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Haselnussernte in der Türkei Die Haselnusskrise

An der türkischen Schwarzmeerküste werden 76 Prozent der Haselnuss-Welternte produziert. Eine frostige Märznacht hat mehr als die Hälfte der reifenden Früchte vernichtet. Eine Katastrophe für die Bauern.

Mag keinen Frost: die Haselnuss Foto: Imago

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Sehinaz Karsli hat Glück gehabt. Ihre Haselnusssträucher sehen prächtig aus, die reifen Nüsse ebenfalls. Die 29-jährige Bäuerin steht an einem steilen Berghang nahe der türkischen Schwarzmeerstadt Giresun, rüttelt mit einer langen Harke an den Büschen und sammelt Nüsse, die auf den Boden fallen, in eine große Plastiktasche. Die übrigen Früchte müssen mühsam von den Ästen geklaubt werden. Von ihrer neunköpfigen Familie stehen eine jüngere Schwester, ein großer und ein kleiner Bruder ebenfalls im Berg und pflücken. „Wir machen das gerne, es ist unser Leben“, sagt Sehinaz Karsli.

Nirgends auf der Welt gedeihen Haselnüsse so gut

Es ist Erntezeit an der sogenannten Haselnussküste der Türkei, die sich dreihundert Kilometer entlang des Schwarzen Meeres zwischen den Metropolen Samsun und Trabzon erstreckt. Das Küstengebirge, das bis zu 1500 Metern emporsteigt, ist dank Regen und ganzjährig milder Temperaturen immergrün. Nirgends auf der Welt gedeihen Haselnüsse so gut, weshalb bis zu 76 Prozent der Welternte von hier kommen. Normalerweise.

Doch in diesem Jahr ist alles anders. Ende März haben Frost und ein Hagelsturm in einer einzigen Nacht mehr als die Hälfte der reifenden Früchte vernichtet. Die Kaltfront aus Russland hat nicht nur Haselnüsse verdorben, sondern auch Tee bei Rize, Pistazien in Gaziantep und die berühmten Aprikosen von Malatya in Zentralanatolien. „Über 500 Metern hat der Frost alle Blüten vernichtet“, sagt die zweifache Mutter Sehinaz Karsli. „Unsere Bäume haben alles gut überstanden. Aber für andere Bauern und die Wanderarbeiter ist es eine Katastrophe. Sie kämpfen ums Überleben.“ Acht kurdische Pflücker aus Ostanatolien hat die Bäuerin diesmal angeheuert. Für diese ist der Verdienst von täglich 38 türkischen Lira, umgerechnet rund 13 Euro, lebenswichtig. Doch Zehntausende Saisonkräfte mussten zu Hause bleiben. Für sie ist es ein extrem schlechtes Jahr.

Als Folge der Missernte ist der Weltmarktpreis für Haselnüsse bereits um 60 Prozent gestiegen, was die Bildzeitung zu der Schlagzeile bewegte: „Schlechte Haselnuss-Ernte in der Türkei – wird jetzt unser Nutella knapp?“ Tatsächlich sind in jedem 400-Gramm-Glas Nutella etwa 60 Haselnüsse enthalten, die im Wesentlichen aus der Türkei kommen. Auf Anfrage äußert sich der Süßwarengigant Ferrero allerdings gelassen: Erntebedingte Schwankungen seien nichts Neues, man sei in der Lage, angemessen darauf zu reagieren. Die Firma erwarte dank ihrer „vorausschauenden Einkaufs- und Beschaffungspolitik keine Produktionsausfälle für Nutella“ und werde die Preisstrategie festlegen, wenn im Oktober „Umfang und Preis der Ernte feststehen“. Mit der Missernte hat die europäische Süßwarenindustrie weit weniger Probleme als die türkischen Bauern.

