Lade Inhalte...

Hausbesetzer in Hamburg Die Stadt - wer ist das?

Es gilt als schick, in Künstlerquartiere zu ziehen. Die Kreativen müssen dann weichen, ebenso die weniger solventen Mieter. In Hamburg regt sich Widerstand - mit Erfolg. Von Sven Stillich und Iris Hellmuth

01.10.2009 15:10
Sven Stillich und Iris Hellmuth
Protest im Hamburger Gängeviertel Foto: dpa

Es ist ein Nachmittag im August, als das Hamburger Gängeviertel aus dem künstlichen Koma erwacht. Jahrelang geschlossene Türen öffnen sich, frische Luft wirbelt Staub auf, Wände bekommen wieder Farbe: Das neue Leben soll bunt sein. Es ist dieser Moment, in dem aus der Bildhauerin Marion Walter eine Hausbesetzerin wird. In dem sie mit rund 200 anderen Künstlern ein altes, dem Tode geweihtes Stück Hamburg in Beschlag nimmt, um es zu retten vor Investoren und Politikern, die das Viertel aus dem 19. Jahrhundert lange Zeit verrotten ließen.

Es sind die Stunden, in denen keiner der Künstler weiß, ob die Polizei zuschauen oder zuhauen wird, in denen es sich entscheidet zwischen träumen und räumen. Und es ist der Tag, an dem nicht nur die Häuser ihr Bewusstsein wiedererlangen - sondern auch viele Hamburger, die jahrelang zugesehen hatten, wie sich das Gesicht ihrer Stadt radikal veränderte. Nun braucht es gerade mal 200 Künstler, viel Mut und ein wenig Verzweiflung, damit sich alle miteinander die Frage stellen, wer das eigentlich ist: die Stadt. Wem sie gehört und für wen sie da sein soll."

Hamburg verscherbelt sein kulturelles Erbe oder lässt es verwahrlosen", sagt Marion Walter, "wir wollen es erhalten. Und es geht um mehr als das: Es kann nicht sein, dass Gebäude in der Innenstadt leer stehen, während immer mehr Hamburger sich ihre Mieten nicht mehr leisten können." Vor sieben Jahren hatte die Stadt das in Laufweite zu Gänsemarkt und Jungfernstieg liegende Gängeviertel meistbietend an den niederländischen Investor Hanzevast verkauft, der das Gelände neben dem Axel-Springer-Verlag teilweise abreißen und die Reste sanieren will, um dort teuren Wohnraum zu schaffen. Und nur, weil Hanzevast von der Finanzkrise hart getroffen wurde, bekommt das Gängeviertel vielleicht eine neue Chance: Gerade ist die zweite Kaufrate für das Areal fällig geworden - und der Investor hat sie nicht gezahlt. Zwar hat die Stadt die Frist für Hanzevast bis Mitte Oktober verlängert, sie kann aber jederzeit aus dem Vertrag aussteigen - und dann neu entscheiden, was aus dem Gängeviertel werden soll.

Gekommen, um zu bleiben

Die Hausbesetzer jedenfalls sind gekommen, um zu bleiben. Für sich selbst und für die Hamburger. Als hätte es nur jemanden gebraucht, der endlich mal auf den bröckelnden Putz haut, können sich die Künstler vor Zuspruch kaum retten. Tausende Bürger haben sich die frisch eingerichteten Ateliers und Ausstellungen angesehen, darunter ganze Schulklassen. Der renommierte Hamburger Maler Daniel Richter hält schützend seine Hand über sie und hat die Schirmherrschaft für die Aktion "Komm in die Gänge" übernommen.

Die Besetzer veranstalten Swing-Abende und zeigen Filme in einem improvisierten Kino, der "Chor der Hamburger GewerkschafterInnen" probt nun in den alten Gemäuern. Ein Bürgerhaus ist entstanden, ein Ort der Begegnung und der Diskussionen. "Es kommen 80-Jährige vorbei, die in dieser Nachbarschaft aufgewachsen sind und sich einfach nur bei uns bedanken wollen", erzählt Marion Walter, deren Telefon nicht still steht, "Handwerksbetriebe fragen, ob sie beim Renovieren helfen können, andere schenken uns ihre Heimorgel." Inzwischen begrüßt das Gängeviertel Besucher aus ganz Europa.

Auch der zuständige Bezirksvorsitzende Markus Schreiber (SPD) hat Sympathien für die bunte Gruppe: "Das sind die rechtstreuesten Hausbesetzer, die ich je getroffen habe", sagt er, "die schrauben um 22 Uhr die Türen zu und sorgen dafür, dass danach kein Lärm mehr gemacht wird." Es wächst etwas im Gängeviertel, zwischen Street-Art und Unrat. Das hier ist keine Hausbesetzung, eher eine Instandbesetzung - hier werden keine Steine geworfen. Höchstens Steine des Anstoßes. Denn was könnte auf diesem kleinen Fleck Hamburg nicht alles entstehen: bezahlbare Ateliers für Künstler. Ein Treffpunkt für die Anwohner oder ein kulturelles Zentrum. Etwas, das für alle da ist. Schließlich geht es ihnen nicht nur um sich selbst: "Wir wollen nicht nur, dass diese Häuser aus dem wirtschaftlichen Verwertungsdruck herausgenommen werden und dass hier unterschiedliche Menschen leben und arbeiten können", sagt Marion Walter - "es geht um mehr: Es wird für viele Hamburger immer schwerer, bezahlbare Räume zu finden."

