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Heilbronn Polizistinnenmord - Spur führt in die Neonazi-Szene

Ermittler entdecken Zusammenhang zwischen Polizistenmord in Heilbronn, Banküberfällen und Hausexplosion. Die Recherchen führen zur rechtsextremen und einst rechtsterroristische Szene Thüringens.

09.11.2011 18:14
Andreas Förster und Nancy Krahlisch
In diesem ausgebrannten Wohnwagen in Eisenach starben die Bankräuber. Sie töteten sich selbst, sagt die Polizei. Foto: dapd

Das, was am Vortag noch als eine heiße Spur in einem nie aufgeklärten, viereinhalb Jahre zurückliegenden Mordfall galt, entpuppte sich schon einen Tag später als Puzzleteil in einem der mysteriösesten Kriminalfälle der deutschen Nachkriegsgeschichte. Es geht um Polizistenmorde, um Banküberfälle, Hausexplosionen, Selbstmorde und um eine Verstrickung mit der Neonazi-Szene.

Am Freitag der vergangenen Woche ging es schon spektakulär los: Nach einem Banküberfall im thüringischen Eisenach entdeckten Polizisten die verkohlten Leichen der Bankräuber. Die 34 und 38 Jahre alten Männer hätten sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit selbst getötet, hieß es. Neben der Diebesbeute aus verschiedenen Banküberfällen fanden die Beamten in dem Wohnmobil auch zahlreiche Waffen. Unter anderem die Dienstwaffen der 2007 in Heilbronn erschossenen Polizistin Michele K. und ihres damals schwer verletzten Kollegen. Der Mord an der Polizistin wurde nie aufgeklärt, umso erfreuter war man bei der Polizei über diese neue Spur.

Wenige Stunden nach dem Banküberfall in Eisenach explodierte im 180 Kilometer entfernten Zwickau ein Haus. Die Polizei ermittelte, dass die beiden Bankräuber dort gewohnt hatten. Gemeinsam mit einer Frau, die kurz vor der Explosion das Haus verlassen haben soll. Hat sie auch das Fluchtauto gefahren? Womöglich die Bankräuber getötet und den Wohnwagen angezündet? Nein, die Polizei bleibt dabei: Es war Selbstmord.

Die Recherchen zu diesem mysteriösen Fall führen tief in die rechtsextreme und früher auch rechtsterroristische Szene Thüringens hinein. So galt die von den Behörden zur Fahndung ausgeschriebene Beate Zschäpe vor gut einem Jahrzehnt als einer der gefährlichsten Neonazis des Freistaates. Zusammen mit ihren Gesinnungsgenossen Uwe B. und Uwe M. hatte Zschäpe vor Jahren in einer Wohnung in Jena gelebt. Als Fahnder dort bei einer Hausdurchsuchung 1998 vier Rohrbomben entdeckten, tauchten die drei Rechtsextremisten in den Untergrund ab. Seitdem galt das Trio als unauffindbar.

Noch ist es nicht bestätigt, ob es sich bei den beiden Toten im Wohnmobil von Eisenach um Böhnhardt und Mundlos handelt. Sollte es aber so sein, dann könnte der ohnehin schon verworrene Kriminalfall um Polizistenmorde und Banküberfälle noch eine terroristische Dimension bekommen.

Zschäpe, Uwe M. und Uwe B. stammen aus Jena und gehörten seit Anfang der neunziger Jahre der dortigen Neonazi-Kameradschaft an. 1995 schlossen sie sich dem neugegründeten „Thüringer Heimatschutz“ (THS) an, einer militanten Neonazigruppierung, die Jagd auf Antifa-Aktivisten und Linke machte.

Die Gruppe sorgte immer wieder für Schlagzeilen. So hob die Polizei im Oktober 1997 bei der Durchsuchung eines THS-Treffs ein Waffenlager mit Knüppeln, Messern, Äxten und Schreckschusspistolen aus, mit denen eine Antifa-Demo in Saalfeld angegriffen werden sollte. Zu diesem Zeitpunkt lief bereits ein Ermittlungsverfahren gegen mehrere THS-Mitglieder, darunter auch Zschäpe, Uwe M. und Uwe B.. Es ging um die Versendung von Briefbombenattrappen an die Thüringische Landeszeitung, die Stadtverwaltung und die Polizeidirektion Jena. Das Trio wurde zudem verdächtigt, Sprengkörper und Bombenattrappen zwischen Oktober 1996 und Dezember 1997 im Raum Jena deponiert zu haben.

Im Januar 1998 schließlich stieß die Thüringer Polizei in der Wohnung des Trios auf eine Bombenwerkstatt. Uwe B., Uwe M. und Zschäpe wurden festgenommen, kurz darauf aber überraschend unter Auflagen auf freien Fuß gesetzt, woraufhin sie in den Untergrund gingen. Die Flucht der drei Neonazis, die bis jetzt angeblich unauffindbar blieben, heizte seinerzeit in Thüringen die Gerüchte um deren mögliche Verbindungen zum Verfassungsschutz an. Schließlich war ihnen die Flucht unter den Augen eines Observationskommandos gelungen.

Im September 2003 wurde das Ermittlungsverfahren gegen die drei rechtsextremistischen Bombenbauer wegen Ablauf der Verjährungsfrist eingestellt. Trotz intensiver Fahndungsmaßnahmen habe die Polizei die Verdächtigen nicht finden können, teilte damals die Behörde mit. Die Verdächtigen seien seit Jahren „wie vom Erdboden verschluckt“.

Am gestrigen Dienstag dann stellte sich die 36-jährige Beate Zschäpe der Polizei. Doch die Untersuchungen gehen weiter: Ungeklärt ist noch immer, welchen Zusammenhang es genau zum Mordfall von Heilbronn gibt. Und auch die Behörden in Bayern wollen nun untersuchen, ob es einen Zusammenhang zu dem Mord an dem Polizisten Mathias Vieth Ende Oktober in Augsburg geben könnte.

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