Die beste Haselnussqualität kommt aus der kleinsten Schwarzmeerprovinz Giresun, deren Bürgermeisteramt nicht von ungefähr mit Bildern von Haselnüssen geschmückt ist. Anders als sonst an der Küste herrscht in Giresun nicht die in Ankara regierende islamisch-konservative AKP, sondern die oppositionelle sozialdemokratische CHP, und deren Experte für das Haselnusswesen ist der Vizebürgermeister Hayati Tökez, ein kleiner weißhaariger Mann. „Unsere größten Abnehmer sind Ferrero, Nestlé und Milka, die Weltmarktführer für Schokoprodukte. Aber wir werden in der Türkei dieses Jahr nur 540 000 Tonnen erzeugen statt der geplanten 800.000“, sagt Tökez.“

Armut trotz Monopols

Aber es gibt eine andere Geschichte hinter dem Ernteausfall, und sie handelt von der Liberalisierung und dem Strukturwandel der Wirtschaft im Schwellenland Türkei. Das Haselnussgeschäft macht etwa siebzig Prozent der regionalen Ökonomie aus. Rund zwei Millionen Menschen leben nach Angaben der lokalen Handelskammern direkt, weitere sechs Millionen Türken indirekt davon. Am Schwarzen Meer ist es wie überall auf der Welt, wo eine Monokultur die Wirtschaft beherrscht. Eine Krise lässt das Leben stillstehen. Die Dörfer im Haselnussgürtel sind verwaist, weil die Farmer jetzt nach Istanbul ziehen, um dort auf dem Bau zu arbeiten. Die Basarhändler klagen über vierzig Prozent weniger Umsatz, weil die Kunden fehlen.

Obwohl die Schwarzmeerbauern fast ein Haselnussmonopol besitzen und damit über einen Rohstoff gebieten, der ihnen auf ihrem Markt ein ähnliches Gewicht verleiht, wie ihn die OPEC beim Erdöl hat, sind die meisten Akteure in der Zwei-Milliarden-Dollar-Industrie arm geblieben. Die Arbeitslosigkeit in der Region ist überdurchschnittlich hoch, zahllose Menschen sind weggezogen nach Istanbul, Deutschland oder Österreich. Giresun etwa, rechnet Tökez vor, hat gegenwärtig 430.000 Einwohner, aber allein in Istanbul wohnten etwa eine Million Menschen mit Wurzeln in der Provinz. Durch Erbteilung seien die meisten Bauerngüter aber inzwischen kaum noch größer als fünf Hektar. „Das reicht ohne staatliche Subventionen nicht mehr aus zum Überleben. Und weil es hier praktisch keine Alternative gibt zum Haselnussanbau, ziehen die Leute weg.“

Das System der Abhängigkeiten hat sich seit hundert Jahren praktisch nicht geändert. Schokolade produziert am Schwarzen Meer nur eine kleine Fabrik in Ordu. Überhaupt hat sich zwischen Trabzon und Samsun trotz der für den Handel günstigen Lage am Meer kaum Industrie entwickelt. Der vielgerühmte Wirtschaftsboom der Türkei ist nur an der Oberfläche angekommen. Zwar hat die Regierung einiges für die Infrastruktur getan, hat eine Küstenautobahn gebaut, und errichtet derzeit einen neuen Flughafen bei Ordu. Aber die vierspurige Küstenstraße hat zugleich das touristische Potenzial entwertet, weil sie verhindert, dass die Strände für den Fremdenverkehr entwickelt werden können.

„Es gibt keinen Tourismus, keine Industrie, keine modernen Häfen. Keine Industrieförderpolitik wie in Zentralanatolien. Die Mittelklasse wächst nicht“, sagt in der Großstadt Ordu der Lokaljournalist Erdogan Eris, der zurzeit täglich über die Haselnusskrise berichten muss. Die Bauern seien einerseits zu unflexibel, verließen sich auf das leicht verdiente Haselnussgeld, seien andererseits finanziell oft gar nicht in der Lage, ihre Produkte zu diversifizieren und neben Haselnüssen etwa Erdbeeren oder Kiwis anzubauen. „Alle leben von der Hand in den Mund“, sagt der Redakteur.