Verwertungsdruck ist ein brutales Wort. Ein anderes heißt: Verdrängung. Und bei beidem sind die Künstler nicht nur Opfer - sie sind immer auch Mittäter. Denn wo immer sie sich niederlassen, verändern sie den Charakter eines Stadtteils, ob sie wollen oder nicht. Sie machen es bunt und "alternativ", schaffen eine anregende Atmosphäre, die sich herumspricht bei jungen Gutverdienern - und Investoren. Die kaufen dann umliegende Gebäude, lassen sie sanieren und erhöhen die Mieten oder wandeln sie gleich in Eigentumswohnungen um. Teure Geschäfte und Edelgastronomie siedelt sich an. Und am Ende bleiben nur noch die übrig, die sich die hohen Mieten leisten können - der Rest wird an den Stadtrand verdrängt. In St. Pauli sind in den vergangenen Jahren die Mieten um mehr als das Doppelte gestiegen, während die Zahl der Sozialwohnungen von 17,4 auf 15,3 Prozent fiel. Der Anteil von Migranten sank zwischen 1997 und 2007 von 42,2 Prozent auf 27,1. Ein Trend, der sich in noch verschärfen wird.

"Gentrification" heißt dieser Prozess, der sich weltweit verfolgen lässt, von Berlin bis Barcelona, von Zürich bis New York. Er leitet sich ab von "Gentry", dem englischen Wort für niederen Adel. Im Lärm dieses Prozesses kommen jene, deren Quartiere umgepflügt weden, kaum zu Wort: Migranten und Rentner, Geringverdiener und Arbeitslose. Der Widerstand der Künstler gibt ihnen nun eine Stimme - denn ihnen hören auch Leute zu, die das Problem nicht direkt betrifft.

Ein Sturm braut sich zusammen über Hamburg - und er ist nicht nur im Gängeviertel zu spüren, sondern auch im ein paar Kilometer entfernten Altona. Ein heftiger Wind fegt dort durch die Große Bergstraße. Er rüttelt an den Gemüseauslagen der arabischen Händler und lässt Wahlplakate gegen Laternen scheppern, wer noch etwas für das Wochenende braucht, der beeilt sich. Die Straße ist eine künstliche Schneise, die in den 60er Jahren durch Altona gezogen wurde - und einen städtebaulichen Trend setzte: Es war die erste Fußgängerzone der Republik, selbst die feinen Damen aus Blankenese kamen nun ins Arbeiterviertel, es gab Cafés und Feinkostläden und einen Karstadt, einen achtstöckiger Bunker aus Glas und Beton, kurz "Frappant" genannt.

Doch das ist lange her. Heute trägt das stolze Kaufhaus von einst den Schmutz der Jahrzehnte auf seinen Fassaden: vergammelte Konzertplakate, Vogeldreck, Sprayertags. Eine Rampe führt hoch zum verlassenen Parkdeck, über das die Ateliers zu erreichen sind. Autos parken hier keine mehr; ein Teich hat sich gebildet, in dem Gräser wachsen, jemand hat Topfpflanzen hinein gestellt. Vor vier Jahren waren 50 Künstler in das leer stehende Kaufhaus eingezogen, ohne Wasser und Strom, aber mit Mietvertrag. Sie strichen die Wände und putzten Toiletten, die 20 Jahre niemand benutzt hatte. "Drei Etagen haben wir inzwischen saniert", sagt Gianna Schade vom Vorstand des Vereins "Frappant e.V.". Sie haben das Haus wieder zum Leben erweckt, und neulich war selbst die Kultursenatorin auf einer Vernissage. "Man muss den jungen Menschen Respekt zollen", sagt Karin von Welck, "sie haben dazu beigetragen, dass die Straße nicht in ein ganz problematisches Milieu gekippt ist, als dort fast alles leer stand."

Ein Bürgerbegehren für Ikea - und eins dagegen

Die Altstadt von Altona ist das letzte nicht-gentrifizierte Viertel zwischen Hafen und St. Pauli, ein noch nicht verhökertes Schmuckstück in der weltweit von Investoren begehrten Perlenkette. Vom Dach des Frappant reicht der Blick bis zum anderen Ufer der Elbe. Eine Aussicht, die fast unbezahlbar ist - und die, ginge es nach Ikea, bald nur noch seinen Kunden vorbehalten sein soll. Die Schweden wollen auf dem Gelände ein Möbelhaus bauen - die erste Innenstadt-Filiale Europas. Die Anwohner sind in ihren Meinungen gespalten.

