Heilverfahren im Gepäck sind, die Wissenschaftler aufhorchen ließen. Eine Anleitung für Wunder bewirkende Akupunktur, Tote zum Leben erweckende Riten – Fehlanzeige. „Die Pharmaforscher haben längst alles durchforstet, alles getestet. Als praktizierender Arzt kannst du da nicht mithalten“, beklagt Fontanille. „Auch hätte ich gar nicht die Mittel, um die Wirksamkeit einer Substanz wissenschaftlich nachzuweisen.“

Mit leeren Händen zurückgekehrt ist der 44-jährige Vater zweier Kinder aber trotzdem nicht – und dies nicht nur, weil die mit der Kamera dokumentierte Expedition die 20-teilige arte-Filmreihe „Medizin in fernen Ländern“ („Médecines d’ailleurs“) und ein gleichnamiges Buch hervorgebracht hat. Allerdings ist das, was Fontanille sich in der fernen Fremde angeeignet hat, Daheimgebliebenen nicht immer leicht zu vermitteln. „Wenn man die falschen Worte wählt, klingt es schnell banal“, sagt er. Dabei ist der Fund selbst, davon ist der Heimkehrer fest überzeugt, alles andere als banal.

Fontanille hat die Zeit als therapeutischen Faktor entdeckt. Die Zeit, die es braucht, um eine Vertrauensbeziehung zum Patienten aufzubauen. Die Zeit, die es braucht, bis der Instinkt sich meldet, bis die ärztliche Intuition sich entfalten kann – der im schulmedizinischen Alltag allzu oft nur geringe Bedeutung beigemessen wird.

Am Krankenhaus von Chamonix, wo der Franzose vor seiner Erkundungsreise als Notarzt gearbeitet hat, hat er eine „effiziente, rationale Medizin“ auf zwischenmenschlicher Ebene „oft als ziemlich armselig“ erlebt. Obwohl alles vorhanden sei, was der medizinische Fortschritt an potenziell Heilsamem hervorgebracht habe, herrsche in französischen Klinken ein Klima latenter Unzufriedenheit und steter Anspannung, sagt Fontanille.

Wie anders war es da in Brasilien bei den Waura-Indios zugegangen. Zeit hatte es im Überfluss gegeben. Zeit, um Rauch aufsteigen zu lassen, Gesänge anzustimmen, Tierlaute nachzuahmen oder Beschwörungsformeln zu murmeln. Heilriten dieser Art ermöglichten es, sich mit dem Patienten in eine gemeinsame Vorstellungswelt zu begeben, hatte der Schamane zu Fontanille gesagt. Therapie sei eine mit dem Kranken zu unternehmende Reise. Wenn man einen anderen Menschen heile, dann heile man auch sich selbst.

Nicht nur in Brasilien war Fontanille zu dem Schluss gelangt, dass der Einsatz ärztlicher Instrumente und dem Kranken verabreichte Substanzen nicht allein über Genesung entscheiden. Im verarmten Osten Ugandas sei ihm das auf ganz andere Art, aber nicht minder deutlich vor Augen geführt worden, erzählt er. Fasziniert habe er dabei zugesehen, wie dort eine Hebamme mit Fingerspitzengefühl und Gelassenheit wettgemacht habe, was ihr an medizinischen Hilfsmitteln gefehlt habe.

Fontanille hat beschlossen, am Krankenhaus von Chamonix weiterzuarbeiten, das Tempo aber zu drosseln. „Ich habe eine 60-Prozent-Stelle angenommen“, erzählt er. Weniger Gehalt bedeutet das, aber mehr Zeit. „Zeit, um Fragen ins Bewusstsein aufsteigen zu lassen, die sich nicht selten als wichtig erweisen für Diagnose und Therapie“, wie der Arzt festgestellt hat.

Seine Ansichten bestätigt sieht er auch durch die Weltgesundheitsorganisation WHO. Denn diese definiert Gesundheit nicht als schlichte Abwesenheit von Krankheit. Sondern als „Zustand vollständigen Wohlbefindens – körperlich, geistig und gesellschaftlich“.

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