Ferrero ist mit 25 Prozent der bedeutendste Einzelkäufer

Geld haben fast nur die Kaufleute in den Städten, die reichen Zwischenhändler und ein knappes Dutzend Großproduzenten – Türken, die gut davon leben, dass sie mit Ferrero und Nestlé Handel treiben. „Den größten Profit aber machen die Süßwarenfirmen im Ausland“, sagt Vizebürgermeister Tökez. „Wir liefern das Rohmaterial Haselnuss, und dann importieren wir Nutella oder Kinderschokolade zum 25-fachen Preis.“ Größter Abnehmer der Früchte ist Deutschland, dann kommen Italien und Frankreich. Bedeutendster Einzelkäufer ist die italienische Firma Ferrero, die 25 Prozent der gesamten Welt-Haselnussproduktion erwirbt und in Marken wie Hanuta, Kinderschokolade und Nutella verarbeitet.

Die deutsche Industrie habe auf die Arbeitsbedingungen der Bauern und Pflücker in der Türkei nur sehr begrenzt Einfluss, erklärt dazu Karsten Daum vom Bundesverband der deutschen Süßwarenindustrie in Bonn, der sich gerade in der Region informiert hat. Man könne ihr auch nicht vorwerfen, dass sie keine Schokoladenfabriken am Schwarzen Meer errichte. „Ferrero und Nestlé bauen schließlich Betriebe in der Türkei. Aber sie gehen natürlich in die großen Ballungsräume, um näher am Konsumenten zu sein.“ Nestlé ist mit fünf Standorten in der Westtürkei vertreten, Ferrero hat im vergangenen Jahr eine Nutella-Fabrik mit 200 Mitarbeitern in Manisa bei Izmir errichtet.

Fragt man Politiker in Giresun und Ordu, die nicht der AKP angehören, so lautet ihre Analyse: Früher sei es den Bauern besser gegangen, weil sie einer Kooperative angehörten, die ihnen gute Preise garantierte, aber der Strukturwandel der Landwirtschaft habe diese Sicherheit zerstört. Seit 1938 waren praktisch alle türkischen Haselnussfarmer in der Kooperative Fiskobirlik organisiert, deren Zweck es war, die Nüsse zu vermarkten und für ihre 230 000 Mitglieder die bestmöglichen Bedingungen herauszuholen. Fiskobirlik erwies sich als starke Interessenvertretung, denn der Verband handelte die Haselnusspreise mit dem Staat aus und erwirkte Subventionen für Dünger und Samen, günstige Kredite und direkte Finanzhilfen für die Mitglieder, die sich zuletzt auf rund 100 Millionen Dollar jährlich summierten.

Als Recep Tayyip Erdogans AKP 2002 auch mit den Stimmen der konservativen Kleinbauern an die Macht kam, setzte er den wirtschaftlichen Liberalisierungskurs aller türkischen Regierungen seit dem Militärputsch von 1980 fort. In der Landwirtschaft hieß das: massives Zurückfahren der Stützmaßnahmen des kemalistischen Staates. Die Regierung strich bis 2002 rund 4,3 Milliarden Dollar jährlicher Agrarsubventionen. In Folge der radikalen Liberalisierungspolitik mussten viele kleine und mittlere Bauern in der Türkei aufgeben.

Katastrophe am Jahresende

Unter der Aufsicht des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank wurde die veraltete türkische Landwirtschaft modernisiert. Erdogan setzte auf die Privatisierung von Staatsbetrieben und Agrarkooperativen. Der mächtige Verband Fiskobirlik wurde letztlich durch die Aufdeckung eines Korruptionsskandals entmachtet. Ankara strich die Subventionen, die Fiskobirlik an seine Mitglieder weiterreichte und trieb die Kooperative damit 2006 de facto in den Bankrott (de jure existiert sie weiter). Die Folgen des Zusammenbruchs waren dramatisch. Die Preise für Haselnüsse fielen auf ein Drittel. Viele Bauern warfen daraufhin der AKP vor, sie den Interessen der großen Süßwarenkonzerne zu opfern. Weit mehr als hunderttausend Menschen gingen im August 2006 in Ordu auf die Straße und blockierten mitten in der Erntezeit neun Stunden lang die Küstenautobahn. Sie riefen Parolen gegen Erdogan und lieferten sich eine blutige Straßenschlacht mit der Polizei. Ihr Zorn richtete sich vor allem gegen den Erdogan-Berater Cüneyd Zapsu, dessen Plan die Zerschlagung der Kooperative war, der aber zugleich einer der größten türkischen Exporteure war und bis heute als Vorstandsmitglied des globalen Industrieverbandes „Internationaler Nuss- und Trockenfrüchte-Rat“ und als Lobbyist der Süßwarenkonzerne agiert.