Die einen hoffen auf eine Aufwertung der Großen Bergstraße, die Gegner fürchten den Autolärm von bis zu 10.000 Kunden am Tag - und dass sie sich eines Tages im angrenzenden Viertel die Mieten nicht mehr leisten können. Nun sind zwei Bürgerbegehren beantragt, eines für Ikea, das andere dagegen. "Kill Billy"- und "Ikea vermöbeln"-Aufkleber leuchten blau-gelb von Häuserwänden in Altona, bei Anwohnertreffen wird heiß diskutiert. Und die Künstler stehen im Zentrum der Debatte.

Dodo Adden ist einer von ihnen. Mit der Künstlergemeinschaft "Skam e.V." hat er erst im Mai Unterschlupf im Frappant gefunden, nachdem der Bezirk sie aus ihren Ateliers an der Reeperbahn vertrieben hatte. 17 Jahre hatten sie dort Kultur geschaffen. "Hamburg ist von der Tradition her eine Kaufmannsstadt", sagt Adden, "hier wird Kultur nur dann verstanden, wenn sie sich rechnet." Dort, wo vor kurzem noch die "Skam"-Ateliers lagen, werden bald zwei Riesen aus Stahl und Glas in den Himmel wachsen, die "Tanzenden Türme" des Architekten Hadi Teherani - teure Büroflächen direkt an der Vergnügungsmeile. Ende Oktober wird sich entscheiden, ob das Frappant einem Möbelhaus weichen muss - und wenn ja, wohin die Karawane der Künstler dieses Mal ziehen soll. Immerhin: Letzte Woche reichten de Ikea-Gegner 2500 Unterschriften beim Bezirk Altona ein - das bedeutet einen dreimonatigen Planungsstopp. Entschieden ist damit aber noch lange nichts.

"Die Immobiliennot ist objektiv vorhanden", sagt Kultursenatorin von Welck, "als politisch Verantwortliche sind wir ganz gut vorangekommen in den letzten Jahren, aber nicht weit genug." Geld ist da. Zumindest für Hochglanzkultur wie die Elbphilharmonie, ein Konzerthaus im neuen Vorzeigestadtteil Hafencity. Für Künstler wird die neu geschaffene "Kreativagentur" zuständig sein, die ihnen bezahlbare Ateliers vermitteln soll. Wo diese Räume liegen, bestimmen jedoch nicht die Künstler. "Ich frage mich, wo man eigentlich Kunst machen kann", sagt Markus Schreiber, Leiter des Bezirksamts Mitte, "ist es wichtig, dass das in der Nähe St. Paulis passiert - oder geht Wilhelmsburg auch? Dort bieten wir Ateliers an - aber da will kein Schwein hin."

Die Künstler ziehen nicht mit, weil sie endlich Zeichen setzen wollen. Gegen die schleichende Verneureichung ihrer Viertel, in denen die Bewohner nicht ausgetauscht werden sollen wie am Prenzlauer Berg in Berlin - jung gegen alt, solvent statt im Soll. "Wir kommen zusammen, um uns gegenseitig schlauer zu machen", sagt Christoph Schäfer vom Aktionsnetzwerk "Es regnet Kaviar". Er ist einer, der weiß, wie man der Stadt etwas abtrotzt: Der Künstler war mit dafür verantwortlich, dass das letzte Stück Elbblick den St. Paulianern erhalten geblieben ist und nicht zugebaut wurde. Heute ist dort ein kleiner Park mit Palmen - "Park Fiction" genannt. Die Stadt wirbt damit gerne in ihren Broschüren.

Einige Meter neben dem Park beginnt die Bernhard-Nocht-Straße. Thies Mynther wohnt dort, er ist Musiker und Produzent, und er wohnt da gerne, zwischen Hafen- und Herbertstraße - und er ist einer, der es sich eigentlich auch leisten könnte, dort wohnen zu bleiben, falls die Mieten steigen. Die Häuser in der Straße sind alt, aber meist gut erhalten, im Erdgeschoss liegen traditionsreiche Kneipen. In der "Washington Bar" wurde einst Freddy Quinn entdeckt. Es ist ein bisschen schmuddelig hier, das gehört dazu: "Ich bin ja hierher gezogen, weil ich es nicht so geleckt mag", sagt Mynther. Nun aber will ein Investor teure Apartmenthäuser zwischen die Altbauten setzen und die anderen sanieren - ohne dass die Mieten steigen sollen, wie er sagt. Doch hier glaubt ihm das niemand. Aus Erfahrung.

Die Anwohner haben sich zusammengetan, um gegen die Pläne anzugehen. Auf dem Bezirksfest der Bernhard-Nocht-Straße sehen die Besucher, wie kreativ der Widerstand ist: Ein Puppentheater zeigt "Kasperle und der Miethai", nebenan wird "Gentropoly" gespielt, ein riesiges Monopoly-Spiel mit Hamburger Straßennamen. Das klingt alles lustig - ist aber beileibe kein Spaß: "Ich habe lange nur dabei zugeschaut, was um mich herum passiert", sagt Mynther, "aber wenn nun tatsächlich die Mieten hochgehen und der Rentner gegenüber ausziehen muss, und ich habe nichts dagegen gemacht - dann kann ich doch hier niemandem mehr in die Augen schauen."

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen