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Handy-Nutzung Kinder demonstrieren in Hamburg gegen Handy-Eltern

Laut dem Freizeit-Monitor haben die Deutschen immer weniger Zeit für andere, weil sie sich lieber mit ihrem Smartphone beschäftigen. In Hamburg demonstrieren nun Kinder gegen den ausufernden Handy-Konsum.

09.09.2018 13:13
Kinderdemo
Emil, Sohn eines Ärztepaars, hat mit Hilfe seiner Mutter eine Kinderdemo unter dem Motto „Spielt mit mir! Nicht mit Euren Handys“ organisiert. Foto: Axel Heimken

Kinder und Jugendliche verbringen zu viel Zeit mit dem Smartphone? Mag sein. Aber wer nicht gebeugten Hauptes mit Blick aufs Display durch die Straßen schleicht, dem dürfte aufgefallen sein, wie viele junge Mütter verzückt in ihr Mobiltelefon tippen, während der Knirps im Kinderwagen ganz aufgeregt, aber leider unbemerkt auf das Kätzchen im Vorgarten deutet. Und auch so mancher Vater raunt lediglich ein knappes „Oh, toll“, wenn ihn das Töchterchen auf den Mann mit den bunten Ballons hinweist, an dem die Straßenbahn gerade vorbeifährt. Mal kurz hinschauen? Irgendwas im Chatverlauf scheint wichtiger zu sein. 

In Hamburg sind am Sonntag zahlreiche Kinder auf die Straße gegangen und haben mit jeder Menge Lärm und gewitzten Sprüchen deutlich gemacht: Wir haben keine Lust mehr, euch beim Daddeln, Chatten und Streamen zuzusehen. Initiator der Demo, die in St. Pauli startete, ist der sieben Jahre alte Emil Rustige. Fairerweise muss hier angefügt werden, dass seine Eltern den ganzen Orga-Kram übernommen haben. 

Emil sitzt auf den Schultern seines Vaters und erklärt den Demonstranten durch ein rot-weißes Megafon die Route. „Es geht los!“, ruft er dann, die Menge jubelt. Dann setzt sich der Protestzug unter dem Motto „Spielt mit mir! Nicht mit euren Handys!“ von der Hamburger Feldstraße über das Schulterblatt bis zum Lindenpark in Bewegung. „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr auf eure Handys schaut!“, skandieren die Kinder zuerst schüchtern, dann immer lauter. Rund 150 Eltern und Kinder sind nach Angaben der Polizei zur Demo gekommen. Auf selbstgebastelten Plakaten stehen Slogans wie „Am Sandkasten bitte Handyfasten“ und „Chatte mit mir!“.

Unter den Demonstranten ist auch die sechsjährige Ylvi Schmitt. „Ich finde es nicht gut, dass mein Papa immer am Telefon daddelt“, erzählt sie. „Das stimmt“, gibt ihr Vater offen zu, „da muss ich mich selbst an die eigene Nase fassen“. Er sieht in der Demo eine „gute Übung in Demokratie“ für seine Tochter. Auch der zehnjährige Erik Unger hat genug von Erwachsenen, die ständig auf ihr Handy starren. „In der U-Bahn sehe ich oft Eltern am Handy, die ihre Kinder gar nicht beachten“, erzählt er. 

Laut dem neuen Freizeit-Monitor haben die Deutschen immer weniger Zeit für andere, weil sie sich lieber mit ihrem Smartphone beschäftigen. Auch bei Kindern sind die Geräte beliebt: Knapp die Hälfte der 4- bis 13-Jährigen hat bereits ein eigenes Smartphone, berichtet die Kinder-Medien-Studie 2018. Dennoch haben für Kinder reale Erlebnisse immer noch Vorrang vor der virtuellen Welt: Als wichtigste Freizeitaktivitäten nannten die Befragten „mit Freunden zusammen sein“ (89 Prozent) und „im Freien spielen“ (81 Prozent).

Am Park angekommen erklimmt Emil ein Klettergerüst und ruft in sein Megafon: „Jetzt dürfen alle spielen.“ Und fügt hinzu: „Die Eltern lassen die Handys aus!“ (boh/Lea Utz/dpa)

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