Da entscheidende Parlamentswahlen bevorstanden, lenkte Erdogan ein. Jeder Bauer erhielt pro Hektar Land ab sofort eine jährliche Entschädigung, außerdem Beihilfen für Pestizide und Dünger, die zusammen durchschnittlich etwa ein Drittel des Jahreseinkommens ergeben. Was der Staat früher über Fiskobirlik verteilte, reicht er nun über die AKP aus. „Das System Erdogan gab den Reichen und den Armen und hat sie so an sich gebunden“, sagt Mehmet Atalay, Chef der oppositionellen CHP in der Schwarzmeermetropole Samsun.

Der AKP-Chef von Ordu, Hüseyin Akyol, der Gäste in der örtlichen Parteizentrale vor einem überlebensgroßen Poster Erdogans empfängt, verteidigt die damaligen Maßnahmen dagegen auch heute noch: „Fiskobirlik wurde schlecht gemanagt. Die AKP hat deshalb erfolgreich den freien Markt eingeführt und unterstützt die Bauern mit Subventionen nach der Größe des bewirtschafteten Landes. Auf die Haselnusspreise haben wir leider keinen Einfluss, denn die bestimmt der Weltmarkt.“

Das ganze Ausmaß der Katastrophe

Die Anzahl der Marktteilnehmer ist dabei recht überschaubar. Im vergangenen Jahr kaufte Ferrero die größte türkische Haselnussexportfirma Oltan, die rund fünfzig Prozent der Schwarzmeer-Haselnüsse exportiert. Der zweitgrößte Exporteur Progida wurde bereits 2011 an eine asiatische Firma veräußert. Damit ist auch der Zwischenhandel weitgehend nicht mehr in türkischer Hand. Die türkischen Exporteure, die durch Erdogans Schutzpolitik groß wurden und sich die Marktanteile von Fiskobirlik einverleibten, haben die Chance genutzt, dass sie seit kurzem ihre Firmen an Ausländer verkaufen dürfen. So wächst die Abhängigkeit der Haselnussbauern weiter, statt sich zu verringern. In der Krise hängen sie desto mehr am Tropf der AKP – und sind umso treuere Wähler, weil die Regierungspartei ihnen immer wieder darlegt, dass die Opposition ihnen die Subventionen wegnehmen wolle. „Das ist kompletter Unsinn, denn die Zuschüsse stehen den Bauern rechtmäßig zu. Aber die Leute haben Angst. Wenn eine Missernte wie dieses Jahr kommt, haben sie nichts als die Subventionen“, entgegnet Mehmet Atalay, der CHP-Vorsitzende von Samsun.

Das ganze Ausmaß der Katastrophe wird sich wohl erst am Jahresende zeigen, wenn die Kreditkartenschulden der Bauern fällig werden, mit denen sie jetzt die fehlenden Einkünfte überbrücken. Trotz oder wegen der massiven Zukunftsängste bekam Tayyip Erdogan bei der Präsidentschaftswahl am 10. August in den Haselnusshochburgen am Schwarzen Meer 60 bis 70 Prozent der Stimmen. „Ohne Erdogan würden wir die Krise nicht überleben“, sagt der 33-jährige Bauer Ali Arslan, dem ein fünf Hektar großer Haselnussgarten in einem Bergdorf bei Samsun gehört. „Für jeden Hektar Land und für den Dünger bekommen wir einen Zuschuss. Außerdem gibt es Geld für die vier Kinder, eine Pension für den Vater. Mit diesem Geld und unseren Kühen und Hühnern können wir es über den Winter schaffen“, sagt der schmale, scheu wirkende Bauer, dessen gesamte Ernte durch jene eine Nacht im März vernichtet wurde, als der Frost kam.

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